Dachdeckerfirma "Schaldach & Schröter" in Trebbin (Quelle: rbb/Lisa Steger)
Audio: Inforadio | 05.08.2020 | Lisa Steger | Bild: rbb/Lisa Steger

Handwerksbetriebe in Brandenburg suchen Auszubildende - "Man sieht jeden Abend, was man mit den Händen geschaffen hat"

Anfang August waren nach Angaben der Arbeitsagentur in Brandenburg rund 6.800 Ausbildungsplätze unbesetzt – das ist fast jede zweite Lehrstelle. Besonders im Handwerk fehlt Nachwuchs. Lisa Steger hat einen Dachdeckermeister in Trebbin besucht.

Stolz führt Dachdeckermeister Markus Schaldach durch seine Firma "Schaldach & Schröter" in Trebbin (Teltow-Fläming). Im Lager: Holz für die nächsten Baustellen. In der Garage: ein Kran, der die Baustoffe dreißig Meter hoch heben kann. In der Werkstatt: eine Zuschneidemaschine, die seine 22 Männer gelegentlich mit zu ihren Baustellen nehmen. Kürzlich hat eine Fachzeitschrift über den Betrieb berichtet. Es ging um eine Wohnanlage für 50 Familien in Luckenwalde. Die hatten Schaldachs Männer überdacht. "Da wurden 200 Kubikmeter Holz verbaut, 40 mal so viel wie bei einem Einfamilienhaus", berichtet der Dachdeckermeister.

Vergebliche Suche nach Auszubildenden

Auch Corona hat dem Betrieb kaum geschadet. "Wir arbeiten ja an der frischen Luft", so der Handwerksmeister. Dort gab es keinen Shutdown. "Es gingen nur einige wenige Aufträge verloren, weil die Leute einen Rückzieher machten."

Nur ein Problem hat die Schaldachs Firma: Es bewerben sich kaum noch Schulabgänger um einen Ausbildungsplatz. Seit Beginn des Jahres sucht der Chef nach drei Lehrlingen, doch ein Platz ist immer noch frei.

Das Handwerk, glaubt Markus Schaldach, hat ein schlechtes Image. Jedoch zu Unrecht. "Abitur und Studium werden immer als wichtig dargestellt, aber auch im Handwerk ist Weiterbildung ein Thema", sagt er. "Man kann sich nach der Ausbildung weiterqualifizieren, den Meister machen und im besten Fall einen eigenen Betrieb gründen."

Der Dachdeckermeister erkundigt sich bei der Kreishandwerkerschaft nach jungen Leuten und präsentiert sich mit seinem Unternehmen auf Messen. Außerdem werden Schulklassen eingeladen und Tage der Offenen Tür veranstaltet. Neuerdings gibt es sogar Veranstaltungen für Eltern, erzählt Mario Bayer, der in der Firma für die Ausbildung zuständig ist. "Damit sie mal einen Eindruck bekommen, was hier so läuft", sagt der Dachdecker, der ebenfalls einen Meisterbrief hat. "Es ist ganz wichtig, dass die Eltern dahinterstehen." Er liebt seinen Beruf: "Man ist jeden Tag draußen und sieht jeden Abend, was man mit den Händen geschaffen hat." Und überhaupt: "Das Handwerk ist krisenfest. Jedenfalls krisenfester als die großen Industriebetriebe – das hat man ja zuletzt gesehen."

Werkstatt von Markus Schaldach (Quelle: rbb/Lisa Steger)
Die Werkstatt von Markus Schaldach | Bild: rbb/Lisa Steger

Bis zu 1.150 Euro Ausbildungsvergütung

Die Bezahlung im Dachdeckerhandwerk sei besser als ihr Ruf, sagt Schaldach. 670 Euro gebe es im ersten Lehrjahr, 1.150 im dritten. Ein ausgebildeter Dachdecker könne mit knapp 2.400 Euro brutto rechnen.

Die Nachwuchsprobleme bestehen seit zehn Jahren, doch die Corona-Pandemie habe die Suche nach Auszubildenden zusätzlich erschwert. "Wir hatten Praktikanten aus einer Schule hier in Trebbin eingeplant, aber sie durften nicht kommen", berichtet Markus Schaldach. Das sei sehr ungünstig, denn in der Vergangenheit hätten sich immer wieder Praktikanten für eine Berufsausbildung in diesem Betrieb entschieden.

Auch die anderen Baubetriebe der Region suchen händeringend Lehrlinge, so der Dachdeckermeister. Etwa sein Bruder, der Ofensetzer ist: "Der hatte nur einen Lehrling und der ist auch noch durch die Prüfung gefallen." Wenn es so weitergehe, stehe das Baugewerbe vor großen Problemen. "Wir könnten weniger Aufträge annehmen und die Kunden müssten noch länger warten", meint er. Wohnungen würden dringend gebraucht, das Handwerk sei immens wichtig, ist Schaldach überzeugt.

