Karstadt, Wilmersdorfer Strasse, Charlottenburg, Berlin (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 24.06.2020 | Sebastian Schöbel | Bild: dpa

Brief an Berliner Vermieter - Senat will mit Immobilienbesitzern über Karstadt-Mieten verhandeln

Mit Worten wie "dringend" und "dramatisch" wendet sich der Senat an die Vermieter von sechs Filialen der Galeria Karstadt Kaufhof: Die von Schließung bedrohten Warenhäuser sollen gerettet werden, mit einer Mischung aus Mietsenkung und emotionalem Appell.

Der Berliner Senat versucht die von Schließung betroffenen Filialen der Galeria Karstadt Kaufhof mit eigenen Verhandlungen zu retten. In einem gemeinsamen Brief bitten der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) dringend um ein baldiges Gespräch "über mögliche Fortführungsperspektiven für den jeweiligen Standort und die Sicherung von Arbeitsplätzen", wie der rbb am Mittwoch aus Senatskreisen erfuhr.

In ihrem Schreiben weisen Müller und Pop auf die "dramatischen Auswirkungen" auf die mehr als 1.000 Beschäftigten hin, zudem seien die Filialschließungen negativ für den Handelsstandort Berlin "aber auch die Berliner Wirtschaft in Gänze". Deswegen wolle der Senat jedes Warenhaus einzelnen betrachten und unter anderem über Lösungen im Zusammenhang mit Mietsenkungen sprechen.

"Berlin wird um die bedrohten Standorte und Arbeitsplätze kämpfen", hatte Pop am Dienstag auf Nachfrage des rbb erklärt. "Die Kaufhäuser sind deutschlandweit für Fußgängerzonen, in Berlin für viele Kieze zentral." Es zeige sich allerdings auch, so Pop, dass das Modell Kaufhaus "modernisiert werden muss, um wieder attraktiv zu werden". Dafür müssten sich die Warenhäuser stärker für ihre Kieze öffnen, mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten und mehr Erlebnis-Charakter schaffen.

Müller will Karstadt-Rettung mit NRW koordinieren

Müller hatte nach der Senatssitzung am Dienstag angekündigt, auch mit Armin Laschet (CDU),
dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, zu sprechen. In NRW ist der Firmensitz des Konzerns. "Ich möchte das gerne abgestimmt machen, auch mit NRW", so Müller. Einen engen Austausch gebe es außerdem mit den Betriebsräten. "Wir werden auch in den nächsten Tagen mit Sicherheit noch einmal zusammenkommen, wenn wir eine Rückkopplung haben, wie die Situation bei den Vermietern ist, ob und wie sie sich auf Gespräche und mögliche Mietänderungen einlassen", sagte Müller.

"Wir hatten auch eine Runde mit den zwölf Bezirksbürgermeistern, die sich natürlich sehr große Sorgen machen wegen ihrer Einkaufsstraßen und ihrer Quartiere", so der Berliner Regierungschef. "Die Warenhäuser sind von großer Bedeutung auch für die anliegenden Einzelhandelsgeschäfte, die diesen Anziehungspunkt und Anker brauchen."

In Berlin sollen sechs von elf Filialen geschlossen werden, außerdem das Potsdamer Kaufhaus. 1.000 von 2.100 Beschäftigten in Berlin und 210 von 400 in Brandenburg wären davon betroffen.

Sendung: Inforadio, 24.06.2020, 15:00 Uhr

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32 Kommentare

  1. 32.

    „Shopping-Malls“ sind auch bald ein Auslaufmodel. Die Grünen mit ihrer autofeindlichen Lobbyarbeit haben unsere Innenstädte zerstört. Die „bunten“ Kiez-Straßen sind ohne Kaufhäuser auch nicht zu retten. Wer kann zieht auf das Land. Ohne Kaufkraft kein bunter Kiez. Der beschmierte ÖPNV ist auch so eine grüne Glanzleistung. Vor Jahre wurde schon vorgeschlagen die Schmierereien mit wasserlöslicher Farbe temporär zu übermalen. Raten Sie doch wer dagegen war. Einer der Gründe warum der ÖPNV in Berlin für die Reicheren nicht akzeptabel ist.

