Mietspiegel ist zurück - Berliner Durchschnittsmiete steigt auf 6,79 Euro

Wohnblöcke in Berlin (Quelle: dpa/Lukas Schulze)
Audio: Inforadio | 06.05.2021 | Tom Garus | Gespräch mit Sebastian Scheel | Bild: dpa/Lukas Schulze

Nach dem gescheiterten Mietendeckel ist der neue Mietspiegel wieder die maßgebliche Instanz bei Streitigkeiten. Anders als sonst wurde er nicht über Befragungen ermittelt, sondern hochgerechnet. Der Mieterverein rechnet mit Klagen gegen den Mietspiegel. Von Thorsten Gabriel

Die Mietwerte im neuen Berliner Mietspiegel sind gegenüber der Ausgabe von 2019 um 1,1 Prozent gestiegen.

"Die aktive Mietenpolitik des Berliner Senats hat bewirkt, dass sich der rasante Mietpreisanstieg der vergangenen Jahre deutlich verlangsamt hat", interpretiert Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke) diese Entwicklung. Dabei ist diese prozentuale Steigerung diesmal nicht das Ergebnis einer großangelegten empirischen Studie. Die Mietspiegelwerte von 2019 wurden stattdessen einfach anhand des deutschlandweit erhobenen Verbraucherpreisindex's fortgeschrieben [destatis.de].

Denn eigentlich dürfen in einen Mietspiegel nur Mieten von frei finanzierten Wohnungen einfließen. Die aber gab es in den zurückliegenden anderthalb Jahren weitgehend nicht, denn der Mietendeckel schob den meisten eigentlich zulässigen Mieterhöhungen einen Riegel vor.

Nettokaltmiete steigt auf 6,79 Euro pro Quadratmeter

Trotzdem begann die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung noch im Sommer vergangenen Jahres damit, einen neuen Mietspiegel zu erstellen. Einerseits, weil es ein Sicherheitsnetz geben sollte für den Fall, dass der Mietendeckel scheitert. Andererseits, weil beispielsweise Neubauten nicht vom Mietendeckel erfasst waren. Für sie wäre ein Mietspiegel also auch unabhängig von jedem Deckel relevant gewesen.

Die durchschnittliche Nettokaltmiete steigt damit von 6,72 Euro pro Quadratmeter auf 6,79 Euro. Das klingt angesichts der de facto bestehenden Wohnungsnot nach einem geradezu paradiesisch-niedrigen Wert. Aber es ist eben nur der Schnitt über die gesamte Mietspiegeltabelle. In der steckt sowohl der 60-Quadratmeter-Neubau für 13 Euro netto kalt pro Quadratmeter wie auch die in den 70er-Jahren entstandene Plattenbauwohnungen für 5,30 Euro. Da es sich um eine Fortschreibung des vorangegangenen Mietspiegels handelt, fehlen außerdem Werte für Wohnungen, die ab 2018 fertiggestellt wurden.

Nicht verwechselt werden dürfen die 1,1 Prozent Steigerung übrigens mit dem Spielraum, den Vermieterinnen und Vermieter nun bei Mieterhöhungen haben. Hier gilt weiterhin: Bis zu 15 Prozent mehr binnen drei Jahren dürfen verlangt werden – allerdings nur bis zu der Grenze, die für den jeweiligen Wohnungstyp im Mietspiegel festgelegt ist. Auch bei Neuvermietungen ist der Mietspiegel in Kombination mit der bundesweiten Mietpreisbremse Richtschnur.

Mieterverein rechnet mt Klagen gegen MIetspiegel

Der Berliner Mieterverein begrüßte den den neuen Mietspiegel. Er gebe ein ganz gutes Bild über die Veränderung der Berliner Mieten, sagte Geschäftsführer Reiner Wild am Donnerstag im rbb-Inforadio.

Es sei allerdings zu erwarten, dass die Vermieter damit nicht einverstanden sein würden. Nach Wilds Einschätzung werden Vermieterverbände vielen ihrer Mitglieder empfehlen, gerichtlich gegen den Mietspiegel vorzugehen und Mieterhöhungen zu verlangen.

