Der neueröffnete Flughafen BER in Brandenburg am 24.11.2020. (Quelle: imago images/F. Anthea Schaap )
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Finanzprobleme bei der Flughafengesellschaft - "Ohne weitere Staatshilfen könnte die FBB in zwölf Monaten pleite sein"

Die Finanzprobleme der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) könnten schon bald zu deren Insolvenz führen. Das zeigt eine Finanzanalyse des Bilanzexperten Lenz, die für die Redaktion rbb24 Recherche erstellt worden ist. Von René Althammer und Susanne Opalka

28. April 2020, die Corona-Pandemie hat gerade den internationalen Luftverkehr in die Knie gezwungen - Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup ist dennoch optimistisch: "Wir sind ein gut aufgestelltes Unternehmen und uns droht keine Insolvenz." Acht Monate später hört sich das schon ganz anders an. Der Flughafenchef rechtfertigt sich - berechtigt - vor Berliner Abgeordneten, dass es nicht seine Idee gewesen sei, den Flughafen knapp zu halten und "in eine hohe private Verschuldung" hineinzudrängen. Das sei eine Entscheidung der Gesellschafter, der Länder Berlin, Brandenburg und des Bundes gewesen.

Wie ernst die Situation ist, erklärt Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider im Potsdamer Landtag. Das Thema Insolvenz sei bislang kein "förmlicher Tagesordnungspunkt“ der Aufsichtsräte gewesen, doch es werde darüber gesprochen - bis hin zu der Frage: "Was, wenn es gar nicht weitergeht?" Es würde gemeinsam mit den Gesellschaftern nach Wegen gesucht, wie man mit möglichst geringen Belastungen für den Steuerzahler "aus diesem Debakel rauskommen" kann.

Insolvenz würde Steuerzahler Milliarden kosten

Geht die FBB in Insolvenz, bedeutet das für die Länder Berlin und Brandenburg sowie den Bund, also die Steuerzahler, dass sie für die Bankkredite einstehen müssten. Immerhin gut 2,8 Milliarden Euro. "Wir brauchen dringend ein Gesamtbild der Finanzlage, der Verschuldungslage und der Bürgschaftslage der FBB", so Bretschneider. Ein Bild, das bislang wohl nicht existiert, so die Vermutung von rbb24 Recherche. Ob diese Analyse durch die bisherigen Wirtschaftsprüfer von EY, früher Ernst & Young, oder externe Prüfer erstellt werden soll, blieb offen.

2021: Mehr als 150 Millionen Euro für Zins und Tilgung

Sicher ist nach Auskunft des Bundesfinanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages: 2021 wird der Kapitaldienst der FBB etwas mehr als 159 Millionen Euro betragen. Verhandlungen über eine Stundung der fälligen Zins- und Tilgungszahlungen seien jedoch nicht ohne weiteres möglich, da dies Auswirkungen auf die "Entscheidungen der EU-Kommission" zu den bisherigen Hilfen haben würde. Heißt, die EU-Kommission müsste darüber entscheiden, ob diese Hilfen rechtlich zulässig sind oder als unzulässige Subvention gelten.

rbb24 Recherche konnte aktuelle Unterlagen der FBB zur Finanzplanung, zur Verschuldungslage und zum Kapitalbedarf einsehen und hat diese mit dem Wirtschaftsexperten Prof. Hansrudi Lenz von der Universität Würzburg ausgewertet. Im Sommer hat Lenz sich durch die Wirecard-Bilanzen gekämpft. Jetzt stellt er fest: "Ohne weitere staatliche Hilfen könnte die FBB in zwölf Monaten pleite sein." 2020, so Lenz, wird das Unternehmen trotz der Corona-Finanzhilfen von gut 300 Millionen Euro wohl einen Jahresfehlbetrag von knapp 290 Millionen Euro aufweisen. Für 2021 prognostiziert er gar ein Minus von weit über 300 Millionen Euro. Dabei hat Lenz positiv gerechnet, ist von einem leichten Anstieg der Fluggastzahlen auf 12 Millionen ausgegangen und pro Passagier von Einnahmen von bis zu 20 Euro. Eine optimistische Annahme.

Neben den Einnahmeverlusten und den Kapitallasten, so Lenz, hat das Unternehmen noch ein Problem: Das Anlagevermögen der FBB sei mit gut 5,2 Milliarden Euro viel zu hoch bewertet. Denn der Wert definiert sich nicht durch die hohen Baukosten, sondern eher dadurch, was ein privater Investor für das Unternehmen zu zahlen bereit ist. Das drückt auf die Bilanz und das Eigenkapital von heute noch 1,1 Milliarden Euro. Wird das Anlagevermögen nach unten korrigiert, droht die bilanzielle Überschuldung.