  2. 31.

    Sie sind nicht gut informiert: nicht eine der sechs betroffenen Karstadt Immobilien in Berlin steht im Eigentum von Signa. Also nix von wegen, Signa würde die Mietsenkungen mit sich selbst verhandeln. Nachzulesen in einem Morgenpost-Artikel vom 22.06.2020.
    Und erwartungsgemäß sind die tatsächlichen Eigentümer wenig begeistert angesichts drohenden Leerstands, weil man eine Karstadt-Filiale nicht mal eben wie eine Commerzbankfiliale (Bülowstraße) in ein Büro- und Wohnhaus umbauen kann, so, dass es wirtschaftlich darstellbar ist. Sehr wohl wollen die meisten Eigentümer mit Karstadt (Signa Retail) verhandeln. Ebenfalls alles in o.g. Artikel nachzulesen...

  3. 30.

    Nein, aber sicher der einen Seite des Eigentümers mitteilen, dass eigene Konzepte nicht rücksichtlos zu Lasten des anderen Konzernteils gehen können. Zumindest nicht dort, wo es auch öffentlicher Zustimmungen bedarf. Und ein anderer ist ja wohl c&a. Die haben in der Wilmersdorfer ihren eigenen laden auch geschlossen. Mit welcher Absicht?

  4. 29.

    Über Mietsenkungen für Kaufhäuser verhandeln?
    Und was ist mit den zahlreichen Restaurants, Kinos, Clubs etc. ?

    Die stehen allein im Regen, oder was?

    Wenn dann sollten alle Betroffenen mit Hilfe des Senats Druck auf ihren Vermieter ausüben können.

  5. 28.

    Vermieterin vieler Objekte ist Signa, also die Eigentümerin von Karstadt. Wollen Politiker jetzt Psychologe spielen und Selbstgespräche Der Firma mit sich selbst moderieren?

  6. 27.

    So groß ist das Thema aktuell ja noch nicht: Die Intervention der Politik dient im Moment der Hilfe zur Selbsthilfe. Die Vermieter können ja frei entscheiden, bei Abwägung der Konsequenzen. Und auch womögliche Nachnutzungskonzepte bedürfen des kritischen politischen Blicks. "Eigentum verpflichtet" (nicht nur zum Wohle des eigenen Profits), sagt schon das GG.

  7. 26.

    Hallo JackieBrown,
    ja so ist das. Aber Sie haben etwas überlesen:
    Von der Politik wurden innerstädtische Einkaufscenter gewollt und genehmigt. Das ging sogar soweit, daß Peter Strieder (SPD) seinerzeit das Planungsrecht für den roten Bunker (Alexa) an sich riss, da der Bezirk Mitte diese Einkaufscenter nicht wollte. Gut, Galerie Alexanderplatz bleibt, Aber das hat nun nichts mit einer zukunftsorientierten Gestaltung von Stadtzentren zu tun.
    Übrigens würde es in keiner europäischen Hauptstadt so viel Gestaltungsspielraum für die Stadtentwicklung für Bezirke und Senat geben.
    Und ich bin kein Grabredner der Kaufhäuser. Ich bin ein Befürworter der alten Kramläden, wo man alles bekommt (von Sextoys mal abgesehen). Ich wünsche mir eine Adresse, wo ich alles bekomme, mal abgesehen vielleicht von Elektronik und eben Sextoys…

  8. 25.

    Ob „Shop-in-Shop“-System oder „Shopping-Mall“ ist keine Frage mehr. Das alte „Kaufhaus“ ist mausetot. Hoffentlich gehen nicht auch die „kleinen“ Einzelhändler kaputt. Quo vadis, Einkaufsstraße? Quo vadis, Innenstadt? Kann der grüne „Vor-Ort-Gutschein“ wenigsten unsere „bunten“ Kiez-Straßen vor dem Sterben retten?



  9. 24.

