Ein Bad in einem Mietshaus in Berlin. (Quelle: rbb)
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Video: rbb|24 | 21.04.2021 | Tassilo Hummel, Jan Karon, Anja Buwert | Bild: rbb

Hohe Provisionen, schlechter Bauzustand - Wie Geflüchtete in Berliner Miethäusern ausgebeutet werden

Kein fließendes Wasser, überteuerte Mieten und Provisionen: In Häusern des Investors Gijora Padovicz gibt es Strukturen, die Geflüchtete ausbeuten. Die verantwortliche Pächter-GmbH soll künftig auch Wohnungen in der Liebigstraße 34 vermieten. Von Tassilo Hummel und Jan Karon

Gijora Padovicz gilt als einer der einflussreichsten Berliner Immobilieninvestoren. Seiner Unternehmensgruppe gehören zahlreiche Immobilien, vor allem im Ortsteil Friedrichshain im Osten der Stadt – unter anderem das ehemals besetzte Haus in der Liebigstraße 34, das im vergangenen Herbst geräumt wurde. Viele dieser Immobilien konnte Padovicz in der Nachwendezeit erwerben.

rbb-Recherchen haben nun ergeben, dass es in mehreren Häusern der Unternehmensgruppe zur Ausbeutung von Geflüchteten im Zusammenhang mit Weitervermietung von Wohnraum kommt. Nach Informationen der neuen rbb-Investigativreihe "Schattenwelten Berlin" sind von den dubiosen Vorgängen mindestens vier Immobilien der Gruppe betroffen.

"Finderlohn" von mehreren tausend Euro

Das Vorgehen ist nach der rbb-Recherche wie folgt: Wohnungen in Immobilien, die der Unternehmensgruppe Padovicz gehören, werden an eine Firma, die Werttax Group GmbH, verpachtet, die ihrerseits die Wohnungen weitervermietet. Dabei tritt sie anscheinend durch fremdsprachige Wohnungsvermittler an Geflüchtete heran und kassiert von ihnen einen "Finderlohn" in Höhe von mehreren Tausend Euro.

Im Anschluss werden die Familien in zumeist heruntergekommenen Wohnungen untergebracht, In manchen Fällen fehlt es den Mietern an fließendem Wasser, in anderen an Heizungen, wie die rbb-Recherche ergab.

Oft existieren für die gleiche Wohnung mehrere separate Mietverträge mit der gleichen Mietpartei – über Teilbeträge der Gesamtmiete. Auf diese Art kann verschleiert werden, dass die gesamte Miete über den Grenzwerten liegt, für die das Jobcenter eine Übernahme der Wohnkosten bewilligt. Die Gesamtmieten liegen nach rbb-Informationen deutlich über dem Mietspiegel.

Padovicz: Verpachtung ist "absolut üblich"

Mit den Vorgängen in ihren Häusern konfrontiert, teilte die Unternehmensgruppe Padovicz dem rbb mit, dass über "etwaige Provisionszahlungen oder Ähnliches" keine Kenntnis bestehe und die Verantwortung für die konkreten Vorgänge und Zustände der Wohnungen bei der Pächterfirma liege. "Ganz grundsätzlich und ohne Einschränkung verurteilt die Unternehmensgruppe Padovicz jegliche Art der unerlaubten Ausübung von tatsächlicher oder emotionaler Gewalt." Die Unternehmensgruppe Padovicz halte ihre Immobilien grundsätzlich in einem guten Zustand. Dass die Unternehmensgruppe die eigenen Immobilien an Dritte verpachte, sei "absolut üblich" und erlaube eine "schlankere und erleichterte Verwaltung für Eigentümer", wie es in dem Antwortschreiben an den rbb heißt. Der Geschäftsführer der Werttax Group GmbH ließ die Aufforderung zu einer Stellungnahme zu den Vorgängen unbeantwortet.

