Schieflage wegen Corona - Bald keine Ziegel mehr aus Glindow?

Mitarbeiter*innen arbeiten in der Ziegelei Glindow (Bild: rbb/Zummack)
Audio: Antenne Brandenburg | 14.05.2021 | Karsten Zummack | Bild: rbb/Zummack

Ziegel aus Glindow sind seit mehr als 500 Jahren ein echtes Markenzeichen: Das Unternehmen überlebte Kriege, Umbrüche und Wirtschaftskrisen. Doch durch Corona droht jetzt das Aus – zumindest für den einzigartigen Ringofen. Von Karsten Zummack

Es ist staubig, warm und dunkel in der Werkstatt am hinteren Ende der Neuen Ziegel-Manufaktur Glindow. Die dunkelgrünen Maschinen scheinen aus der Zeit gefallen. Aus einer von ihnen laufen langsam rechteckige Ton-Klumpen heraus. Andreas Sandberg arbeitet seit Jahrzehnten hier. Gemeinsam mit einem Kollegen schneidet er gerade die Rohlinge mit einer Säge zu.

"Wir ziehen Fußbodenplatten für das Meereskundemuseum in Stralsund", sagt Sandberg. Auf der Referenzliste des Unternehmens stehen beispielsweise der Tempelgarten in Neuruppin, das Rathaus Lübeck und eine Kirche in Kopenhagen. Ziegel aus Glindow genießen international seit Jahrhunderten einen guten Ruf. Daran hat sich wenig geändert. Doch die Steine für das Stralsunder Museum sind vorläufig einer der letzten Aufträge für das Unternehmen.

Ein Mitarbeiter arbeitet in der Ziegelei GLindow (Bild: rbb/Zummack)
Ein Mitarbeiter arbeitet in der Ziegelei Glindow. | Bild: rbb/Zummack

19 Mitarbeitern gekündigt

Denn das Unternehmen wickelt sich seit einigen Wochen selbst ab. Den 19 Mitarbeitern hat Geschäftsführer Harald Dieckmann gekündigt. Die traditionsreiche Ziegelei steht vor einer ungewissen Zukunft. Spät, aber heftig wurde sie von der Corona-Krise erfasst.

Seit November geht die Zahl der neuen Aufträge rapide zurück. "Die öffentliche Hand ist zurückhaltend geworden bei der Vergabe, weil sie nicht weiß, was coronabedingt noch an Lasten kommt", sagt der 70-jährige Unternehmens-Chef.

Hohe Verluste

Außerdem würden die Genehmigungsbehörden wegen Home-Office langsamer arbeiten, sagt Dieckmann weiter. Deshalb schrumpften die Umsätze in den vergangenen Monaten um mehr als die Hälfte. Die Ziegel-Manufaktur ist kräftig in Schieflage geraten.

Krisen war das Unternehmen gewohnt, aber nicht in diesem Ausmaß. Es habe immer mal Schwankungen gegeben. Aber jetzt fallen jeden Monat laut Dieckmann 20.000 bis 30.000 Euro Verluste an. "Das muss ja alles finanziert werden. Dann wird das nur noch zum Geldgrab", beklagt Harald Dieckmann.

Deshalb zog der Chef der Neuen Ziegel-Manufaktur im Frühjahr die Reißleine. Im Moment arbeitet er noch mit der Hälfte der Belegschaft die alten Aufträge ab. Hin und wieder kommen auch noch kleinere neue Arbeiten hinzu. Ende Mai aber soll der einzigartige Ringofen stillgelegt werden. Ansonsten bräuchte der eine Reparatur, um die Kammern sicher zu machen und nachhaltig zu stützen. Das allein würde 40.000 bis 45.000 Euro kosten, rechnet der Geschäftsführer hoch. Das Geld fehle der Ziegelei gerade, werde eher für das Stopfen der finanziellen Löcher benötigt.

