Schlechte Ökobilanz - Tricks und Täuschungen mit "regionalen" Lebensmitteln

Eine Frau füllt in einem Supermarkt in Berlin-Wilmersdorf ein Mehrwegnetz mit Äpfeln. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
dpa/Christoph Soeder
Video: Super.Markt | 31.05.2021 | Bild: dpa/Christoph Soeder

Immer mehr Menschen greifen beim Einkauf zu regionalen Produkten. Die Frische der Ware, die Förderung der heimischen Landwirtschaft und kurze Transportwege sind die größten Verkaufsargumente. Allerdings ist der Begriff "regional" nicht wirklich definiert.

Das rbb-Verbrauchermagazin SUPER.MARKT hat im Rahmen einer Stichprobe in Supermärkten und Discountern Lebensmittel, die mit regionalem Bezug werben, und Bio-Produkte verglichen. Das Ergebnis: Regionale Produkte waren gegenüber konventionellen Waren doppelt so teuer.

Unterlassungserklärung von Lidl

Aber bei Lebensmitteln, die Regionalität suggerieren, lohnt der genaue Blick auf die Herkunft: Äpfel der Rewe-Regionalmarke kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, Tomaten von Lidl aus Bayern und Eisbergsalat von Penny aus Hessen mit mehr als 550 Kilometer Fahrstrecke. Besonders dreist: Eine Lidl-Eier Packung mit der Aufschrift "Aus Solidarität: Mit dem Kauf dieser Eier unterstützen sie unsere Landwirte" enthielt Eier aus den Niederlanden (aus Bodenhaltung).

In diesem Zusammenhang musste Lidl gerade eine Unterlassungserklärung abgeben. Nach Ansicht der Verbraucherzentrale Brandenburg verstößt diese Werbung gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb "und sei zur Täuschung geeignet." Denn Verbraucherinnen und Verbraucher assoziierten mit "unseren Landwirten" deutsche Bauern und erwarteten deshalb keine Eier aus den Niederlanden. Nach Recherchen von SUPER.MARKT sind die Eier immer noch im Handel und dürfen im Rahmen einer Aufbrauchfrist noch bis Mitte Juni verkauft werden.

Das Problem: Der Begriff "regional" ist rechtlich nicht geschützt und bietet somit reichlich Spielraum für Interpretationen, wie Annett Reinke von der Verbraucherzentrale Brandenburg schildert: "Jeder Hersteller, jeder Händler kann sagen: Meine Kriterien sind die und die und deswegen bewerbe ich ein Produkt als 'regional'. Da guckt niemand hin und kontrolliert, ob diese Standards auch eingehalten werden." Reinke rät Kundinnen und Kunden genau hinzusehen, um welche Art von Regionalwerbung es konkret geht - ob es sich um eine ganz allgemeine Werbung handelt oder ob es detaillierte Aussagen gibt wie zum Beispiel: "100 Prozent der Zutaten kommen aus der Region."

Regionale Lebensmittel vor allem saisonal einkaufen

Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg hat sich mit der Frage beschäftigt, ob Bioprodukte unter Umweltaspekten die bessere Wahl wären. Das ist jedoch nicht unbedingt der Fall. Für eine Studie wurden zahlreiche konventionell erzeugte Lebensmittel mit Bioprodukten verglichen. Doch nicht nur Transportwege fallen dabei ins Gewicht, wie Guido Reinhardt, im rbb-Fernsehen schildert. "Wir waren sehr überrascht, dass Biolebensmittel nicht immer einen besseren CO2-Fußabdruck haben als konventionelle Lebensmittel. Das hängt eben damit zusammen, dass mehr Fläche benötigt wird beim Biolandbau", sagt Reinhardt. Dennoch müsse man sehr deutlich sagen, dass Biolebensmittel eine höhere Umweltschutzleistung bringen. "Es werden keine Pestizide eingesetzt und es wird Naturschutz und Biodiversitätsschutz betrieben."

Die Empfehlung laute deshalb, regionale Lebensmittel vor allem saisonal zu kaufen, so Reinhardt weiter. "Denn wenn Obst und Gemüse nur aus der Region kommt, aber in energieintensiven beheizten Gewächshäusern produziert wurde – zum Beispiel Tomaten im Februar oder auch November, dann ist die Ökobilanz besonders schlecht, obwohl es regional produziert wurde."

