Reportage | Stillgelegtes AKW - Unterwegs ins Innere des Kernkraftwerks Rheinsberg

Die Schaltwarte im ehemaligen AKW Rheinsberg im März 2021. (Quelle: rbb/Thomas Prinzler)
Bild: Audio: Inforadio | 24.03.2021 | Thomas Prinzler

Tief im Wald, nicht weit vom Großen Stechlinsee, liegt das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Rheinsberg. Vor über 30 Jahren wurde es stillgelegt, seit 1995 rückgebaut. Doch der Abriss dauert noch. Thomas Prinzler hat sich durch sein Inneres führen lassen.

Die Kulisse könnte kaum malerischer sein: Das ehemalige Kernkraftwerk Rheinsberg liegt idyllisch tief im Wald zwischen Nehmitzsee und dem Großen Stechlinsee. Am Ende der Zufahrtsstraße von Menz geht es durch das offenstehende alte Eingangstor, das früher streng bewacht wurde und sich nur für Mitarbeiter öffnete. Verziert wird es von einer Friedenstaube im Zentrum des Atomsymbols. "Kernenergie für eine friedliche Zukunft", werde ich später auf einem alten Kalender in der ehemaligen Werkshalle lesen.

Aus Sicherheitsgründen nach der Wende abgeschaltet

Nicht nur die Bundesrepublik erzeugte Strom durch Kernkraft - auch in der DDR lieferten die beiden AKWs in Lubmin bei Greifswald und Rheinsberg Strom, nämlich zwölf Prozent des Landesbedarfs. Damit lag das kleine Land hinter Frankreich und der Bundesrepublik weltweit auf Platz drei der Atomstromerzeugung. Aus Sicherheitsgründen wurden beide KKW nach der Wende abgeschaltet. Fünf Jahre später begann im KKW Rheinsberg der Rückbau - und der dauert nun bereits 25 Jahre.

Frau Philipp mit Blick zum Einlasskanal
Pressesprecherin Marlies PhilippBild: rbb/Prinzler

Am Eingang begrüßen mich die Mitarbeiterinnen der Kommunikationsabteilung Irene Krahmer und Marlies Philipp. Letztere ist Pressesprecherin des EWN – Entsorgungswerk für Nuklearanlagen, das für den Rückbau zuständig ist. Sie ist extra für diesen Termin aus Lubmin gekommen. Das EWN ist Nachfolger des VEB Kernkraftwerks Bruno Leuschner Greifswald, das die beiden DDR-Atommeiler einst betrieb.

Vom denkmalgeschützten Verwaltungsgebäude mit einer wundervoll geschwungenen Treppe geht es über menschenleere, spiegelblanke Flure ins Maschinenhaus, in die riesige Turbinen- und Generatorenhalle. In der sind noch die Einlassöffnungen für das Kühl- und Turbinenwasser zu sehen. "Das Wasser kam durch den Einlaufkanal vom Nehmitzsee und wurde später in den Stechlin geleitet", erklärt Irene Kramer. In der Turbinenhalle wird gearbeitet: Arbeiter demontieren Träger und lagern sie in Containern und Fässern.

Die Blockwarte ist das einstige Herz des AKWs

Die kontaminierten Gebäude- und Ausrüstungsteile des Maschinenhauses sind schon vor Jahren ins Zwischenlager Lubmin gebracht worden. Dort wurden sie gereinigt und als Schrott verkauft, wenn es keine Strahlenbelastung mehr gab, wenn sie also "freigemessen" waren, wie Marlies Philipp sagt. Die Ingenieurin hat schon zu DDR-Zeiten im Atomkraftwerk in Lubmin gearbeitet und war später auch lange mit dem Rückbau beschäftigt.

In der Blockwarte, dem einstigen Herz des Atomkraftwerks, empfangen mich riesige Schaltpulte, Messgeräte und schematische Darstellungen des Reaktors und der Turbinen – alles im Charme der 50er und 60er Jahre.

Von hier aus wurde alles analog gesteuert. Auch den roten Knopf zeigt mir Irene Krahmer: "Hier steht es: Notauslösung Reaktorhavarieschutz. Wenn ich diesen Knopf gedrückt hätte, hätte sich das Kraftwerk heruntergefahren." Die Blockwarte ist immer noch in Betrieb – unter anderem für die Belüftungsanlagen.

