Zwangsversteigerung nicht entschieden - Zukunft des "Quartier 206" weiter unsicher

Blick ins Luxuskaufhaus Quartier 206 in der Friedrichstraße. (Quelle: dpa/Jörg Carstensen)
Bild: dpa/Jörg Carstensen

Die Zukunft des Luxuskaufhauses "Quartier 206" in der Berliner Friedrichstraße ist weiter ungewiss. Beim Termin zur Zwangsversteigerung am Dienstag gab es noch keine endgültige Entscheidung.

Das höchste Gebot von 225 Millionen wurde von der Rechtspflegerin verboten: Der Bieter habe keine ernsthaften Erwerbsabsichten. Die genauen Gründe teilte das Amtsgericht auf rbb-Anfrage bislang noch nicht mit. Das Gebot hat mit den ursprünglichen Besitzern, der Familie Jagdfeld, zu tun.

Die Immobilie ging aber auch nicht an das zweithöchste Gebot von 220 Millionen Euro durch eine luxemburgische Fondsgesellschaft. Ein Widerspruch und Befangenheitsantrag wird nun richterlich geprüft.

Über den Zuschlag soll am 22. Juni 2021 entschieden werden.

Aufbruch in eine luxuriöse Zeit

Die Friedrichstadt-Passagen galten nach der Wiedervereinigung als Schrittmacher für die Wiederbelebung der Friedrichstraße. Alle drei Blöcke wurden von namenhaften Architekten entworfen, das mittlere "Quartier 206" von dem Amerikaner Henry Cobb: Die Fassade ist dem Art Déco nachempfundenen. Das Luxuskaufhaus wurde 1997 eröffnet. Auftraggeber und Eigentümer war die Familie Jagdfeld. Mieter der Ladenflächen waren unter anderem Gucci, Yves Saint Laurent und Louis Vuitton.

Wirtschaftliche Schieflage

Die stiegen allerdings nach und nach aus den Pachtverträgen wieder aus. Nachdem die Gewerbeimmobilie wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte, ordnete das Amtsgericht Mitte 2011 die Zwangsverwaltung an.

Nach drohenden Zwangsversteigerungen 2012 und 2018 gab es im Juli 2020 einen fast erfolgreichen Versuch einer solchen: Für 220 Millionen Euro erhielt die Firma Phönix GmbH & Co. KG vorerst den Zuschlag. Ein Unternehmen, das in Verbindung mit der Familie Jagdfeld gebracht wurde. Die Gläubiger, ein Bankenkonsortium um die "Credit Suisse International", nahmen den Zuschlag aber nicht an. Über die Gründe wird gestritten.

Neue Firma - Neues Glück

Auch bei der Zwangsversteigerung am Dienstag gab es einen Höchstbieter. Hinter dem steht eine Firma der Familie Jagdfeld. Diesmal verbot die Rechtspflegerin schon am Tag der Versteigerung das Gebot. Ein Sprecher der Familie Jagfeld sagte, das Amtsgericht habe damit grob rechtswidrig gehandelt. Der direkte Widerspruch wurde zwar abgelehnt, jetzt steht aber noch eine richterliche Prüfung des gestellten Befangenheitsantrag gegen die Rechtspflegerin aus.

Der Verkehrswert des Quartiers wurde vor der Versteigerung auf 39 Millionen Euro festgelegt. Das Gebäude umfasst 8.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche, dazu kommen Büros und Appartements. Angesichts der Lage und Ausstattung ist der Verkehrswert gering, allerdings sollen mindestens 180 Millionen Euro Schulden im Grundbuch stehen, die der neue Eigentümer miterwirbt.

Die Entscheidung über den Zuschlag soll am 22. Juni 2021 um 12:00 Uhr vor dem Amtsgericht Mitte verkündet werden

Interessengemeinschaft Friedrichstraße fordert Unterstützung für Gewerbetreibende

Die Probleme um das Quartier 206 werden als bezeichnend für die Krise der einst als Flaniermeile ausgerufenen Friedrichstraße gesehen. Guido Herrmann, Vorsitzender des Vereins "Die Mitte", forderte deshalb im Gespräch mit dem rbb vom Senat neue Konzepte, um der Friedrichstraße wieder Leben einzuhauchen. Der Verein ist ein Netzwerk aus Gewerbetreibenden, das sich zur Aufgabe gemacht hat, die Gegend rund um die Friedrichstraße und Unter den Linden zu stärken.

Im Quartier 206 sieht Herrmann ein Symbol des "Aufbruchs für ganz Berlin", sagte er dem rbb-Inforadio am Dienstag. Die Politik müsste nun die Gewerbetreibenden in den umliegenden Straßen unterstützen, da diese die Belastungen nicht allein bewältigen könnten.

Zu solchen Belastungen gehörten etwa jahrelange Baustellen, die die Flaniermeile unattraktiv gemacht hätten. "Wenn man jahrelang einen Schrank vor die stellt, kommen auch keine Verwandten mehr", sagte Hermmann.

Dass die Friedrichstraße verkehrsfrei gemacht wurde, sei nicht genug gewesen. "Was hat das gekostet, was waren die Ziele?" - diese Fragen müssten beantwortet werden. Herrmann forderte zudem internationale Wettbewerbe, um die Friedrichstraße und Unter den Linden architektonisch attraktiver zu machen.

3 Kommentare

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  1. 3.

    "Aufbruch in eine luxuriöse Zeit" ... zu einer Zeit wo Berlin Arm aber Sexy war und die "Wirtschaftliche Schieflage" auch bei vielen Berlinern angekommen war. Nicht wenigen ging es schlechter, einigen besser. Von dieser monetären Creme und ein paar gut betuchten Touris soll so ein Luxuskaufhaus ohne Charme wirklich existieren. Wie weltfremd muss man sein, daran zu glauben. Das schafft vll. 'ne Pommesbude oder ein Kaufhaus mit gewachsenen Strukturen - aber kein "Ihr-Kinderlein-kommet-jetzt-endlich-Kunstbau".

  2. 2.

    Abreißen und Wohnungen bauen.

  3. 1.

    „ Die Friedrichstadt-Passagen galten nach der Wiedervereinigung als Schrittmacher für die Wiederbelebung der Friedrichstraße.“…

    Na nicht wirklich. Auch das war nur ein Größenwahn Projekt der Berliner Politik.

    Das war doch von Anfang an ein finanzielles Grab. Anspruch und Realität waren hier einmal mehr weit auseinander.

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