Engelbert Lütke Daldrup, Vorstandschef des Flughafens Berlin-Brandenburg (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
Bild: dpa/Michael Kappeler

Analyse - Der BER-Eröffner wählt den früheren Abflug

Sie nannten ihn "Drängelbert", weil er auf eine schnelle Eröffnung des Flughafens BER pochte. Nun will Engelbert Lütke Daldrup als Flughafengeschäftsführer aufhören - vorzeitig. Vielleicht gerade rechtzeitig für neue Aufgaben. Von Boris Hermel

Als Engelbert Lütke Daldrup am 6. März 2017 in einer nächtlichen Krisensitzung des Aufsichtsrats in Berlin-Mitte den Job als Flughafenchef übernahm, steckte das Baudesaster BER wieder einmal in besonders schwerem Fahrwasser: Sein Vorgänger Karsten Mühlenfeld hatte den Technikchef gegen den Willen der Aufsichtsräte in die Wüste geschickt, die Entrauchungssteuerung funktionierte noch immer nicht, die Mängel am Bau gingen in die Zehntausende und ein Eröffnungstermin war in weiter Ferne.

Die ernüchternde Realität des BER

Der Boulevard verpasste Lütke Daldrup schnell den Spitznamen "Drängelbert", weil er darauf pochte, den BER spätestens im Jahr 2018 an den Start zu bringen. Es dauerte wohl nur wenige Wochen, bis der Neue begriffen hatte, dass dieser Zeitplan reine Illusion war.

Der frühere Staatssekretär kam bald in der ernüchternden Realität des 360.000 Quadratmetern großen, unfertigen Terminals an. Er musste Hunderte nicht funktionierender Automatiktüren in Ordnung bringen lassen und sah sich mit einer Kabeltrassensanierung konfrontiert, von der sein Vorgänger Mühlenfeld behauptet hatte, sie sei zu 99 Prozent abgeschlossen. Die Wahrheit war: Zwar floss der Strom durch die Kabel, aber die Trassen waren zigtausendfach falsch aufgehängt und hingen an nicht zertifizierten Dübeln. Siemens musste die Entrauchungssteuerung komplett neu programmieren, Bosch bekam die Brandmeldezentralen nicht in den Griff.

Nach und nach kam Zug in die Bauarbeiten

Lütke Daldrup entschied sich für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit den Baufirmen. Nach dem Desaster der Eröffnungsverschiebung 2012 waren sie nicht mehr an Werkverträge gebunden. Sie wurden auf Tages- und Stundenbasis honoriert, das heißt, je länger sie arbeiteten, desto mehr verdienten sie auch. Lütke Daldrup nahm Geld in die Hand und verpflichtete die Firmen wieder auf Werkverträge, womit sie erneut an Fertigstellungstermine gebunden waren. Nach und nach kam so wieder Zug in die Bauarbeiten.

Auch deshalb war Engelbert Lütke Daldrup im November 2019 dann sicher, dass der von ihm verkündete Eröffnungstermin im Oktober 2020 diesmal tatsächlich funktionieren könnte. Flankierend hatte er den TÜV beratend auf die Baustelle geholt, also die Prüftruppe, die am Ende auch die Abnahmen machen musste - ein Schachzug, der nochmal mehr Tempo und Effektivität auf die Baustelle bringen sollte.

Corona vermieste die BER-Eröffnung

In einem aufwändigen und teuren Sonderzulassungsverfahren wurden schließlich auch Tausende Dübel in Kalksandsteinwänden zertifiziert. Und Ende April 2020 hatte der Flughafenchef dann die Nutzungsfreigabe des Bauordnungsamtes des Landkreises Dahme-Spreewald in den Händen.

Mit der Eröffnung des BER am 31. Oktober hatte Lütke Daldrup seine wichtigste Aufgabe als Flughafenchef erledigt. Allerdings fiel sie durch die Pandemie deutlich weniger glamourös und verkehrsreich aus als erhofft. Die enormen Einnahmeverluste durch Corona aber sind nicht sein Verschulden: Allein in diesem und im vergangenen Jahr brauchte die Flughafengesellschaft Corona-Finanzhilfen von 960 Millionen Euro.

