Elektro-Carsharing-PKW im Mai 2020. (Quelle: imago images)
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Kritik an Berliner Verkehrspolitik - Carsharing-Anbieter fühlen sich vom Senat ausgebremst

Hohe Parkgebühren und eine schlechte Ladeinfrastruktur ärgern die Carsharing-Anbieter in Berlin. Andere Großstädte böten deutlich bessere Rahmenbedingungen, sagt die Branche. Doch der Senat weist die Kritik zurück. Von Tobias Schmutzler

Sein Neuer ist noch ganz frisch. Michael Fischer kurvt mit einem VW ID.3 zufrieden durch Berlins Straßen. Sein Arbeitgeber, der Carsharing-Anbieter WeShare, setzt voll auf Elektroautos von Volkswagen. Seit einigen Wochen rüstet WeShare die 1.500 Fahrzeuge große Flotte von E-Golf auf ID.3 um.

Wenn Michael Fischer das Auto allerdings gleich abstellt, dann ist es mit der Freude vorbei: "Carsharing-Anbieter zahlen den vollen Parkpreis pro Minute. Das summiert sich pro Anbieter auf mehrere Millionen Euro im Jahr." Dagegen zahlen private PKW-Besitzer 10,20 Euro im Jahr für den Anwohner-Parkausweis. Diese unterschiedliche Behandlung ärgert die Carsharing-Branche – und sie hat Folgen.

WeShare erhöhte die Preise

Vor Kurzem hat Weshare die Preise hochgeschraubt: Im Haupttarif wurde das Fahren und Parken um 10 Cent auf 29 Cent pro Minute erhöht. Hinzu kommt immer 1 Euro pro Miete fix. Hat die Kostenerhöhung auch mit den hohen Parkgebühren in Berlin zu tun? "Indirekt schon. Die Preise für die Kunden richten sich natürlich auch nach den Kosten, die wir in der Stadt haben", sagt Michael Fischer.

Bisher ärgert sich WeShare nur über die Parkgebühren in der Hauptstadt, hält aber trotzdem am Carsharing mit E-Autos fest. Währenddessen hat ein anderer Anbieter schon die Segel gestrichen. Sharenow ist beim Carsharing sozusagen der Platzhirsch: Daimler und BMW stehen hinter dem Unternehmen, zu dem sich die früheren Konkurrenten Car2go und Drivenow zusammengeschlossen haben. Sharenow hat vor einigen Wochen die Leasing-Verträge für seine elektrischen BMW i3 in Berlin nicht verlängert, betreibt die Elektroflotte in anderen Städten aber weiter.

Berlin will Elektromobilität nicht fördern

Für Patrick Tünkers war diese Entscheidung nur folgerichtig. Er ist Business Development Manager bei Sharenow und führt regelmäßig Gespräche mit dem Berliner Senat. Tünkers verweist auf andere deutsche Großstädte, zum Beispiel Hamburg und München: Dort werden Elektroautos generell privilegiert und können kostenlos parken. "Das ist eine wünschenswerte Sache, wenn man Elektromobilität fördern möchte – das tut Berlin aktuell nicht", sagt Tünkers.

Allerdings waren die Parkgebühren nicht der einzige Grund, weshalb Sharenow seine E-Autos abgezogen hat. Auch die schlechte Ladeinfrastruktur war dem Anbieter ein Dorn im Auge, erklärt Patrick Tünkers. Aktuell fahren gut 10.000 Elektroautos in der Stadt – rechnerisch steht für neun E-Autos aber nur etwa eine Ladesäule zur Verfügung.

Senat weist Kritik zurück

Aus Sicht des Senats ist dieses Verhältnis allerdings gar nicht mal schlecht. "Im bundesweiten Maßstab ist Berlin damit führend", sagte der Staatssekretär für Verkehr Ingmar Streese (Grüne) in der rbb-Abendschau. Natürlich müsse man die Ladesäulen aber weiter ausbauen. Im kommenden Jahr seien auch bereits 1.000 neue Ladepunkte in Berlin geplant.

Ein Entgegenkommen bei den Parkgebühren kommt für den Senat dagegen auch in Zukunft nicht in Frage. Das Anbieten von Mietfahrzeugen im öffentlichen Raum sei eine gewerbliche Tätigkeit, für die auch Gebühren erhoben werden sollten, argumentierte Staatssekretär Streese in der rbb-Abendschau.

Alleingelassen und nicht ernstgenommen

Insgesamt bleibt es also bei einem angespannten Verhältnis zwischen Senat und Carsharing-Anbietern. Das kann auch der Geschäftsführer von MILES bestätigen, dessen Unternehmen nur Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren anbietet. Oliver Mackprang fühlt sich nach eigener Aussage vom Senat "nicht gehört, nicht ernstgenommen, einfach alleingelassen. Als würde man Carsharing einfach nicht in der Stadt haben wollen – oder die Bedingungen erschweren wollen".

