Symbolbild: Werbung für den Aktionstag <<Black Friday>> hängt im Schaufenster eines Ladens in der Innenstadt. (Quelle: dpa/F. Gentsch)
Bild: dpa/F. Gentsch

Interview | Ladeninhaberin zum "Black Friday" - "Ich halte nichts von 'billig-billig' oder 'Geiz ist geil'"

Ende November kommt alljährlich die große Schnäppchenjagd: Am 26. November startet der "Black Friday" und am 30. November dann der "Cyber Monday". Die Inhaberin eines kleinen Geschäfts in Berlin-Friedrichshain erzählt, warum sie nicht mitmacht.

rbb|24: Frau Wiechert, ihr Laden, in dem Sie Kleidung, Accessoires und Schuhe verkaufen, ist derzeit geöffnet. Wie viele Leute, Hipster, Touris und Nachbarn kommen jetzt – während des zweiten Lockdowns – im Schnitt so in Ihr Geschäft in Friedrichshain im Vergleich zu sonst?

Pia Wiechert: Hipster gibt es hier keine mehr, die sind weitergewandert. Und Touristen sind ja auch keine da. Im Moment gehe ich davon aus, dass es 50 Prozent weniger sind. Das sehe ich ja auch an den Zahlen. Die sind mit der Verkündung des Teil-Lockdowns rapide nach unten gegangen.

Was verkauft sich denn im Moment?

Alles was warm hält. Man merkt, dass die Leute mehr Zeit draußen verbringen dieses Jahr. Ich merke das auf jeden Fall bei den Schuhen – da wird sehr darauf geachtet, dass sie gefüttert sind. Es gehen auch solche Sachen wie Wollsocken oder Pulswärmer und andere Sachen, die wirklich warmhalten gut. Eine Mütze hat man vielleicht einfach schon immer gehabt.

Was tun Sie, um die fehlenden 50 Prozent irgendwie reinzuholen – gibt es da Stellschrauben?

Ich bin auf eine Verkaufsplattform gegangen, die für unabhängige kleine Läden zur Verfügung gestellt wird. Ein eigener Online-Shop ist einfach weder bezahl- noch machbar. Ich versuche, mehr auf Instagram zu posten. Aber es ist superschwer. Die Leute sind nicht so wie sonst unterwegs. Ich denke, viel wird einfach online gekauft. Viele sind auch in Kurzarbeit. Außerdem glaube ich auch, dass viele verunsichert sind, weil sie einfach nicht wissen wie es weiter geht und wie lange das alles noch anhält.

Nun ist wieder der legendäre "Black Friday" mit angekündigten Super-Rabatten. Das könnte ja so eine Stellschraube für mehr Verkauf für Sie sein. Machen Sie da mit?

Nein. Davon halte ich nichts. Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Viele andere Geschäftsinhaber haben nach dem ersten Lockdown gleich reduziert. Aber ich habe mich da mit vielen Einzelhandelspartnern, Kunden und auch Freunden abgesprochen, die sich auch dagegen ausgesprochen haben. Denn man wertet durch solche Aktionen die Sachen eher ab. Ich bin mir da aber gar nicht ganz sicher. Vielleicht könnte ich auch, wenn ich damit dann Werbung mache, erfolgreich sein.

Aber ich glaube einfach nicht an "billig-billig" oder "Geiz ist geil". Das kann nicht der Weg sein. Ich meine, wir sind gerade in der Hauptsaison. Das ist normalerweise der wichtigste Monat im Jahr. Es macht für mich keinen Sinn, jetzt Ware, die mich viel Geld gekostet hat, reduziert zu verkaufen. Die Sachen sind ihren Preis wert. Sonst geht die Wertschätzung doch auch verloren. Anders als die großen Händler kann ich Preisreduzierungen auch nicht in meine Preise einkalkulieren. Die gehen gleich beim Einkauf davon aus, Sales machen zu können.

Das heißt, vom "Black Friday" profitieren sowieso nur die großen Player und damit im Zweifelsfall die, die insgesamt von den Auswirkungen der Corona-Pandemie und #stayathome profitieren?