Bullauge zum Reaktor des AKW RheinsbergDer Blick durchs Bullauge: "Da hinten, wo jetzt das Loch ist, befand sich der Reaktor"

Vom nächsten Raum aus wurde der Kran gesteuert, der die Brennelemente im Reaktor bewegte. Von hier kann man in den Reaktorsaal schauen: durch ein zentimeterdickes Bullauge aus Bleiglas, das sich hinter einem unscheinbaren braunen Vorhang verbirgt. "Da hinten, wo jetzt das Loch ist, befand sich der Reaktor", erklärt Irene Krahmer. "Daneben sind noch die Reste der Abklingbecken für die Brennstäbe zu sehen." Das war also der Ort, an dem das Uran gespalten wurde: schaurig schön. Die dabei frei werdende Hitze erzeugte den Wasserdampf, der für die Stromerzeugung durch die Turbinen und Generator benötigt wurde.

Der Reaktor wurde auf Schienen abtransportiert

Seit 1995 wird hier in Rheinsberg der Atommeiler Stück für Stück zurückgebaut. Die Gebäude müssen noch entkernt werden. Das wird nicht einfach, wenn man die armstarken Stahlbewehrungen des Reaktorgebäudes sieht. Der Reaktor selbst und alle stark radioaktiv verseuchten Bauteile wurden schon in den 90ern ins Zwischenlager Lubmin gebracht.

Während die anderen verseuchten Bauteile allerdings dekontaminiert und zerlegt sind, wartet der Reaktor selbst noch auf seine spätere Zerlegung.

Damals wurde er nach 23 Jahren im Betrieb auf der Schiene von Rheinsberg bis nach Lubmin gefahren. "Das war schon ein Ereignis", erinnert sich Philipp. "Das war der erste Reaktor, der durch Deutschland gefahren wurde." Und es war sicher nicht der letzte, denn der Rückbau der deutschen AKWs beginnt erst.

Mit dem Abriss dauert es noch ein bisschen

Wann Wald und Vögel das Gelände zwischen Nehmitzssee und Stechlin wieder komplett zurückerobert haben werden, ist noch nicht absehbar. "Wir hoffen, dass wir Anfang der 30er-Jahre das Gebäude hier wirklich abreißen können", sagt Marlies Philipp.

Der Abbau des Atomkraftwerks Rheinsberg wird dann mehr als 30 Jahre gedauert und etwa eine Milliarde Euro gekostet haben. Und das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf den gigantischen Rückbau der 19 bundesdeutschen Kernkraftwerke, deren letzte 2022 vom Netz gehen werden. In Deutschland geht dann eine Ära zu Ende.

Ehemaliges Kernkraftwerk Rheinsberg - Idylle am Großen Stechlinsee

Sendung: Inforadio. 24.03.2021

Beitrag von Thomas Prinzler

52 Kommentare

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  1. 52.

    Sie sind eine der Personen, die nicht die Leistungen des Ostens je begreifen werden. USA hatten keine Kriegsschäden und spielten nachdem die so viel sinnlos zerbombten später im Westen den großen Wohlstandsförderer. Wie sagte aber Churchill ? "Wir haben das falsche Schwein geschlachtet". Wir mußten mitleiden mit der Besatzungsmacht, die so geschwächt war weil nicht nur die meisten Opfer. Das Land auch zerstört. Sie sind eben ein typischer Wessi; akzeptieren ja derzeit nicht mal die Sorgen der Bürger hier in Sachen Wasserbedarf durch Tesla etc. Was kümert mich die Umwelt-Tesla ist der Klimaretter.Typisch für Nichtdenker. Gehen sie in ihren Keller und schämen sich. Woidke und Steinbach werden lernen müssen. Sie können das nicht. KONEZ

  2. 51.

    Das Embargo dürfte ein politisches Märchen gewesen sein. Die Weizen- und Kaffeeexporteure wollten allerdings in harten Währung bezahlt werden, nicht in Alu-Mark oder Transferrubel. Der Stahl für die T34 kam übrigens wie die LKW-Fahrgestellte für die Stalin-Orgel vielfach aus den USA. Wollen Sie vielleicht deshalb keine blühenden Landschaften mehr, sondern leere Industriegebiete und Geld aus dem Länderfinanzausgleich? Den Müll hatten Sie doch früher auch mit Kusshand gegen harte Devisen angenommen.

