Initiative "Supercoop" - Ein Supermarkt, der seinen Mitgliedern gehört

Zwei Frauen und ein Mann unterhalten sich vor Regalen im Lagerraum der Supercoop in Berlin-Wedding. (Quelle: rbb/Mara Nolte)
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Video: rbb|24 | 30.05.2021 | Mara Nolte | Bild: rbb/ Mara Nolte

Nicht nur im Supermarkt einkaufen, sondern auch bestimmen, was in den Regalen steht. Von diesem Konzept ist die Initiative "Supercoop" überzeugt. Gemeinsam wollen sie in Berlin den ersten genossenschaftlichen Supermarkt eröffnen. Zur Probe wird schon jetzt gearbeitet. Von Mara Nolte

Noch steht der große Raum, in dem ein paar hundert Berliner ihren eigenen Lebensmittelladen einrichten wollen, leer. Doch schon Ende des Sommers soll in den alten Osram-Höfen in Berlin-Wedding der erste genossenschaftliche Supermarkt Berlins eröffnen. Der Plan: selbst entscheiden, welcher Joghurt im Kühlregal steht, wer ihn liefert und welche Preise fair sind.

Drei Stunden ehrenamtliche Mitarbeit im Monat

Über 500 Mitglieder haben die Gründerinnen von ihrem Konzept überzeugt. Einen einmaligen Beitrag von 100 Euro sollen sie zahlen und dann drei Stunden im Monat ehrenamtlich für den Supermarkt arbeiten. Regale einräumen, abkassieren, Schichtpläne schreiben. Im Gegenzug versprechen sie günstigere Preise als im Bio-Markt und das Recht auf Mitbestimmung.

Zwei Mitglieder der Supercoop unterhalten sich im Lagerraum am Regal. (Quelle: rbb/ Mara Nolte)
Zurzeit passt das Supercoop-Sortiment noch in einen kleinen Lagerraum. | Bild: rbb/ Mara Nolte

"Für mich ist das das zentrale an dem Projekt", sagt Leon Handreke, der seit einem Jahr dabei ist und im IT-Team hilft. "Was für Produkte wir auswählen und mit welchen Produzenten wir zusammenarbeiten".

Stefan Fiedler möchte, dass der Handel mit den Erzeugern direkter wird. Der Rentner hat heute seine erste Schicht im noch kleinen Lager des Supercoop. Er zerteilt Pappkartons in ihre Einzelteile. Für ihn seien die drei Stunden Arbeitsaufwand im Monat kein Problem, "ich bin schon im Ruhestand". Heute sei es flott voran gegangen, "Hand in Hand – Leute kennengelernt, war super".

Grenzenlose Mitbestimmung gibt es nicht

In einem kleinen Lagerraum steht in vier Metall-Regalen Reis, Haferflocken, Erbsen im Glas und andere haltbare Produkte. In schwarzen Plastikkisten sind die Bestellungen sortiert, Obst und Gemüse, Fair Trade Kaffee und Schokolade. Kühlware gibt es noch nicht. Bis zur Eröffnung können Mitglieder nur eine begrenzte Auswahl an Lebensmitteln online bestellen und abholen. Im Supercoop soll dann allerdings alles stehen, was man braucht, versprechen die Gründerinnen.

"Ich hatte einfach keine Lust mehr, im Rewe Sachen in Plastik einzukaufen", sagt eine Abholerin, während sie einen unverpackten Laib Brot in ihren Fahrradkorb packt. Auch für sie ist der ausschlaggebende Punkt für den Beitritt die Möglichkeit, mitzubestimmen.

