Grafische Darstellung der Siemensstadt 2.0 mit Hochhaus
Audio: Inforadio | 12.11.2020 | Sebastian Schöbel | Bild: Ortner & Ortner / Siemens

Berlin-Spandau - IG Metall sieht Probleme bei ÖPNV-Trasse in Siemensstadt 2.0

Bislang liefen die Planungen zur Siemensstadt 2.0 in Berlin-Spandau relativ geräuschlos ab. Doch so langsam tauchen kontroverse Themen auf. Im Rahmenplan ist nun eine ÖPNV-Trasse aufgetaucht, die der IG Metall Kopfschmerzen bereitet. Von Sebastian Schöbel

Die IG Metall hat massive Bedenken gegen die geplante Verkehrsführung auf dem Siemens Innovationscampus angemeldet. Die Gewerkschaft befürchtet, dass eine ÖPNV-Trasse, die das Gelände der neuen Siemensstadt 2.0 durchschneiden soll, den hochsensiblen Industrieverkehr zwischen Schaltwerk und Hochspannungs-Testfeld stören wird.

Für die Trasse wären laut IG Metall umfangreiche Umbauarbeiten beim zu Siemens Energy gehörenden Schaltwerk notwendig. "Die Kosten dafür bezahlen wir mit unseren Arbeitsplätzen", heißt es in der Beschwerde der IG Metall, die dem rbb vorliegt.

Plan der Siemensstadt mit geplanter ÖPNV-Trasse
Die Siemensstadt 2.0: In gelb eingzeichnet die umstrittene Straßenverbindung | Bild: Siemens/Ortern & Ortner/rbb

ÖPNV zwischen Schaltwerk und Testfeld

"Wir haben mit dem Siemensstadt-Projekt im Ganzen eigentlich gar kein Problem", sagte Rüdiger Groß, Betriebsratsvorsitzender in Zusammenarbeit mit der IG Metall, auf Nachfrage des rbb. "Wir finden es gut, dass da etwas Modernes entsteht." Die geplante ÖPNV-Trasse südlich vom Schaltwerk aber sei für die Abläufe vor Ort ein großes Problem. Denn auf den weniger als 100 Metern Fußweg zwischen Schaltwerk und Parabelhalle würden aktuell die Siemens-Schaltanlagen zu Tests hin und her transportiert. "Die schaffen es, bis zu 800.000 Volt zu schalten", so Groß.

Allein zur Vermeidung von Unfällen müsste man die Transporte speziell absichern, sollten dort künftig auch Passanten oder zm Beispiel BVG-Busse unterwegs sein. "Die Kosten gehen in die Millionenhöhe und werden auf die Produkte umgelegt", sagte Groß. Das gefährde die Wettbewerbsfähigkeit von Siemens und letztlich die Jobs im Schaltwerk.

Zudem müssten Schaltanlagen dann auch vor neugierigen Augen geschützt werden, so Groß. Er erwarte, dass man die Bedenken der Gewerkschaft ernst nimmt und von der ÖPNV-Trasse absieht.

Die Öffnung der Siemensstadt 2.0 für die Allgemeinheit ist ein Kernziel des gesamten Projekts. So sollen unter anderem entlang eines neuen Boulevards mitten auf dem Gelände auch gastronomische Angebote und Einkaufsmöglichkeiten entstehen. Zudem soll das Areal verkehrlich voll erschlossen werden - unter anderem mit neuen Mobilitätsformen wie autonom fahrenden Bussen. "Unser Ziel ist es, im Wesentlichen öffentliches Straßenland zu haben", hatte Benjamin Melcher von der Siemens Real Estate Ende Oktober bei einer Online-Veranstaltung des Senats erklärt.

Im aktuellen Entwurf des Rahmenplans für die Siemensstadt 2.0, der dem rbb vorliegt, ist nun ein Netz von öffentlichen Straßen vorgesehen, die das bisher abgeriegelte Industriegelände öffnen sollen. So soll es unter anderem möglich sein, künftig vom reaktivierten S-Bahnhof Siemensstadt quer durch das Gelände bis zur Paulsternstraße zu gelangen - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem ÖPNV. Dafür soll die umsrittene Trasse südlich vom Schaltwerk entstehen.