Haus & Grund Berlin: kein "qualifizierter" Mietspiegel

Der Vorsitzende des Eigentümerverbands Haus & Grund Berlin, Carsten Brückner, sagt, er sehe die rechtlichen Voraussetzungen nicht gegeben, den indexbasierten Mietspiegel als "qualifiziert" anzuerkennen, weil bereits der Mietspiegel 2019 keine vollständige Neuerhebung war.

Er ergänzt allerdings: "Das ändert nichts daran, dass wir den Mietspiegel unseren Mitgliedern als Begründungsmittel für Mieterhöhungen und als Orientierungshilfe beim Neuabschluss von Mietverträgen empfehlen."

Auch Christian Gräff, Sprecher für Bauen und Wohnen der Berliner CDU-Fraktion in Berlin, hält den Mietspiegel nach eigenen Angaben für juristisch anfechtbar. Das aktuelle Papier diene nicht als Orientierunghilfe bei der Mietenberechnung, teilte er am Donnerstag mit.

Mietenkataster soll in Zukunft Mietspiegel ablösen

Fürs Erste gibt der Mietspiegel damit wieder eine Grundsicherheit im Dialog zwischen Mieterinnen und Mietern auf der einen und Vermieterinnen und Vermietern auf der anderen Seite.

Perspektivisch wird in der rot-rot-grünen Koalition aber schon an einem Nachfolgemodell für den Mietspiegel gearbeitet. Ein Mietenkataster, in dem alle Wohnungsmieten der Stadt erfasst sind, soll den traditionellen Mietspiegel ablösen. Derzeit wird in der Koalition noch ausgelotet, wie genau eine solche Datenbank aussehen könnte und welche Möglichkeiten ein solches System bietet. Bis zum Ende der Wahlperiode im September wird das Projekt allerdings nicht mehr umgesetzt.

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Sendung: Inforadio, 06.05.2021, 06:00 Uhr

Beitrag von Thorsten Gabriel

117 Kommentare

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  1. 117.

    Wohnen in bei den priv. Vermietern echt im Schnitt mehr als beim Rest? Machen doch die privaten nur rund 31% der Wohnungen aus.

    Ich kann mir auch vorstellen wie der Kopf glüht bei unserem Vermieter. Die komplette Verwaltung abgetreten. Alte wie neue Verwaltung schlecht erreichbar. Der Hauswart verdient immer noch das gleiche wie vor 8 Jahren. Aber die Mieterhöhungen sind immer pünktlich gewesen. Mittlerweile knapp 12 Euro am Stadtrand. mehr hat der der alte Mietspiegel nicht hergegeben. Von 6,79€ kann man nur träumen. Aber alles zu viel Stress für den Vermieter so das er beabsichtigt zu verkaufen & uns deshalb gekündigt hat. Nur hätte man da vielleicht 5 Minuten opfern sollen, wie man eine Kündigung entsprechend den Vorgaben des BGB formuliert.
    Sicher könnte man bei dem Quadratmeterpreis auch eine ähnlich große Wohnung finanzieren. Nur wollen wir, bald zu 4, nicht ewig auf 62m²/2 Zimmer leben. Größer, wie auch umziehen in Berlin wir daher nicht leistbar.

  2. 116.

    Ein Vorschlag der doch ein wenig eine Einstellung zeigt, welcher Gewinn über soziale Bedürfnisse stellt.

  3. 115.

    @foolsgarden. No risk, no fun. Solange ich absolut legal mein Geld vermehre, steht es Ihnen nicht zu mich dafür zu kritisieren. Um überhaupt in Aktien investieren zu können -was übrigens jeder darf und auch kann und sollte - habe ich lange Zeit bis zu 60 Stunden die Woche gearbeitet! Ich habe hohe finanzielle Unterhaltsleistungen zu zahlen , dazu bin ich verpflichtet und ich tue das auch gerne. Das Wohlergehen meiner Familie steht bei mir an erster Stelle, dafür arbeite ich! Wenn Sie glauben die Welt retten zu können, dann halte ich Sie nicht auf. Aber vielleicht fangen Sie dann mal bei den echten Kapitalisten an und nicht bei den ganz kleinen.

