Symbolbild: Ein Kellner mit Mundschutz bedient einen Gast im Restaurant in Berlin (Quelle: dpa/Abdulhamid Hosbas)
Bild: dpa/Abdulhamid Hosbas

Berliner Hotellerie und Gastronomie in der Krise - "Zu Jammerlappen fährt keiner hin"

Unter der Corona-Krise leidet besonders die Gastronomie in der Touristen-Metropole Berlin: Die Umsatzeinbussen sind dramatisch und eine Perspektive kaum erkennbar. Das wurde auch bei einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses deutlich. Von Thorsten Gabriel

Keine Gäste, kein Umsatz. "Ich kann Ihnen sagen, dass die blanke Angst herrscht in unserer Branche", zeichnet der Präsident des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands, DEHOGA, Christian Andresen, vor den Abgeordneten ein düsteres Bild. "Es wird ein Rückgang der Umsätze in diesem Jahr in der gesamten Branche von über 50 Prozent prognostiziert und weit über 10.000 verlorene Arbeitsplätze.“

Nach wie vor sind 80 Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit

Auf dem Höhepunkt des Lockdowns waren mehr als 90 Prozent der Beschäftigten im Hotel- und Gaststättengewerbe auf Kurzarbeit, derzeit sind es laut Andresen immer noch 80 Prozent. Zwar hätten die Soforthilfen des Senats für kleine Betriebe in der Anfangsphase schnell geholfen. Doch jetzt gehe es um die weitere Perspektive. Geöffnete Hotels allein helfen noch nicht weiter. Auch Restaurants nützt es wenig, wieder Gäste empfangen zu dürfen, wenn die erst mal nicht kommen.

"In der Fachsprache nennt man das Schweinebauch-Marketing"

Dafür brauche es weiter staatliche Hilfe zur Überbrückung, so der DEHOGA-Präsident. Er verknüpft die Enttäuschung über noch ausstehende Hilfen mit der vor sechs Jahren eingeführten Tourismusabgabe, der CityTax. "280 Millionen haben wir gegeben und jetzt stehen wir vor dem Nichts und kriegen nichts zurück. Und das finden wir einfach nicht in Ordnung", sagt DEHOGA-Präsident Andresen.

Insbesondere der Städtetourismus wird es trotz Lockerungen zunächst schwer haben. Wo Berlin bis vor Kurzem noch mit London und Paris um Reisende konkurrierte, seien es jetzt der Hochschwarzwald und Usedom, formuliert es der Geschäftsführer von visitBerlin, Burkhard Kieker. Die Tourismusorganisation hat deshalb die Werbetrommel angeworfen, um für die ruhigen, die grünen Seiten Berlins zu werben.

Anders als noch im vergangenen Jahr wirbt die Stadt nun nicht mehr filigran mit Blick auf spezielle Zielgruppen. "In der Fachsprache nennt man das Schweinebauch-Marketing", sagt Kieker. "Einfach, zack, Anzeigen raus: Drei Nächte mit Berlin-Welcome-Card – x Euro. Wir scheuen auch nicht vor Tchibo und Aldi zurück, wenn die unsere Stadt verkaufen. Da sind wir auch – ich bitte um Ihr Verständnis – nicht besonders wählerisch. Wir sagen einfach: Das ist eure Hauptstadt, kommt vorbei, wir bieten euch was!"

"Der Finanzsenator ist ein Komplettausfall in dieser Frage"

Bei den Abgeordneten kommt die Botschaft an: Die Branche braucht weiter Hilfe. Kritik gibt es am Senat. Doch die kommt nicht zuerst von der Opposition, sondern – mal wieder – aus den eigenen Reihen.

Es ist der SPD-Abgeordnete Jörg Stroedter, der darauf verweist, die Koalition habe im Nachtragshaushalt vergangene Woche 500 Millionen Euro zusätzlich für Hilfsprogramme bereitgestellt, doch der Senat habe auch am Dienstag noch nichts beschlossen. "Ich muss leider sagen, wenn ich den Finanzsenator hier sehe, der ist ein Komplettausfall in dieser Frage", wettert Stroedter gegen Parteifreund Matthias Kollatz – um sich dann sofort die grüne Wirtschaftssenatorin vorzuknöpfen: "Ich hätte allerdings erwartet, Frau Senatorin Pop, dass Sie an der Stelle handeln."

Ramona Pop allerdings weist die Kritik zurück. Der Senat sei nicht untätig. Allerdings wolle sie "nach der Erfahrung der letzten paar Tage" ungern "drei Tage, bevor der Bund mit einem Programm kommt, ein eigenes auflegen, von dem hinterher mir dann wieder alle in dieser Runde erzählen, man hätte es irgendwie anders machen sollen".

Der Bund werde mit einem Programm kommen, in dem Umsatzausfälle im Vergleich zum Vorjahresmonat zu 50 Prozent bezuschusst würden, so Pop. "Wenn wir jetzt mit Landeszuschüssen reingehen, generieren wir faktisch einen Umsatz und verlieren darüber Bundesgeld, weil Unternehmen, wenn sie unseren Zuschuss dann nehmen sollten, beim Bund nicht mehr beantragen können, weil der Umsatz über unseren Zuschuss stattfindet."

