Schumacher Quartier aus der Luft
Bild: Schumacher Quartier

Schumacher Quartier - Berlin träumt vom weltweit größten Kiez der Holzhäuser

Auf dem Flugfeld des Flughafens Tegel soll ein einmaliges Wohnviertel entstehen. Das Schumacher Quartier könnte komplett aus Holz gebaut werden. Beim Bau soll eine jahrhundertealte Tradition neu aufgegriffen werden. Von Sebastian Schöbel

Am Flughafen Tegel soll die Zukunft mit einem Blick in die Vergangenheit beginnen. Zunächst in die des Flughafens selbst: TXL, dieser Ideal-Airport der 70er Jahre, sei auch am Tag seiner Schließung noch "ein Pionier" gewesen, sagte Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher am Donnerstagabend bei der Vorstellung des Projekts.

"Diesem Pioniercharakter fühlen wir uns verpflichtet." Deswegen soll bei der Nachnutzung des Geländes im Berliner Norden gleich wieder ein ganz großer Wurf von internationaler Tragweite gelingen: Das Schumacher Quartier, das weltweit größte Wohnviertel in Holzbauweise, soll hier entstehen. Ressourcenschonend und nachhaltig gebaut, klimaneutral und sozial verträglich geplant. "Ein Modellquartier", so Lüscher.

Schumacher Quartier
Bild: Schumacher Quartier

Berlin, Stadt des Holzbaus

Doch mit dem uralten Werkstoff Holz kommt auch gleich der nächste, viel weitere Rückgriff in die Vergangenheit. Eine neue Machbarkeitsstudie des Fraunhofer-Instituts und der TU Berlin für das Schumacher Quartier, die nun vorgestellt wurde, bringt nun die Idee der "Bauhütte" ins Gespräch. Schon im Mittelalter kamen Bauleute und Künstler zusammen, um in sogenannten Bauhütten Kirchen und Kathedralen zu errichten. Im 20. Jahrhundert wurde die Idee von den Vertretern des Bauhaus wiederentdeckt. Nun soll sie den Bau des Schumacher Quartiers inspirieren.

In Tegel soll es gar eine "Bauhütte 4.0" werden: Neben Bauleuten und Künstlern sollen hier nämlich auch Forscher und Hersteller dazu geholt werden. Weit hätten sie es nicht: Im Terminal A des Flughafens soll künftig die Beuth Hochschule forschen, umringt von Gewerbegebieten für innovative Start-ups und Produktionsanlagen. Sogar für Holz ist gesorgt, so Lüscher. "Wir sind umgeben von ganz viel Wald. Wir können Kooperationen mit Brandenburg aufbauen." Forschen, produzieren und bauen an einem Ort: Beste Voraussetzungen, so Lüscher, "dass Berlin ein ganzer wichtiger Holzbau-Industriestandort wird".

Billiger als konventionelle Baustoffe

Einfach wird das freilich nicht. Holz ist als Baustoff derzeit rund zehn Prozent teurer als Stein, räumt Philipp Bouteiller ein. Die Tegel Projekt GmbH, deren Geschäftsführer er ist, soll den Bau des Schumacher Quartiers organisieren. Und Bouteiller ist sich sicher: Holz kann mehr – und zwar billiger. "Im Ziel versuchen wir dahin zu kommen, dass wir im zweiten, dritten Bauabschnitt auf 20, vielleicht sogar 25 Prozent Kostenreduktion im Vergleich zum konventionellen Bauen kommen." Dass das "ehrgeizig, aber machbar" ist, soll nun die Bauhütte 4.0 beweisen. Denn Holz biete, wenn es modern verarbeitet wird, jede Menge Einsparungspotential, so Bouteiller - und damit die Chance, auch Wohnungen für Menschen mit niedrigen Einkommen zu bauen.

Am besten könne man das mit einer "Forschungsfabrik" leisten, die direkt neben dem Schumacher Quartier in der geplanten Urban Tech Republik auf dem Flughafengelände entstehen könnte, sagt Holger Kohl. Er ist stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, das die Machbarkeitsstudie zum Schumacher Quartier erstellt hat. Kohl spricht von computer-basierter Vorfertigung, von horizontal vernetzten Wertschöpfungsketten und intelligenten Vorfertigung: Vom lokalen Wald über die High-Tech-Schreinerei bis zur Baustelle. "Wir können hier industrielle Prozesse im Mehrschichtprinzip unter sehr hoher Kapazitätsauslastung realisieren, um Bauzeiten zu verkürzen, Montagekosten zu senken und große Innovationen einfließen zu lassen."