Eine Frau greift in eine Tüte voll Brot. Sie ist Mitglied bei der Genossenschaft "Supercoop", die einen Supermarkt in Berlin-Wedding eröfnen wollen. (Quelle: rbb/Mara Nolte)
Das Brot stammt aus einer Bäckerei in Berlin-Kreuzberg. | Bild: rbb/ Mara Nolte

Ganz basisdemokratisch soll das dann allerdings nicht ablaufen. Kleinere Gruppen werden über bestimmte Themen entscheiden. "Aber bei Entscheidungen, die den ganzen Supermarkt und die alle Mitglieder beeinflussen, haben wir einmal im Monat eine Generalversammlung, ein Plenum, in dem dann auch wichtige Entscheidungen zusammen gefällt werden," sagt Mitgründerin Johanna Kühner. Im Plenum wurde beispielsweise besprochen, dass im Supercoop auch Fleisch verkauft werden soll.

Damit der genossenschaftliche Supermarkt über lange Zeit funktioniert, ist es wichtig, dass genug Mitglieder dabei bleiben und mithelfen. Im Wedding sollen die Ideale Nachhaltigkeit, Bio und Regionalität die Mitglieder zusammenschweißen. Sie werden aber auch durch die Sehnsucht nach Nachbarschaft angetrieben.

Supercoop-Mitgründerin Johanna Kühner zeigt einem Mitglied die alten Osram-Höfe. (Quelle: rbb/Mara Nolte)
Der Supermarkt soll auf dem Gelände der alten Osram-Höfe eröffnet werden. | Bild: rbb/ Mara Nolte

"Im Bio-Laden sind sonst immer die üblichen Verdächtigen"

"Der soziale Aspekt ist eine meiner Hauptmotivationen", sagt Gülcan Nitsch. Sie ist Geschäftsführerin der Organisation Yesil Cember, "Grüner Kreis" auf Türkisch. Als Partner von Supercoop wollen sie die Idee in die migrantischen Communities und ihre Netzwerke tragen, übersetzen beispielsweise Flyer und Informationen auf Türkisch.

"Im Bio-Laden sind sonst immer die üblichen Verdächtigen. Der Supercoop hat für ein vielfältiges Zusammenleben im Kiez ein unglaubliches Potential, egal wie der soziale Status ist, egal woher die Leute stammen, dort können sie für ein gemeinsames Ziel zusammenkommen.", sagt Nitsch. Momentan sei die Mitgliederzahl aus der Community noch im einstelligen Bereich. "Das benötigt einfach Zeit", sagt sie. "Die Idee ist neu und die Leute sollen etwas bezahlen, fragen sich warum, manche sind auch skeptisch."

Dorfladen in Brandenburg entscheidet sich gegen Genossenschaft

Auf dem Land haben genossenschaftliche Dorfläden das Potential Lücken in der Nahversorgung zu schließen. In den letzten zehn Jahren sei das Interesse deutlich gestiegen, sagt Volker Hetterich, Pressesprecher des Genossenschaftsverbands. In Brandenburg gebe es allerdings kein so organisiertes Geschäft.

Der Erfolg hänge von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel müsse das Engagement der Bürger sehr ausgeprägt sein. Zudem sollte beachtet werden, wie viele ältere Menschen vor Ort leben und wie viele Pendler. Denn in einem genossenschaftlichen Laden müssen die Mitglieder dann auch wirklich einkaufen.

"Im Unternehmen müssen auch mal unliebsame Entscheidungen getroffen werden"

In Seddin (Potsdam-Mittelmarkt) hat man sich vor sieben Jahren bewusst gegen ein genossenschaftliches Konzept entschieden. Zwar wurde der Dorfladen mit Café auch von Bürgerinnen für Bürger ermöglicht, doch diese sind eher stille Teilhaber, sagt Geschäftsführer Andreas Ullrich. Theoretisch würden sie auch an Gewinnen beteiligt.

"Im Unternehmen müssen auch mal unliebsame Entscheidungen getroffen werden", so Ullrich. Durch das Einspruchsrecht bei einer Genossenschaft würde man so nicht vorankommen. "Wir machen beispielsweise unser Café nicht außerhalb der Ladenöffnungszeiten auf, weil einfach nicht genug kommen", sagt er. Diese Entscheidung gefalle nicht jedem.

