Geflüchtete Azubis im Gespräch. (Quelle: rbb/J. Käppel)
Audio: Inforadio | 28.05.2020 | Jule Käppel | Bild: rbb/Käppel

Weniger Lehrstellen durch Corona - Wenn die Ausbildung für Geflüchtete zum Rettungsanker wird

Durch die Corona-Krise wollen viele Betriebe im Herbst weniger Ausbildungsplätze anbieten. Auf die Perspektiven Geflüchteter wirkt sich das drastisch aus. Für sie geht es um viel mehr als ihre berufliche Zukunft. Von Jule Käppel

"Ich würde mir wünschen, dass alle Mitarbeiter diesen Elan an den Tag legen, den die beiden Jungs haben. Die geben sich Mühe und haben einfach eine Chance verdient", sagt Elektromeister Jörg Witt aus Berlin-Kaulsdorf mit einem stolzen Lächeln. Vor einem Jahr hat er entschieden, dass zwei Geflüchtete eine Berufsausbildung in seinem kleinen Handwerksbetrieb erhalten sollen: Oveis, 34 Jahre alt, stammt aus dem Iran, der 24jährige Estifanos aus Eritrea.

Ihr Chef ist hochzufrieden mit ihnen. "Der deutsche Handwerker guckt ja doch schon mal ganz gern auf die Uhr, wenn Feierabend ist. Die Jungs ziehen einfach durch, bis es fertig ist. Sie sind freundlich, und man kann auch mächtig viel von ihnen über seine eigene Kultur lernen." Bei den Kunden gibt es anfangs Hemmschwellen, sagt Witt. "Aber, wenn die merken, wie die arbeiten, verschwinden die ganz schnell wieder."

Geflüchtete Azubis in der Ausbildung. (Quelle: rbb/J. Käppel)
Geflüchtete Azubis auf dem Gerüst | Bild: rbb/J. Käppel

Die Benachteiligung potenziert sich

Dennoch haben es Geflüchtete schwer, eine Ausbildung zu bekommen, und es wird nicht leichter. Die Pandemie löst auf dem Lehrstellenmarkt eine Schock-Reaktion aus. Die Zahlen aus einer Umfrage des Zentralverbandes Deutsches Handwerk zeigten im April, dass ein Viertel der befragten Betriebe im Herbst weniger Ausbildungsplätze anbieten will.

Das trifft insbesondere geflüchtete Menschen, sagt Anja Piel vom Bundesvorstand Deutscher Gewerkschaftsbund: "Dadurch, dass es jetzt deutlich weniger Ausbildungsplätze gibt, potenziert sich diese Benachteiligung, die Geflüchtete durch mangelnde Sprache oder schlechte Schulabschlüsse haben. Sie sind unter den Wenigen, die genommen werden, noch weniger."

"Dank meiner Ausbildung darf ich bleiben"

Im Elektrobetrieb müssen die Azubis noch anderthalb und zwei Jahre lernen. Mit dem Abschluss verbessert sich ihre Perspektive auf eine Zukunft in Deutschland. Für den Iraner Oveis ist die Lehre ein Rettungsanker. "Dank meiner Ausbildung darf ich bleiben", sagt er, "aber ich muss jedes Jahr meinen Aufenthalt verlängern. Wenn ich die Ausbildung nicht schaffe, werde ich abgeschoben, denke ich."

Estifanos aus Eritrea hat eine gute Bleibe-Prognose. Er lebt bei einer deutschen Familie und hat damit zusätzlich zur Ausbildung beste Voraussetzungen für die Integration. Für die Gastfreundlichkeit möchte er sich revanchieren: "Wenn ich meine Lehre abgeschlossen habe, kann ich zuhause helfen, Dinge zu bauen oder zu reparieren."