Dieser Darstellung widerspricht der Mietrechtsanwalt Marek Schauer: "In der Praxis ist es absolut nicht üblich, dass der Vermieter seine Wohnungen an jemanden Dritten erstmal verpachtet, und der sie dann weitervermietet." Das Einfordern von vierstelligen Barprovisionen von Geflüchteten, um eine Wohnung überhaupt erst zu bekommen, sei ein "Skandal", so der Rechtsanwalt. "Das dürfte vor dem Hintergrund dessen, dass man diese Wohnungen nur bekommt, wenn man diese Summe halt übergibt, eine Täuschung, ein Betrug sein." Nach dem Deutschen Mietrecht schulden Mieter ihren Vermietern keine Barprovisionen für die Bereitstellung von Wohnraum.

Verhandlungen über Liebig 34 verliefen erfolglos

Gijora Padovicz und seine Unternehmensgruppe setzen aktuell immer öfter auch Neubauprojekte um, etwa auf dem Areal der Rummelsburger Bucht, in der Dirschauer Straße oder in der Revaler Straße in Berlin-Friedrichshain. Zuletzt stand die Gruppe im Zusammenhang mit der Räumung des linksautonomen Hausprojektes in der Liebigstraße 34 im öffentlichen Fokus: Nachdem der Mietvertrag ausgelaufen war, konnte sich Eigentümer Padovicz mit Vertretern der Stadt Berlin in mehreren Verhandlungsrunden nicht darauf einigen, das Haus an einen sozialen Träger zu verpachten.

Im vergangenen Oktober räumte die Polizei das Haus. Im Zusammenhang mit der Räumung kam es auch zu Gewaltandrohungen und Angriffen gegen Gijora Padovicz, seinen Rechtsanwalt sowie weitere Personen aus dem Unternehmen.

Liebig 34 zur Weitervermietung "an Notleidende" verpachtet

Das Haus wird derzeit sukzessive entrümpelt und renoviert. Wie die Unternehmensgruppe Padovicz dem rbb mitteilte, gebe es auch für dieses Haus einen Pächter. Dieser sei "zur Weitervermietung der vorhandenen Wohnungen berechtigt."

Nach rbb-Informationen soll das geräumte Haus in der Liebigstraße 34 ausgerechnet an die Werttax Group GmbH zur Weitervermietung an Geflüchtete verpachtet werden. Ein entsprechender Pachtvertrag über die 1.237 Quadratmeter Nutzfläche des Hauses in der Liebigstraße 34 liegt vor. Dem rbb bestätigte die Unternehmensgruppe, dass "die Vermietung […] überwiegend an Notleidende erfolgen" soll.

Nach rbb-Recherchen arbeitet die Werttax Group GmbH oft mit der Unternehmensgruppe Padovicz zusammen, etwa bei Abriss-, Bau- oder Renovierungsarbeiten. Ihren Sitz hat die GmbH auf einem Grundstück der Unternehmensgruppe Padovicz in der Tasdorfer Straße. Nach Informationen aus Justizkreisen soll einer der Verantwortlichen hinter der Werttax Group, ein Tschetschene der auch als Bauunternehmer auftritt, dem Milieu der Organisierten Kriminalität nahestehen.

Sendung: rbb Fernsehen: "Schattenwelten Berlin - Wie Mieter in Häusern eines Großinvestors ausgebeutet werden" | 21.04.2021 | 22:15 Uhr

 

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Beitrag von Tassilo Hummel und Jan Karon

39 Kommentare

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  1. 39.

    Frau Griesmann, wenn Sie meinen, es sei leicht möglich, dass jeder den Flüchtlingen oder Migranten 100 Euro mehr im Monat zur Verfügung stellt, dann haben Sie falsche Vorstellungen. Wenn so mancher Haushalt mit zwei oder mehr Personen nur 2000 Euro Monat Einkommen oder Rente hat, dann bleibt nichts übrig. In welcher Welt leben Sie denn?

  2. 38.

    Ich hoffe, dass aufgrund der Ergebnisse Ihrer Recherche auch die richtige Behörde automatisch bewegt. Denn bei Vorliegen von erheblichen Verdachtsmomenten im Hinblick von Offizialdelikten hat diese Behörde die Verpflichtung tätig zu werden. Es wäre gut und sinnvoll, wenn der rbb auch in diese Richtung seine Recherche erweitern und darüber berichten würde.

  3. 34.

    Lässt der zynische Hinweis auf Marzahn etwa ein Schubladendenken erkennen? :-)

  4. 33.