Corona-Hilfen verschaffen nur kurzfristig Luft

Nach den Analysen von Hansrudi Lenz könnten sich die Verluste der FBB zwischen 2020 und 2023 auf gut eine Milliarde Euro summieren. Die FBB kann die Zins- und Tilgungslasten nicht mehr aus eigener Kraft finanzieren, ihre "Kapitaldienstfähigkeit" ist nicht mehr gegeben. Für neue Kredite ein Problem.

Für die Corona-bedingten Ausfälle hat die Gesellschaft insgesamt gut 752 Millionen Euro als Gesellschafterdarlehen beantragt, um bis Ende 2021 über die Runden zu kommen. Nach rbb-Informationen soll die FBB ihren Liquiditätsbedarf unter anderem damit begründet haben, dass die Aufwendungen für Material, Personal und sonstiges im Jahr 2020 bei geschätzt mehr als 350 Millionen Euro liegen. Das sind aber gut 50 Millionen mehr als im Jahr 2019 - da waren Schönefeld und Tegel voll in Betrieb. Wie es dennoch zu den Kostensteigerungen in 2020 kommt, hat die FBB nicht erklärt.

Die Corona-Hilfen sind nicht von langer Dauer, sie müssen bis 2023 zurückgezahlt werden: 752 Millionen Euro. Da die FBB nach aktuellem Stand nicht dazu in der Lage ist, dies aus Überschüssen zu stemmen, kann man von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit im insolvenzrechtlichen Sinne ausgehen, so Lenz gegenüber dem rbb. Für die Geschäftsführung hätte das Konsequenzen: Sie müsste schon bei den ersten Anzeichen einer drohenden Zahlungsunfähigkeit beurteilen, ob das Unternehmen überschuldet ist. Lautet die Antwort "Ja", so müsse ein Insolvenzantrag gestellt werden. Die geplanten Änderungen im Insolvenzrecht, die ab 1.Januar 2021 gelten, werden der FBB GmbH allerdings voraussichtlich erneut Zeit verschaffen, ohne jedoch an den grundlegenden Problemen etwas zu ändern. Diese werden nur weiter in die Zukunft geschoben.

Sanierung dringend notwendig

Für Hansrudi Lenz steht fest, dass die Gesellschafter auf die Rückzahlung ihrer Gesellschafterdarlehen verzichten müssen, um eine Sanierung der FBB auf den Weg zu bringen. Allerdings braucht es dafür die Zustimmung der EU. Gleiches gilt für weitere Darlehen oder eine Erhöhung des Eigenkapitals. Doch vor dem Sanierungsplan müssen, so Sven-Christian Kindler, der Haushaltsexperte der Grünen im Bundestag, alle Fakten auf den Tisch. Kindler sieht jetzt die Bundesminister Scholz und Scheuer in der Verantwortung. Für ihn ist klar: "Die FBB hat keine finanziellen Reserven, sie erhält am Kapitalmarkt kein Geld mehr und kann ihren Schuldendienst scheinbar kaum noch aus eigener Kraft bedienen."

Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider teilte derweil dem rbb auf Anfrage mit: "Aus meiner Sicht ist die finanzielle Lage der FBB coronabedingt angespannt, wenn ich auch aktuell keine Überschuldung und auch keine mangelnde Liquidität sehe." Die Frage nach einer möglichen Insolvenz stelle sich für ihn derzeit nicht. "Alles andere wird aktuell in den Gremien und mit den Gesellschaftern umfassend diskutiert."

Beitrag von René Althammer und Susanne Opalka

42 Kommentare

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  1. 42.

    Und wieder Polemik. Man konnte vor Corona schon nicht für 19,90 durch die Welt fliegen. Ich selber habe für New York 500 Euro gezahlt bei Lufthansa . Es werden sich genügend Leute Urlaub per Flugzeug leisten können. Übrigens ist es naiv zu glauben das sich an unseren Gesundheitssystem nach Corona was ändert. Wir sind eine globale Welt und da gehören Flugzeuge dazu . So einfach ist das.

  2. 41.

    Ach, haben die alle so gut und redlich gearbeitet? Das bezweifle ich mal stark. Händler sind keine Unschuldslämmer. Da wird auch getrickst (Steuer, staatliche Hilfen etc.). Es gibt in jeder Branche Gute und Schlechte.