  4. 114.

    Absurd dieser Kommentar. Voller Neid und Missgunst. Schauen Sie lieber Mal selbst wie auch sie es wirtschaftlich schaffen können anstatt andere Menschen hier an den digitalen Pranger zu stellen.

  5. 113.

    Beim Thema Wohnen ... und um dieses geht es ... wird derzeit politisch durchaus hinterfragt, ob die Politik Ihrem Auftrag nachkommt und der Ordnungsrahmen angemessen ist. Vom BVerfG ja als Bundessache deklariert.

    Ich kann jene Menschen verstehen (btw. eine Minderheit in Deutschland), die dabei eine Einschränkung für ihr Geschäfts- oder Anlagemodell befürchten. Und finde es dabei völlig in Ordnung, wenn gewisse extreme Auswüchse so in Zukunft nicht mehr funktionieren.

  6. 112.

    Ich kann verstehen, dass es immer einfacher ist auf andere zu zeigen statt bei sich selbst anzufangen. Wenn die Wohnung mit 12 Euro pro qm zu teuer wird sollte man sich verkleinern, indem man eine kleinere Wohnung bezieht oder ein Zimmer untervermietet.

  7. 111.

    Sie haben noch nicht erzählt, wie ihre Erfahrung auf dem Gebiet aussieht? Sind Sie selbst Mieter oder Vermieter? Aus welchem Erfahrungsschatz schöpfen Sie Ihre Thesen und Aussagen? Wir sind alle hie auf Ihre Antworten gespannt. Keine Antwort lässt uns vermuten, dass Herr Keller Recht hat..

  8. 110.

    Ein Rosinenpicker und Mieter, der nicht sehen will, dass die Bereitstellung von Wohnraum Geld kostet und Risiken bedeutet. Risiken muss man demjenigen, der diese übernimmt als Ertrag zusätzlich bezahlen. Wenn sich das Geschäft für private Vermieter nicht mehr lohnt, dann stünden 1,5 Mio. Menschen in Berlin ohne Dach über dm Kopf da, weil das Land Berlin es einfach nicht hinbekommt.

  9. 109.

    Dem ist wenig hinzuzufügen. Nur beim Leisten nicht. Wenn man 10 Euro zahlen kann, kann man auch einen Kredit bedienen. Und wenn es nicht gehen sollte, kann man aus der eigenen Wohnung eine WG machen.

  10. 108.

    Gut beschrieben. Kann ich aufgrund von über 10 Jahren Erfahrung bestätigen - Sparen bedeutet Konsumverzicht! Den Euro kann man halt nur einmal ausgeben, entweder heute oder morgen mit Zinsen. Es ist alles eine Frage der eigenen Prioritätensetzung.

  11. 107.

    Liebe Eleonora,
    bevor Sie sich selbst weiter loben in Ihrer einmaligen Verzichtsbereitschaft... Hatten Sie nicht über die Gewinne einer Amazonaktie erhebliches Kapital erhalten? Ein Unternehmen, dass in Amerika und Deutschland kaum Steuern zahlt, Mitarbeiter überwachen lässt, sich tariflichen Löhnen entzieht, für etlichen Produktmüll verantwortlich ist usw... Was denken Sie, wer hat also die Wertsteigerung ihrer Aktien real erarbeitet, die Ihre Kapitalbasis ausgemacht hat? Vielleicht genau die Menschen, die sich keine Wohnung mehr in der Stadt leisten können, weil einige Vermieter ehemals bezahlbaren Wohnraum hochmodernisieren und dann nur noch hochpreisig vermieten... Irre.

  12. 106.

