Archivbild: Auch am letzten Wochenende der Grünen Woche kommen viele Besucher in die Halle des Landes Brandenburg. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
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Zwei Tage Digitalmesse - Berliner Grüne Woche dieses Mal ohne Häppchenjagd

Wo sich im vergangenen Jahr noch 400.000 Besucher drängelten, herrscht in diesem Jahr Leere. Die Grüne Woche in Berlin gibt es dieses Mal - wie so vieles - nur digital. Das ändert aber nichts an den realen Themen bei den Lebensmittelerzeugern. Von Johannes Frewel

Grunzende Schweine und Pferdegetrappel wird es dieses Mal nicht geben. Bei der Grünen Woche 2021 unter dem Berliner Funkturm bleibt es in diesem Januar still, denn das weltweit größte Schaufenster der Agrar- und Lebensmittelbranche öffnet erstmals seit dem Messestart 1926 am Mittwoch rein virtuell. Real bleibt die Messe geschlossen.

"Das ist sehr schade, das tut wirklich weh", sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. "Lebensmittel müssen Sie fühlen, schmecken und riechen - das fällt alles weg". Von den traditionellen zehn Tagen wurde die Grüne Woche auf zwei Tage verkürzt - Grund ist mangelndes Ausstellerinteresse am reinen Digitalauftritt.

400.000 Besucher aus aller Welt bleiben dieses Mal zu Hause

Reisten im Vorjahr noch 1.800 Aussteller aus 72 Ländern nach Berlin, kommt während der Corona-Pandemie niemand. 2020 wurden 400.000 Messebesucher vor Ort gezählt - dieses Mal werden Abrufzahlen digitaler Streams der Ernährungsmesse im Internet gezählt,
die wahrscheinlich deutlich bescheidener ausfallen.

"Die internationale Grüne Woche als Vernetzungstreffen, als Ort des Austauschs zwischen Konsumenten, Landwirten, Ernährungswirtschaft und Einzelhandel, das ist ja nach wie vor gegeben", sagt der Brandenburger Umwelt- und Agrarminister Axel Vogel (Grüne). Er hoffe trotz alledem auf Resonanz für den Messeauftritt seines Bundeslands, der vor allem aus Image-Filmen besteht.

Digitalveranstaltungen sind offen für alle

Unter gruenewoche.de finden sich digitale Angebote für Fachbesucher ebenso wie etwa für Firmengründer aus der Agrar- und Lebensmittelbranche, Präsentationen vornehmlich deutscher Regionen, Verbände und Institutionen. Außerdem gibt es zahlreiche Diskussionsveranstaltungen - und auch Kochshows.

Ein Teil des digitalen Programms wird dabei von Bühnen in leeren Messehallen gestreamt, die zu Video-Studios umgebaut wurden. Die Anmeldung zu den Digitalveranstaltungen im Internet ist offen für alle - nicht nur für Fachbesucher - und kostenfrei. [zum Programm]

Blumenhalle erst wieder 2022

Verzichten müssen virtuelle Besucher nicht nur auf die Blumenhalle, die alljährlich mit einem Blütenmeer lockte und mitten im Winter die Hoffnung auf das Frühjahr schürte - zur Freude der Gartenbranche. Auch Geruch und Geschmack teils exotischer Früchte, Speisen und Getränke und die Häppchenerfahrung inmitten eines drängenden Menschenstroms in rappelvollen Hallen lässt sich per Internet nicht vermitteln.

Traktoren-Demo: Missstände treiben Bauern auf die Straße

Die Grüne Woche wird virtuell, die realen Probleme der Branchen rund um Ernährung bleiben jedoch sehr real. Vor dem Messestart demonstrierte das Bündnis "Wir haben es satt" mit Traktoren durch das Regierungsviertel gegen eine Politik, die aus Sicht der Veranstalter nachhaltige Landwirtschaft benachteiligt und agrarindustrielle Wertschöpfungsketten mit Milliardenbeträgen aus EU-Agrarsubventionen stützt.

Seit der Übernahme der Regierungsverantwortung durch das erste Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2005 hätten 130.000 landwirtschaftliche Betriebe ihre Hoftür für immer dichtgemacht, rechnet Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) vor, "und dieses Höfesterben, das haben wir satt".

Ladenpreise bleiben im Keller

Bauern hatten in den vergangenen Wochen Zentrallager von Aldi, Lidl, Edeka und Rewe blockiert, um ihrer Forderung nach höheren Abnahmepreisen Nachdruck zu verleihen. Sie protestierten auch vor Großmolkereien und Schlachthöfen etwa von Tönnies. Das Unternehmen machte mit prekären Arbeitsverhältnissen zeitweilig als größter Corona-Infektionsherd Deutschlands Negativ-Schlagzeilen.

Für Milch erlösen Bauern mitunter nur um die 30 Cent je Liter, für das Kilo Schweinefleisch wird ihnen lediglich 1,20 Euro gutgeschrieben, beklagen Bauern. Das decke ihre Kosten nicht. Der für sie ruinöse Wettbewerb zwischen den großen Ketten des Lebensmitteleinzelhandels gewinnt aktuell erneut an Fahrt. Auch nachdem die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung ausgelaufen ist, steigen die Ladenpreise aus Wettbewerbsgründen oft nicht.