Ja. Es ist schwierig, dagegen anzukommen. Ich kriege die Einkaufspreise, die die großen Unternehmen bekommen, ja auch nicht. Denn sie kaufen vom gleichen Kleidungsstück 1.000 von dem ich sechs einkaufe. Deshalb kaufen sie natürlich zu einem anderen Preis ein als ich. Daher können sie auch im Verkauf ganz anders damit umgehen. Auch wenn sie an dem einzelnen Produkt dann weniger verdienen als ich, macht es die Masse dann doch, wenn sie ein vielfaches davon verkaufen.

Manchmal denke ich, die, bei denen es so gut läuft und die von der Pandemie profitieren, müssten eigentlich eine Extra-Steuer zahlen und die anderen, bei denen es nicht so ist, damit unterstützen. Es ist eine unglaubliche Ungerechtigkeit. Aber schlussendlich entscheidet der Kunde. Hier im Kiez kann man beispielsweise wirklich alles bekommen. Doch die Leute bestellen trotzdem bei den Großen wie Amazon. Jeder könnte ja auch entscheiden, es nicht zu machen, weil er oder sie diese Arbeitsbedingungen und so weiter nicht unterstützen will. Aber den meisten ist es ja egal. Das ist der eigentliche Hohn.

Welche Aussichten haben Sie mit ihrem Laden?

Ich finde, dass über den Einzelhandel derzeit zu wenig geredet wird, weil der ja geöffnet hat. Meine These ist, dass wir offen gehalten werden, weil man uns ja, so wie der Gastronomie, sonst auch noch viel Geld geben müsste. So haben wir geöffnet und müssen klarkommen. Danach, dass die Umsätze eingebrochen sind, fragt keiner. Das wird – auch durch die nun beschlossene Verlängerung dieses Lockdowns – Arbeitsplätze kosten.

Denn das erste, wie Einzelhändler ohne Umsatz Kosten sparen können, ist, Mitarbeiter zu entlassen. Außerdem werden definitiv weitere Läden sterben. Viele, mit denen ich Kontakt habe, sagen, dass sie nicht wissen, ob es für sie weitergeht. Uns allen war klar, dass wir diesen Herbst und den Winter abwarten müssen. Dass sich dann entscheidet, wer die Situation überleben kann und wer nicht. Denn es war uns ja – anders als offenbar vielen Politikern – auch klar, dass diese zweite Welle kommt. Wenn das so weiter geht, wird es schwierig. Der einzige Appell kann der an die Kunden sein: Support your Locals.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Sabine Priess, rbb|24

30 Kommentare

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  1. 30.

    Haha... ALDI, Lidl undCo liefern auch immer Rabattschlachten ab... stehen die auch im Verdacht, von vorn herein zu teuer gewesen zu sein? Wie billig soll es denn sonst sein, zum Herstellellungspreis?

  2. 29.

    Lange Schlangen am Alexanderplatz – Berliner im Kaufrausch
    Wenn man die Bilder sieht, braucht man nichts weiter dazu kommentieren.
    https://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/lange-schlangen-am-alexanderplatz-berliner-im-kaufrausch

  3. 28.

    Außer dem fördert Amazon die Scheinselbständigkeit bei den Zustellern.
    Ich nehme auch keine Pakete für die Nachbarn mehr an, weil die nehmen schließlich auch kein Retoure mehr.

  4. 27.

    "Ich meine sowas, wie es im französischen Garches gibt."

    https://www.tagesschau.de/wirtschaft/frankreich-gegen-amazon-101.html

    https://de.wikipedia.org/wiki/Click_and_Collect

    Merveilleuse France .... :-)

  5. 26.

    Ich meine, keinen Versandhandel, sondern das was viele große Läden auch schon machen, wie MediaMarkt, Thalia oder IKEA. Ich bestelle zwar online, hole es mir aber in der Filiale ab. Wenn es sowas in Berlin bezirksweise gäbe, könnte ich in verschiedenen Läden z. B. am Tempelhofer Damm bestellen und hole alles auf einmal ab. Die einzelnen Läden müssen nicht alle eigene Websites haben, sondern treffen sich auf einer Plattform. Der Kunde kommt in den Laden und entdeckt vielleicht noch mehr, was er mitnehmen will. Auf alle Fälle war der Gang nicht umsonst, weil ja die bestellte Ware wartet.