Doch dieser Eindruck ist laut Staatssekretär Ingmar Streese verkehrt. Mit insgesamt 6.700 Carsharing-Fahrzeugen stehe man im Vergleich mit anderen Städten gut da. "Diese Landesregierung verfolgt das Ziel der Verkehrswende, den Umweltverbund zu stärken – das Carsharing spielt dabei auch eine Rolle", sagte Streese. Doch wie diese Rolle genau aussehen soll, darüber herrschen offenbar sehr verschiedene Ansichten.

Sendung: Abendschau, 06.01.2020, 19:30 Uhr

Beitrag von Tobias Schmutzler

38 Kommentare

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  1. 38.

    Da hoffe ich irgendwie auf die Autohäuser, die es reichlich gibt. Daimler hatte ja mal über eine Mobilitätsflatrate incl Bahn nachgedacht. Hab nix mehr von gehört. Da würde ich mitmachen. Bei Sonnenschein mit dem Cabrio an den Badesee, in den Urlaub mit der V-Klasse oder der Bahn und im Alltag reicht die A-Klasse. Gern auch igendwann elektrisch oder mit H2. Zum nächsten Händler sind es nur ein paar hundert meter.
    Werde ich aber wohl noch 1- 2 Autoleben drauf warten müssen.

  2. 37.

    Ach, die lieben Carsherer WeShare und Co! Danke dass ihr ständig die Ladesäulen zuparkt und NICHT WEGFÄHRT nach dem Laden. Die zugestellten Ladesäule ist der einzige Grund, warum ich mir kein eigenes Elektroauto leisten kann, weil ich nicht zuverlässig vor meiner Haustür laden kann.

    Wenn ihr Geld damit verdient, baut eine eigene Ladeinfrastruktur auf, anstatt auf Kosten der anderen Ladesäulenbetreiber/Förderung/Anwohner!

  3. 36.

    Das Carsharing muss vor allem in die Außenbezirke, weil da macht es am meisten Sinn.
    Ich würde sofort mein Auto abschaffen wenn es hier in der Nähe Angebote gebe, aber wenn ich erst fünf Kilometer irgendwohin muss und dass da dann auch wieder dort abstellen muss, macht das natürlich keinen Sinn.

  4. 35.

    Sie lesen interessante Sachen zwischen den Zeilen. Respekt.

    Im Ernst: Wo steht denn so etwas in diesem Artikel ?

  5. 34.

    Was der Artikel verschweigt: WeShare ist eine Tochter von Volkswagen, die die E-Autos des Konzerns vermarktet. Allgemein sollte auch hier schon bekannt sein, dass das Carsharing mit FreeFloat-System kein Baustein einer Verkehrswende darstellt, da damit keine Autos in der (Innen-)Stadt eingespart werden und die Kfz-Nutzung in Konkurrenz zum Umweltverbund eher befördert wird - ganz im Gegensatz zum stationsgebundenen CarSharing wie bei Flinkster, Cambio oder Greenwheels.
    Mein Bedauern hält sich echt in sehr engen Grenzen.

  6. 33.

    Argwöhnisch, aber auch kenntnisreich schauen die Bürger der links/grünen Verwaltung über die Schulter. Sie verlangen zu recht immer energischer ein Mitspracherecht: wir wollen unsere Stadt zurück, sie ist nicht Eigentum links/grüner Ideologen, die diese zur erfindungsreichen "Einnahmequelle" als "Fass ohne Boden" für fragwürdige Projekte degradiert. Denn, wenn "das Geld der Autofahrer" alle ist, kommt wer dran?

  7. 32.

    Es wäre doch sinnvoll wenn diese Firmen ihre eigenen Ladesäulen auf zu erwerbenden Eigenflächen nutzen und dem Kunden das geladene Fahrzeug übergeben. Reicht diese "Erstladung" nicht ist es Sache des Kunden nachzuladen. 10,20 € für die ganzjährige Nutzung im Wohnbereich sind nicht erwähnenswert. Allerdings parkt man hier auf einem sehr gut gelegenen und gepflegten Parkplatz völlig kostenfrei-auch Firmen. Nur 100m weiter zahlen Mieter von neu errichteten Gebäuden 30-40€ / Monat für ihre Parkfläche. Teils extern 50m weiter aber eingezäunt. Laternenparker zahlen hier nun auch wieder nichts. Erstaunlich, dass Herr Neumann den "Benziner" noch nicht entdeckt hat.

  8. 31.

    Alles klar. Vor der Wahl wird keiner des Deutschen heilige Kuh finanziell weiter belasten wollen.

  9. 30.

    Ach du meine Güte. Dann sollen se halt woanders hingehen. Mir ist auch aufgefallen das besonders die Fahrer in den "Pay for the ride, blabla, sülz" .. aggressiv bzw. rücksichtslos im Straßenverkehr agieren.

  10. 29.

    Sie haben null Chancen, wenn sie es nicht eigenwirtschaftlich hinkriegen. Das scheint der Fall zu sein - aber es gibt auch auch noch Flinkster, Greenwheels und Co.

    Verboten wird Ihnen nichts, wie ihr Kommentar suggeriert.

  11. 28.

