Das hightech-farming Unternehmen <<Infarm>> baut Salat und Gemüse in hightech Kästen mit LED-Licht an. (Quelle: rbb/Doku)
Bild: rbb/Doku

Smarte Bauern und faires Essen - Die Landwirtschaft auf den Kopf stellen für regionalen Anbau

Globale Lieferketten bei Lebensmitteln bringen viele Nachteile mit sich: niedrige Löhne für die Produzenten, hohe Schadstoffemissionen beim Transport und oft zweifelhafte Qualität. Dabei gibt es viele Ansätze, Nahrungsmittel regionaler herzustellen. Von Martin Adam

Auf die kleinen Basilikumblätter in Berlin-Tempelhof strahlt rotes Licht. Die Pflanze ist noch jung, aber sie wächst gut. Kein Wind weht, keine Insekten fliegen durch die Luft, es gibt nicht einmal Erde um die Pflanze herum. Sie steht in einem Glaskasten. Neben ihr andere Pflanzen der selben Generation, über ihr LED-Leuchten, unter ihr die nächste Etage mit Kräutern - alle in Schränken. Die Anlage sieht aus wie die Reihen von Tiefkühlschränken im Supermarkt - es ist aber ein Indoor-Kräutergarten.

Das hightech-farming Unternehmen <<Infarm>> baut Salat und Gemüse in hightech Kästen mit LED-Licht an. (Quelle: rbb/Doku)
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Den mit konzipiert hat Guy Galonska. Der Israeli hat das Startup "infarm" mibegründet, eine Firma, die mit "vertical gardening" - also dem Pflanzenanbau übereinander statt nebeneinander auf einem Feld - die Lebensmittelproduktion auf den Kopf stellen will. "Die Vision ist, ein neues Lebensmittelsystem aufzubauen, mit dem sich Städte selbst versorgen können", sagt Galonska.

Nur ein Bruchteil der Ressourcen benötigt

"Infarm" wurde 2013 in Berlin gegründet. Heute baut das Unternehmen in mehreren europäischen Ländern, in den USA und Kanada 65 verschiedene Kräuter, Blattgemüse und Keimlingsorten an - alles übereinander. Die Firma vermietet Gewächshausschränke an Supermärkte und an Sternerestaurants, die somit die Kräuter erst wenige Augenblicke vor dem Kauf tatsächlich ernten müssen. Pestizide werden nicht verwendet.

Für den vertikalen Anbau, so verspricht es "Infarm", würde nur ein Prozent der Fläche gebraucht, die sonst für den Anbau in der Landwirtschaft nötig sind. Außerdem nur fünf Prozent des Wassers und zehn Prozent der Transportkosten. Denn das in der Stadt angebaute Gemüse soll auch dort gegessen werden. "Wir können den Händlern ganz individuelle Angebote machen. Wir können genau den Koriander liefern, den sie mögen. Oder die Tomate, die gut für sie ist", sagt Unternehmer Galonska.

Italienisches Wetter in Seattle kreieren

Und - das ist vielleicht das größte Versprechen der selbst erklärten "Food Revolution" - im künstlichen Mikroklima können Pflanzen, egal wo sie herkommen und welches Wetter sie benötigen, überall auf der Welt lokal angebaut werden: "Wenn Sie italienisches Wetter brauchen, um Basilikum anzubauen, dann kreieren wir das einfach in unserer Anlage. In Seattle zum Beispiel, wo es sonst ganz sicher kein italienisches Wetter gibt."

Guy Galonskas Kräutergärtner arbeiten vor allem am Computer. Eine Studie des Fraunhofer Instituts von 2018 beschreibt vertical farmin als "passende und vielversprechende Option" für die Produktion von Lebensmitteln und auch für die Bekämpfung des Klimawandels. Allerdings nur, wenn die Pflanzenschränke mit nachhaltig produzierter Energie laufen. Denn vor allem die Beleuchtung der Pflanzen frisst Strom und Sonne gibt es in den Schränken in Tempelhof nicht. Über 900 Wattstunden verbraucht die Anlage pro Pflanze - das ist, zum Vergleich, etwa so viel wie eine sparsame Spülmaschine für einen Waschgang verbraucht.

Der Vater von Schwein 420 war ein Wildschweinkeiler mit Namen "Pfiffi"

Ein anderer Blick in die Zukunft geht in Richtung "personalisierte Fleischproduktion". Dieses Konzept verfolgt das Unternehmen "meinekleinefarm.org". Wer hier Fleisch bestellt, muss damit klarkommen, dass der Einkauf mal gelebt hat. Jedes Tier wird fotografiert, hat eine Nummer und eine Geschichte. Die von Schwein 420, das auf den Gabeln eines Trekkers in Rietz-Neuendorf bei Bad Saarow rollt, klingt so: "Schwein 420 war ein Märkisches Sattelschwein und eines von insgesamt fünf Wurfgeschwistern. Der Vater war ein Wildschweinkeiler mit Namen 'Pfiffi', die Nachwuchshoffnung und Ablösung von Senior Schweinsteiger. Der Keiler kam als ablösepflichtiger Zukauf aus dem Tiergehege Eisenhüttenstadt zu Bauer Henrik."

