Ein Bauer versprüht am 08.06.2007 Düngemittel bei Neuruppin, Brandenburg. Im Vordergrund blühende Mohnblumen. (Quelle: imago images/Ute Grabowsky)
Bild: imago images/Ute Grabowsky

Pflanzenschutzmittel - Studie zeigt weite Verbreitung von Pestiziden in der Luft

In der Landwirtschaft verwendete Pestizide und deren Abbauprodukte verbreiten sich einer Studie zufolge kilometerweit durch die Luft. Betroffen sind auch Orte in Brandenburg und Berlin.

Seit vielen Jahren wird über den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft gestritten. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass sie sich in ganz Deutschland kilometerweit durch die Luft verbreiten.

In Auftrag gegeben wurde die Untersuchung vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und dem Umweltinstitut München. Zwischen 2014 und 2019 wurde in Deutschland an 163 Standorten gemessen, wie sich Pflanzenschutzmittel in der Luft verbreiten. An rund drei Viertel der Standorte wurden jeweils mindestens fünf und bis zu 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden.

In Brandenburg wurde an 29 Orten gemessen. Die meisten Pestizide (22) weist die Studie an einer Sammelstation in Groß Kreutz (Havel) aus. Auch in Berlin wurden an einer der vier Messstationen 16 Pestizide gefunden, an einer keine.

Die meisten Pestzid-Wirkstoffe wurden demnach in Bayern gefunden (78). In Brandenburg waren es 51, in Berlin immerhin noch 18.

Proben von Landwirten und Imkern

Für die Studie wurden nach Angaben der Auftraggeber von März bis November 2019 Pestizide in der Luft gemessen. Untersucht wurden Standorte im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu mehr als 1.000 Metern Entfernung von potenziellen Quellen. Diese waren in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten.

Die Daten seien mit Hilfe neu entwickelter Passivsammelgeräte, aus Filtermatten in Be- und Entlüftungsanlagen von Gebäuden sowie durch die Analyse von Bienenstöcken und Baumrinden erhoben worden. Unterstützt wurde die Studie von Landwirten, Imkern und interessierten Privatpersonen. Sie stellten die Pestizidsammler nach Anleitung der Forschungsgruppe auf und sandten die Proben zur Auswertung ins Labor.

Das in der Vergangenheit besonders kontrovers diskutierte Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat ist laut Studie in allen Regionen Deutschlands und abseits von potenziellen Ursprungs-Äckern nachgewiesen worden. Insgesamt wurden deutschlandweit demnach 138 Stoffe gefunden, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen gewesen seien.

Kritik an der Veröffentlichung

Die Bewertung der Studie fiel höchst unterschiedlich aus. Karl Bär, Agrarexperte im Umweltinstitut München, nannte die Ergebnisse der Studie "schockierend". Pestizide landeten "in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft". Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, kritisierte insbesondere, dass biologisch bewirtschaftete Äcker kontaminiert würden. "Ganze Ernten gehen so verloren." Beide forderten ein sofortiges Verbot der fünf Pestizide, die sich am meisten verbreiteten, darunter Glyphosat.

Der Industrieverband Agrar [www.iva.de], der Pestizidhersteller vertritt, nannte die Studie dagegen "alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide". Es lasse sich heute jeder beliebige Stoff im Spurenbereich nachweisen. Die Mengen seien jedoch minimal, so dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich seien.

Wolfgang Scherfke vom Landesbauernverband Brandenburg wies gegenüber rbb|24 darauf hin, dass sich Landwirte und Verbände intensiv mit Minimierungskonzepten befassen würden. "Wir erwarten, dass die Diskussion um Pflanzenschutzmittel sachlich und von unabhängigen wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen begleitet und ohne Polemik und vorgefasste Meinung geführt wird". Jede Art von Untersuchungsergebnissen müsse in ein entsprechendes Verhältnis gebracht werden, zum Beispiel in das Verhältnis von einer möglichen Belastung zu einem zugelassenen und unschädlichem Grenzwert. Der Landesbauernverband gehe davon aus, dass dies in den offiziellen Zulassungsverfahren erfolge.

50 Kommentare

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  1. 50.

    Ich bin so ratlos, wir leben mit unseren zwei kleinen Kindern umringt von konventionell bewirtschafteten Feldern. Ich habe viel recherchiert und habe große Angst vor der Extrembelastung durch unmittelbare Nähe (30m). Kein angeschriebener Experte will konkretes sagen, ob ein Wegzug die bessere Idee ist. Toll, dass wir erst vor zwei Jahren voller Unwissenheit in mitten dieser Lage gebaut haben, ein finanzieller Ruin aber vielleicht besser als die gesuncheitlichen Auswirkungen abzuwarten?

  2. 49.

    Das dachte ich auch gerade. Nur dass wir im Dreck gespielt haben, heute würden die sterilen Kinder tot umfallen :)

  3. 48.