    Eigentlich sollte der Staat nicht die Firmen retten, sondern die Lebenshaltungskosten der Arbeiter und Angestellten, wenn die Firmen aufgeben müssen. Das ist auch viel günstiger. Unten helfen, statt oben in ein Fass ohne Boden alles reinzuschaufeln. Der Staat ist auch nicht der bessere Manager (oder wen aus unserem jetzigen Senat würden Sie dazu auserwählen?)
    Die Kaufhäuser stehen in direkter Konkurrenz zu den Einkaufscentern, die von der Politik gewollt und genehmigt wurden. Also selbst gemacht. Kein Konzept für Innenstädte und Quartiere.
    Und – so leid es mir für die Kaufhausangestellten tut – es ist nun mal keine gesamtgesellschaftliche Dimension. Ich habe immer den Eindruck. Wer am lautesten schreit, bekommt die meisten Hilfen.
    Aber ein Unternehmer darf nicht nur Gewinne mitnehmen, sondern muss auch Verluste tragen, notfalls bis zur Insolvenz. Für die Arbeiter und Angestellten muss der Staat sorgen (siehe oben).

  10. 23.

    Sehr bedauerlich ich mag Karstadt hier am Ku’damm , leider hat das Management offensichtlich seit langem versagt und dazu der allgemein InternetTrent . Naja wie auch immer schon interessant, dass der Senat hier mithelfen will , jedes kleine Unternehmen kann so eine Hilfe nicht erwarten... also ehrlich es wird sich nicht mehr retten lassen. Und neue Mieter - wer soll da reinziehen...

  11. 22.

    Danke Ihnen und auch "dro63" für Ihre wissensbasierten, differenzierten Beiträge...
    Das Super-Manager Middelhoff seinerzeit auf die glorreiche Idee kam, die investitionsbedürftigen, aber wenigstens in Firmeneigentum stehenden Immobilien gegen künftige Zahlung von Mieten zugunsten vorübergehender (!) Liquidität zu externalisieren und Karstadt damit in unverantwortliche Abhängigkeit in Vermieters Gnaden brachte, macht mich heute noch sprachlos. Spitzen-Managergehalt für einen - in seinen Auswirkungen absehbar verheerenden - billigen Taschenspielertrick bei gleichzeitigem Fehlens jeglicher Fantasie, wie eine langfristige Perspektive/Ausrichtung des Geschäfts aussehen muss.
    Und wer dem Abgesang des Warenhausgeschäfts zu Munde redet, sollte sich besser informieren, ob dies tatsächlich ohne jede Einschränkung zu trifft...

  12. 21.

    Leider sieht man immer wieder, dass der Einzelhandel abnimmt. Daran sind oft die Shops selbst schuld. Zu Karstadt bin ich nicht mehr gegangen, weil die keine Filme mehr angeboten haben. Einfach mal eine komplette Abteilung entfernt. Bei anderen Einzelhändlern fehlt es meines Erachtens oft an Fachwissen und dem Willen, dem Kunden zu helfen, indem mal vielleicht mal nachschaut, ob ein Artikel bestellt werden kann. Das Einzige, was ich neben Lebensmitteln noch im Einzelhandel kaufe, sind Bücher.

  13. 20.

    Ah ja, weil die Wirtschaft alles so toll allein hinkriegt? Und die Beschäftigten + der Staat bei eklatantem Managementversagen jedes Mal die Suppe auslöffeln müssen? Es ist ureigene Aufgabe d. Politik, zu handeln, wenn Probleme auftreten, die eine gesamtgesellschaftl. Dimension haben. Die Filialen von Karstadt haben in ihrem jeweiligen Kiez (z. B. Wedding) eine bedeutende Ankerfunktion für die vielen kleinen, umliegenden Geschäfte. Neben dem zahlreichen Arbeitsplatzverlust zieht das also auch stadtentwicklungspolitisch Folgewirkungen im(ohnehin "Problem")Kiez nach sich, da kann man sich noch so mit Quartiersmanagement abrackern, ein "Abrutschen" zu verhindern.
    Im Übrigen steht da nichts von Steuergeldern/-mitteln. Es ist absolut angezeigt, dem "Vermieter" (mutmaßlich Hedgefonds oder sonstwie renditefixiiertes Unternehmen ohne Investionsambitionen in die Bausubstanz) mal zu verdeutlichen, dass man bei Gebäuden mit erheblichem Sanierungsstau mal über die Miethöhe reden sollte.