Durchwegung ist langfristig fest geplant

Alternative Straßenverläufe sind allerdings schwierig. Denn wegen des Einkaufszentrums an der Ecke Nonnendammallee/Paulsternstraße sei eine Durchwegung dort bisher nicht möglich, räumte die zuständige Abteilungsleiterin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Anina Böhme, Ende Oktober ein. "Aber wir werden das als langfristiges Ziel in den Rahmenplan aufnehmen."

Dass Siemens die Verbindung zwischen Schaltwerk und Testfeld braucht, habe der Konzern immer wieder deutlich gemacht, sagte Stadtplaner Christoph Hoja, der bei der Stadtentwicklungsverwaltung das Projekt Siemensstadt mit betreut. Kurzfristig sei ein Durchgang zur Paulsternstraße an dieser Stelle also nicht möglich. "Es ist aber ausdrücklich unser Planungsziel, die Ost-West-Verbindung herzustellen", so Hoja.

Architekturwettbewerb endet im November

Franziska Leschewitz, Abgeordnete der Linken aus Spandau, forderte alle Akteure auf, die Öffnung des Geländes "nicht auf Kosten der Beschäftigten" voranzutreiben. Das Versprechen von Siemens und der Politik laute, den Industriestandort Siemensstadt weiter zu entwickeln und Arbeitsplätze zu erhalten. "Das Mindeste was, der Senat nun tun sollte, ist sich mit den Betriebsräten zusammenzusetzen, und zwar bevor im Senat über die Planungen entschieden wird."

Der Rahmenplan für das Gelände geht nun in die weitere Abstimmung, Änderungen sind also noch möglich. Ende November soll zunächst das Ergebnis für den Hochbauwettbewerb für die ersten beiden neuen Gebäude auf dem Campusgelände vorgestellt werden. Zudem haben die Arbeiten zur Wiederbelebung der Siemensbahn begonnen.

Siemens plant in einem ersten Schritt nun zunächst den Bau einer Infobox: Dort sollen alle Bauplanungen vorgestellt werden - auch die für die Wege im, um und durch das Gelände der Siemensstadt 2.0.

Beitrag von Sebastian Schöbel

5 Kommentare

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  1. 5.

    ES handelt sich hierbei um eine geplante Straßenverbindung und nicht um die Siemensbahn.

  2. 4.

    Wenn man sich so anschaut, wie "schnell" die DB ist, können wir wohl eine Fertigstellung nach unserem Rentenalter verorten. Da nicht einmal Strecken ausgebaut wurden, die nach dem 2. Weltkrieg kastriert wurden, ist wohl der Rest nur Makulatur.

  3. 3.

    Hätten sie sich die Website mal durchgelesen, dann wäre ihnen garantiert auffallen, dass diese Abteilung ledeglich die Grundstücke und Gebäude baut und verwaltet wo Siemens seinen Umsatz macht und diese eben nicht "gentrifiziert".
    Aber naja, was soll man machen wenn die Wörter Real Estate, Immmobilie oder Grundstück den Antikapitalistischen Trieb wecken.

  4. 2.

    Und der Mutterkonzern Siemens, die Weltbank mit der Elektroabteilung hatte da keine Einwände ? - Soll die Gewerkschaft jetzt Verhandlungen führen ? "Ok, ihr behaltet euren Job, bekommt neue Arbeitsverträge, weil das Werk auf die andere Straßenseite zieht und mit der Lohnminderung bezahlt ihr den Technology-Park." ?

  5. 1.

    Ich nehme mal an, dass es der IG Metall nicht verborgen geblieben ist, dass Siemens global ins innerstädtische Immobiliengeschäft eingestiegen ist. Die Lage des bisherigen Industriestandortes ist offenbar zu interessant, um sie nicht anderweitig profitabel zu verwerten. Ist also durchaus möglich, dass die Produktion mittelfristig in ein "Gewerbegebiet" verlagert wird. Ein großer Teil des Profits entsteht ja gerade durch die öffentliche Umwidmung und (ÖPNV) Erschließung.
    Vermutlich folgt Tesla diesem Beispiel, wenn der E-Auto Boom vorbei ist ;)
    Siehe: https://new.siemens.com/global/en/company/about/businesses/real-estate.html

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