Der Rückzug lädt zu Spekulationen ein

Auch die finanziellen Altlasten durch das Baudesaster - am Ende kostete der BER mit mehr als sechs Milliarden Euro soviel wie zwei Flughäfen - hat Engelbert Lütke Daldrup kaum zu verantworten. Die Ursachen für die dramatische Kostenexplosion liegen vor allem im gravierenden Missmanagement und Planungsänderungen seiner Vorgänger.

Dass Lütke Daldrup jetzt kurz vor seinem 65. Geburtstag im September abtreten will, ein halbes Jahr vor seinem Vertragsende, lädt zu Spekulationen ein. Einerseits nimmt er die wahrscheinlich letzte mögliche Ausfahrt, um als der Flughafenchef in Erinnerung zu bleiben, der den BER an den Start gebracht hat - und nicht als der Flughafenchef, mit dem zuvorderst die gewaltigen Finanzprobleme der Flughafengesellschaft verbunden werden.

"Zufall" - oder nicht?

Andererseits liegt Lütke Daldrups angekündigter Abschied mehr oder weniger exakt auf dem Datum der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Er nennt es "Zufall", und doch ist er als ehemaliger Baustaatssekretär des Bundes und des Landes Berlin ein durch und durch politischer Geist.

Seine Berliner SPD hat längst den Anspruch angemeldet, im nächsten Senat das Ressort Stadtentwicklung und Bau wieder zu übernehmen. Wer weiß, vielleicht spielt der ausgewiesene Städtebauexperte auch mit dem Gedanken an eine Rückkehr in die Politik. Für ein beschauliches Rentnerdasein ab Oktober dieses Jahres ist der gebürtige Rheinländer jedenfalls nicht der Typ.

 

Sendung: Abendschau, 10.03.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Boris Hermel

6 Kommentare

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  1. 6.

    Na mal sehen, ob mit dem BER wirklich alles mit rechten Dingen zugagngen ist oder ob die Eröffnung auf politischen Druck zustande gekommen ist und die wirklichen Probleme entweder noch kommen oder nicht öffentlich sind. Es verwundert auf alle Fälle der Zeitpunkt des Rücktritts........

  2. 5.

    Na mal sehen, ob mit dem BER wirklich alles mit rechten Dingen zugagngen ist oder ob die Eröffnung auf politischen Druck zustande gekommen ist und die wirklichen Probleme entweder noch kommen oder nicht öffentlich sind. Es verwundert auf alle Fälle der Zeitpunkt des Rücktritts........

  3. 4.

    Dem "frühen Abflug" folgt diese Prognose: BER muss "geschlossen" werden: Haupthalle nicht genügend geerdet; Startbahn versinkt im Moor; Insolvenz kann dem noch zuvor kommen? Die "Woidschke Erfolgsgeschichte" geht weiter...bis zum "Woidschken Erfolgsgipfel", denn schließlich ist "das ja keine Mondlandung". Das einzige was nach Mario Barth funktioniert ist die Brandschutzanlage: es kann gar nicht brennen, wenn es "fast überall reinregnet". Und eins ist gewiss: Wir wissen nicht alles...über Dübel...

  4. 3.

    "die Trassen waren zigtausendfach falsch aufgehängt und hingen an nicht zertifizierten Dübeln." Was die Boulevardpresse bei der Aufdeckung verschwiegen hatte, war die vorhandene Zulassung zum Zeitpunkt des Einbaus der Dübel. Die Richtlinie wurde später geändert. Bestandschutz gibt es aber erst ab dem Zeitpunkt der baurechtlichen Abnahme.

  5. 2.

    ..der Einzige der den BER nach vorne gebracht hat. (ich denke nur an Schwafel-Fredis wie Herrn Mehdorn, ganz zu Schweigen von Champagner-Fürst und Worthülsenakrobat Wowereit oder Deichgraf Platzek die für rein "garnichts" verantwortlich waren..) Herr Lütke-Daldrup hat sich jedes Recht erworben da jetzt auszusteigen, Punkt!

  6. 1.

    Darf er nicht mit knapp 65 Jahren i Rente gehen? Muss er ganz neoliberal bis 90 weiterarbeiten?

    Wann kriegt er das Bundesverdienstkreuz weil er es geschafft hat das Chaos zum guten Abschluss zubringen? Für Corona kann er nichts liebe CDU ( oder seit ihr Verschwörungstheoretiker? ) heisst für das zusätzlichen Minus ist ernichtverantwortlich.

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