Verhandlungen über Standort Hennigsdorf - Alstom übernimmt deutsche Bahnsparte von Bombardier

Fr 29.01.21 | 15:48 Uhr
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Die Werksanlage des Bombardier-Konzerns im brandenburgischen Hennigsdorf spiegelt sich in einer Regenpfütze (Bild: dpa/Paul Zinken)
Audio: Inforadio | 29.01.2021 | Johannes Frewel | Bild: dpa/Paul Zinken

Der französische Alstom-Konzern übernimmt am Freitag die in Deutschland ansässige Bahnsparte von Bombardier. Bereits vor der Fusion verhandelt der TGV-Hersteller über den Verkauf von Teilen des Standorts Hennigsdorf an Skoda Transportation.

Der französische Alstom-Konzern übernimmt am Freitag die in Deutschland ansässige Bahnsparte des kanadischen Konkurrenten Bombardier. Damit entsteht der zweitgrößte Bahnhersteller der Welt hinter der chinesischen Gruppe CRRC. Das neue Unternehmen kommt nach Angaben von Alstom auf einen Jahresumsatz von fast 16 Milliarden Euro und zählt 75.000 Beschäftigte in 70 Ländern.

Die Bahnsparte von Bombardier mit Hauptsitz in Berlin ist wichtigster Zulieferer der Deutschen Bahn. Alstom schloss den Kauf des Zugherstellers am Freitag für 5,5 Milliarden Euro ab, wie der Konzern in Paris mitteilte. Das war etwas mehr als die im Kaufvertrag vereinbarten "bis zu 5,3 Milliarden Euro".

Eine ursprünglich geplante Hochzeit von Alstom mit der Mobilitätssparte von Siemens war 2019 am Veto der europäischen Wettbewerbshüter gescheitert. Dagegen genehmigte die EU-Kommission den Kauf der Bahnsparte von Bombardier im vergangenen Sommer unter Auflagen.

Alstom übernimmt überwiegenden Teil des Standorts Hennigsdorf

Allein in Deutschland beschäftigen beide Hersteller zusammen rund 9.000 Menschen. Bombardier ist besonders im Osten Deutschlands stark vertreten. 2.200 Stammbeschäftigte und Leiharbeiter arbeiten in Hennigsdorf und 1.000 in Bautzen. 800 Mitarbeiter gibt es in Görlitz - so wie auch an den westdeutschen Standorten Mannheim und Siegen. In Kassel sind es 600. Kleinere Standorte sind Braunschweig und Berlin.

In Hennigsdorf muss der neue Verbund allerdings Produktionsanlagen abgeben - die EU-Wettbewerbshüter hatten im vergangenen Juli ihr grünes Licht für den milliardenschweren Deal mit dieser Auflage verbunden. Über einen Verkauf von zwei Werkshallen, in denen der Regionalzug Talent 3 gebaut wird, wird den Angaben zufolge daher nun mit Skoda Transportation verhandelt, hieß es. Am Standort Hennigsdorf befinden sich weitere Produktions-Werkshallen, die Forschung und Entwicklung sowie die Hauptverwaltung von Bombardier Transportation.

Woidke sagt Unterstützung zu

Der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bekräftige, dass die brandenburgische Landesregierung Alstom bei der Entwicklung des Traditionsstandortes Hennigsdorf auch künftig zur Seite stehen werde. "Ich bin zuversichtlich, dass Alstom einen wichtigen Beitrag zur notwendigen Verkehrswende leisten wird hin zu nachhaltiger Mobilität", so Woidke. "Das ist für Hennigsdorf und für die gesamte Hauptstadtregion als wichtigem Standort des Schienenfahrzeugbaus von großer Bedeutung."

Der Brandenburger Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) nannte die Fusion eine "gute Nachricht in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit". "Die Landesregierung hat den Fusionsprozess begleitet und den Eindruck gewonnen, dass die Verhandlungspartner um einen fairen Interessenausgleich bemüht waren und auch die Belange von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dabei stets im Blick hatten."

Betriebsrat: "Sind von einer Umstrukturierung in die andere gerutscht"

Die Fusion vollzog sich für die Bombardier-Belegschaft in Hennigsdorf ohne Streiks und Proteste. Betriebsrat Volkmar Pohl sagt, die Beschäftigten hätten bislang wenig Informationen über die Zukunft des Betriebs erhalten. "Wir haben noch keine Nachricht bekommen ob der Deal zustande kommt, aber wir sind guter Hoffnung und warten, was am Montag kommuniziert wird", so Pohl.

