Brandenburgs Landwirtschaftsminister Vogel und Staatssekretärin Bender stehen auf dem Öko-Testacker in Paulinenaue. (Bild: rbb/O. Soos)
Audio: Inforadio | 12.06.2020 | Oliver Soos | Bild: rbb/O. Soos

Neu-Ausrichtung der Landwirtschaft in Brandenburg - Die Missionen von Landwirtschaftsminister Vogel

Brandenburgs erster grüner Agrar- und Umweltminister Axel Vogel ist seit gut einem halben Jahr im Amt. Nun geht er seine wichtigsten Missionen im Bereich Landwirtschaft an: mehr Tierwohl und eine Steigerung des Anteils der Ökoanbauflächen. Von Oliver Soos

Axel Vogel erzählt gerne eine Geschichte. Sie zeigt, woran es bei der Brandenburger Öko-Landwirtschaft im Moment hapert. Vor etwa einem Jahr, kurz vor seinem Amtsantritt, so erzählt der Minister, gab es den Versuch, eine Woche lang alle Berliner Kitas mit Brandenburger Bio-Lebensmitteln zu versorgen. "Das ist kläglich gescheitert", sagt Vogel und schüttelt lachend den Kopf. "Wir waren nicht mal in der Lage, ausreichend Kartoffeln zu liefern, obwohl Brandenburg als Kartoffelland gilt." Brandenburg könne im Moment nicht einmal ein Viertel des Berliner Obst- und Gemüsebedarfs abdecken, auch den eigenen Bedarf nicht, so der Minister. Daran müsse schleunigst gearbeitet werden.

Bio-Anbaufläche soll erweitert werden

Auf einem kleinen Roggenfeld in Paulinenaue bei Nauen (Havelland) testet das Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung (LELF) verschiedene Formen des Anbaus. Axel Vogel lässt sich von einer LELF-Mitarbeiterin zeigen, dass der Roggen gut aufgegangen ist, obwohl auf dem Feld in den vergangenen Jahren nicht gedüngt wurde. Die Fruchtbarkeit des Bodens sei allein durch die Fruchtfolge erhalten worden. Auf dem Feld wurde in den vergangenen Jahren im Wechsel Kleegras, Roggen, weißer Senf, Silomais und dann wieder Roggen angebaut.

Solche Tests, die zeigen, dass es auch ökologisch geht, sind für den Brandenburger Landwirtschaftsminister Gold wert, denn er hat große Ziele. Um den European Green Deal zu erfüllen, will Vogel den Anteil der Bio-Anbauflächen in Brandenburg innerhalb der kommenden vier Jahre von aktuell 13 Prozent auf 20 Prozent erhöhen. "Wir haben das Glück, dass im Moment viele Brandenburger Landwirte bereit sind, auf Öko-Anbau umzustellen und dass wir jetzt am Beginn einer neuen Förderperiode stehen, wo auch die Förderrichtlinie neu ausgehandelt werden kann", sagt Vogel. Der Minister will ab dem Sommer einen "Öko-Aktionsplan" für Brandenburg erarbeiten und ihn im kommenden Jahr vorlegen.

Ansicht eines noch leeren Schweinestalls nach neuem Konzept (Bild: rbb/Olver Soos)
Fast fertiggestellter artgerechter Schweinestall | Bild: rbb/Olver Soos

Skepsis bei Bauernverbänden

Beim Landesbauernverband Brandenburg werden diese Pläne mit Skepsis gesehen. LBV-Präsident Henrik Wendorff betont, dass Brandenburg mit 13 Prozent Öko-Anbaufläche bereits einen im bundesweiten Vergleich hohen Wert erreicht habe. "Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich von der Entwicklung an den Märkten ab. Die Politik muss die Lücken auf dem Absatzmarkt und bei der Verarbeitung der Produkte schließen", fordert Wendorff.

Der Chef des Bauernverbands Südbrandenburg Thomas Göbel sieht große Probleme bei der Vermarktung regionaler Produkte aus Brandenburg. "Das geht schon damit los, dass Schlachthöfe fehlen und dass es zu wenige Arbeitskräfte beim Gemüseanbau gibt. Zudem stehen wir in Konkurrenz zu Händlern aus der ganzen Welt und die Supermärkte rufen Billigpreise auf. Wenn es mehr Bio sein soll, dann muss es einen Markt geben, der die Produkte zu den entsprechenden Preisen abnimmt", sagt Göbel.