  3. 50.

    Darf ich Sie bei Gelegenheit an die Geheimnisse erinnern? Wenn selbst ein DDR-Minister erheblich bedenken hatte, sollte Ihnen das zu Denken geben. Ein Kennzeichen des Sozialismus war, dass das System keine Fehler haben durfte. Unglücke geschahen nur durch das persönliche Versagen einzelner, nicht des Kollektivs. Dazu gab es neulich eine Wiederholung auf ZDF Info.

  4. 49.

    Wieviel russ. AKW arbeiten derzeit in der ganzen Welt ? Tschernobyl war auf Fehlbedienung; Experimente zurückzuführen. Jeder hat so seine Geheimnisse; warum sollten die Russen die Materialzusammensetzung bekannt geben ? Wenn sie wie ich russ. Menschen kennen würden hätten sie eine andere Einstellung. Gestern nicht über die Transsib gesehen ?

  5. 48.

    Man hat uns blühende Landschaften versprochen; keine strahlenden. Döder bekommt dann Riesenärger. Wir verbrennen ja hier schon den Westmüll. Soll erfüllt.

  6. 47.

    Durch Embargo hatten wir es schwer genug. Vieles über Österreich. Kostete dadurch alles mehr. DDR war nicht nur SED und Stasi. Wir Bürger mußten damit leben. Im ganzen RGW-Raum den höchsten Lebensstandard. Schuhe aus Frankreich-kennen sie ja schon und dann hatte ich mal eine schicke Cordjacke aus Dänemark. ( Dänische Butterjacke ) :=))

  7. 46.

    Russenstahl ist guter Stahl. Der T34 steht doch immer noch da in der Str. d. 17. Juni. ähmmm Charlottenburger Chaussee damals. Beißen sie sich nur die Zähne aus.

  8. 45.

    Schade, das mit dem Start des Atomzeitalters, damals keiner sich gedanken gemacht hat, wie mit dem Atommüller und den Reaktoren umgegangen wird. Saubere Energie und kontrollierbare Energie?
    Die Geschichte zeigt, das dieser Weg falsch war und ist.
    Leider ist der Gedankenwechsel in vielen Ländern noch nicht soweit, nicht auf AKW zu setzen. Ich hoffe, das die Deutsche Regierung / Politik in dieser hinsicht ders Atomausstieges eine Vorreiterrolle übernommen hat. Und nachhaltige Energie Quellen entwickelt und zeigt, das es funktioniert. Und viele Länder den Deutschen Weg nachfolgen werden.

  9. 44.

    Wir freuen uns auf den Kanzler Söder, der den bayrischen Atommüll keinesfalls in Bayern haben will, sondern in der Prignitz. Passt doch in die Achse Morsleben, Gorleben, Rheinsberg..

  10. 43.

    Der Krieg war aber nur noch kalt. Die Menschen haben mit den Füssen abgestimmt, Heute sind es vor allem wirtschaftliche Gründe, die zum anhaltenden Trend des Umzuges gen Westen führen. Einzig der Speckgürtel rund um Berlin ist hierbei die Ausnahme. Dabei nimmt die Zahl der Einpendler aus Brandenburg in die Hauptstadt stetig zu.

    Dank Ihres Hinweises zu meinem Pseudonym geben Sei wieder einmal zu erkennen, dass Sie eingesehen haben, dass ich erneut Recht hatte. Dann lenken Sie nämlich mit solchen Bemerkungen ab. Sie können gerne weiter die Errungenschaften der DDR feiern, auch wenn die nur auf dem Papier bestanden hatten. Ihr real existierende Sozialismus ist aber schon lange an der Realität gescheitert.

  11. 42.

    "Mängel in der Qualifikation der Leitungsleute, Arbeitsorganisation, Schlamperei, Alkohol. Und bis zum Schluss hat man von den Russen nicht erfahren, aus welchem Stahl das Reaktordruckgefäß bestand. Da gab es Fehler bei eingesetzten Materialien, Messfühler, die nicht funktioniert haben." Minister Sebastian Pflugbeil.
    Aber Hauptsache die Buletten waren gut.