Sattelschweine von der <<meinekleinefarm.org>> in Brandenburg. (Quelle: rbb/Doku)

Schweinefutter von heimischen Feldern zur Wahrung des Amazonasregenwalds

Bauer Henrik ist Henrik Staar. Sein Hof ist einer von 24, die an "meinekleinefarm.org" liefern. Seine Schweine leben in Freilandhaltung, geschossen werden sie von einem Hochstand, sodass sie keinen Stress erleben, erklärt der Bauer. Das Fleisch ist teurer als in der Massentierhaltung, weil Henrik Staars Schweine deutlich länger leben. Und: Sie bekommen Futter von den heimischen Ackern, statt Soja-Importe aus Nord- und Südamerika. Die Futternachfrage aus Europa führe sonst in Südamerika dazu, dass der Amazonasregenwald abgeholzt werde, so Staar.

Deshalb ist das Fleisch auch teuer: Ein Kilo Schnitzel vom Schwein 420 kostet 40 Euro. Aber es geht nicht darum, dass der Kunde kein Fleisch mehr isst, sondern dass das Produkt mehr wertgeschätzt wird, sagt Michael Nauruschak, der für den Verkauf zuständig ist.

Der alternative Supermarkt in Berlin <<supercoop>>. (Quelle: rbb/Doku)

Genossenschaftlicher Supermarkt für faire Lieferketten

Für viele sei das zu viel, kritisiert die Ökonomin und Ernährungsexpertin Julia Köhn. Wenn nicht nur eine "innerstädtische Lebensmittel-Boheme" davon profitieren soll, müsse die gesamte Land- und Ernährungswirtschaft transformiert werden, damit diese Konzepte für eine breite Masse bezahlbar sind.

Hier setzt ein drittes Unternehmen an, einem genossenschaftlichen Supermarkt. Bei "Supercoop" darf einkaufen, wer Anteile kauft und Mitglied wird. Die entscheiden dann, was ge- und verkauft wird und arbeiten ein paar Stunden im Monat mit. Das drückt die Preise, ohne die Erzeuger zu erdrücken, glauben die Macherinnen.

Der alternative US-amerikanische Supermarkt <<foodcoop>> in New York City. (Quelle: rbb/Doku)

Ernährungsexpertin sieht Politik in der Pflicht

Funktionierende Vorbilder für den Laden gibt es schon in Paris und New York. Der kleine Ableger in Berlin-Friedrichshain ist noch im Aufbau. Deshalb sammelt die Gruppe Geld online und sucht nach Genossenschaftsmitgliedern. 1.200 brauchen sie für den Anfang, die New Yorker Kollegen haben 17.000. Trotzdem: wenn sich die Produktion verändert, muss sich auch der Handel verändern, damit sich alle nachhaltiges Essen leisten können, sagen sowohl die Gründerinnen von "Supercoop" als auch Gesundheitsexpertin Köhn. Nahrung, auch regional produzierte, nachhaltige, darf kein teures Statussymbol sein, so Köhn. Deshalb müsse am Ende die Politik dafür sorgen, dass die Revolution des Essens gelingt.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Achtung: Sarkasmus
    Wahnsinn!!! Lebensmittel dort produzieren wo sie gegessen werden? Das ist ja mal eine sehr innovative Idee.
    Echt jetzt???
    Habe noch eine Verbesserungsidee: nur das anbauen, was vor Ort traditionell wächst! Da hält man auch die Stromkosten geringer!
    Ach Moment, das meiste Saatgut ist ja gar nicht mehr zulässig, weil für Großkonzerne nicht profitabel...
    Aber ja das Problem sind die Verbrauer, die nicht mehr für ihr Essen zahlen wollen...

  2. 2.

    Seattle hat Mittelmeerklima.

  3. 1.

    Kinderleicht und "vertikal" die eigenen Kräuter auf der Fensterbank oder dem Balkon anbauen. Bioerde, Samen und gießen - ohne Strom :)* Das Wetter in Seattle ist durchaus mit Orten in Italien vergleichbar (selten Frost, regelmäßig Regen)- liegt auf dem Globus etwa einen Breitengrad südlich von Paris ;)
    * Für Experimentierfreudige mit größeren Pflanzen als Hydrokultur ohne Erde - das macht auch Kindern Spaß und geht auch am Fenster (window-gardening): https://youtu.be/3AbxnWiVTH8

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