    Die Studie hat was von Volksverdummung. Die Ackergifte bei den Biobauern werden verschwiegen.

  4. 47.

    Wieviele "Experten" teile diesen Unsinn?
    "Habe vor längerer Zeit mal gelesen, dass Fachleute erwarten, dass in Britannien höchstens noch 100 Jahre Feldwirtschaft zu erwarten ist, bei ständig sinkenden Erträgen, wegen der Zerstörung der lebendigen Böden."

  5. 46.

    Direktsaat ist nicht wirklich neu. Investitionen in die entsprechende Technik sind am besten von großen ertragreichen Betrieben umzusetzen. Ja wieder das Märchen vom Waldgarten. Schon der Name ist der reine Blödsinn.

  6. 45.

    Sie meinen die Bio-Branche betreibt keine Heimlichtuerei. Aufschlussreich ist dann der nächste Absatz, in dem Sie nach den den Tricksereien der Bio-Bauern fragen. Wenn ich Zeit habe kann ich gerne nach den Informationen suchen. Aber vieles bekommt man natürlich eher vor Ort mit, wenn einer in der Lage ist die richten Fragen zu stellen und die Zusammenhänge versteht. Wen ich ihnen Links sende, werden diese Sie leider nicht erreichen. Als erstes empfehle ich den WDR-Beitrag oben. Dies haben Sie gelesen? "Rohstoffe wie Hornspäne kommen aus der konventionellen Tierhaltung."

    Die Frage ist nicht: Piperonylbutoxid wird NUR im Bio Landbau eingesetzt?
    Die Frage ist "Warum wurde das giftige Pestizid Piperonylbutoxid ernst gar nicht untersucht?
    Offensichtlich sollten die Pestizide im Bio-Anbau nicht publik werden. Es handel sich also um eine reine Propaganda auf welche viel reingefallen sind.

  7. 44.

    Weil ich allgemein den Pestizid Einsatz hinterfragt habe - unabhängig von der Studie. Gern nochmal meine Kommentare lesen.

    Weil der Bio Branche Heimlichtuerei unterstellt wird: bzgl. Kupfer ist das doch offen? https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/pflanze/grundlagen-pflanzenbau/pflanzenschutz/pflanzenschutzmittel/kupfer-im-oekolandbau/

    "Bio-Lobby...Giftige Pestizide...Tief in die Trickkiste... Leider ist dies kein Einzelfall" => Wo kann man sich diesbezüglich aufschlauen? Interessiert mich wirklich.

    Und trotzdem nochmal die Frage: Piperonylbutoxid wird NUR im Bio Landbau eingesetzt? Oder ist der Einsatz im konventionellen Landbau nicht ebenfalls Standard?

    Nicht das sich die Alternative für einzelne Punkte rechtfertigen muss, die im Status Quo usus ist. Und die anderen unzähligen ungelösten Probleme des Status Quo unangesprochen und weiter ungelöst bleiben - wo die Alternative aber dann ne Alternative wäre...

  8. 43.

    Danke Andre P.,
    die Tatsache dass viel schon nicht auf den Tisch kommt, weil es einen kosmetischen Makel hat, ist ein Armutszeugnis für unseren ach so gesunden Verstand.
    Deshalb glaube ich, dass wir sehr wohl die Menschen ernähren können.
    Und nein, Bio und auch konventionell gibt es in vielen Facetten zB auch die Nicht-umgraber (engl No-Till). Was sagen sie dazu Alisa?
    Ich freue mich jedenfalls, dass es die Studie gibt. Wir müssen anders landwirtschaften und vielfältig - vom Waldgarten bis zur Fünffelderwirtschaft und was es sonst noch gibt. und unsere Konsumgewohnheiten ändern! Nur beides zusammen wird gehen.

  9. 42.

    Den Punkt der dramatisch wachsenden Bevölkerung ignorieren Sie. Zudem ist mit bei mehr Verbreitung des Bio-Anbaus mit höheren Einsatz von Pestiziden auszugehen. Die Bio-Bauern vergiften Böden mit Schwermetall. Sie verschwenden Ressourcen, da sie den Boden öfters bearbeiten müssen. Sie laugen die Böden aus und verschwenden Phosphate. Rohstoffe wie Hornspäne kommen aus der konventionellen Tierhaltung. Keine konventionelle Tierhaltung keine Hornspäne mehr. Aber solche Tatsachen passen ja nicht in die Märchenwelt der Grünen.

  10. 41.

    Gesundheitsschutz ist nicht so wichtig, Hauptsache es kann weiter mit Verordnungen regiert werden und der Profit stimmt. Die Rechnung zahlen später sowieso andere.

  11. 40.

