Frank Groß, Chef der Agrargenossenschaft Ranzig und Fleischer-Azubi Nick Wagner (Quelle: rbb/Asmussen)
Audio: Inforadio | 29.07.2020 | Marie Asmussen | Bild: rbb/Asmussen

Schlachthöfe in Brandenburg - Schlachter dringend gesucht

In deutschen Schlachthöfen arbeiten osteuropäische Fleischer unter schlechten Bedingungen für wenig Lohn. Die Bundesregierung will etwas dagegen tun. Aber wer will heute noch Fleischer werden? Von Marie Asmussen

Weiße Mütze, blauweiß-gestreiftes Hemd, helle Hose und Gummistiefel. So sitzt Nick Wagner im Frühstücksraum der Landfleischerei Ranzig. Sein Urgroßvater ist Jäger gewesen und der kleine Nick durfte früher zugucken, wenn Uropa die geschossenen Wildschweine zerlegt hat. Das gefiel dem Jungen und deshalb hat er sich vor drei Jahren - als mittlerweile ziemlich großer Nick - für eine Fleischerlehre bei der Agrargenossenschaft Ranzig entschieden.

Der Umgangston kann rau sein und die Arbeit körperlich schwer

Sechzig Schweine und vier Rinder - alle aus dem eigenen Stall bzw. von der eigenen Weide - werden pro Woche im Betrieb geschlachtet und zerlegt, anschließend verarbeitet und in eigenen Läden verkauft. Während der Ausbildung hat der 19-jährige alle diese Bereiche kennengelernt: den Verkauf im Laden, die Zubereitung von Convenience-Food, auch das Pökeln und Wurstmachen. Er hat gelernt, wie man Tiere schlachtet und wie man sie zerlegt. Sein Fazit nach fast abgeschlossener Lehre: Der Umgangston in der Fleischerei kann rau sein und die Arbeit körperlich schwer. Im Kühlraum ist es eisig, beim Wurstmachen dagegen heiß, vor allem im Sommer. Aber nach Feierabend ist der junge Mann meistens zufrieden. Weil man sieht, was man geschafft hat, sagt er, weil man im Team arbeitet. Das hier im Schlachthof sei eine ehrliche Arbeit, die eigentlich anerkannt werden sollte.

Wenn Nick von seinem Beruf erzählt wird er doof angeguckt

Doch mit der Anerkennung hapert es oft. Wenn der angehende Fleischer bei einer Fete gefragt wird: "Und, was machst Du so?" dann weiß er schon, wie es anschließend weitergeht. Mit den Frauen gar nicht, die sind dann nämlich erstmal weg, erzählt er - und grinst trotzdem. Bei solchen Gelegenheiten hat Nick Wagner auch Leute kennengelernt, die mehr vegetarisch oder vegan drauf waren, und die hätten ihn ganz schön doof angeguckt. Andere Gleichaltrige fanden das mit dem Schlachterberuf dagegen cool. Das sei doch mal was Neues, etwas Anderes. Die wollten dann wissen, wie das mit dem vielen Blut ist, das nun mal fließt, wenn Tiere geschlachtet werden.

Die Schweine und Rinder der Agrargenossenschaft Ranzig werden am Tag vor dem Schlachten schon in einen Stall direkt nebenan vom Schlachthaus gebracht. Da geht Nick Wagner nach Feierabend manchmal rein und guckt sich die Tiere an. Um nicht zu vergessen, dass da vor dem Schlachten mal was gelebt hat, dass das Fleisch nicht einfach nur ein Produkt ist. Das ist dem 19-Jährigen ganz wichtig.

Auf die Fleischerlehrstelle gab es keine einzige Bewerbung

In der Fleischerei der Agrargenossenschaft Ranzig arbeiten zwölf Schlachter. Vier von ihnen kommen aus Polen. Personal zu kriegen wird immer schwieriger, sagt Frank Groß, Chef der Genossenschaft. Auf die Fleischerlehrstelle hat es in diesem Jahr keine einzige Bewerbung gegeben. Groß schließt deshalb nicht aus, dass auch in Ranzig eines Tages Schlachter mit Werkverträgen arbeiten, wenn man sonst niemanden findet. Die Arbeit müsse schließlich gemacht werden. Natürlich würde er lieber Leute direkt einstellen. Aber zur Not müsse man Alternativen finden.

Die Bundesregierung will Werkverträge nur in der großen Fleischindustrie verbieten. In Betrieben mit weniger als dreißig Mitarbeitern sollen sie erlaubt bleiben.

Eine Nachwuchskraft ist der Fleischerei in Ranzig immerhin sicher. Nick Wagner will nach seiner Gesellenprüfung dort bleiben und später vielleicht seinen Meister machen.

Beitrag von Marie Asmussen

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12 Kommentare

  1. 12.

    Der Unterricht war in der Bevölkerung teilweise umstritten, da ihm das Klischee von Kinderarbeit anhaftete.
    Jedoch ist es heute unglaublich dass es Lehrlinge (blöddeutsch: Azubis) mit 25 Jahren und älter gibt, die kann man gar nicht mehr formen. Wir haben es aufgeben, da sie scheinbar alles besser wissen (wahrscheinlich aus dem Internet). Nö es macht meistens kein Spaß mehr auszubilden, wenn die Person schon zu sehr von sich selbst überzeugt ist.

  2. 11.

