Ostern im Regen - Passanten mit Regenschirm bei starken Regenschauern vor einem Osterstrauch (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 05.01.2020 | Anja Dobrodinsky | Bild: dpa

Konjunkturprognose - Die Wirtschaft könnte sich im Frühjahr kräftig erholen

Trotz des neuerlichen Lockdowns wird sich die deutsche Wirtschaft 2021 aus der Krise herausbewegen, so die Prognose von Konjunkturforschern. Voraussetzung dafür sei auch eine aktive Wirtschaftspolitik. Von Anja Dobrodinsky

Um deutlich mehr als vier Prozent wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr wachsen. Das sagen Forscher des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in ihrem am Dienstag veröffentlichten Report "Wirtschaftspolitische Herausforderungen 2021" voraus. Das IMK ist eine Abteilung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Der wissenschaftliche Direktor Sebastian Dullien ist zuversichtlich: "Zum einen ist das vierte Quartal wahrscheinlich etwas besser gelaufen, als es viele erwartet haben, und zum anderen dürften viele der Ausgaben, die im Januar wegfallen, nachgeholt werden im Laufe des Jahres."

Es werde also in jedem Fall eine kräftige Erholung ab dem Frühjahr kommen.

2020 war ein Sparjahr für die Deutschen

Ein Wachstum von 4,9 Prozent hatte das IMK im Dezember für 2021 vorausgesagt - und dabei bleibt es. Damit wird zwar das Minus von fünf Prozent aus dem ersten Corona-Jahr 2020 noch nicht wieder ausgeglichen sein. Die Forscher rechnen aber damit, dass in der zweiten Jahreshälfte keine Lockdowns mehr nötig sein werden.

Zudem haben die Deutschen im Jahr 2020 100 Milliarden Euro mehr gespart als im Vorjahr. Fließt von dieser Rekordsumme auch nur ein Teil in den Konsum, werde dies der Wirtschaft einen enormen Schub geben, sagt Dullien. Auch die Unternehmen werden Investitionen nachholen, schätzt er: "Die Finanzierungsbedingungen sind sehr günstig, von daher gehen wir auch davon aus, dass die Investitionstätigkeit spätestens ab dem Frühjahr wieder deutlich anzieht."

Prognose für die Region

Die Berliner Wirtschaftsleistung ist 2020 derweil um etwa sechs Prozent eingebrochen, schätzen die Volkswirte der Investitionsbank Berlin (IBB). Mehr als sieben Milliarden Euro neue Schulden musste das Land aufnehmen, nachdem es vorher jahrelang überhaupt keine neuen Schulden gemacht hatte.

Für 2021 rechnen die Wirtschaftsexperten mit einem Wachstum von vier Prozent. Erst 2022 wird wohl das Vorkrisenniveau in der Hauptstadt wieder erreicht werden. Besonders betroffen ist das Gastgewerbe. Hier sanken die Umsätze um rund die Hälfte. Die Berliner Industrieunternehmen hingegen zeigen sich robust. Bis Oktober schrumpften ihre Umsätze nur um ein Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit waren es elf Prozent.

Großzügige staatliche Hilfen sind angemessen

Die bisherigen und geplanten staatlichen Corona-Hilfen halten die IMK-Forscher für angemessen. Zwar könne damit wohl nicht jedes Unternehmen gerettet werden, die Hilfen müssten aber dennoch weiterhin großzügig fließen. An einigen Stellen wünschen sich die Wissenschaftler aber Nachbesserungen. So regen sie zum Beispiel an, dass der Staat den vom Lockdown betroffenen Firmen aus Gastronomie, Handel oder Veranstaltungsbranche hundert Prozent ihrer Fixkosten erstattet. Bisher gibt es höchstens 90 Prozent.

Denkbar sei auch eine gesetzliche Pflicht zur Minderung von Gewerbemieten. Im ersten Lockdown erschien so etwas noch zu riskant, erinnert sich Sebastian Dullien. Damals habe man gedacht, die Vermieter müssten gut geschützt werden, damit das Bankensystem nicht zusammenbricht: "Man hat jetzt einen besseren Eindruck davon, dass durchaus Eigenkapital vorhanden ist bei den Vermietern von Gewerbeimmobilien. Das heißt, dass sie nicht sofort in die Insolvenz laufen würden, wenn man eine Zeit lang keine oder eine geringere Miete zahlen würde."