    Nur dass der Boden auch nicht ewig diese "Behandlung" überlebt. In gesunden Äckern gibt es ein Zusammenwirken von Kultur- (und anderen) Pflanzen, Pilzen und Bakterien. Durch Monokulturen, Pestizide und Überdüngung zerstört man den Boden. Irgendwann trägt der dann gar nichts mehr, da kann man draufkippen, soviel man will. Bei sinnvoller Fruchtfolge, Gründüngung und ähnlichem braucht man nicht soviel Chemie. Habe vor längerer Zeit mal gelesen, dass Fachleute erwarten, dass in Britannien höchstens noch 100 Jahre Feldwirtschaft zu erwarten ist, bei ständig sinkenden Erträgen, wegen der Zerstörung der lebendigen Böden. Und wir werfen immer noch Unmengen an Lebensmitteln weg...

  12. 39.

    Kein Wort von ihnen dazu: Wie einseitig die Studie doch ist. So wurde das giftige Pestizid Piperonylbutoxid ernst gar nicht untersucht weil es im Bio-Anbau genutzt wird. Beim giftigen Pestizide Piperonylbutoxid greift die Bio-Lobby wieder tief in die Trickkiste, da es nicht als Pestizid sondern als Wirkungsverstärker. Leider ist dies kein Einzelfall.

  13. 38.

    Warum gab es im Osten mehr Störche als im Westen und mehr Insekten als heute? War das alles Bio?

  14. 36.

    Naja, solange die meisten Flächen für ineffiziente Tierhaltung verschwendet wird, ist dies kein wirkliches Argument.

  15. 35.

    Jo, ist nicht so schlimm, selbst Agrawissenschaftler können nicht alles wissen und haben oft unterschiedliche, fachliche Meinungen so wie Köche, Ärzte, Geckozüchter, Imker, Ganjagärtner, Pädagogen, Bäcker, und viele viele mehr!
    Meine Aussage bezog sich auf die Tierwirtschaft, dort wurde überwiegend mit regional angebauten Futter (Mais, Rüben usw.) gefüttert, also BSE wäre wohl kaum ein Thema geworden. Gesunde Tiere gleich bessere Gülle für die Felder.
    Generell kann behauptet werden, das durch die Regionalität der Erzeugnisse, massiv umweltschoned gehandelt wurde. Das Futter für die Teire wurde regional erzeugt genauso wie die Erzeugnisse für den Menschen regional verkauft wurden.

  16. 34.

    Es gibt da noch das Konzept Waldgarten, Eicheln und Bucheckern können auch verzehrt werden! Funktioniert im Regenwald seit tausenden Jahren! Bsp.: Eine gr Eiche mit ca. 400m² Platzbedarf kann bis zu 3t Eicheln produzieren! Die selbe Fläche Korn reicht für ca 400 500g Brote!

    Das ist doch das Hauptproblem, eine Lobby versucht uns einzureden, ohne geht es nicht, und es sei fortschrittlich Nahrungsmittel industriell zu erzeugen. WEnn wir jetzt umdenken und Waldgärten fördern, haben wir in 20 -60 Jahren stabile, ertragsreiche Ökosysteme, die weder viel Treibstoff noch Dünger benötigen!

  17. 33.

    Oje, normalerweise werden Zitate in Anführungszeichen gesetzt, so in etwa: ´für "punktuelle UImweltschonung" (was ist das?) hatten die bestimmt nicht einen Satz im 5-Jahresplan.´

    Ich frage mich übrigens auch was Sie mit "punktuelle UImweltschonung" meinen. Eine Ulme heisst übrigens auch Ulmus glabra!

  18. 32.

    Richtig So schreibt das Bundesinstitut: "Abdrift, Verflüchtigung und Verfrachtung von Pestiziden: Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind bei sachgerechter und bestimmungsgemäßer Anwendung unwahrscheinlich "

  19. 31.

    Nene, schon gelesen und verstanden.

    Mein Punkt war allerdings: gigantische Mengen Lebensmittel werden weggeschmissen oder über den Umweg Masttiere vergeudet. Ob diese "Reserven" (wenn man es denn so positiv nennen will) nicht den niedrigeren Ertrag mehr als ausgleichen steht da nicht.

    Die langfristigen negativen Folgen der konventionellen Landwirtschaft sind dagegen offensichtlich und werden auch in Teilen von den traditionellen Produzenten nicht (mehr) bestritten, weil absehbar ist, das das so auf Dauer nicht funktioniert und man ja jetzt schon mit den Auswirkungen kämpft. Dazu sagen die Experten in dem Artikel leider auch nix...

    Bezüglich Kupfer: auch in der konventionellen Landwirtschaft werden Kupferpräparate eingesetzt - ist jetzt also kein exklusives Problem der Öko-Branche (wenn auch dort in größerem Ausmaß). Die Abschätzung der jeweiligen Folgeschäden steht da aber auch nicht.

    WDR: "Wir müssen gleichzeitig auch eine Ernährungswende mitdenken"

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