Sendung: rbb SUPER.MARKT, 31.05.2021, 20:15 Uhr

Die Kommentarfunktion wurde am 31.05.2021 um 20:19 Uhr geschlossen

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40 Kommentare

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  1. 40.

    Frei nach Loriot könnte man zusammenfassen: Regional ist im regionalen Sinne nicht bloß regional!

  2. 39.

    Warnung vor geräucherten Hähnchenschenkel im Doppelpack. Obwohl in der Mikrowelle gut durcherhitzt- man kann die lt. Hersteller auch kalt essen-kam es zu durchschlagenden Erfolgen . Begrapscht das Personal beim Hersteller rohe und geräucherte Ware nach Belieben ? Keimland Deutschland. Widerlich.

  3. 37.

    Und da wundert man sich, dass alles überreguliert ist. Man kann heutzutage nichts mehr kaufen ohne irgendwelche merkwürdigen Verkaufsargumente zu finden.
    Das erste regionale Produkt was ich in meiner Kaufhalle fand waren Tomaten aus den Niederlanden. Von daher war der Begriff von Anfang an verbrannt für mich. Wer solche Erfahrungen nicht macht, der denkt vielleicht dass das ein ökologisches Argument ist.
    Für mich ist das nur ein Punkt in einer langen Liste von (temporär) legalen Betrügereien wie zum Beispiel der Analogkäse (jetzt ein veganes Käseersatzprodukt), Backfischstäbchen vs Fischstäbchen (einer hat mehr Panade als Fisch und ist trotzdem teurer), Weinbrandessig vs Brandweinessig oder mein Liebling Zitronenlimonade ohne Koffein (weil der Zuckergehalt so hoch ist, dass Kinder danach einen Zuckerschock haben und die Verbraucher Koffein vermuteten).
    Soll alles in Gesetze geschrieben werden? Auch Gluteinfreies Diätwasser? Da schreiben wir Jahrhunderte dran!

  4. 36.

    Brandenburg hat einen "grünen" Landwirtschaftsminister. Sehen sie sich den Bericht des ZDF über Tesla an. Ist noch in der Mediathek.

  5. 35.

    Ich lese in den Kommentaren immer, man fühle sich nicht ernst genommen als Verbraucher. Kinders warum sollte den Verbraucher wenn es ihn denn gibt jemand ernst nehmen? Das einzige was passiert das dann gejammert wird das alles teurer wird. Dann nehmt euch die Zeit im Markt um genau hinzusehen. Kauft es dann eben nicht. Solange der "Verbraucher" mit Worten wie Bio, regional und ähnliches reinzulegen ist, wird das immer wieder passieren. Meine Obst, Gemüse, Eier usw. kommt bei mir vom Hof nebenan.

  6. 34.

    Hier geht es um die Bundesgesetzgebung, Ihr dauerndes Genörgel geht mir auf den Keks.

  7. 33.

    Tja, Brandenburg hat einen grünen Landwirtschaftsminister. Und, irgendwas in Brandenburg anders geworden?

  8. 32.

    Dann sollte man beim Händler seines Vertrauens kaufen. Muss man den Leuten auch noch sagen wem sie vertrauen sollen?
    Es gibt massig Läden und Händler bei denen man vertrauensvoll einkaufen und auch liefern lassen kann. Ist dann aber eben etwas teurer.
    Auch im Supermarkt gibt es etliche regionale Produkte, man muss sich nur für sie entscheiden. Dazu muss man sich mit den Lebensmitteln mal beschäftigen.
    Auf dem Dorf passiert das sicher seltener, womit wir wieder beim überfüllten Wohnungsmarkt wären.
    Ich habe heute Mittag Erdbeeren von Kars Erdbeerhof gekauft. Meint ihr die kommen vielleicht aus Spanien?

  9. 31.

    Mich ärgert so oft die Angabe: Hergestellt für NETTO-Markediscount Maxhütte z.B. Man findet nur selten eine klein gedruckte Herstellerangabe. Da muss sich unbedingt etwas ändern.

  10. 30.

    Die Suche nach "regionalen" Lebensmittel ist also der falsche Weg auf der Suche nach nachhaltigem...

    Wie wäre es, wenn man über eine "Nachhaltigkeits-Ampel" für Lebensmittel nachzudenken?

    Oder jedem Produkt einen Nachweis über bei Produktion und Transport entstandenen Umweltbelastungen (Co2, chemische Belastungen sowie dabei emittierte Lärm- und Licht-Verschmutzungen, usw. ...) beizulegen.
    Am besten als QR-Code, damit man die Daten per Smartphone im Laden oder besser noch zu Hause vorab abrufen und einsehen kann.