In Berlin besteht derweil auch über den Wedding hinaus Interesse an dem Genossenschafts-Supermarkt. Laut Team sind bereits Abholstellen in den Bezirken Friedrichshain und Neukölln in der Planung.

Beitrag von Mara Nolte

26 Kommentare

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  1. 26.

    Also echt. Das heisst "geschüttelt, nicht gerührt" und anstelle der Esoterik kommt 'ne grüne Olive rein. Du bist im falschen Film.

  2. 25.

    Dann drück mal schön die Daumen. Was Fair Trade eigentlich bedeutet und weshalb es solch Produkte gibt, ist Dir wohl entgangen beim Schreiben dieses sinnfreien Kommentars. Kopfschüttel.

  3. 23.

    Ich möchte nicht 9 Euro für ein 100g Glas fairtrade-bio-öko-regional, links gerührte esoterik Marmellade ausgeben. Muss aber jeder selber wissen. Vielleicht kommt ja bald der Supermarktdeckel, dann überlege ich vielleicht noch mal neu.
    Ist das eigentlich wirklich ehrenamtlich oder schon Schwarzarbeit? Da hätte ich einen prima Tip für die BVG: ehrenamtliche Fahrer. Wir dürfen gespannt sein.
    Ich hab mich schon beworben als ehrenamtlicher Mieter, mal sehen obs klappt. Drückt mir die Daumen.

  4. 22.

    Es gibt halt nix schöneres als zuhause in gewohnter Duldungsstarre zu warten bis irgend jemand etwas tut. Und dann kübelweise Häme und Besserwisserei rauszulassen.
    Ist halt eine bewährte Kulturtechnik. So hat es die Menschheit vom Baum aufs Sofa geschafft.

  5. 21.

    Jeder darf mitbestimmen?
    Ich kann dazu nur sagen: "Viele Köche verderben den Brei."

  6. 20.

    Wer bereit ist in solchen Läden nicht nur grundsätzlich sondern auch struktur- und sortimentsbedingt mehr auszugeben, der sollte nicht auf den Straßen demonstrieren, dass sein Geld nicht für andere Sachen reicht. Hier setzt jeder seine persönlichen Prioritäten und dann soll er auch dafür gerade stehen.
    Ansonsten eine gute Idee.

  7. 19.

    Mein Gott, endlich wird etwas gegen die kapitalistischen Supermärkte unternommen. Ich bin sowas von erleichtert!

  8. 18.

    Als die SuperCoop 2019 vorgestellt wurde, ging die Gründer davon aus, dass man z.B. durch die geringeren Personalkosten nach New Yorker Vorbild die Konkurrenz preislich deutlich unterbreiten könne. Beim Tagesspiegel gibt es dazu einen Bericht.

    Dass das aber nicht so einfach ist, zeigt die lange Zeitspanne von der Gründung bis zum aktuellen Probebetrieb, zum anderen sind die Preise für Lebensmittel durch den Wettbewerb der Discounter in D. vergleichsweise niedrig.

    Hoffnung könnte denen aber der Trend bereiten, dass immer mehr Konsumenten bereit sind, für Erbensenpaste, versetzt mit natürlichen Aroma- und Farbstoffen, angerührt mit viel Wasser und zusammengehalten von Tapetenkleister, mehr Geld auszugeben als für ein ähnlich aussehendes Stück Fleisch, dessen Zutatenliste nur aus einem Wort besteht.

  9. 17.

    Genossenschaftliche Supermärkte sind nicht neu. Es gab in Deuschland lange Zeit schon einmal eine Supermarktkette mit dem Namen Coop. Ein Teil davon exisitert immer noch in Norddeutschland. Die Genossenschaft verwaltet aber nur noch die Immobilen und vermietet sie an größere Ketten weiter. Auch Konsum in Sachsen (Leipzig, Dresden) geht auf eine Konsumgenossenschaft zurück. Die Läden laufen dort weiter - sind keine Discounter wie Penny, Lidl oder Aldi.