Öko-Bauern sollen von Ertrag leben können

Landwirtschaftsminister Vogel betont, dass die Vermarktung regionaler Bioprodukte zentraler Bestandteil seines Öko-Aktionsplans sei. "Es wird nicht nur darum gehen, wieviel Ökoanbau-Prämie wir pro Hektar bezahlen. Die zentrale Frage ist: Wie schaffen wir es, dass die Ökobauern vom Ertrag ihrer Arbeit leben können?" Vogel sieht da eine große Chance auf dem Berliner Markt. Im vergangenen Jahr hat der Berliner Senat eine Ernährungsstrategie beschlossen, wonach in Mensen, Kitas, Schulen und Universitäten sukzessive mehr Bio-Essen aus der Region angeboten werden soll. Bei den Berliner Grundschulen liegt die Zielmarke bei 50 Prozent Bio ab 2021.

Der Minister fährt mit dem Journalisten-Tross weiter in die Prignitz, nach Groß Pankow bei Pritzwalk. Auf dem Hof der Prignitzer Landschwein GmbH wird ein neues Schweinestall-System entwickelt. Ein großer neuer Stall ist fast fertiggebaut. Der Landwirtschaftsminister bekommt ein Provisorium zu sehen, einen Container mit etwa zwanzig Ferkeln. Der Raum ist durch Trennwände und eine Überdachung aufgeteilt in drei unterschiedliche Bereiche, einer zum Fressen, einer zum Schlafen und einer für die Notdurft.

Ferkel stehen in einem räumlich untergliederten Test-Stall (Bild: rbb/Olver Soos)
Artgerechter Scheinstall in Groß-Pankow in der Priginitz | Bild: rbb/Olver Soos

Fußbodenheizung im Schweinestall

"Wir geben den Schweinen eine Hilfestellung und eine Struktur", erklärt der Betreiber Ralf Remmert. "Im überdachten und halb abgedunkelten Bereich am Rand haben wir eine Fußbodenheizung installiert. Diesen Teil wählen die Tiere logischerweise als ihren Schlafplatz aus. Der Kotbereich ist da, wo es ein bisschen zugig ist und wo die Schweine oft vorbeilaufen", sagt Remmert. Die Ferkel können auch ihrem Wühlinstinkt nachgehen, denn sie finden ihr Futter im Fressbereich auf dem Boden. Dadurch werde Kannibalismus vermieden und eine Schweinezucht mit Ringelschwanz sei möglich, so Remmert.

Der Boden unter dem Toilettenbereich besteht aus einem elektrisch gesteuertes Band mit kleinen Löchern, das sich in bestimmten Abständen dreht. Dabei werden Kot und Harn voneinander getrennt und die Bildung von klimaschädlichem Ammoniak wird deutlich verringert. Landwirtschaftsminister Vogel wirkt nach der Präsentation ziemlich begeistert. "Hier hat sich ein Brandenburger Schweinehalter auf den Weg gemacht, zu zeigen, wie man Tierwohl und Emissionsschutz miteinander in Verbindung bringen und regionale Herkunft absichern kann. Das ist ein Musterbeispiel und wir müssen gucken, inwiefern man das verallgemeinern kann", sagt Vogel.

Vision und Realität weit auseinander

Der Minister hat hier eine Zukunftsvision gesehen, in einem Demonstrationsbetrieb, der vom Land gefördert wird. Die Realität sieht meistens allerdings anders aus. Im Moment streiten der Bund und die Länder darüber, ob Sauen mit Ferkeln wochenlang in Kastenständen eingesperrt sein dürfen oder nicht. Axel Vogel ist klar dagegen. "Die Verbraucher wollen diese Art von Schweinehaltung nicht und es kann nicht sein, dass am Ende 300 Millionen Euro ausgegeben werden, um schönere, vielleicht 20 Zentimeter breitere Kastenstände zu haben. Konventionelle Landwirte sehen das aus heutiger Sicht vielleicht anders, deshalb geht es darum, Alternativen aufzuzeigen", sagt Vogel.