    Das Investment der Bank ginge dann zunächst mal den Bach runter und nicht Ihres. Das haben Sie vergessen zu erwähnen. Zumal das Risiko, dass Sie beschreiben, in hochflorierenden Betongoldzeiten gering ist. Die starke Nachfrage von Wohnraum, bei begrenzter Vervielfältigungsmöglichkeit (in Städten wie Berlin) ist genau der Grund, weswegen es sich hier so herrlich spekulieren lässt und entsprechende Akteure vor Ort sind. Das reale Risiko, dass Sie (bzw Ihre Bank) in Berlin - so sie tatsächlich Vermieter sind - tragen, ist minimal. Auch deshalb werden teils horrende Kaufpreise kreditiert, die natürlich zu nicht weniger horrenden Mieten führen, eine absurde Spirale. Wohnraum muss als Element der existenziellen Daseinsvorsorge dringend reguliert und den Marktkräften entzogen werden. Wer hohe Renditen möchte, kann das an weniger neuralgischen Punkten tun.

  13. 105.

    Ich wiederhole meine Antwort nochmal: Sie stellen die Systemfrage. Demnach dürfte es auch keine Unternehmen und Konzerne geben, sondern maximal Familienbetriebe, die jeden Tag ihren Laden am Laufen halten.

  14. 104.

    Es ist die Spielart gemäß unserer Verfassung. Es ist der Ansatz, dem reinen Kapitalismus einen Ordnungsrahmen gegenüberzustellen, der allen Chanchen bietet. Und ich wiederhole gerne meine Frage: Ist die Erwartungshaltung einiger Mitmenschen, Eigentüm ohne (oder ohne großen) Kapitaleinsatz von anderen bezahlen zu lassen, wirklich hilfreich für eine Gesellschaft?

  15. 103.

    ... ist eine Spielart davon. In der sozialen Marktwirtschaft wurde gebaut und vermietet wie verrückt, man nennt es heute Wirtschaftswunderzeit. Und? Davon abgesehen fürchte ich, dass Sie wenig eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet haben, wenn Sie schreiben, dass Bewirtschaftung von Wohneigentum oft an Verwaltungen abgegeben wird. Das ist immer so, das ist sogar die Vorschrift. Nichtsdestotrotz müssen auch Eigentümer Entscheidungen treffen und manchmal geht das Investment den Bach runter, weil sich die Lage der Immobilie verschlechtert oder erhebliche Mängel an der Substanz auftreten oder die Mieter keine Miete mehr zahlen. Das Risiko ist erheblich größer, als sie sich mangels eigener Erfahrungen vorstellen können.

  16. 102.

    @Bürger. Jeder kann sich 2021 bei den hohen Kaufkosten in Berlin keine Immobilie kaufen. Vor 10 Jahren sah das anders aus, aber war bei vielen verpönt. Es könnten sich aber sehr viel mehr Mieter eine Immobilie kaufen, aber viele scheuen das Risiko der Finanzierung, wollen ortsunabhängig bleiben, haben Arbeitszeitverträge, wollen auf ein gutes Leben mit Urlaub und Restaurantbesuche nicht verzichten usw. Die Zinslast ist so niedrig wie noch nie. Wer 10€ pro m3 zahlen kann, der kann für das gleiche Geld auch einen Kredit bedienen. Ich bin der gleichen Meinung wie Sie, dass bereits im Schulunterricht Themen wie Vermögensaufbau, Finanzgeschäfte des täglichen Lebens usw. in den Lehrplan mit eingebaut werden sollten. Man kann damit nicht früh genug anfangen und muss es in der jetzigen ungewissen Zeit auch tun. Eigenverantwortung heisst das Zauberwort.

  17. 101.

    Wie schon geschrieben sind die Annahmen der Betrachtung fragwürdig ... Kauf ohne Eigenkapital, Vollfinanzierung durch den Mieter, das kann für einige wenige funktionieren ... mathematisch betrachtet.

  18. 99.

    Vielleicht an einem Modell, dass mathematisch betrachtet nur für eine Minderheit finanzielle Vorteile bringen kann, welche ... verständlicherweise ... kein Interesse an einer Einschränkung dieses Geschäftsmodells haben.

  19. 98.

    Ja, so funktioniert der Kapitalismus. In der anderen Gesellschaftsform sahen nach 40 Jahren am Ende die Häuser wie aus?

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