Regionale Landwirtschaft - Wie sich Berlin und Brandenburg selbst versorgen könnten

Symbolbild: Der 67-jährige Harald Wenske aus dem Spreewalddorf Lehde (Brandenburg) erntet am 19.09.2017 Kürbisse auf einem Acker. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Inforadio | 22.06.2021 | Ann Kristin Schenten | Bild: dpa/Patrick Pleul

Die Lebensmittel in unseren Supermärkten sind kilometerweit gereist. Die Landwirte in der Region produzieren vorwiegend für den Weltmarkt. Selbstversorgung ist eine kleine Utopie, dabei wäre mehr Regionalität durchaus möglich. Von Ann Kristin Schenten

Johannes Erz steht auf seinem Kürbisacker und betrachtet den Hokkaido. Während Mensch unter der Hitze ächzt, ist das warme Wetter für die Pflanzen perfekt. Einige Wochen muss der Kürbis hier noch wachsen. Läuft alles nach Plan, liegt er schon Ende Juli im Regal der Biosphäre in Neukölln.

Regionale Lebensmittel sind in der Hauptstadt beliebt

Kleine inhabergeführte Bioläden in Berlin und ausgewählte Restaurants gehören zu den Hauptabnehmern von Johannes Erz. Vor fünf Jahren hat er zusammen mit seiner Frau Hannah den Bauernhof Erz in Alt Tucheband, einer Gemeinde in Märkisch-Oderland, aufgebaut. Ihnen gehören zehn Hektar Land.

Darauf wachsen unter anderem Kartoffeln, Kürbis und Linsen. Er habe sich bewusst für den Ökolandbau entschieden, mit der Hauptstadt vor der Tür gäbe es viele Konsumentinnen und Konsumenten, die Wert auf regionales Biogemüse legen. Regionalität spielt beim Thema Nachhaltig eine wichtige Rolle. Vor allem bei Gemüse und Obst gilt: Tomate aus der Uckermark hat in der Regel eine bessere Klimabilanz als die Bio-Tomate aus Argentinien. Für Johannes Erz kommt aber trotzdem nur bio-regional in Frage.

Nationaler Bauerntag: Zukunft Landwirtschaft

In Berlin findet diese Woche der Bauerntag statt unter dem Motto "Zukunft Landwirtschaft". Insektenschutz, Klimaauflagen, Agrarsubventionen – die Agrarwirt*innen in Deutschland und auch in Berlin und Brandenburg stehen vor herausfordernden Jahren. Regionalität wird in der Landwirtschaft der Zukunft eine größere Rolle spielen. Als im März 2020 mit aufkeimender Corona-Pandemie die Regale in den Supermärkten nicht mehr vollständig gefüllt werden konnten, hat man eine Idee davon bekommen, was es bedeutet, auf internationale Lieferketten angewiesen zu sein. Eine gesicherte, regionale Versorgung macht mitunter krisenfester.

Berlin kann sich nicht allein selbst versorgen

Berlin allein hat aber nicht das Potenzial sich selbst zu versorgen, sagt Beatrice Walthall. Die Wissenschaftlerin forscht am Leibniz-Institut für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), dazu wie Agrarlandschaften zukünftig aussehen könnten. Berlin habe gerade mal einen Versorgungsgrad von 0,6 Prozent, sagt Walthall – mit der Ackerfläche der Hauptstadt könnten also nur rund 20.000 Menschen versorgt werden. Brandenburg hingegen könnte die gesamte Region versorgen, wenn man davon ausgeht, dass jede Person etwa 1.800 Quadratmeter für den Lebensmittelanbau in Anspruch nimmt. Lebensmittel ausschließlich aus Berlin und Brandenburg, für viele eine verlockende Idee - doch die Realität sieht anders aus.

Getreide und Mais dominieren die Brandenburger Acker

Eine Million Hektar Ackerfläche gibt es in Brandenburg. Auf etwa der Hälfte wächst Getreide, weitere 30 Prozent werden zu Futter- und Energiezwecken genutzt. Der dort angebaute Silomais wird zu Biogas oder Tierfutter. Nur etwa sechs Prozent der Fläche werden für den Gemüseanbau beansprucht. Der Anteil des Ökolandbaus ist dabei verschwindend gering. Landwirt Johannes Erz sagt, Biogemüse nehme in Brandenburg etwa eine Fläche von 300 bis 400 Hektar ein. Damit würde das gesamte Biogemüse Brandenburgs auf das Tempelhofer Feld passen. Tatsächlich machen konventionelle Betriebe fast 90 Prozent der Brandenburger Landwirtschaft aus.