  6. 25.

    Danke, aber das ist leider auch nicht was ich meine, denn es handelt sich ja trotzdem um Onlinehändler.

    Ich meine sowas, wie es im französischen Garches gibt. Ich kann den Artikel dazu hier nicht verlinken, aber hier ein Zitat daraus:
    "Wegen des zweiten Lockdowns musste in Garches noch kein Geschäft aufgeben, denn die Kommune hilft. "Wir nutzen die App 'Meine Stadt, mein Shopping'. Es sind schon fast 30 unserer 70 Einzelhändler dort von uns kostenlos eingestellt worden mit Bekleidung, Schuhen oder Blumen. Es soll eine virtuelle Fußgängerzone zum Bummeln entstehen."
    Der elegante Deko-Laden unweit des Rathauses ist dabei. "Jeder präsentiert einen Teil seiner Waren. Die Stadt hat uns dafür sogar einen Fotografen gratis geschickt", sagt Geschäftsführer Franck. "Die Seite ist attraktiv. Und wir haben schon darüber verkauft. Es scheint, die Einwohner von Garches machen mit. Sie nehmen am 'Click & Collect' teil, bestellen online und holen ihren Einkauf hier bei uns ab."

  7. 24.

    Wer dauernd Prozente gibt war entweder vorher viel zu teuer oder zahlt keine Steuer

  8. 23.

    Hey. Die Platform heißt TROUVA. Kommt aus England und ist mittlerweile auch in Deutschland vertreten. Da dürfen tatsächlich nur kleine, unabhängige Geschäfte verkaufen.

  9. 22.

    Ihnen ist schon klar, dass Amazon seinen Sitz in der EU hat und dementsprechend auch in der EU Steuern zahlt."
    Der war wirklich gut.
    Ehrlich.
    Amazon zahlt in der EU steuern-natürlich. Otto Kabuttke zahlt auch Hundesteuern für seinen Fiffi.
    Und zwischen dem Promille-Steuersatz von Amazon nach Gewinntransfer durch diverse europäische Steuersparoasenmodelle dürfte sich der von Amazon in der EU gezahlt Steuerbetrag durchaus mit Otto Kabuttkes Hundesteuer vergleichen lassen.
    Und zu den Löhnen-Verdi streikt natürlich seit Jahren, damit Amazon endlich aufhört diese völlig überhöhten Löhne zu zahlen.
    Man hat ja schließlich eine Fürsorgepflicht für Herrn Bezos.
    es kann ja nicht angehen, daß dieser selbstlose Mann ständig bei jeder Verkaufsaktion draufzahlt.
    Is doch wahr!!!!

  10. 21.

    Amazon und Steuern? Das ist ja witzig. Die hocken in Luxemburg und deren Rechnungen entsprechen noch nicht einmal dem HGB. Leider erkennen die Finanzämter die Rechnungen bei Firmenkunden trotzdem an.
    Wie man ein Unternehmen welches verhindert dass bestimmte Bücher oder Waren erst gar nicht in den Verkauf kommen können noch unterstützt wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Lesen Sie mal "The Store" (Titel auf Englisch aber auf Deutsch übersetzt) und dann wissen Sie warum ich da nie kaufen würde. Natürlich ist das überspitzt dargestellt und der Krimiaspekt ist fiktional aber da wird wunderbar das Amazon-Prinzip beschrieben.
    Leider gibt es einige Artikel nur dort. Aber dann verzichte ich herzlich gern darauf.
    Übrigens nehme ich Amazon-Pakete für meine Nachbarn nicht an. Die ach so schnelle Zustellung funktioniert doch nur dann wenn ich für die den unbezahlten Deppen spiele.

  11. 20.