  10. 16.

    Ist erfolgreich gleich wirtschaftlich? Die erst Frage muss doch sein, steht das Projekt auf finanziell sicheren Beinen und ist nicht abhängig von irgendwelchen Sponsoren (mietfrei etc.)
    Wenn alle paar hundert Meter ein Supermarkt steht, dann funktioniert das Projekt nicht, da zu teuer und ein zu begrenztes Angebot und die paar Mitglieder die in ihrem eigenen Markt REGELMÄSSIG einkaufen gehen, reißen das Ruder auch nicht herum.
    Rate mal weshalb Drogerien ihr Portfolio so erweitert haben? Weil Supermärkte das klassische Drogeriegeschäft längst übernommen haben und die normale Drogerie ihre Kundschaft längst verloren hätte.

  11. 15.

    Das Konzept wird schon seit Jahren in Friedrichshain und Lichtenberg in den Wurzelwerk-Bioläden gelebt, wenn auch nicht als Genossenschaft, sondern als Verein. Die Einkäufer entscheiden mit, was in den Regalen steht. Die Läden machen keinen Profit, es gilt: Bio für alle. Das läuft seit Jahren prima und die Läden sind voll, trotz Bio-Company und co. Neu ist das nicht, aber schön, dass Berlin noch mehr davon bekommt.

  12. 14.

    Es gibt schon viele Coop-Projekte, in anderen Städten, die erfolgreich funktionieren. Seit Jahrzehnten.

  13. 13.

    Das gibt es in Dresden z.B. auch schon seit längerem, funktioniert aber nicht. Zu planlos, zu unorganisiert weil jeder der Mitglieder etwas anderes möchte und am Ende ist alles viel zu teuer.

  14. 12.

    Das gilt aber nicht nur für den Supermarkt.
    Das gilt genau so für Bioläden.

    Oder glaubst Du ernsthaft, dass dort alles so Bio ist, wie es Bio gern vormacht?

    Ich erinnere gern an regionale Bio-Ananas oder Bananen…das Pradoxum schlechthin.

    Auch Bio sind in großen Teilen industriell hergestellte und hoch verarbeitete Lebensmittel. Also exakt wie im Supermarkt.

    Nur das man eben dank des „Bio“Labels (wie auch beim „Vegan“-Label) den gleichen Schrott zum mehrfachen Preis verkaufen kann.

  15. 10.

    Wer sich bewusst ernähren will kauft regionale und saisonale Produkte. Heute schon alles möglich, nur mit gewissen Aufwand.
    Was uns die ganzen Bioläden auftischen wird oft um den halben Globus gekarrt um hier als ökologisch angepriesen zu werden.
    Der Öko aus dem Prenzlauer Berg (nur ein Klischee) will halt ein reines Gewissen haben.

  16. 9.

    Die Idee einer Produktions- Einkaufund Verkaufssgenossenschaft ist nicht Neu und schon über 150 Jahre alt (Raiffeisen Konsum COOP) Rabattmarken in unterschiedlichster Ausgestalltung Gewinnbeteiligung. Das Funktioniert bis Probleme Wachstumsschmerzen im Wirtschaftskreislauf auftreten und Verwerfungen nicht mehr ausgeglichen werden können. Denn 100 € Eintritt sind kein Problem 1000€ Nachschuss schon. Nicht ganz ungefährlich ist die Gierwenn die Führung das Gefühl hat das ihr Mehr zustehen würde. Man geht nicht Pleite mit den
    investierten Millionen sondern mit den fehlenden 1000ern.

  17. 8.

    Ihr hättet Freiag Abend mal ZdfInfo sehen sollen. Da hättet ihr sehen können was für Chemiemüll wirvim normalen Supermarkt als Lebensmittel verkauft bekommen!

  18. 7.

    als Volkufmann mit 45 Jahren Berufserfahrung im Handel
    kann ich nur sagen : Gut gedacht- ---wird aber NIX ------

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