    Es war nach der Wiedervereinigung kurz angedacht worden, die KKW nachzurüsten, was dann aber aus Kostengründen von den Stromerzeugern verworfen worden ist.

  12. 41.

    Plutonium ist nicht gleich Plutonium. Das Kraftwerk muss zur Erzeugung waffenfähigen Plutonium 239 anderer Bauart sein als das in der Bundesrepublik der Fall ist, Die Brennstäbe dürfen nur kurz im Reaktor genutzt werden, da ansonsten zu viel Plutonium 240 entsteht. Die SU/Russland hatten dafür bis 2010 ein speziellen Reaktortyp im Einsatz.

  13. 40.

    Davon stand und steht ja nix im Text. Aber immerhin wir 2 wissen mehr.

  14. 39.

    Offensichtlich trafen sich hier 2 echte Techniker. Kenne auch unsere alte Trafostation; war Sicherheitsbeauftragter. Aber es fing mit Strahltriebwerken an und später viele Jahre Plasmaätzen und Elektronenstrahllithografie. Gruß nach FF; kenne ich doch.

  15. 38.

    Davor war ja Krieg und viele Männer tot.--- Die offene Grenze lockte; wissen wir doch alle. Ansonsten wie der real lebende Alfred Neumann-Politbüromitglied.

  16. 37.

    Wenn man sich mal die Rückseiten des Ostgelds anschaut, spiegelt sich auch eine gewisse Wertigkeit wieder.
    Vom 5er zum Hunni aufwärts.
    Landwirtschaft, High Tech, Schule, Großindustrie, Berlin.

  17. 36.

    Ja sowas hab ich nur noch als Lehrling kennengelernt. Aber die Taster, Wahlschalter und Schreiber kenn ich auch noch. Sowas wird teilweise heut noch genutzt. In einer kleinen Pumpensteuerung hab ich bei uns sowas mal gefunden. Hat fleißig den Druck geschrieben ohne Tinte und die Pumpen waren auch schon lange aus. Unsere alte 110kV Schutztechnik haben wir auch noch als Museum. Da staunte kürzlich ein Ingenieur aus Westdeutschland.
    So eine Schalttafel ist immer noch übersichtlicher als eine Videowand, nur nicht so flexibel und einfach anzupassen. Aber die Haptik eines Tasters ist schon besser als mit der Maus irgendwo raufzuklicken. Muss grad an Homer Simpson denken.
    In einer nagelneuen Trafostation hat man uns kürzlich auch noch Relog Relais zur Trafotemperaturüberwachung eingebaut. Unser Altelektriker hat gegrinst.
    Trotzdem lob ich mir die heutige Automatisierung. Freue ich mich wenn ich aus 3m Schaltanlage einen kleinen Kasten mit SPS und ein paar Koppelrelais umplanen kann.

  18. 35.

    Die SED hatten früh erkannt, dass ansonsten zu wenig Arbeitskräfte vorhanden gewesen wären. Es gab schon damals den heute noch weitgehend ungebrochen Trend zum Umzug in den Westen, der durch die Mauer nur kurz unterbrochen wurde.

    Die zweite Schicht im VEB für dIe Hausfrauen führte allerdings auch nicht zu gleicher Bezahlung. Die lag in Ihrer geliebten Heimat 30 % unter der der Männer. Die Gleichberechtigung wurde nur so lange gelebt wie es zur Planerfüllung unbedingt notwendig gewesen ist. Deshalb hatte es auch keine Frau als stimmberechtigten Mitglied in das Politbüro des ZK der SED geschafft.

  19. 34.

    Die WWER Baureihe der Russen lässt sich im Betrieb warten. Brennstäbe lassen sich tauschen, austauschen.

    Das macht diesen Reaktortyp sicher interessant, weil ohne Pause gebrütet werden konnte.

    Sicher haben die Sowjets da ihre Pu Klumpen rausgepopelt, wie es die Franzosen und Engländer bei westdeutschen Brennstäben auch taten und tun.

    Was sollte denn bitte die "liebe" DDR mit Plutonium in den Brennstäben anfangen...? Etwa eine Ostdeutsche Tsarbombe bauen? ;=)

  20. 33.

    Fällt mir gerade ein: War es nicht so, dass die alten Brennelemente in die SU zurück geliefert wurden; werden mußten ? War das der Grund der so schnell erfolgten Stilllegung ?

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