  3. 40.

    Na ja, die Betriebserlaubnis von TXL läuft noch bis Mai, insofern wäre jetzt noch einiges möglich.... ;-)
    Nee, nee, Spaß beiseite, vielleicht mal was Erfreuliches: Der BER hat es in Sachen Passagierfreundlichkeit auf Rang 10 von 30 Europas Hauptstadtflughäfen geschafft, vor Warschau, Wien, Stockholm und noch vielen anderen. Immerhin ETWAS...
    https://cdn-goeuro.com/static_content/web/content/rest/Methodik_Die-besten-Flughafen-Europas_Omio.pdf

  4. 39.

    Die vielen kleinen Geschäftsleute haben aber immer gut und redlich gearbeitet. Das tat der FBB nie. Dieser Flughafen missbraucht den Namen Willy Brandt 's. Er sollte nach Ikarus benannt sein. Das wäre treffender.

  5. 38.

    Die Frage ist, wer sich nach Corona überhaupt noch Urlaub leisten kann. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass man weiterhin für 19, 99 € rund um die Welt fliegen kann? Das der BER eine Totgeburt Ist, ist seit Jahren bekannt und das hat nichts mit Corona zu tun. Nach Corona sollten die Milliarden lieber in den Wiederaufbau der Wirtschaft und das marode Gesundheitssystem gepumpt werden statt in eine lärmende Vergnügungsstette. Man hätte den BER nie fertigbauen und übereilt öffnen sollen, aber es konnte ja allen wieder nicht schnell genug gehen. Sind in den ganzen Summen denn schon die ganzen Kosten für Sanierung etc enthalten? Da kommt noch ordentlich was drauf..... P.S. So schnell, wie hier Millionen von Bund und Ländern gezahlt werden hätte ich mir das für alle coronageplagten Unternehmen gewünscht. Aber die haben mit der FBB eins gemeinsam, die Insolvenz!

  6. 37.

    Was für eine Chuzpe!
    https://www.rbb24.de/politik/Flughafen-BER/BER-Aktuelles/akteure_aktuell/2020/11/berlin-brandenburg-schoenefeld-terminal-schliessen-sparen-ber-einbruch-passagiere.html

    Schönefeld alt - jetzt T5 - auf- und im Regelbetrieb laufenlassen!
    Das Terminal "Willy" - der sich wohlmöglich im Grabe umdrehen würde - zumachen und in den Winterschlaf schicken!
    Frostschutz sollten die Heizungen können, Licht aus geht wohl auch schon.
    Türen bleiben zu.

    Einzelhändler dürfen eh nicht drinne rumkeuchen.
    Nicht eingesetztes Sicherheits/Reinigungs/What-ever/Personal kann in Kurzarbeit geschickt werden.
    Achja, wird ja auch aus Steuergeldern bezahlt. - aber eben nur 67% und nicht mit Liqudität der FBB.

    Und ja, der Sarkasmus ist beabsichtigt.

  7. 36.

    Blöd ist vor allem, wer von Sanierungen phantasiert, aber den verschwendeten Milliarden am BER noch weitere hinzufügen möchte.

  8. 35.

    Gut das es Corona gibt: jetzt hat man den "Schuldigen" ausgemacht. Aber die Kommentare zeigen, es wird nicht vergessen, dass die Politik der Schuldige ist und wer die Betroffenen bei den Flugrouten "verar..." hat. Ein Blick in die Zukunft: Die "Woidschke Erfolgs-("eher Betrugs(!)")geschichte" ist pleite, auf Kosten vieler, in den Ruin getriebener Gläubiger; die Startbahn Süd "versinkt" nach 10 Jahren im Moor (wie die A20), was jeder weiß, der da gebaut hat; nun muss man den "alten 20jährigen BER" aufgeben, schließlich hat er ja lange genug durchgehalten und ohne Corona wäre es eine ...geschichte geworden. Sperenberg halt dich bereit: wir kommen.

  9. 33.

    Nein, ich glaube Ihnen nicht.

    Ihre Annahme von den steigendenen Flugzahlen bis vor der Corona krise beruht auf einem Denkfehler. Auch nach Corona wird es viel weniger Flüge als vorher geben. Aus Gründen des Klimaschutzes werden viele Flüge vor allem mehr Inlandsflüge wegfallen. Dadurch wird der Flughafen niemals aus den roten Zahlen kommen und Unterstützung aus dem Steuersäckel bis zum St. Nimmerleinstag benötigen. Gerade jetzt werden viele von dem Bodenpersonal nicht benötigt und im Januar entlassen. Irgendwann wird der politische Druck von Umweltverbänden und Parteien auf die Gesellschafter so stark werden das die Unterstützung ausbleiben wird.