"Wir sind Berlin, wir jammern nicht"

Ein Lichtblick ist aus Sicht des visitBerlin-Geschäftsführers Burkhard Kieker die vom Senat beschlossene Lockerung des Veranstaltungsbetriebs. Veranstaltungen mit bis zu 150 Teilnehmenden sind wieder erlaubt. Die machten immerhin mehr als 80 Prozent aller Veranstaltungen in Berlin aus. Damit könne ein Kickstart-Impuls geschaffen und der Betrieb wieder angeworfen werden.

Doch auch Firmen müssten davon überzeugt werden, wieder Veranstaltungen. "Wenn ich mit Easyjet spreche, dann sagen die, wirf mal an, dann fliegen wir. Und ich sage, ja, flieg mal, dann kann ich anwerfen", bringt Kieker als Beispiel. "Jeder wartet auf jeden und im Endeffekt passiert nichts, wenn wir das nicht durch äußere Impulse anregen."

Doch die Klagen über die Situation wollen Andresen und Kieker andererseits nicht falsch verstanden wissen. Die sollen quasi mehr für den internen politischen Gebrauch gedacht sein. Denn: "Wir sind Berlin, wir jammern nicht. Weil, zu Jammerlappen fährt keiner hin."

Sendung:  Inforadio, 9.6.2020, 10 Uhr

Beitrag von Thorsten Gabriel

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9 Kommentare

  1. 9.

    Die digitale Maske zum Schutz vor unnützen Nachrichtin ist leider noch nicht erfunden worden.

  2. 8.

    Ich gehe auch nicht in ein Restaurant weil Maskenpflicht herrscht. Auch andere Orte, welche ich mit Maske betreten soll, meide ich möglichst. Weil mir das Masken tragen zuwieder ist. Seit der Maskenpflicht fahre ich auch keine Öffis mehr. Nur noch meinen alten stinkenden Diesel. P

  3. 7.

    In meiner Stammkneipe und in den persönlichen Lieblingsrestaurants ist man hier sowieso per Du, ich sehe das Problem anders als Sie, weil ich nicht "fremd(essen)gehe" ;-)

  4. 6.

    Rächt sich wieder die Wowereit Politik der vergangenen Jahre.
    Als Feingeist sich nur immer um die Kultur, anstatt sich für Gewerbe,-Industrie zu kümmern. Hauptsache die Touristen sind gekommen und die Hotels waren voll.

  5. 5.

    Wer denkt, das Maskentragen ist verantwortlich für den Umsatzeinbruch, der irrt. Der Hotel- und Gaststättenverband ist nicht ganz unschuldig an den nun ausbleibenden Gästezahlen. Jahrelang wurde um ausländische Touristen gebuhlt, was das Zeug hält, nur um diese in die wie Pilze aus dem Boden geschossenen Motel One´s und anderen Unterkünfte zu bekommen. Als "Einheimischer" fühlte man sich nicht willkommen. Nun kommt das große Jammern auf hohem Niveau und der Schrei nach staatlicher Unterstützung. Wo sind eigentlich Gewinne aus den fetten Jahren geblieben? Rücklagen zu bilden scheint in der Hotelranche nicht üblich zu sein. Nun möchte der Berliner Verband mit einem sog. "Schweinebauch-Marketing" um Gäste aus Deutschland werben. Wenn´s denn sein muss. Gäste, die vor Corona nicht gut genug waren, sollen nun die Lücken füllen. Für die Zukunft wäre es also sinnvoll, ganzjährig visitBerlin - Angebote aufzustellen, auch für Gäste aus Deutschland...und Berliner selbst.

  6. 4.

    Schön wie Herr Kieker seinen wahren Geist zum Ausdruck bringt. Seinen Qualitätstourismus bekommen wir seit Jahren zu spüren, wenn sein Bringdienst Ryanair, Easy Jet und Busunternehmen, die sich Anwohnerstraßen illegal aneignen, das größte Hostel Europas, das nun einer amerikanischen Heuschrecke gehört, in Mitte vollstopfen. Nichts anderes als das Bedienen kapitalistischer Ausverkaufsfantasien: Masse statt Klasse. Ob in Clubs oder Hostels. Alles muss voll sein, sonst brummt es nicht. Die Billigjobber haben das Nachsehen und die Bosse jammern sehr wohl und ständig; schreien ständig nach Hilfe beim Saat und der Stadt. Sie fürchten um ihre Pfründe nicht um die Lohnsklaven, die immer zu rekrutieren sind, sich abhängig gemacht haben vom Heer der Eventhungrigen. Berlin ist billig! Deshalb kommen vor allem so viele hier her.

  7. 3.

    Wenn ich meinen Namen nennen muss gehe ich nicht in Restaurants!

  8. 2.

    In Berlin wird sehr wohl gejammert. Aber das nur nebenbei. Die Hauptursache das dieses und andere Gewerbe darniederliegen ist ganz einfach die Maskenpflicht. Niemand will die tragen. Und um nach Berlin zu kommen muß man sie stundenlang in der Bahn oder im Flugzeug tragen.

  9. 1.

    Schon mal dran gedacht, dass Leute aus der Provinz bzw. aus Kleinstädten angesichts der Bilder von Tausenden Berliner Demonstranten ohne Mindestabstand und Vorsichtsmaßnahmen vielleicht keinen Bock haben, nach Berlin zu fahren.
    Kein Wunder, dass die Touris fernbleiben.
    Weiter so, Berlin!

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