    Mal ne Frage: Wo hat ein Geflüchteter der nicht Arbeiten gehen darf und dem das Amt alles Bezahlt eigentlich 4000 - 5000 Euro her um die Wohnungsvermittlung für die Bruchbuden zu Bezahlen?

  5. 32.

    Gesetzeslücken machen dies möglich und das der Staat zu wenig Neubauen baut. Ziel völlig Verpasst. Da wird ein Schuh daraus!

  6. 31.

    Ich weiß nicht wo Sie arbeiten, aber mein Einkommen ist am Westtarif angelegt.Ostberliner verdienen weniger erkundigen sie sich mal. Und aus einer nicht so schönen Wohnung kann man mit kleinen Ideen und dem Wille was zu verändern auch eine schöne Wohnungen machen. Viele denken wenn sie hier her kommen, hier gibt alles um sonst unf alle schwelgen im Luxus aber hier muss man auch hart arbeiten, sich weiterbilden und weiteres um am Arbeitsmarkt gut bezahlte Job zu bekommen für uns, das gilt auch für zugezogen Menschen! Und wer nicht will soll nicht klagen!!!

  7. 30.

    Es iss traurig zu lesen, dass hier bei vielen Kommentaren nicht das Verhalten der Vermieter kritisiert wird, sondern die Schuld den darunter leidenden Menschen zugewiesen.

  8. 29.

    Der Wille zur Integration ermöglicht eine erfolgreiche Wohnungsfindung?!
    Ich gebe Ihnen absolut Recht und zwar nicht der Wille der Flüchtlinge oder Migranten! Sondern der der Vermieter!!
    Außerdem unterstellen Sie damit dem Herrn aus Syrien, das er keinen Willen zur Integration besitzt und deshalb noch keine Wohnung fand.
    Sie wohnen in Mahrzahn? Interessant!

  9. 28.

    Nöö, absolut nicht.

    Menschen mit Helferleinsyndrom können aus meiner Sicht zahlen und zahlen und spenden wofür sie wollen - bis zum Umfallen.

    Ansonstenfällt mir nur - Pech halt - zu diesem Thema ein.
    Bei allen Respekt, ich habe keinen eingeladen hier her zu kommen. Basta.

  10. 27.

    1. Was hat der aktuelle Zustand mit zukünftigen Mietern zu tun?

    2. Die Wohnungen sind bezahlbar. Nur die Löhne in Berlib sind zu niedrig. So wird ein Schuh draus. Und nicht immer andersrum.

  11. 26.

    Kriminelle and andere Menschen, die die Lage auf dem Wohnungsmarkt ausnutzen, sind dafür zuerstmal selbst verantwortlich.

    Das dem beschriebenen Treiben nicht Einhalt geboten wird, liegt dann wohl in Verantwortung von Gesetzgebung und Exekutive.

  12. 25.

    Man muss wissen, wie man eine Wohnung suchen muss. Die meisten wissen das nicht genau und finden dann auch nichts. Wenn man sich dann keine Hilfe sucht, wird das nichts.

  13. 24.

    Sie heißen im Umkehrschluss diese Zustände für Menschen, welche auf Hilfe aus den Sozialsystemen angewiesen sind, für akzeptabel?

  14. 23.

    Genau, und aus diesem Grund darf aus Sozialmitteln beliebig viel Geld für heruntergekommene Wohnungen in private Taschen fließen.

    Wollen Sie das damit sagen?

  15. 22.

    Klasse, Geld regiert die Welt und der Knüppel die Leute. Einfach herrlich wie verkommen der Eigentümer ist.
    Das sind unsere Werte.

  16. 21.

    und so jemandem hat der berliner senat und die polizei berlin eine umstrittene immobilie auf dem silbertablett serviert und ein seit jahrzehnten bestehendes hausprojekt geräumt. schande.

  17. 20.

    Ich finde es wirklich skandalös wie hier mit Geflüchteten umgegangen wird nur um die Profitinteressen einiger weniger gigantischer Kapitalisten und einer Hochfinanz zu bedienen. Auch das ausspielen von linken Wohnprojekten gegen Refugees ist gemein. In der Liebig WAR schlichtweg kein Platz. Warum also nicht einfach da bauen oder mieten lassen, wo noch viele Häuser, aufgrund von Spekulationen, freistehen?

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