Symbolbild: Junge Mechatronik-Auszubildende arbeiten in einer Werkstatt. (Quelle: imago images/U. Winkler)
Audio: Fritz | 19.08.2020 | Anja Haufe | Bild: imago images/U. Winkler

rbb|24-Datenrecherche | Azubis in Berlin und Brandenburg - Wie sich Corona auf den Ausbildungsmarkt auswirkt

Derzeit sind in Berlin und Brandenburg noch ungewöhnlich viele junge Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Das hat mit Corona zu tun, aber auch mit der zunehmenden Kluft zwischen Berufswunsch und Angebot. Von Götz Gringmuth-Dallmer

Einige Unternehmen haben bereits mit der Ausbildung begonnen, andere starten am 1. September, doch knapp 14.000 junge Menschen in Berlin und Brandenburg suchen laut Statistik der Arbeitsagentur immer noch nach einen Ausbildungsplatz (Stand: Juli 2020). Dabei stehen den 13.721 unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern demnach 12.370 unbesetzte Ausbildungsstellen gegenüber. Während es in Brandenburg mehr offene Stellen als unversorgte Bewerber gibt, verhält es sich in Berlin umgekehrt.

Aus der Pressestelle der Berliner Arbeitsagentur heißt es dazu, dass die Lage auf dem Berliner Ausbildungsmarkt insgesamt – vor allem coronabedingt – schwieriger sei als in den vergangenen Jahren. Sowohl bei den Unternehmen als auch bei vielen Jugendlichen sei die Verunsicherung groß. Die Unternehmen fragen sich: Wie entwickelt sich die wirtschaftliche Lage weiter? Die Auszubildenden fragen sich: Was bedeutet die aktuelle Lage für meinen Berufsweg? Auch deshalb sei die Zahl der noch unversorgten Bewerber derzeit höher als im Vorjahr.

13 Prozent weniger Ausbildungsstellen

"Wir gehen derzeit von einem Corona-bedingten Minus bei den Ausbildungsstellen von etwa 13 Prozent aus", sagt Claudia Engfeld von der IHK Berlin. Das hänge aber wesentlich von der Branche ab. Betriebe, die besonders schwer von den Pandemiefolgen betroffen sind und weiter ums Überleben kämpfen müssen wie etwa Hotellerie und Gastronomie, fürchten, dass sie mehr als 30 Prozent weniger ausbilden können. Viele andere Branchen hielten dagegen weitgehend an ihren Ausbildungsplänen fest.

Die Brandenburger IHKs schätzen die Auswirkungen von Corona ähnlich ein. Auch hier stünden die von der Eindämmungsverordnung besonders betroffene Branchen wie der Tourismus und die Veranstaltungsbranche vor existenziellen Unsicherheiten, so die Einschätzung der IHKs Cottbus, Potsdam und Ostbrandenburg. Das zeige sich auch auf den Ausbildungsmarkt. Die Unternehmen hätten ihre Ausbildungsentscheidungen überdacht und sie zum Teil verschoben, so Regina Altmann, Kompetenzfeldmanagerin bei der IHK Cottbus gegenüber rbb|24.

Die IHK Ostbrandenburg verzeichnet aktuell ein Minus von mehr als 20 Prozent bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr. Auch durch ausgefallene Ausbildungsmessen und Bewerbungsgespräche seien viele Unternehmen noch nicht soweit, so die Einschätzung.

Gleichzeitig verweisen alle IHKs in Berlin und Brandenburg auf zahlreiche offene Stellen in ihren Regionen. Claudia Engfeld von der IHK Berlin betont, dass Jugendliche immer noch super Chancen auf einen Ausbildungsplatz hätten und zwar in fast allen Berufsfeldern.

Interessant ist ein Blick in die Details der Statistik der Arbeitsagentur, wie die rbb|24- Datenrecherche zeigt. Bei einigen Ausbildungsberufen passen das Angebot an Ausbildungsplätzen auf der einen Seite und das Interesse für diese Berufe bei den Bewerbern so überhaupt nicht zusammen. So gibt es in Berlin durchaus Ausbildungsbereiche, da ist das Angebot an Plätzen höher als die Anzahl der Bewerberinnen und Bewerber.

Obwohl die öffentliche Verwaltung sichere Arbeitsplätze bietet, scheinen eher weniger junge Menschen Lust zu haben, auf die Frage: "Und was lernst Du so?" zu antworten: "Fachangestellte/r für Arbeitsmarktdienstleistungen" oder "ich lerne Verwaltungsfachangestellte Kommunalverwaltung". In der Verwaltung gab es im Juli in Berlin 937 Ausbildungsplätze aber nur 774 Bewerberinnen und Bewerber, 427 Bewerber gelten bislang als unversorgt.

Sicherer Arbeitsplatz spielt keine so große Rolle

Die Berliner Arbeitsagentur bestätigt, dass im Bereich der Verwaltung die Zahl der Ausbildungsstellen höher sei als die Zahl der Bewerber. "Das war bereits in den vergangenen Jahren so, insofern setzt sich ein Trend fort", erklärt die Pressestelle schriftlich auf eine Anfrage von rbb|24. Für Jugendliche wären oft Berufe beziehungsweise eine Berufsausbildung in Unternehmen verlockender als eine Ausbildung in der Verwaltung, heißt es weiter.