Brandenburger Holz für Berlins Holzbauträume

Dass das lokale, märkische Holz für diese Träume reicht, daran hat Denny Ohnesorge, Geschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Holzindustrie, keinen Zweifel. "Brandenburg steht mit der Waldfläche an Nummer 5 in Deutschland", sagt er. "Die Ressource steht vor der Haustür." Innerhalb von 50 Tagen, rechnet Ohnesorge vor, wachse in Brandenburgs Wäldern "der gesamte jährliche Holzbedarf nach - nicht nur fürs Tegel-Projekt, sondern für alle 17.000 Berliner Wohnungen". Ein Engpass sei nicht der Wald, sondern die Bauindustrie, so Ohnesorge: Hier seien die Kapazitäten noch deutlich begrenzter. So habe zum Beispiel eine Umfrage seines Verbandes ergeben, dass viele in Berlin tätige Holzbauunternehmen nicht aus der Region, sondern aus Süddeutschland oder dem EU-Ausland kommen. "Großprojekte sind für einzelne regionale Unternehmen nicht leistbar."

Richtig organisiert und mit dem nötigen Produktions-Knowhow seien Holzbauprojekte allerdings auch deutlich schneller fertig, sagt Elise Pischetsrieder, Geschäftsführerin von Weberbrunner Architekten Berlin. Ihr Unternehmen hat schon mehrere Gebäudekomplexe aus Holz errichtet, vor allem in der Schweiz. Das Geheimnis liege in den vorgefertigten Bauteilen, die auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden müssten. "Wenn ich dieser Logik folge, dann ist der Holzbau unendlich schnell", so Pischetsrieder.

Visualisierung des Schumacher Quartiers

Keine Angst vor Feuer

Dass einem das schnell gebaute Holzhaus beim kleinsten Funken innerhalb von Minuten wieder abbrennt, sei keine Gefahr, so Pischetsrieder. "Holz erfüllt den Anspruch an die Feuerwiderstandsdauer in jeder Hinsicht". Denn natürlich verbrenne der Baustoff, allerdings nicht so schnell wie man befürchten könnte. Holz bilde "einen natürlichen Brandschutz", so Pischetsrieder. "Die ersten vier Zentimeter verkohlen, der Kern wird nicht tangiert". Sprich: Es bleibt auch im brennenden Holzhaus genug Zeit, um sich zu retten.

Bis zu 5.000 Wohnungen sollen einmal im Schumacher Quartier entstehen, die Vorbereitungen dafür beginnen im Mai 2021, wenn die Tegel Projekt GmbH das Flughafengelände übernimmt. Bis man den Mietvertrag für eine Wohnung mit hölzernen Wänden aus der Tegeler High-Tech-Produktion unterschreiben kann, wird allerdings noch viel Zeit vergehen, sagt Philip Boutellier. "Vor 2026 wird im Schumacher Quartier niemand einziehen."

57 Kommentare

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  1. 57.

    Terroristen haben da keinen Zutritt und Raucher bekommen da keine Wohnung. Autos zum anstecken gibt es auf keinem Bild. Wenn man sich Fotos vom zerbombten Berlin ansieht stehen da auch nur noch die Mauern. Wenn es heute brennt sind es doch zuerst die Möbel. Wände und Decken werden bestimmt nicht aus Holz sein. Da verwendet man Gipsplatten oder bessere.

  2. 56.

    Übrigens gibt es auch Hochhäuser aus Lehm. Mehrstöckige Lehmhäuser auch in Deutschland.

  3. 55.

    Holz , Lehm und Hanf sind die Materialien, die zusammen verbaut werden sollten. Lehm schützt seit Jahrhunderten das Holz im Bau, weil er Feuchtigkeit aufnimmt und wieder abgibt. Warum stehen die alten Fachwerkhäuser immer noch während die Betonbuden mit Styropordämmung abgerissen werden, aus ästhetischen Gründen und weil sie innerlich verrotten?
    Bei günstiger Materialmischung braucht es kein Holzschutzmittel, Brandschutzmittel usw. Beispielsweise gibt es modernes Dämmmaterial aus Holzschnitzeln, die mit Lehm überzogen sind.

  4. 54.

    Die eigentlichen Preistreiber kommen erst, wenn
    die Bauarbeiten eigentlich schon beendet sind:
    Die Nachbesserungsarbeiten der festgestellten
    Mängel.

  5. 53.