    Dann hätte man eine Chance, seinen nächsten Einkauf (von Apfel, Ei, Brot ...) in Bezug auf Nachhaltigkeit zu planen.

    Und dann gibt es aber auch noch Menschen, die ihre Lebenszeit nicht mit stundenlanger Vorbereitung ihrer Einkäufe verschwenden wollen, sondern einfach spontan in ein Geschäft gehen, um zu kaufen, worauf sie gerade Appetit haben und dabei nur auf den - möglichst niedrigen - Preis achten ...

  11. 29.

    Na ja, regional ist überall... Um Regionen nicht zu benachteiligen - brauch es da eine (Regio)Quote um vielfältige Eier zum Durchbruch per Demo zu verhelfen? Wer ist mutig und sagt was/wie/wo und groß eine Region ist? Der kenntnisreiche Kunde lässt sich ohnehin von Marketingbegriffen nicht blenden, auch wenn manche Marketingleute dies für den Selbsterhalt glauben machen wollen. Erzeugerort/Datum reichen aus. Muss ja nicht gleich die exakten Koordinaten sein...

  12. 28.

    Regional ist doch kurze knackige Info. Für wie ehrlich man diese Info hält, das ist Auslegungssache. Berlin ist da wohl ein besonders schwieriger Fall.

  13. 27.

    Wer sich in Berlin vorwiegend von regionalen Produkten ernähren will, der wird sich sehr einseitig ernähren müssen, sofern man regional als um 1-2 Ecken definiert.

  14. 26.

    Beste Beispiel sind die Eier im Supermarkt. Dort steht drauf das die heimischen Bauern unterstützt werden und schaut man in die Packung rein sind niederländische Eier drin. Das ist pure Verarsche.

  15. 25.

    Regional ist Max auf die Grenzen eines Bundeslandes zu verstehen, real eigentlich nur auf den näheren Umkreis. Jede andere Interpretation ist unerreichbar weit hergeholt und betrügerisch, juristisch würde ich dies bereits als rechtsbeugerisch bezeichnen

  16. 24.

    Denke schon das mit einem Grünen Landwirtschaftsminister einiges besser wird.
    Mit (Nestlé) Klöckner definitiv nicht. Die hat ja nicht mal geschafft eine Lebensmittel Ampel gegen die Konzerne durchzusetzen.
    @Mutter 7, höhere Preise wird es mit den anderen Parteien nicht geben?
    Auf welchem Planeten leben Sie?

  17. 23.

    Die Sache ist doch aber, dass die Politik einheitliche Regelungen treffen könnte für den Begriff "regional". Dies wird schon seit Jahren diskutiert, aber nicht rechtlich umgesetzt.

    Ich als Verbraucher habe selbstverständlich die Möglichkeit zu lesen, allerdings die Zeit beim Einkauf für sämtliches Kleingedruckte zu nutzen ist schon mies. Bei "Bio" oder "Fairtrade" kann es dem Verbraucher auch nicht zugemutet werden alles immer und immer wieder zu hinterfragen und sämtliche Wege/Futtermittel/etc nachzuvollziehen. Für so vieles gibt es rechtliche Vorgaben (man sollte sich mal zum Thema Limonaden belesen...), aber bei regional hört es auf?

    Ich als Verbraucher vertraue doch den Angaben, will ehrliche kurze, knackige Infos um so schneller aus dem Supermarkt rauszukommen.

  18. 22.

    Ich freu mich jetzt schon auf mein regionales im Garten angebauten Obst und Gemüse.
    Ich wecke zwar nichts mehr ein und mache auch keinen Saft mehr doch an Marmelade und Gelee führt kein Weg vorbei.
    Statt einwecken ist einfrieren und trocknen getreten. Ich habe jedes Jahr genug getrocknetes Obst um mir daraus einen wunderbaren Tee zu machen und wenn ich Mal im Winter etwas fruchtiges brauche wird die Kühltruhe geöffnet.

  19. 21.

    Und wieder mal: Das Gemeckere und Gemaule geht gegen die Politik, hier insbesondere die Grünen, der politikgewordene Gottseimituns, und die doofen Verbraucher.
    Und niemand kommt auf die Idee den Handel und die Lebensmittelindustrie verantwortlich zu machen. Man könnte fast meinen, da steckt System hinter.

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