Das Argument des "sicheren Arbeitsplatzes" spiele in diesem Sinne noch keine oder eine geringe Rolle. Falls die Corona-Pandemie hier eine Veränderung bewirken oder bewirkt haben sollte, dürfte sich das vermutlich erst mit deutlicher Verzögerung in den Statistiken niederschlagen, erklärt die Arbeitsagentur.

Ungefähr genauso unattraktiv wie Berufe in der Verwaltung in Berlin sind in Brandenburg Berufe in der Landwirtschaft. Von 185 Ausbildungsstellen sind 104 noch unbesetzt. Die Zahl der registrierten Bewerber ist so klein, dass sie aus Datenschutzgründen nicht einmal in der Statistik auftaucht.

Ebenfalls alle Jahre wieder auf der Liste der unbeliebten Ausbildungsberufe: Irgendwas mit Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik oder irgendwas mit Lagerwirtschaft, Post und Zustellung. Das gilt für Berlin und Brandenburg.

Richtig mies ist das Verhältnis in beiden Bundesländern, wenn es um Lehrstellen für den Verkauf von Lebensmitteln geht. Hier übersteigt das Angebot an Ausbildungsplätzen die Zahl der Bewerber um mehr als das zehnfache.

Handel vermisst Grundkenntnisse

Hinzu kommt: Selbst wenn die Anzahl der Bewerber und das Angebot der Stellen relativ ausgeglichen sind, finden diese teilsweise schwer zusammen. Das wird besonders deutlich bei Ausbildungsplätzen im Verkauf. In der Statistik der Arbeitsagentur finden sich in der Berufskategorie "Verkauf (ohne Produktspezialisierung)" in Berlin noch 1.109 unbesetzte Ausbildungsstellen. Dem gegenüber stehen zugleich 1.032 unversorgte Bewerberinnen und Bewerber.

Warum die schwer zueinander finden erklärt Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg so: "Viele Bewerber sind einfach nicht geeignet." Der Handel vermisse oftmals Grundkenntnisse. "Wenn wir einen Abiturienten beim Bewerbungsgespräch bitten, auf 100 Euro drei Prozent Skonto auszurechnen und der weiß nicht, wie es geht, was sollen wir mit dem?", so Busch-Petersen. Er geht aber auch davon aus, dass in den kommenden Wochen noch einige Bewerber und Ausbildungsplätze zusammenfinden. "Das ruckelt sich noch zurecht", so seine Prognose.

Brandenburg hat in diesem Bereich ein verschärftes Problem: Hier gibt es selbst nach Zahlen viel zu wenige Bewerber. 882 unbesetzten Ausbildungsplätzen stehen gerade mal 793 unversorgte Bewerberinnen und Bewerber gegenüber.

Ein deutliches Überangebot von Bewerbern im Verhältnis zu Ausbildungsplätzen gibt es in Berlin dagegen in der Tierpflege (154 zu 9) und bei Berufen im Bereich Innenarchitektur und Raumausstattung (139 zu 13).

In Brandenburg besteht das größte Überhang an Bewerbern in der Kategorie Hauswirtschaft und Verbraucherberatung (65 zu 4), Innenarchitektur und Raumausstattung (92 zu 10) sowie Veranstaltungs-, Kamera-, Tontechnik (147 zu 20). Und noch einmal zurück zu den in Berlin so ungeliebten Berufen in der Verwaltung: In Brandenburg ist das Interesse in diesem Bereich deutlich höher als das Angebot. Dort stehen 820 Bewerbern 577 Stellen zur Verfügung.

Verkehrte Welt

Grundsätzlich glit: Die Zahlen sind eine Momentaufnahme in unsicheren Zeiten. Die Berliner Wirtschaft braucht jedenfalls dringend Auszubildende, da sie sich zunehmend mit einem Fachkräftemangel konfrontiert sieht. "Vor zehn Jahren gab es mehrere Bewerber auf eine Stelle", sagt Claudia Engfeld von der IHK Berlin, "jetzt bewerben sich die Unternehmen bei den Jugendlichen."

Hinweis zu den Daten

Ausgewertet wurden nur Daten, die der Arbeitsagentur gemeldet wurden. Dabei ist zu beachten, dass weder Ausbildungsbetriebe noch Bewerberinnen und Bewerber verpflichtet sind, sich bei der Arbeitsagentur zu melden.

Als versorgt gelten Bewerber dann, wenn sie sich bei der Arbeitsagentur wieder abmelden, unabhängig davon, was derjenige dann macht.

Sendung: Inforadio, 19.98.2020, 6.20 Uhr

Beitrag von Götz Gringmuth-Dallmer

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2 Kommentare

  1. 2.

    Der Bund sollte fuer seelisch Behinderte einen Rechtsanspruch auf ein Praktikum zur Belastungserprobung in regeelmaessigen Abständen schaffen. Manch Depressiver würde viel lieber bei 40 Grad Hitze bei einem sinnvollen Bauprojekt schuften, als sinnlos zu Hause zu sitzen. Auch deshalb sollte die Politik Freiwilligenarbeit viel stärker fördern.

  2. 1.

    Icke weiß nicht! Wenn man dem Abiturienten beim Bewerbungsgespräch auch keine Hilfsmittel zur Verfügung stellt, dann kann er die 3% Hürde auch nicht schaffen. Ansprüche stellen die Leute aber oooch! Uuund dann bekommt man im Handel immer wieder zu hören.. hätten sie was Anständiges gelernt, müssten sie hier nicht arbeiten!!!!

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