Probleme mit dem Bildungsniveau

Eine weitere Hürde: Selbst wenn man einen Lehrling gefunden hat, muss man mit ihm viel Schulstoff nachholen. "Im ersten Jahr der Berufsschule fängt man in Mathematik mit dem Stoff der siebten Klasse an, steigert sich langsam bis zur zehnten Klasse, erst dann beginnt die Fachmathematik", schildert Mario Bayer seine Beobachtungen. "Mathematik ist der Kern, um ein Dach überhaupt vernünftig eindecken zu können", ergänzt Markus Schaldach, der zudem große Wissenslücken in den Naturwissenschaften beklagt: "Chemie. Physik. Die Hebelgesetze. Das muss man im Handwerk einfach wissen."

Brandenburg wirbt um Nachwuchs

Die Suche nach Lehrlingen ist in diesem Jahr besonders schwierig, erklärte Anfang August auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Ein Grund seien die Maßnahmen gegen Corona: "Es fehlte der persönliche Kontakt, Ausbildungsmessen fanden nicht statt", so der SPD-Politiker. "Wir haben sechs bis acht Wochen verloren, in denen kein Vertrag geschlossen wurde", berichtete Andraes Körner-Steffens von der Handwerkskammer Potsdam.

"Rund 6.800 Plätze sind frei, andererseits sind rund 6.100 junge Leute noch unversorgt", betonte Bernd Becking, Chef der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg, und appellierte: "Man sollte sich bewerben, die Chancen sind gut."

Das Lehrjahr beginnt wie stets am 1. September, doch man könne auch später einsteigen, hieß es – in diesem Jahr gelte das ganz besonders.

Sendung: Inforadio, 05.08.2020, 15:50 Uhr

Beitrag von Lisa Steger

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

7 Kommentare

  1. 7.

    2.400 Euro ist der Anfang und wird entsprechend der LEISTUNG nach oben angepasst. Darüber hinaus gibt es weitere Zuwendungen und Zuschläge wie 13. Monatsgehalt, zusätzliches Urlaubsgeld und ein 14. Monatsgehalt gibt es auch. Es ist eben nicht alles schwarz oder alles weiß, dazwischen liegt die Wahrheit.

  2. 6.

    Knochenjob.Arbeitszeitkonto.Damit man im Winter nicht arbeitslos ist.Oft Samstagsarbeit.Altersgrenze für den Renteneinstieg in Deutschland steigt,wer früher aussteigen will,riskiert Abschläge:Pro Monat gibt es 0,3 Prozent weniger Rente – und zwar bis zu seinem Lebensende.Und mit 65+ kann man den Beruf nur noch schwer/leidend ausüben.Da verdienen andere mehr im Jahr.Ohne sich den Buckel krumm zu machen.

  3. 4.

    Ich kann allen Kommentaren hier nur zustimmen. Würden gelernte Handwerker dementsprechend auch richtig entlohnt werden, dann gäbe es auch kein Lehrkräftemangel. Aber jede*er Jugendliche kann sich schon vorher ausrechnen wo er nach verbliebene Lehrzeit landet. Die meisten davon laufen dann geradewegs irgendwelchen dubiosen Subunternehmen mit fadenscheinigen Versprechen in die Hände. Das ist die Realität heutzutage.

  4. 3.

    Wenn man sich die Steuerlast und die Mieten anschaut, dann frage ich mich allen Ernstes, was denn bitte schön 2.400 ,00,- Euro brutto sein sollen? Lohnsteuer, Rentenversicherung, Krankenversicherung u. Arbeitslosenversicherung (falls das noch so ist). Da ist es doch unterm Strich günstiger und bequemer alimentiert für das Nichtstun zu Hause zu bleiben. Bei 2.000-2.200 Euro netto würde die Sache schon ganz anders aussehen. Aber das hat Deutschland noch nicht begriffen.

  5. 2.

    Der Beitrag ist selbsterklärend. Die genannten Fakten geben Antwort auf die Frage warum. Und 2400,- nach der Lehre mag vielleicht noch gehen, aber eben leider ohne nennenswerte Steigerungsmöglichkeiten. Wer geht dafür bei Wind und Wetter aufs Dach. Da ist ein Bürojob bequemer und lukrativer. Und nicht jeder Geselle kann den Meister machen und eine Firma gründen.

  6. 1.

    Bezahlt die Lehrkräfte anständig und wenn Sie fertig sind dann auch als die Facharbeiter die sie sind. Bietet ihnen ein vernünftiges Arbeits- und Lernumfeld, missbraucht sie nicht als billige Arbeitskräfte und schon habt ihr keine Nachwuchsprobleme mehr.

    Merke: Es gibt keinen Fachkräftemangel sonder nur Arbeitgeber die zu wenig zahlen.

Das könnte Sie auch interessieren