Die Außenansicht der Ziegelei Glindow (Bild: rbb/Zummack)
Die Außenansicht der Ziegelei. | Bild: rbb/Zummack

Die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt

Ihm sei die Abwicklung der Ziegelei-Manufaktur sehr schwer gefallen, sagt Dieckmann. Die Entscheidung habe er zu lange vor sich hergeschoben. Aus Lagerverkäufen wurden die Löhne wochenlang bezahlt. Aber irgendwann führte an dem Schlussstrich für das Unternehmen kein Weg mehr vorbei.

Die Beschäftigten werden vorerst weiterbezahlt. Insolvenz hat Dieckmann für sein Unternehmen nach eigenen Angaben nicht beantragt. Er will es regulär abwickeln und sucht händeringend einen neuen Investor. "Wir hoffen immer noch, dass es eine Möglichkeit gibt, ab Sommer mit einer kleinen Manufaktur neu zu starten", sagt Dieckmann.

Sendung: Antenne Brandenburg, 14.05.2021, 14 Uhr

Beitrag von Karsten Zummack

8 Kommentare

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  1. 8.

    Dann kommen demnächst die Ziegel für Sanierung und Restaurierung auch noch aus Chlina, wenn sie kommen. Nur denkmalgerecht, farbtreu und identisch sind die dann nicht. Kann mich noch an den Aufstand mit den Ziegel am Strandbad Wannsee erinnern. Die Form stimmte, aber Farbe und Glasurnicht und somit rottete die ganze Fuhre auf dem Gelände, obwohl bezahlt, vor sich hin.
    Eigentlich sollte man diese und andere einheimischen
    Handwerkskuenste bewaren und erhalten und nichtnur
    grosse Unternehmen Foerderung zukommen lassen.

  2. 7.

    Schade um die Ziegelei! Die Gegend ist historisch bekannt für die Ziegeleien, neulich war ich noch an den Deetzer Erdlöchern, und dem Ziegelweg am Trebelsee. Da ist schon lange der Ofen aus :-( Glindow war so ein Stück lebendige Geschichte.

    Für das Schöne scheint am Bau wenig übrig zu sein...

    Danke dem rbb, immer wieder über die Ziegelei zu berichten, vielleicht bewirkt es ja doch was!

  3. 6.

    Sie sollten allerdings nicht unterschlagen, wer die Betriebe herunter gewirtschaftet und was deren Rechtsnachfolger heute machen.

  4. 5.

    ... Im Vergleich winzige Corona Krise? Meinen Sie das ernst? Ich habe jetzt zum zweiten Mal praktisch Arbeitsverbot(seit November 20). Wieviel glauben Sie denn haben noch einen Arbeitsplatz wenn diese "winzige" Corona Krise vorbei ist im Jahre 203? eventuell?
    Und was hat die AFD damit zu tun?

  5. 4.

    Lieber Berliner. Als die Treuhand Ostdeutschland an den Westen verschenkte gab es die AFD noch garnicht. Wenn sich die AFD über die Treuhand jetzt aufregen würde, dann würde sich wiederum jemand darüber aufregen das sie es tut. Und es wird nicht die letzte Pleite aufgrund überzogener Corona Schutzmaßnahmen sein

  6. 3.

    Die AfD kritisiert die angebliche Pleitewelle durch Corona aber bei der Treuhand schweigt sie sich aus. Die Treuhand hat Millionen Mal mehr Arbeitsplätze gekostet als die dazu im Vergleich winzig erscheinende Coronakrise.

  7. 2.

    Baut schon weiter eure Häuser aus OSB Platten, Mineralwolle und Rigips! Wer braucht schon solche wunderschönen Ziegel für Häuser, die mindestens 200 Jahre halten?

  8. 1.

    Vermutlich können bald ganze Seiten mit solchen Meldungen erscheinen. Quasi wie heute Todesanzeigen.

    Aber wer wirklich geglaubt hat, dass eine solche verordnete Situation eben ohne „große“ Verluste vorübergeht, der war und ist schon sehr naiv.

    Nein die Liste wird noch lang werden. Auch mit namhafteren großen Namen. Insbesondere jene, die eben nicht so gute „Beziehungen“ zur Politik hat.

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