Kurzarbeitergeld zu niedrig

Auch die Regelungen zum Kurzarbeitergeld müssten geändert werden, so die IMK-Forscher. Zwar steigt es nach vier beziehungsweise acht Monaten automatisch an. Viele Beschäftigte profitieren davon jedoch nicht. Weil die Restaurants und Geschäfte den ganzen Sommer über geöffnet waren, kommen sie nicht auf die erforderliche Zeit. Besonders hart ist das für Beschäftigte im Niedriglohnsektor wie Kellner oder Verkäufer. 60 Prozent ihres Lohns sind oft weniger als Hartz IV. Das IMK fordert deshalb, das Kurzarbeitergeld für diese Beschäftigten aufzustocken.

Staatsschulden kein Problem

Um die Schuldenquote müsse sich der Staat erst einmal keine Sorgen machen, sagt Sebastian Dullien: "Wir rechnen mit einer Schuldenquote im laufenden Jahr von etwas über 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das ist deutlich niedriger als das, was wir 2012 nach der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise hatten." Damals lag die Quote bei mehr als 80 Prozent.

Andere Ländern hätten zudem wesentlich höhere Schuldenquoten als Deutschland und könnten damit gut leben, so der wissenschaftliche Direktor des IMK. Die Corona-Schulden des Staates sollten deshalb erst einmal nicht getilgt werden. Das Geld solle lieber in Dekarbonisierung und Digitalisierung investiert werden, empfehlen die Wissenschaftler. Hier gebe es bis 2030 einen Bedarf von 450 Milliarden Euro.

Aus der Krise lernen

Auf lange Sicht schlagen die IMK-Forscher vor, die Regeln für Soloselbständige und Minijobbern zu ändern. Sie fallen derzeit oft durch alle Förderraster. So gibt es etwa für Minijobber kein Kurzarbeitergeld. In der Krise verloren deshalb viele von ihnen ihren Job. Die Wirtschaftsforscher schlagen vor, das System Minijob abzuschaffen, mit Ausnahme der Dienste in privaten Haushalten.

Auch für Soloselbständige gibt es kaum Corona-Hilfen. Vor allem wenn sie keine Betriebskosten haben, gehen sie leer aus. Damit sie in Zukunft im Krisenfall Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben, fordern die IMK-Wissenschaftler eine Pflicht zur Arbeitslosenversicherung für sie.

Beitrag von Anja Dobrodinsky

8 Kommentare

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  1. 8.

    Und ich bin mir sicher-wenn es in der Phase des Booms darum gehen sollte, daß die heute mit staatlicher Hilfe geretteten Unternehmen sich durch höhere Steuern und Abgaben an der Finanzierung beteiligen sollen, dann wird ein Aufschrei der Entrüstung von Zehlendorf bis Frohnau zu hören sein.

  2. 7.

    Das sah aber vor Weihnachten nicht so aus... Da war Shopping pur überall. Und der Onlinehandel brummt. Geld ist genug da.

  3. 6.

    Ich sehe den hoffentlich kommenden Wiederaufschwung nach Bewältigung der Pandemie schon geschichtsbuchtauglich als "Wirtschaftswunder 2.0" (heutzutage muss ja alles sich Wiederholende mit 2.0 gekennzeichnet werden) in die Annalen der deutschen Geschichte eingehen... *kotz*, wie ich dieses Web-Neusprech verachte.

  4. 5.

    Vielleicht könnte man ja auch die Soloselbständigen durch eine geringere Gewerbesteuer und Bilanzbefreiung entlasten.

  5. 4.

    Wer 1 und 1 zusammen zählen kann, weiß das dies nicht klappt.
    Wer soll die Wirtschaft an kurbeln, wenn nicht der kleine Enverbraucher ?...... der aber durch die absurden Regeln der Politiker arbeitslos geworden ist.

  6. 3.

    Letztes Jahr war im Juni nix von Erholung.

  7. 2.

    Was sagte das Orakel? Die Wirtschaft könnte sich erholen. Oder auch nicht...

  8. 1.

    Wieso hieß es vor Corona Schwarze Null und Schuldenbremse?
    Und jetzt steht hier: Staatsschulden kein Problem
    Warum sind Staatsschulden immer nur dann ein Problem, wenn es um Bildung und Bekämpfung von Armut geht?
    Von einem Extrem wird man hier ins andere geschaukelt.

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