Discounterpreiskrieg setzt Produzenten unter Druck

Handelsexperten erwarten im Umfeld der Grünen Woche eine neue Stufe des Preiskriegs der Discounter. Die Supermarktkette Edeka kritisierte in einem offenen Brief Aldi und Lidl, der Preis für Obst, Gemüse, Fleisch und Getränke dürfe nicht das einzige Kriterium sein. Der Kampf um das billigste Angebot übe einen besonderen Druck auf die gesamte Wertschöpfungskette aus. Bio, Nachhaltigkeit, Regionalität, Tierwohl, Frische, Genuss und Qualität böten hingegen den Mehrwert einer unerschöpflichen Vielfalt.

Tatsächlich ist die Nachfrage nach hochwertigen regionalen Produkten in der Krise gewachsen. In Berlin und Brandenburg um 23 Prozent, Hofläden profitieren. Eine Negativ-Seite der Pandemie, ob beim Winterschnitt im Obst- und Weinbau oder ab April bei der Spargelernte: Weil Saisonkräfte aus Osteuropa wegen der Pandemiebeschränkungen fehlen, haben landwirtschaftliche Betriebe Probleme.

Cabernet Franc wächst jetzt auch in Deutschland

Neben den Coronafolgen drücken die Probleme des Klimawandels. Die Agrarbranche ist einerseits ein Verursacher - andererseits leidet sie unter den Folgen. Und der klimabedingte Sortenwechsel ist längst im Gange. "Im Weinbau tasten wir Winzer uns an neue Sorten heran", sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied, "Wir wollen in diesem Jahr Cabernet Franc pflanzen, weil der mittlerweile bei uns auch gedeiht". Bisher wächst diese Rebensorte besonders gut unter den klimatischen Bedingungen der Bordeaux-Region im Südwesten Frankreichs. Und da scheint sich Deutschland jetzt anzunähern.

Sendung: Inforadio, 23.01.2021

Beitrag von Johannes Frewel

9 Kommentare

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  1. 9.

    Ich kann mich Ihren Worten nur anschließen. Ich selber war aus zeitlichen Gründen die letzten drei Jahre nicht dort, aber es war immer schön. Und wie Sie schon richtig sagten, wer das nicht mag brauch ja nicht hingehen.

  2. 8.

    Wenn ihr mit der Grünen Woche nix anfangen könnt, dann müsst ihr doch nicht hingehen.
    Also ich war jedes Jahr dort, nirgends sonst kann man diesen Gaudi erleben, an einem einzigen Tag kulinarische Köstlichkeiten aus aller Welt sowie regionale Besonderheiten zu kosten. Und nebenbei kann man noch einiges zur Produktion und Herkunft dergleichen erfahren.
    Diese Messe war stets das Highlight zum Jahresbeginn und wird hoffentlich ab 2022 wieder gewohnt stattfinden.
    Und übrigens, Häppchen schnorren ist schon lange nicht mehr. Nen dreistelliger Betrag geht da schon locker an einem Tag drauf. Aber das ist es mir wert.

  3. 7.

    Diese Messe ist so wichtig und informativ wie ein Heizer auf einem UBoot.
    Mit einer Fachmesse nichts mehr gemein. Fressmeile der Nichtlandwirte,Podium für abgehobene und realverlorene Politiker und NGOs,Plattform für Narzisten sowie Sammelbecken aller Leute ,die heute sich vollfressen an Häppchen und morgen die reale Landwirtschaft kollektiv vernichten wollen.Abartig,

  4. 6.

    So titelte der Tagesspiegel schon 2019 über die Grüne Woche:
    Nachhaltig immun gegen den Zeitgeist
    Jackfrucht, Bier und Hornhauthobel: Ein durchaus unvollständiger Rundgang über die Grüne Woche 2019.
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/gruene-woche-in-berlin-nachhaltig-immun-gegen-den-zeitgeist/23884798.html

    Digital reicht.

  5. 5.

    Ich war einmal auf dieser Messe und das reicht mir auch.

  6. 4.

    "grade für Kinder, die viel zu wenig Natur und Landwirtschaft erleben." Gibt es die nich reichlich in Bernau?

  7. 3.

    Ich vermisse die Messe sehr. Ja, man KANN dort auf Häppchenjagd gehen, aber nein, man MUSS NICHT. Der Bereich am Eingang Messe Süd bot immer genügend Interessantes und Wissenswertes auch und grade für Kinder, die viel zu wenig Natur und Landwirtschaft erleben.

  8. 2.

    @RBB: "Häppchenjagd" klingt prima, es ist ein schönes und treffendes Wortspiel für das übliche Geschehen auf der Grünen Woche.

  9. 1.

    Eine gute Alternative die grüne Woche hatte ihren charm schon vor Jahren verloren und wurde nur noch ein extremer Verkaufsmarkt ... vll kommt so ja mal etwas der ursprüngliche gesunde Gedanke wieder hervor.

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