Der Vorsitzende der Interessensgemeinschaft Schweinezucht Brandenburg Hans-Christian Daniels kritisiert diese Haltung, die vor allem bei den Grün-regierten Ländern vorherrscht. Der Schweinezüchter, der in Wollin (Potsdam-Mittelmark) produziert, erzählt, dass die Bauern in den letzten Jahren kaum noch in ihre Betriebe investiert haben, weil sie unsicher seien und nicht wissen, wie sich die Tierhalteverordnung in Deutschland verändern wird. Eine Abschaffung der Kastenstände würde hohe Investitionen bedeuten und gleichzeitig Produktionsausfälle. Die Sauenbestände müssten verkleinert werden, die Abferkelraten würden sinken, so Daniels. "Wir Sauenhalter möchten eine Verordnung, die uns im europäischen Wettbewerb die Möglichkeit gibt, wirtschaftlich Ferkel zu produzieren. Wir brauchen eine europäische Lösung und keine einseitige Verschärfung der Regeln in Deutschland", sagt Daniels.

Sendung: Inforadio, 12.06.2020, 10:30 Uhr

Beitrag von Oliver Soos

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Den Umstellungsboom der letzten Jahre hatten wir, weil die Biobetriebe in den vergangenen 7/8 Jahren deutlich höhere und stabilere Erlöse und Gewinne (!)hatten. Unabhängig davon ist es aber auch so, dass der in Brandenburg wichtige Preis für Bio-Roggen in die Knie ging, weil sich der ganze Berufsstand nach dem goldenen Roggenjahr 2018 "verschätzte" und 2019 den Markt überforderte . . . Auch Biobauern sind nicht vor dem Schweinezyclus gefeit . . . Das geht aber vorbei, der Markt wächst gerade sehr dynamisch - weil die Bevölkerung immer mehr zu Bio greift und weil endlich genug Ware da ist, um bestimmte Märkte überhaupt mit einheimischer Ware denken bzw. bedienen zu können... Beispiel Einkaufsverhalten während der Corona-Phase: Während der konventionelle Umsatz "nur" um 8,6 % stieg, schnellte der Bio-Umsatz um 27,6 % nach oben...
    => Wenn die Leut selber kochen und einkaufen, entscheiden sie sich deutlich mehr für Bio als wenn sie in der Kantine nehmen müssen, was ihnen angeboten wird..

  2. 6.

    Die Nachfrage ist schon da, ich kenne viele Leute, die sich ein größeres Angebot an Bio-Lebensmitteln wünschen und zwar vorzugsweise aus der Region und nicht um die halbe Welt geschippert. Aber die Supermärkte zeigen noch kein Interesse und nicht jeder kann stundenlang durch die Gegend fahren, um direkt beim Bauern, im Hofladen oder im kleinen Bioladen einzukaufen (wäre auch kaum ökologisch sinnvoll). Also scheitert es nur an den Vertriebswegen.

  3. 5.

    Wenn ich schon lese "wirtschaftlich Ferkel zu produzieren"! Das ist das Problem, dass das Lebewesen sind und nicht irgendwelche Produkte!

  4. 4.

    Das trifft nicht zu. Der Bedarf an Biowaren in Berlin ist wesentlich höher, als dass ihn das regionale Angebot aus Brandenburg derzeit decken kann. Hier nur eine Quelle ... da gibt es aber noch einige davon:
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-giert-nach-bio-brandenburger-bauern-koennen-oeko-bedarf-nicht-decken/25432644.html

  5. 3.

    Wie im Text zu lesen, gibt es für die ganzen Ökobauern, die sie wünschen, keinen Markt.

  6. 2.

    Nun ja, Investoren und günstige Weiterverpachtung schließt sich wohl auf erste Sicht aus.
    Es gibt aber Modelle, in denen das durchaus möglich ist. Beispielsweise durch die Regionalwert AG Berlin-Brandenburg, die Kulturland Genossenschaft oder die BioBodenGenossenschaft. Diese sind fair ausgerichtet, zielen auf ökologischen Landbau und Nachhaltigkeit - aber eben nicht auf Profit. Mitmachen kann hier jeder. Mann muss allerdings auch eine Einlage machen. Das ermöglicht den Bauern eine günstige Pacht.

  7. 1.

    Vielleicht kann man auch ein Investorenprogramm entwickeln: Leute die Ackerland kaufen und zu günstigen Konditionen nur an Ökobauern verpachten.

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