Protestaktion bei Lieferdienst - Hubertus Heil trifft Beschäftigte und Management von Gorillas

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) begrüßt auf dem Lausitzer Platz per Faustschlag einen Beschäftigten des Lieferdienstes Gorillas (Quelle: DPA/Annette Riedl)
Video: rbb|24 | 18.07.2021 | Material: Abendschau | Bild: DPA/Annette Riedl

In der Corona-Krise boomen Lebensmittel-Lieferdienste. Doch aus Sicht vieler Beschäftigten leiden darunter die Arbeitsbedingungen. Bundesarbeitsminister Heil hat sich nun beim zuletzt kritisierten Start-up Gorillas über die Lage informiert.

Brot, Butter und Bier online bestellen und innerhalb von zehn Minuten geliefert bekommen, ohne dafür deutlich mehr zu bezahlen als im Supermarkt: Die Versprechen von neuen Lieferdienst-Start-ups wie Gorillas, Flink oder Getir klingen verlockend. Doch den Preis für diesen Komfort zahlen aus Arbeitnehmersicht vor allem die Beschäftigten in den Lagern sowie die Fahrerinnen und Fahrer, die sogenannten Rider.

Seit Wochen protestieren sie etwa beim jungen Berliner Lieferdienst Gorillas für bessere Arbeitsbedingungen, organisieren Sitzblockaden vor den Lagern und legen spontan die Arbeit nieder. Sie kritisieren unter anderem ihre befristeten Arbeitsverträge, den hohen Zeitdruck, schlechte Ausrüstung und unpünktliche sowie fehlerhafte Bezahlung. An diesem Dienstag hat sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) in den Streit eingeschaltet und in Berlin-Kreuzberg zum Gespräch mit Ridern und Lager-Beschäftigten getroffen.

"Ich kann mich als Arbeitsminister nicht unmittelbar in Arbeitskämpfe einschalten, aber ich kann mich informieren", sagte er. Heil sprach sich erneut für das Ende von sachgrundlosen Befristungen aus. Er rief die Beschäftigten dazu auf, sich im Arbeitskampf mit den etablierten Gewerkschaften zusammenzutun.

Arbeitskampf via Telegram, Spenden tilgen Verdienstausfall

Betroffene äußerten sich nach dem Gespräch enttäuscht. Sie hätten erwartet, dass der Minister sie in ihrem Streik unterstütze, sagte der Mitarbeiter Jakob Pomeranzev. Der einzige konkrete Vorschlag sei gewesen, den Berliner Senat einzuschalten. Die Rider hatten zuvor in dem Gespräch unter anderem von fehlender Ausrüstung, mangelndem Arbeitsschutz und Hindernissen bei der Gründung eines Betriebsrats berichtet.

Schon Ende November hatte Heils Ministerium ein Eckpunktepapier vorgestellt, um die Arbeitsbedingungen bei digitalen Plattformen stärker zu regulieren. Dabei geht es vor allem um mehr sozialen Schutz für Soloselbstständige sowie die Möglichkeit, kollektivrechtliche Organisationen wie Betriebsräte zu gründen. Allerdings sind die Beschäftigten von Gorillas in der Regel fest angestellt. Sie werfen dem Unternehmen vor, trotz befristeter Verträge von einem Jahr an der halbjährigen Probezeit festzuhalten, um Fahrer schnell wieder loswerden zu können.

Organisiert werden die Proteste bei dem Unternehmen bislang vom Gorillas Workers Collective (GWC), einem losen Zusammenschluss von Beschäftigten. Sie organisieren sich vor allem über den Messengerdienst Telegram, planen dort die Aktionen und nutzen die Plattform als Infokanal. Über Twitter rufen sie zu Spenden auf, um den Lohnausfall nach Arbeitsniederlegungen kompensieren zu können.

Außerdem wird gefordert, dass ein Fahrer, der unter dem Namen Santiago bekannt ist, wieder eingestellt wird. Ihm war im Juni gekündigt worden, weil er 45 Minuten zu spät zum Dienstbeginn erschienen sein soll.

"Santiago and Betriebsrat or Norillas" steht auf Transparenten (Quelle: DPA/Annette Riedl)
Mitarbeiter von Gorillas demonstrieren für einen Betriebsrat und die Wiedereinstellung eines gefeuerten Mitarbeiters | Bild: DPA/Annette Riedl

Gorillas-Management verspricht Betriebsratsgründung zu unterstützen

Zwar sind die Beschäftigten in der Regel nicht gewerkschaftlich organisiert. Verdi bietet ihnen aber Unterstützung an, etwa bei einer geplanten Betriebsratsgründung. Leicht ist das nicht. Die Beschäftigten äußerten sich am Dienstag vor allem skeptisch: "Die Gewerkschaften unterstützen uns, aber sie wollen das Risiko unserer Streiks nicht mittragen", sagte Pomeranzev, der im GWC mitmacht. Die Verdi-Gewerkschaftssekretärin Maren Ulbrich hatte bereits am Montag gesagt: "Wir haben unsere Unterstützung angeboten und werden dort helfen, wo die Beschäftigten aktiv werden und sich gewerkschaftlich organisieren."