  10. 32.

    Es ist wirklich ein schlechter Zeitpunkt gewesen, als der BER endlich aufgemacht hat, kaum einer will/darf fliegen. Kein Wunder, dass er in Zahlungsschwierigkeiten ist. Es geht anderen Flughäfen nicht anders. Nur einige Oberschlaue hier wissen es besser und haben die „Schuldigen“ schon ausgemacht.

  11. 31.

    Ist doch total schnuppe ob wir private Banken retten oder eine FFB GmbH die mehrheitlich uns gehört. Augen zu und durch.
    Natürlich sollte, so weit möglich jede Qonzequenz herbeigeführt werden, die die verantwortlichen Möchtegernregenten zur Rechenschafft ziehen lässt um wenigstens einen kleinen Teil des Geldes wieder zu bekommen.

  12. 30.

    Und wieder wurden und werden alle Warnungen missachtet und Zahlemann Steuerzahler darf den Bockmist weiter teuer bezahlen.

  13. 29.

    Den FBB in Insolvenz gehen lassen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen statt Unmengen an Milliarden in den Sand zu setzen. Es war doch klar und nur noch eine Frage der Zeit bis es so weit ist.

  14. 28.

    Wieviel fliegen denn von dort ab. Mehr als von Berlin. Ich fahre doch nicht nach Halle Leipzig. Oder gibt es nach dort hin ein Flug.

  15. 27.

    Verkauft den Laden an Tesla - da hat Kim Jong Musk dann seine Spielwiese. Kostet ihn nicht viel, den Malus zahlt eh der Steuerzahler.

  16. 26.

    Tegel wieder zu öffnen wäre - abgesehen von den rechtlichen Hürden, die nicht jeder Stammtisch kennt - noch blöder, da der für viel Geld saniert werden müsste.

  17. 25.

    Alles Gut ! Bis dahin kann der Flughafen Tempelhof reaktiviert werden. Liegt verkehrsgünstig im Zentrum der Stadt, mit Autobahn-, U- und S-Bahnanschluß. Das bischen Fernbahnhof werden wir bis dahin schon fertig bekommen und die Anwohner ziehen in die Luxus-Citys Willy-Brand und Otto-Lilienthal !

  18. 24.

    Schluß mit dem Milliardengrab BER/BBI, der ist sowas von pleite und bankrott. Für ein Jahr 300 Mill. Euro oder mehr? Es ist zu viel Geld im Spiel, das gar nicht wirtschaftlich innerhalb eines Geschäftsjahres eingesetzt werden kann. Die FBB ist nicht in der Lage das Geld zu verwenden: nicht mal die Personalkosten werden klar benannt... Die Geschäftsleitung FBB ist klar überfordert und muß sofort zurücktreten; Gehälter gehen in die Schuldentilgung! Ein insolventer Flughafen kann nicht am internationalen Netz sein. Ausländische Fluggesellschaften können nicht einmal sicher sein, ob für bezahlte Leistungen die Flugzeugabfertigung überhaupt durchgeführt werden kann: mit dem insolventen Flughafen wäre das Täuschung der internationalen Geschäftspartner; den geringeren Flugverkehr müssten TXL und SXF weiterhin machen. Da der normale Steuerzahler in Coronazeiten auch keine Steuern erwirtschaften kann, dürfen Bund und Bln/Brdbg nicht FBB entschulden, so muß BBI schließen.

  19. 23.

    Zitat aus dem Bericht: „Es würde gemeinsam mit den Gesellschaftern nach Wegen gesucht, wie man mit möglichst geringen Belastungen für den Steuerzahler "aus diesem Debakel rauskommen" kann.“

    Dieser Zeitpunkt, dass der Steuerzahler mit möglichst geringen Belastungen aus dem Debakel BER rauskommen kann, ist doch schon seit Jahren vorbei. Angefangen bei der falschen Standortwahl (hierzu gab es im Spiegel mal einen sehr interessanten Bericht, aus dem hervorging, wer denn von dieser Standortwahl profitiert hat. Stichwort: Grundstücksgeschäfte) dann bei der Entscheidung auf einen Generalübernehmer zu verzichten bis zur wiederholten Einstellung von unfähigen Flughafenchefs, denen der jeweilige Abgang großzügig entlohnt wurde.

    Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man nur noch lachen.

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