"Die kriegen die Chance bei mir, sich zu integrieren"

Bei Jörg Witt haben die beiden die Aussicht auf eine Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung. Er möchte sich persönlich für seine "Jungs" stark machen, denn eine Abschiebung ist für sie mit bedrohlichen Folgen verbunden, sagt ihr engagierter Chef. "Wenn man sie jetzt wirklich zurückschicken würde, würde Estifanos sofort verhaftet und ins Gefängnis kommen. Oveis hat ja seinen muslimischen Glauben abgelegt und ist zum Christentum übergegangen, weil er eine christliche Ehefrau hat. Wenn er wieder zurückgehen würde, würden sie ihn steinigen oder Ähnliches. Die kann man eigentlich nicht mehr zurückschicken."

Er fügt kämpferisch hinzu: "Die kriegen die Chance bei mir, sich zu integrieren und die sollen sie auch kriegen!"

In Deutschland gehen zwei Drittel aller Menschen mit Fluchthintergrund, die sich um eine Ausbildung bemühen, leer aus. Sie werden auf dem Lehrstellenmarkt nicht berücksichtigt und ihre Chancen stehen nach der Pandemie noch schlechter.

Beitrag von Jule Käppel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

7 Kommentare

  1. 7.

    Viele wollen arbeiten, aber oft sind es die bürokratischen Hürden, die das verhindern.

    Ich selbst habe das von Unternehmern im Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreis gehört. Die brauchen auch zehntausend Genehmigungen, ehe sie einen Geflüchtet einstellen können bzw. dürfen.

  2. 6.

    Ich bin zwar was Flüchtlinge angeht sehr skeptisch, aber wer eine Ausbildung macht und diese auch besteht, sollte meiner Meinung nach in Deutschland bleiben dürfen.
    Hier sollte man belohnen, wenn sich Flüchtlinge integrieren und arbeiten.
    Das würde auch mehr Akzeptanz bei Deutschen hervorrufen.

  3. 5.

    Du hast den Artikel überhaupt nicht verstanden.

    Ubd nein, Asyl war noch nie auf Zeit und ist es nicht. Nach 3 Jahren kann man bereits einen permanenten Aufenthalt beantragen.
    Aber darum geht es in dem Artikel überhaupt nicht....

  4. 4.

    Ii Syrien und Irak herrscht Frieden? Wer behauptet das denn? Nur weil momentan wegen anderer Nachrichten nicht über den Schrecken dort berichtet wird? Zudem ist Assad ja auch ein lubenreiner Demokrat der bestimmt alle die vor ihm Geflüchteten in Ruhe lässt, die zu ihm zurückkehren. Ein anderer Punkt, warum soll ein Geflüchteter aus Deutschland ausreisen, wenn er hier im Arbeitsmarkt integriert ist und gebraucht wird. Nur weil es momentan noch kein passendes Gesetz zum Spurwechsel gibt. Und ob sie es glauben oder nicht, Neuzugewanderte sind Menschen die mit Autochtonen auch Familien gründen und Kinder bekommen, wie z.B. bei mir.

  5. 3.

    "Sie werden auf dem Lehrstellenmarkt nicht berücksichtigt und ihre Chancen stehen nach der Pandemie noch schlechter. "

    Sofern es sich um Migranten mit temporärem Schutzstatus handelt, sollen sie ja auch wieder zurück gehen. Im Irak und in großen Teilen von Syrien beispielsweise gibts keinen Krieg mehr. Dieser Sachverhalt wird leider wenig differenziert betrachtet.

  6. 2.

    Mein Respekt, Herr Witt.

    Ich drücke Ihnen und Ihren beiden Jungs ganz fest die Daumen.

  7. 1.

    Als deutscher Handwerker, der meißtens eine Familie hat, muss man sich hier die Frage stellen, bezahlt der Elektromeister auch die anfallenden Überstunden, der im Heim lebenden Neubürger, wenn sie zu Ende schrauben, bis fertig ist? Ein selbständiger Handwerksmeister!

Das könnte Sie auch interessieren