Der Bedarf der Region wird nicht gedeckt

Der Bedarf der Region ist enorm. Ein Beispiel: Der Landesbauernverband Brandenburg schätzt, dass die Berliner und Brandenburger jährlich etwa 214 Kilogramm Schweinefleisch konsumieren. Drei Millionen Schweine müssten dafür gezüchtet werden, aktuell sind es in Brandenburg aber nur eine Million. Es muss also viel importiert werden.

Was müsste also passieren, damit die Region der Selbstversorgung näherkommt?

Wissenschaftlerin Beatrice Walthall und Landwirt Johannes Erz sehen die Politik in der Pflicht. Konventionelle Betriebe, die aktuell für den Weltmarkt produzieren und teilweise von großen Investorengruppen getragen werden, müssten Unterstützung und Beratung erhalten, wenn sie umstellen wollen, sagt Beatrice Walthall. Johannes Erz möchte, dass bei der Vergabe von Ackerland Ökobauern bevorzugt werden. Mit Blick auf den Berliner Senat müsse es genaue Vorgaben geben, was die Region an Lebensmittel benötigt, dann könnten Landwirte auch produzieren.

Berliner Ernährungsstrategie

Ein Anreiz soll die im Sommer 2020 vom Berliner Senat beschlossene Ernährungsstrategie sein. Mit Projekten wie der "Kantine Zukunft" werden die Verbindungen zwischen Landwirtschaft in Brandenburg und öffentlicher Gastronomie in Berlin gestärkt. So wird zum Beispiel schon heute in der Kantine der Berliner Wasserbetriebe zu einem Großteil regional gekocht. Doch die Pilotprojekte funktionieren eher im Kleinen. Im Großen gibt es für mehr regionale Versorgung wenige Anreize. Johannes Erz sagt: "In Brandenburg gibt keinen Druck, Gemüse anzubauen".

Solidarische Landwirtschaft

Beatrice Walthall sieht in der solidarischen Landwirtschaft (SOLAWI) eine Perspektive. Dabei tragen private Haushalte die Kosten und Risiken eines landwirtschaftlichen Betriebs. In der Region gibt es davon aktuell rund 20 Stück. Mitunter versorgen sie bis zu 400 Haushalte wöchentlich mit Obst und Gemüse. Auch Johannes Erz beliefert eine solidarische Landwirtschaft mit Kartoffeln. Die Projekte sorgen für eine stärkere Vernetzung zwischen Konsumenten und Erzeugern, aber sie steigern die regionale Versorgung noch nicht merklich.

Das Gedankenexperiment einer sich selbstversorgenden Hauptstadtregion bleibt also erstmal utopisch. Beatrice Walthall sagt aber auch: "Es muss auch keine gänzliche Versorgung aus der Region sein, es hat schon einen riesigen Effekt, wenn es nur ein Teil ist." Johannes Erz hofft für seinen Teil, dass sich in Zukunft mehr Bauern auf den regionalen Ökolandbau einlassen, sodass Berlin und Brandenburg zumindest Stück für Stück besser regional versorgt werden können. Denn genügend Ackerfläche gäbe es.

Sendung: Inforadio, 22.06.2021, 07:00 Uhr

Beitrag von Ann Kristin Schenten

22 Kommentare

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  1. 21.

    Und bei Heinz-Ketchup hauptsächlich aus den USA. Europa ist doch näher als die USA, oder?

  2. 20.

    Es gibt auch immernoch Leute denen ist alles egal, hauptsache billig. Wenn man übrigens die Wahl hat, ein Produkt zu nehmen, bei denen viel viel weniger Gift verwendet wird, dann sollte man dieses nehmen.

  3. 19.

    Es gibt ja immer noch Leute welche meinen bei Bio werden keine Pestizide gespritzt.

  4. 18.

    letztens konnten sie nicht einmal die CO² richtig berechnen und nun sind Sie beim Kühlschrank überfordert den Inhalt zu verstehen. Was ist wenn der Kühlschrank aus einem Land ohne grüne Planwirtschaft kommt?

  5. 16.

    Das tolle am CO2 Preis ist dass die Herstellung von Kühlschrank und Dämmmaterial auch eingepreist sind. Der CO2 Preis wird ja nicht bei Ihnen zuhause an der Steckdose, bzw. dem Gasanschluss erhoben, sondern da wo der Kohlenstoff aus dem Boden geholt wird. Er zieht sich so durch die ganze Herstellungskette. Das einzige wo sorgfältig recherchiert werden muss ist beim Handel mit Ländern die keinen CO2-Preis erheben, damit dort entsprechende Zölle erhoben werden können.

  6. 15.