  14. 19.

    So gut wie alle Häuser sind nicht allein "an Karstadt vermietet", sondern z.B. auch an Lebensmittel-, Drogeriemarkt-, Bäckerei- oder Restaurant- Betreiber, deren Geschäfte sehr gut laufen.
    Das wäre auch schon längst ein Erfolg versprechendes Modell gewesen: die Vielfalt und Dynamik z.B. der Internet- Angebote abzubilden, zum Anfassen in die Läden zu holen, Synergie-Effekte zur sofortigen Bestellung und Lieferung zu nutzen, "Internet hautnah" erleben zu lassen.
    Doch all das wurde völlig verschlafen und amaz*n überlassen - nicht nur von Kaufhäusern. So ist es nun mal ein Auslaufmodell, das verlogene Gegreine der Politiker sollten sie sich sparen. So wie z.B. die Ex-Commerzbank Bülowstraße kann man aus allen Kaufhäusern Büro- und/oder Wohngebäude mit Zukunftsaussichten machen. Da sollte nichts Verstaubtes "gerettet" werden ! Das ist ein Faß ohne Boden.

  15. 18.

    Na vielleicht schon mal deshalb, weil ein Kaufhaus ein spezieller, auf dessen Nutzungsanforderungen ausgerichteter Zweckbau und eben kein Bürogebäude ist, welches sich mit Sicherheit einiges leichter vermieten lässt.
    Wenn das Grundstück selbst (nicht das Gebäude darauf) kein sog. "Filetgrundstück" ist (Lage, Lage, Lage), könnte der Vermieter durchaus ein Interesse haben, eine geminderte Miete statt künftig KEINER Miete zu erhalten. Oder wer soll - ohne enormen Investitionsaufwand - z.B. in die ab 1. OG fensterlose Karstadtfiliale in der Müllerstraße als Nachmieter einziehen? Vielleicht eine Nacktmulch-Farm, die brauchen kein Tageslicht... Aber ob das ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell ist, vermag ich nicht einzuschätzen...

  16. 17.

    Von welchem Einsatz welcher Steuergelder sprechen Sie? Mietensenkung ist Sache der Vermieter. Meinen Sie die Zeit der Politiker, für die wir aufkommen? Aber, das mit Verlaub betrachte ich als deren Jobbeschreibung.

  17. 16.

    Das Geschrei ist groß. Warum machen Kaufhäuser keinen Umsatz bzw. warum geht es ihnen schlecht, mal abgesehen von Corona und den erstarkenden Umsätze der Online-Händler?
    Wenn man früher etwas suchte, bekam man es garantiert im Kaufhaus (Kramladen). Heute gibt es das shop-in-shop Konzept. Gibt ein besseres Image, ist aber nicht mehr so attraktiv. Ist zwar kein Erlebnisshopping, aber man bekam wenigstens alles mit einem Gang.
    Von der Politik wurden innerstädtische Einkaufscenter gewollt und genehmigt (quasi auch shop-in-shop Konzept).
    Unter Thomas Middlelhoff – einst ein gefeierter Manager und später Fall für die Staatsanwaltschaft – wurden die Karstadt-Immobilien an die Firma Whitehall verkauft. Karstadt war fortan nur noch Mieter. Das war der eigentliche Todesstoß für Karstadt.
    Und dann taten sich noch die zwei Kranken zusammen (Karstadt und Kaufhof),,,
    Und dann wird jetzt von Frau Popp gesagt, daß das Konzept nochmal modernisiert werden muss…
    ..scheint nicht sehr durchdacht...

  18. 15.

    Wirtschaftspolitik ist ausdrücklich ein Gestaltungsfeld gem. GG. Ohne eingriffe hätten wir keine Soziale Marktwirtschaft. Möchten Sie diese abschaffen?

  19. 14.

    Weil die alten Mietverträge durch Arcandor, Hrn Middelhof ausgearbeitet wurden und der ist bekanntlich u.a. für seine Machenschaften verurteilt worden. (Sein Buch "Schuld") Karstadt hat das damals nicht geholfen. Eigene Gebäude weg in eine neue Gesellschaft und teuer wieder anmieten.

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