Heil traf sich vor den Gesprächen mit den Beschäftigten auch mit dem Management des Unternehmens. Die Arbeitgeberseite gibt sich zumindest nach außen hin kooperativ. "Uns liegen die Interessen unserer Rider am Herzen, und wir nehmen ihr Feedback äußerst ernst", teilte das Unternehmen am Samstag anlässlich der Protestaktion mit. "Wir unterstützen ausdrücklich und uneingeschränkt die Gründung eines Betriebsrats bei Gorillas und werden dafür selbstverständlich alle benötigten Mittel zur Verfügung stellen." Die Beschäftigten erreichten sie am Dienstag mit solchen Aussagen nicht.

Sendung: Radioeins, 20.07.2021, 18.30 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Es ist schon pervers sich eine Tüte Milch etc. liefern zu lassen. Die Verbraucher können leicht dazu beitragen, dass es solche Jobs erst gar nicht gibt. Aber viele sind einfach zu bequem, alles schimpft über Amazon & Co wegen der dortigen Arbeitsbedingungen und der Nicht Steuerzahlungen, aber die Fahrzeuge der Paketzusteller sind überall zu sehen. Mal ganz von den Arbeitsbedingungen der Paketboten abgesehen.

  2. 5.

    Was soll der ganze Quatsch? Wird von den Fahrern nur einer dazu gezwungen für solche Unternehmen zu arbeiten? Nein machen die freiwillig! Sie wissen auch vorher was sie als Bezahlung erhalten. Ob als Angestellter oder "Selbstständiger". Und dann die vielen Gutmenschen die sich über diese Zustände aufregen, sich aber gleichzeitig von den vielen Lieferdiensten ihre Biohäppchen, Getränke, Waschmittel etc. nach Hause liefern lassen! Statt mal selbst den faulen Hintern zu bewegen und beim nächsten Supermarkt einzukaufen. Man was ist das für eine heuchleriche Gesellschaft!

  3. 4.

    " Dabei geht es vor allem um mehr sozialen Schutz für Soloselbstständige sowie die Möglichkeit, kollektivrechtliche Organisationen wie Betriebsräte zu gründen."

    Ja was iss das denn? Selbständig oder nicht? Jetzt wollen also Pseudoselbständige einen Betriebsrat? Leute fehlt Euch was?

    Ja leben die da nachdem Motto - man muss nicht ausgesprochen blöd sein um hier zu arbeiten, erleichtert die Sache aber ungemein...

    Und dann von einem Minister regulierende Hilfe erwarten. Sowas gibt's nur in Berlin - oder?

  4. 3.

    Da hilft nur die Abstimmung mit den Füßen....
    Wobei eines erstaunlich ist : Das Management von Gorillas muss ein dickes Fell haben, denn so schlechte Publicity in einer links angehauchten Stadt wie Berlin muss doch eine Menge Geld kosten (so es denn bei der Firma wirklich um's Geld Verdienen geht)

  5. 2.

    Uns liegen die Interessen unserer Rider am Herzen, und wir nehmen ihr Feedback äußerst ernst",

    Heißt Twix jetzt wieder Rider?

    Aber im Ernst: Gewerkschaftliche Organisation und der organisierte Widerstand gegen die Bosse, die ihre Arbeiter jetzt "Rider" nennen und ansonsten Manchester-Kapitalismus praktizieren, nur organisierter Widerstand hilft gegen diesen bunten Wohlfühlausbeuterkapitalismus.

  6. 1.

    Solo-Selbstständige, wollen einen Betriebsrat gründen. Der Bundesminister sagt Ihnen Unterstützung zu. Die Gewerkschaften beraten sie. Der Arbeitsminister gibt Ihnen kein Geld. Die Gewerkschaft weigert sich für Nichtmitglieder das Streikrisiko zu tragen. Hauptsächlich geht es um einen Faher, der wieder Eingestellt werden muss, weil Die die für Ihn streiken Seine Arbeit machen mussten. - Schickt doch mal einen Verwaltungserfahrenen Dolmetscher und Informiert die Leute über Recht und Zuständigkeit. Dann sind Alle bis Donnerstagabend wieder ausgeruht, fürs Wochenendgeschäft.

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