    Icke erzähl mal wieder was aus der Zoppzeit. Wir hatten früher PA Unterricht. Heißt, alle zwei Woche in einem Betrieb mitarbeiten. Da konnte man miterleben was ein Zerspaner macht oder der Koch. Vielleicht ging es auch mal auf die Baustelle. Können sich heutige Kinder nicht vorstellen. Obwohl es ja auch Heute noch Schülerpraktika gibt. Aber uns hat es nicht geschadet und wir haben einen Einblick in die Berufswelt erhalten und konnten uns ein wenig orientieren. Icke höre schon wieder die Leute welche da von Ausbeutung reden....

  3. 10.

    Liebe rbb-Redaktion,
    bei dem Satz
    Wer will heute schon Fleischer werden?
    so leicht arrogant dahingeplätschert, sollten Sie sich anstandshalber 1 Jahr lang kein Stück Fleisch mehr servieren lassen.
    Fleischer, Bäcker, Maler, Tischler, Verkäufer usw. sind ehrenwerte, oft anstrengende Berufe. Dazu ehrenwert und trotzdem schlecht bezahlt.
    Helfen Sie uns und konfrontieren die Politiker ENDLICH massiv mit der Aufwertung unserer Versorgungsberufe!

  4. 9.

    Wenn keiner mehr in Handwerkliche Berufe geht brauchen wir uns nicht zu wundern das solche Arbeiten nur noch von billig Arbeitern aus dem Ausland verrichtet werden und diese Arbeitnehmer dann auch noch brutal ausgebeutet werden durch Werksverträge. Mir kommt es so vor daß unsere Jugend kein Interesse mehr ans Handwerk hat wo auch mal die Hände schmutzig werden. Die Aufklärung müßte viel früher in der Schule statt finden um Intresse ans Handwerk zu wecken.
    Hochachtungsvoll Stoll Karl-Heinz

  5. 8.

    Konventionelles Fleisch bedeutet: Vollgepumpt mit Antibiotika, Würste aus Eiterbeulen mit Fäkalienkeimen, durch Riesenbetriebe rasante Verbreitung von Krankheiten... antibiotikaresistente Keime werden durch Fliegen in der Gegend verbreitet, durch Gülledüngung massive Nitratbelastung des Grundwassers wie in keinen anderem Land, Genfutter,.. tierquälerische Haltung wie andauerndene Fixierung des Muttertiers im Liegen, Schreddern von männlichen Küken, häufig Töten von Ferkeln indem man das Tier mit dem Kopf gegen den Bordstein schlägt..Wer will noch mehr hören?

  6. 7.

    Gerade die Ranziger Agrargenossenschaft produziert mit hoher Qualität.
    Ekel-Berliner braucht auch kein Mensch.

  7. 6.

    Vielleicht sehen wir dies als (ein weiteres der vielen) Zeichen und Anlass, die Produktion von solchen Waren Stück für Stück zu minimieren. Ein Job wie dieser könnte langfristig gesehen verschwinden, wobei neue Arbeitsbereiche (pflanzliche Landwirtschaft) mit Arbeitskräften gedeckt werden können.
    Ich für meinen Teil freue mich, dass sich weniger Menschen für den Schlachterberuf interessieren. Das Bild des romantischen Jägers/des "ehrenvollen Fleischers" ist im Jahr 2020 schon längst überholt und mehr als hinterfragungswürdig.
    Nur weil ein Beruf Tradition hat, hat er noch lange nicht seine ewige Darseinsberechtigung. Etwas überspitzt: Sklavenhalter waren auch mal anerkannt und gern gesehen.

  8. 5.

    Ein Beruf als echtes Handwerk. Ich habe als Koch schlachten und ausbeinen gelernt, und aber erzählen darf man über siese Arbeit nicht. Alle wollen ein Schnitzel auf dem Teller aber keinen interessiert es wie es dahin kommt. Ich hoffe der junge Mann macht seinen Meister und lässt das Handwerk nicht aussterben.

  9. 4.

    Wenn sich niemand findet muss dass Gehalt so angehoben werden, dass sich jemand findet. Für 3.000 Euro netto monatlich wird sich jemand finden. Es gibt Menschen die tun für reichlich Geld alles. Fleisch soll so einen Preis haben dass alle Mitarbeiter in der Fleischverarbeitung gute Tariflöhne erhalten. Es darf keine Ausnahmen und Gesetzeslücken mit Lohnausbeutung geben.

  10. 3.

    Haha, dieses ekelfleisch braucht so und so kein Mensch mehr, von daher weine ich der Fleischindustrie keine Träne nach.

  11. 2.

    Wer (von den Bundesbürgern) will schon schlechtbezahlte Jobs annehmen und u.a. dann auch noch eine schlechte Rente bekommen?
    Aber wer will auch die höheren Preise bezahlen wenn diese Jobs (Fleischer, Pflegekräfte, Kuriere usw.) bessere Löhne bekommen?
    Natürlich wollen alle mehr Geld, aber jeder bekommt nur das was seine Arbeitskraft am ArbeitsMARKT wert ist.

  12. 1.

    Vielleicht sollten Firmen ihre Schlachter besser bezahlen und wie Menschen behandeln? Gewerkschaften zulassen, Gesundheitsgefährdungen einschränken? Müllmänner gibts ja auch, und da hat man auch schon von Imageproblemen gehört.

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