Rund 20 Jahre stand das Bahnwerk unter der Regie von Bombardier. Seit mehr als zehn Jahren wurde die Zugsparte von Lieferproblemen geplagt und wirtschaftete in den roten Zahlen. Auch die Bilanz von Volkmar Pohl fällt gemischt aus. "Das Positive ist, dass wir überhaupt 20 Jahre hier gewesen sind. Das Negative ist, dass wir von einer Umstrukturierung in die andere gerutscht sind, keine Ruhe hatten und uns mehr mit uns selbst beschäftigt hatten als mit dem Kunden."

Die IG Metall begrüßte den Zusammenschluss. "Jetzt steht für uns die Erwartung an zukunftssichere Arbeitsplätze und Standorte im Fokus", erklärte die Bezirksleiterin für Berlin und Brandenburg, Birgit Dietze. "Hier sollte das neue Unternehmen schnell Klarheit schaffen." Sie rief die Politik auf, "öffentliche Auftragsvergaben mit einem klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland" zu verknüpfen.


Korrektur: In einer ersten Version dieses Beitrags hatten wir berichtet, dass der gesamte Standort Hennigsdorf verkauft werden soll. Das ist nicht korrekt. Der Verkauf betrifft nur zwei Produktionshallen.

7 Kommentare

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  1. 7.

    Der Verkauf des Fabrikteils in Hennigsdorf und des Werks in Reichshoffen an Skoda riecht faul. Der Zwerg Skoda hat eigentlich nicht das Geld dafür. Außerdem hat er ähnliche Qualitätsdesaster wie Bombardier zu verzeichnen: Die Züge für den Regionalexpress München-Ingolstadt z.B. gehen mit vier Jahren Verspätung in Betrieb.

    Am Elsässer Werk war CAF interessiert, am Hennigsdorfer Werksteil hatten Stadler und CAF Interesse bekundet. Beide haben Geld und Know-How, um etwas daraus zu machen. Offenbar haben die Alstom-Eigner Wege gefunden, diese unerwünschte Konkurrenz auszutricksen, und nehmen dafür gern in Kauf, dass das Werk in Reichshoffen irgendwann dicht gemacht wird. Die Belegschaft dort ist wütend und enttäuscht, denn sie hatte den Verkauf an CAF gefordert.

  2. 6.

    Baut Skoda Tr... dann den Talent 3 ? Könnte ja suchen; geht hier oft schneller.

  3. 5.

    Die Korrektur des Fettdrucktextes (Unterüberschrift) hätte man dann netterweise aber auch vornehmen können.

  4. 4.

    "Bereits vor der Fusion verhandelt der TGV-Hersteller über den Verkauf des Standorts Hennigsdorf an Skoda Transportation." aus der Einleitung hätte ich jetzt im Angebot. ;-)

  5. 3.

    Sie haben Recht: In Hennigsdorf soll nicht der gesamte Standort verkauft werden, sondern zwei Werkshallen, in denen der Regionalzug Talent 3 gebaut wird. Wir haben das korrigiert.

  6. 2.

    Ich finde die Formulierung, die Sie zittierten, eindeutig. "Bombardier-Produktionsanlagen in Hennigsdorf" - hier ist nicht die Rede vom gesamten Standort, der aus wesentlich mehr als "nur" der Produktion des Talent 3 besteht. Und die Formulierung entspricht auch den Tatsachen.
    Allerdings ist die Kapitelüberschrift, die der RBB wählt, missverständlich, sogar falsch.

    Nach derzeitigem Planungsstand werden die Produktionsanlagen des Talent 3 ausgelagert in andere Hallen am Standort Hennigsdorf, um sie dann nach Veräußerung vom Werksgelände Bombardier, das an Alstom übergeht, zu trennen.

  7. 1.

    "Eine dieser Auflagen ist der Verkauf der Bombardier-Produktionsanlagen in Hennigsdorf." Soll der gesamte Standort verkauft werden? U.a. im vergangenen Sommer berichtete RBB24 nur über einen Teilverkauf der Werksteile, die den Talent 3 bauen:
    https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2020/07/bombardier-hennigsdorf-verkauf-produktion-talent-3.html

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