    Also, ich habe Videos aus den USA gesehen, die zeigen wie es aussieht, wenn so eine Anlage in Brand gerät. Bin leider nicht überzeugt, auch wenn es ökologisch vielleicht wünschenswert wäre.

  6. 52.

    Berlin soll den BER verkaufen, den Flughafen Tegel renovieren, modernisieren, wieder flugfähig machen, den Flugverkehr wieder aufnehmen und weiterbetreiben.

  7. 51.

    Meinen Sie wirklich, dass Gebäude aus Beton und Stein billiger sind ? Berlin hat einen Vorzeigebau: Das Humboldtforum. Mehrgeschossige Wohnbauten aus Holz werden nicht vor Ort zusammengenagelt. Das schließt aber Vorortfertigung durch eine Firma mit Erfahrung nicht aus. Die bringen ihre Fertigungshallen eben mit. - Meinen Sie die Stahlarbeiter und Zementwerker arbeiten ohne Lohn ? Ich würde mir das Klientel der Bewohner sehr gut aussuchen. Ich kenne da ein Beispiel aus der Samoastraße im Wedding. Die Erstbewohner sind fast alle raus und das Haus sieht jetzt verkommen aus. Wer sind die derzeitigen Bewohner ? Mal raten.

  8. 50.

    Hier wurden am "Sandberg" nach 1945 Behelfsheime errichtet. Aus Hoz. Dach war damals Wellblech. Die Besitzer von heute haben vieles umgebaut- teils auch auf skandinavisch. Dazu Riesenfenster mit Schiebetür zum gepflegten Garten. Damals hatte man nicht die Holztechnik von heute aber die Häuser stehen alle noch; nicht wiederzuerkennen. Heute hat man Kupfer oder gar Edelstahlrohre installiert und Geräte haben Wasserstop. Ein neues Holzhaus ist ein Fertigteilhaus und alles gut durchdacht.

  9. 49.

    Kenne so einige größere Gebäude mit teilweise Leistenfassade aus Holz; lasiert und phantastisch gut aussehend. Man denke auch mal an skandinavische Ortschaften. Alles mit viel Holz und dann klassisch rot mit weißen Fenstern. Hier in der Nähe steht seit so 2 Jahren ein Ständerwerkhaus OBS-Platten beplankt. Innen Dämmung. Außen Ziegeloptik mit zusätzlichem Dämmwert. Da das Ständerwerk aus Leimholzbalken besteht verzieht sich da nix. Ein schönes Haus und dazu tolle Gartengestaltung. Dann gefallen mir an Mehrzweckstadthallen die prägenden Leimholzdachträger. Aus Stahl sähe das jämmerlich aus.

  10. 48.

    An Kandmeier
    Ich bin nicht so naiv, wie sie glauben. Wieviel
    Bäume braucht man für ein Einfamilienhaus
    Mit 140qm Wohnfläche?

  11. 47.

    Was meinen Sie mit "Geringverdienenden"? Menschen, die Anspruch auf einen WBS haben? Je nach Förderprogramm ist man bis zu Einkommen von 1.400,-€ bzw. 1.800,-€ netto WBS-berechtigt. Das ist mehr als der Berliner Durchschnitt. Menschen mit kleinen Einkommen in der Nähe der Armutsgrenze sind hier also gar nicht angesprochen, sie müssen mit Bewerber*innen konkurrieren, die ungefähr doppelt so viel Geld haben wie sie. Sicher wird ein kleiner Teil der Wohnungen auch für sie reserviert sein, aber das kann nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

  12. 46.

    Zu dem ökologischen Aspekt:
    Hier möchte ich doch mal allen Gegnern des Holzbaus vehement widersprechen!! Es lässt sich mit Leichtigkeit überall nachlesen, dass die Holzbauweise mit Abstand eine positivere ökologische Bilanz aufweist, als gängige Massivbauweisen! Die Befürchtung, dass für dieses Bauvorhaben unsere Brandenburgischen Wälder abgeholzt werden, ist absurd!! Genauso, wie die Befürchtung, dass diese Häuser eher abbrennen könnten! Wir befinden uns nicht im Mittelalter, sondern es werden, zeitgemäße Sicherheitsmaßnahmen mitgebaut werden! In dieser Hinsicht möchte ich das Vorhaben wirklich loben und als einen Schritt in eine bessere Zukunft befürworten!
    Ob diese Häuser auch sozial wirksam werden, wird sich allerdings, wie gesagt, erst beweisen müssen!

  13. 45.