    Meine Regionalität beginnt in meinem Garten, in einer Kleingartenanlage, indem ich mir im vorigen Jahr ein Beet mehr für Gemüse angeschafft habe.
    Jetzt bin auch ich an meine Grenzen angekommen da ich mich nicht erweitern will oder eher nicht kann. Ich brauch noch das bisschen um meine drei Obstbäume herum als Insektenfutterstelle. Ich bin auch nicht der Typ der jede Woche den Rasen mäht auch wenn das einige meiner Gartennachbarn als Faulheit ansehen. Auch nenne ich ein Insektenhotel mein Eigen und ich müsste eigentlich Hotelgebühren verlangen doch ich habe mich dazu entschlossen die Viecher dürfen umsonst wohnen wenn sie dafür in meinem Garten die Arbeit verrichten.

  7. 13.

    Werder Ketchup aus Tomatenmark welches aus dem gesamten Europäischem Raum herangekarrt wird !!!! Das ist natürlich Regional.

  8. 12.

    Na klar Ackerfruechte und Obst aus dem demnächst autofreien gruenen bäuerlichen Bergmannkiez.
    Man hat es ja so gewollt oder gruen ist schuld

  9. 11.

    0,6% Selbstversorgung wegen einer willkürlich gezogenen Landesgrenze - wie süß. Und könnten sich die Berliner nach Meinung der Linken überhaupt eine solche Versorgung leisten?

    Brandenburg reicht zudem bis an Niedersachsen heran. Kann man da noch von regional sprechen?

  10. 10.

    Interessant. Na klar, Versorgung aus der Region wäre für das Klima optimal. Zwiebeln aus Neuseeland, wie letztes WE bei Rewe, brauche ich nicht. Auch ein gutes Steak aus BRB kann mindestens genauso schmecken, wie das aus Argentinien. Glaube nicht, dass der Verbraucher daran denkt, den Bauern in Neuseeland oder den Rinderzüchter in Argentinien zu unterstützen. Bin immer für regionale Angebote und nur das darüber hinaus zu exportieren. Umgekehrt genauso. Tomaten aus der Region schmecken immer noch besser, als die aus Spanien oder den NL importierten.

  11. 9.

    Beim CO2 Preis gibt es auch Probleme: Ein Kühlschrank, der wenig Energie braucht, aber nach 5 Jahren verschrottet werden muss (da Murks), hat sogar eine schlechtere CO2 Bilanz. Stark gedämmte Häuser verbrauchen weniger Energie, aber wieviel Energie braucht es, um diese Dämmung herzustellen? Und wie schnell bildet sich Schimmel und Dächer müssen wieder abgerissen werden, wegen der Dämmschichten? Wo kann der Schrott dann entsorgt werden? CO2 Bepreisung muss ganz sorgfältig recherchiert sein, sonst kann alles noch viel schlimmer werden..auf Kosten des Verbrauchers.

  12. 8.

    Wenn es regional sein soll, bitte mit Werder-Ketchup.... ;)

  13. 7.

    Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, auch bei uns wird das gekauft worauf wir Appetit haben. Ob Bio, Regional oder aus Übersee. Und der Preis sollte stimmen.
    Ich kann aber auch vollkommen verstehen wenn einige Menschen auf Bio und Regional ganz verzichten müssen, weil sie es sich einfach nicht leisten können.
    Es sollte sich dahingehend schnellstens in der Preispolitik etwas ändern, zumal die Logistikkosten regional sich doch in Grenzen halten.

  14. 6.

    Kürbis ist überhaupt nicht mein Fall, ich esse am liebsten regionales Schwein mit Hei*z-Ketchup.

  15. 5.

    Also unterstützen Sie die Helfer und Herlferinnen auf den Feldern in den anderen Ländern, die zu Hungerlöhnen schuften müssen, nur damit dann im Winter z.B. Heidelbeeren aus Chile/Peru oder Erdbeeren aus Spanien, die eh nicht schmecken, in den Supermärkten verkauft werden. Mal von den Umweltbedingungen ganz zu schweigen, Wasserknappheit, Monokulturen und dann noch die Einheimischen, die diese Produkte sich entweder nicht leisten können bzw. gar nicht kennen, weil diese Produkte dort nicht heimisch sind. Alles nur damit Egoisten, auch wenn diese sich das leisten können, unter dem Begriff Globalisierung meinen, etwas Gutes zu tun.

  16. 4.

    Ich werde auch weiterhin das kaufen, worauf ich Appetit habe, was ich mir leisten kann und wenn es aus der Region ist, um so besser, wenn aus Spanien oder Südafrika auch gut, die wollen auch leben in unserer globalisierten Welt.

  17. 3.

    Ohne saftigen CO2 Preis lohnt es sich halt nicht sich auf den lokalen Markt zu beschränken wenn man ein paar Cent mehr pro Kilo in China bekommt. Subventionen verzerren den Markt dann noch zusätzlich, so dass nur noch wenig Zusammenhang zwischen Nachfrage und Produktion besteht.

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