    Stöbern Sie mal in den älteren Artikeln zu Thema "Anwohnerparkausweis". In der bisherigen Form soll der keine Lenkwirkung für die Anwohner haben, sondern für die Fremdparker. Die Gebühren beinhalten deshalb nur den Aufwand der Kommune für die Ausstellung des Parkausweises. Die auf Bundesratsinitiative Berlin möglich gewordene Gebührenerhöhung sollte eigentlich im 2. HJ. 2020 verabschiedet werden. Ich tippe mal darauf, dass es eher Winter 2021/22 werden wird. Jetzt steht die Wahl zu kurz bevor.

  12. 27.

    Vielleicht böte sich an, für das Freefloating-System mit einer Konzession zu arbeiten - ein Anbieter mit definiertem Leistungsspektrum (E-Auto, Anzahl und Flächenabdeckung), Vergabe für definierten Zeitraum und darüberhinaus - da bin ich bei Ihnen - ein Verbot solcher Geschäftsmodelle.

  13. 26.

    Zu einem Artikel, in dem diese nicht zu finden sind, sollten Sie die "Menge der sinnlosen Entscheidungen" schon einmal benennen. Andernfalls ist Ihre Ausführung nicht nachvollziehbar.

  14. 25.

    Selbst im Artikel sind Schritte zum Ausbau der Infrastruktur genannt bzw. verlinkt und auch das mit Zahlen begründetet Statement, das Berlin nicht so schlecht dasteht. Das haben Sie überlesen, anders ist Ihre Aussage nicht zu erklären.

    Vergessen Sie bitte auch nicht, dass das E-Auto nur ein Baustein hin zu umweltverträglichem Verkehr ist. Werden nur alle Verbrenner durch elektrisch betriebene Fahrzeuge ersetzt, haben wir immer noch mindestens ein Platzproblem.

  15. 24.

    Nun, liebe Carsharing-Anbieter, in anderen Städten regiert nicht eine Melange aus Rot-Dunkelrot-Grün, deren Feindbild das Auto ist. Selbst E-Autos haben keine Chance, weil es am politischen Willen fehlt equivalente Ladestationen zu bauen.
    Außer unsinnigen Vorschlägen, Straßenlaternen zu nutzen (was rein phisikalisch nicht geht), kommt nichts. Noch nicht einmal im Ansatz.
    Berlin soll, nach den Träumen von Rot-Dunkelrot-Grün, eine Fahrradstadt werden.
    Da habt ihr mit Eurer Idee von Fahrzeugen, die von mehreren Personen genutzt werden, null Chancen.
    Lieber baut man hier auf E-Scooter, die überall herum liegen und zur Gefahr für Fußgänger und Radfahrer werden, oder eben die genauso unseligen E-Fahrräder, die auch das Stadtbild verschandeln.

  16. 23.

    WeShare bietet FreeFloating an, dabei geht es um Werbung für Autos. Weshalb sollte der Senat das fördern?

    Carsharing mit festen Stationen hingegen ersetzt nachweislich viele Autos. Aber das gibt es ja in Berlin praktisch nicht. Hier sollte der Senat nach Kräften fordern.

  17. 22.

    Die Menge der sinnlosen Entscheidungen machen es aber aus um erkennen zu können welche Richtung der Weg der Grünen geht. Fakt ist, andere Großstädte machen es anders und besser

  18. 21.

    Ich bin ganz ihrer Meinung - als wir noch innerhalb des S-Ringes wohnten, waren wir bei Greenwheels und nutzen die Wagen bei besonderen Gelegenheiten (Transport größerer Dinge oder bei Treffen am Stadtrand mit schlechter ÖPNV-Anbindung). Nun wohnen wir 4 S-Stationen außerhalb des Rings und mussten feststellen: Hier gibt es keinen Carsharing-Anbieter weit und breit. Momentan gibt es also solche Angebote nur dort, wo man ohnehin perfekt angebunden ist. Das spricht meines Erachtens nicht dafür, diese Anbieter als Eckpfeiler der Verkehrswende zu betrachten.

  19. 20.

    Ich weiß was ein Parkausweis ist. Trotzdem zu billig, selbst wenn es nur in einer Straße gelten sollte. Dafür wird öffentlicher Raum genutzt. Damit kann man gerade den Verwaltungsvorgang bezahlen, wenn überhaupt. Für den Tropfen Öl und den anderen Dreck den ein Auto am Parkplatz hinterlässt bleibt nix übrig. Das bezahlt dann wieder jeder Steuerzahler, auch der ohne Auto.

  20. 19.

    Das Problem wurde gestern in den Nachrichten gezeigt. 1 Ladestationen für 9 E.Autos im Schnitt. Parkgebühren nur in Berlin, in anderen Bundesländern umsonst. Das ist der Berliner Senat. Wenn man eine saubere Stadt haben möchte, so wie Grünen es immer fordern, würde ich auch mehr Ladestationen bauen aber Sie blockieren ja alles unter dem Motto..... keine Autos in der Stadt. Super Klimawandel....

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