    @Rolf kann ich bestätigen.Solch dumme Antworten habe ich nach freundlicher Fragestellung auch schon bekommen.
    "wenn ses nicht im Regal gefunden haben dann ham was nich" Sicher sind nicht alle so Aber alles schon erlebt.
    Ich bin ein Mensch der schon vor Corona aus Überzeugung und weil ich freundliche Beratung schätze,gerne bei lokalen Händlern kauft.Da guck ich nicht auf den ein oder anderen Euro.Gute Beratung kostet eben ein bisschen mehr.
    Aber so manch kleiner Händler hat es leider noch nicht begriffen dass Freundlichkeit und Wertschätzung für den Kunden wichtig ist.Dann kommt er auch wieder.

  12. 18.

    Danke, aber das ist nicht, woran ich dachte. Ich vermisse eine zentrale Seite oder App, wo ich direkt bestellen kann und das im jeweiligen Laden abhole. Ich weiß ja, welche Läden bei mir in der Nähe sind und brauche auch keine weiteren Gelben Seiten.

  13. 17.

    Zum Bleistift:
    https://corona.rs2.de/sei-loyal-kauf-lokal/

    https://www.zehlendorf.com/warum-lokal-kaufen/

    http://altstadtmanagement-spandau.de/projekte-und-massnahmen/gewerbe-und-handel/

    https://www.gruenderszene.de/business/einzelhandel-corona-krise-unterstuetzung

  14. 15.

    Schlussverkäufe gab es in Deutschland auch - den Sommer- und den Winterschlussverkauf. Das Ergebnis war, dass spezielle billige Extrawaren für diese Schlussverkäufe beschafft wurden, die mit dem eigentlichen Ausverkauf des Rest-Sortiments garnichts zu tun hatten. Das übriggebliebene Rest-Sortiment ging schon Wochen vorher über den Ladentisch. Das war dann auch der Grund für die Abschaffung der Schlussverkäufe.

    In den geschäftsdurchtriebenen USA dürfte das nicht anders sein. Insofern wage ich mal die mutige Behauptung, dass die Schlussverkäufe schlichtweg auf eine Illusion beruhen.

  15. 14.

    In der Tat für mich der entscheidende Satz: Mit dem Gieren geradezu nach Schnäppchen geht jegliche Wertschätzung für die Qualität des Angebotenen verloren.

    Es gibt einen positiven Kreislauf, das ist derjenige, der den Wert einer Sache positiv schätzt und über kurz oder lang dann auch wieder eine Rückwirkung hat zu einem selber hin. Dann gibt es den negativen Kreislauf, der spätestens seit der Schröder-Ära, doch auch schon gleich nach dem Krieg in puncto Lebensmittel einsetzte, dass clever derjenige ist, der am Billigsten einkauft. Qualität egal. Und so ist sie, die Qualität eben, gesunken, fast ins Bodenlose hinein.

    "Black friday" empfinde ich als geschichtlich bewanderter Mensch zudem unsensibel. Es war gerade Deutschland, dass 1929, nach dem Schwarzen Freitag von New York, unter den wirtschaftlichen Folgen des Börsenkrachs zu leiden hatte - bis hin zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten keine vier Jahre später.

  16. 13.

    Von bequem und zurücklehnen kann man nicht reden.Aber mein Arbeitsplatz ist sicherer.Das ist halt der unterschied Arbeitnehmer/Selbstständigkeit.Die Vor- und Nachteile der Selbstständigkeit kennen sie ja selber.
    Da bleibe ich Lieber Arbeitnehmer und muss mir um Vorsorge ect.keine Gedanken machen.
    Aber wenn ich schon damit anfange:Die Sachen sind ihren Preis wert,dann muss ich nicht jammern wenn ich weniger Umsatz mache.Die Wertschätzung bringt auch da auch nicht mehr Umsatz.

  17. 11.

    Mir hat mal ein entspannter Mitarbeiter einer der großen Elektronik Ketten sinngemäß gesagt: Zwei Drittel von dem, was am "Black Friday" über die Kassen geht, sehen wir in den zwei Wochen danach wieder.

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