    Ihr Wort in Gottes Ohren! Das wird alles so schön gesagt & behauptet, solange die Zustimmung von Medien & Bevölkerung für die Verwirklichung noch relevant sein könnte. Später, wenn das Ganze erst mal gut durch ist und läuft, ist es für die Macher ein Leichtes, plötzlich neue Bedingungen zu kreieren, die die Preise dann doch wieder in unerschwingliche Höhen treiben.
    Ich könnte jedenfalls wetten, dass in diesen Wohnungen niemals ein Fabrikarbeiter -oder Putzfrauen/männer- oder Sozialarbeiter- oder Pflegedienst-Paar o.Ä.geringer Verdienende mit ihren 4 Kindern wohnen werden, genausowenig wie ich selbst. Obwohl ich nicht ganz schlecht verdiene, werden diese Wohnungen auch für mich mit Sicherheit zu teuer sein!
    Ich begebe mich da eher auf die Seite der Meinung von Waidmannsluster!

  14. 44.

    Danke dafür, dass sich etliche Kommentare für den innovativen Holzbau einsetzen. Die meisten merken gar nicht, wo überall schon Fassaden aus Holzfertigteilen verwendet werden.

  15. 43.

    Die Tegel Projekt GmbH, die sich um TXL kümmern wird, ist ein landeseigenes Unternehmen. 50% des Schumacher-Quartiers werden landeseigene Wohnungsbaugesellschaften errichten, weitere 40% von Genossenschaften und privaten Gruppen. 40% der Mieten sollen gefördert werden, von Abzocke aus dem Ausland kann hier wohl kaum die Rede sein

  16. 42.

    Hallo Günter!

    Ich glaube, Sie unterschätzen die Gefahr von Hausbränden. Auch im Jahr 2020 können ganze Straßenzüge in Brand geraten, trotz moderner Brandschutzvorrichtungen:

    > https://www.hna.de/lokales/hann-muenden/hann-muenden-ort60343/brand-hann-muenden-niedersachsen-fachwerk-schuhgeschaeft-flammen-feuerwehr-einsatz-90093232.html

    Auch in Berlin liest man in den Nachrichten immer wieder von Großbränden. Der rbb berichtet regelmäßig, sperren Sie mal die Ohren und Augen auf.

    Maik Kretschmar

  17. 41.

    Wen interessieren denn Normalbürger? Mit denen kann man keine gute Rendite machen.
    Schließlich müssen die Kosten für das Holz und
    den Bau und nicht zu vergessen die Gehälter der
    am Bau Beteiligten abgedeckt werden. Das wird
    wieder ein Fass ohne Boden. Für den Steuerzahler kommt wieder einiges zu.
    Ich hoffe, dass meine Nachricht nicht wieder ge-
    strichen wird, mit dem Hinweis -Thema verfehlt-.

  18. 40.

    Nach dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung gilt eine Quote von mind. 30 % für Geringverdienende, bei kommunalen Wohnungsbaugesellschaften von 50 %. Die Quote sollte also deutlich höher sein, was ich gut finde.

  19. 39.

    Die "gute Mischung" heißt dann wieder 12,5% Wohnungen für Geringverdienende, die medienwirksam präsentiert werden. Der große Rest geht an die Neuberliner creme de la creme: Hipster und Nerds und coole "international students" aus reichen Familien, die für die study expirience nach Berlin kommen, bevor sie nach Barcelona oder Mumbai weiterziehen.

  20. 38.

    Viele der Kommentargeber sollten sich informieren, was Holzbau bedeutet. Es geht nicht um massive Blockbohlen-Häuser, sondern um Häuser, deren Ständerwerk und Decken aus Holz sind, die Wände sind dann mit anderem Dämm-Material gefüllt. Das ist ökologisch (abhängig vom Dämm-Material), schnell und sehr vielseitig. Statisch sind hier mehrstöckige Wohnblöcke kein Problem und werden längst in vielen Städten gebaut. Eine sehr gute Dämmung für Niedriegenergiehäuser und Passivhäuser ist durch die variable Wandbreite einfach möglich, ohne das Styropor oder sonstiges umweltschädliches Material eingesetzt werden muss.
    Holzhäuser sind auch vom Brandschutz nicht schlechter als Betonhäuser, das ist alles längst erforscht und geprüft, kann man bei echtem Interesse googlen. Ein Holzhaus ist auch kein Luxus, sonder einfach nur eine ökologischere Alternative zum energieschluckenden Betonstein, aus einem nachwachsenden Rohstoff.

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