Vorstoß von Discountern - Brandenburger Landwirte sind skeptisch beim Abschied vom Billigfleisch

Schweine stehen in einem Stall. (Quelle: dpa/Sina Schuldt)
dpa/Sina Schuldt
Video: rbb|24 | 22.07.2021 | Material: Brandenburg aktuell | Bild: dpa/Sina Schuldt

Schluss mit billig in den Theken – damit hat der Discounter Aldi zuletzt geworben. Im Jahr 2030 soll kein Frischfleisch mehr angeboten werden, das in reiner Stallhaltung produziert wird. Brandenburger Landwirte befürchten Nachteile. Von Michel Nowak

Lebensmittel-Ketten wollen auf tiergerechtere Haltungsformen umstellen: Der Discounter Aldi hat angekündigt, bis 2030 kein Frischfleisch mehr anzubieten, das in reiner Stallhaltung produziert wird. Von konkurrierenden Lebensmittelketten wie Rewe gibt es ähnliche Aussagen. Die Bauern, etwa in Brandenburg, wirken hingegen teils überrumpelt. Sie befürchten, dass nicht etwa die großen Handelsketten, sondern die Landwirte ohne Ausgleich für das anvisierte größere Tierwohl einstehen müssen.

In Züllsdorf, einem Dorf nahe Herzberg (Elster) im Elbe-Elster-Kreis sieht Dorsten Höhne den angekündigten "Haltungswechsel" kritisch. Seine Agrargenossenschaft Züllsdorf gehört zu den größeren Schweinemastbetrieben in Brandenburg. Bis zu 3.800 Tiere verteilen sich auf mehrere Ställe, jedes hat knapp einen Quadratmeter Platz. Seinen Schweinen gehe es gut, versichert Dorsten Höhne: "Das sagen auch unsere Gesundheitsdaten und unser Verlustgeschehen, da habe ich keine schlechten Gedanken."

Landwirt Dorsten Höhne (links) und Bernd Starick vom Brandenburger Landesbauernverband (Quelle: rbb/Nowak)
Sehen die Pläne von Aldi & Co. kritisch: Landwirt Dorsten Höhne (li) und Bernd Starick vom Brandenburger Landesbauernverband | Bild: rbb/Nowak

Für Ökoverbände ein überfälliges Vorgehen

Schweine – so gemästet wie in Züllsdorf – fallen nach den Haltungsform-Kriterien der Lebensmittel-Ketten in die unteren Kategorien 1 und 2. Solche Ware soll nach Willen des Discounters Aldi spätestens in neun Jahren aus den Frischfleisch-Regalen verschwunden sein. Ein richtiger Ansatz, sagen Ökoverbände. Was die Tierhaltung angehe, gebe es durchaus einen Bewusstseinswandel. "An sich ist es überfällig", so Sascha Philipp, Sprecher der Brandenburger Ökoverbände, "allerdings muss das Ganze auch bezahlt werden." Das gehe nur, wenn die Handelsriesen fair mit den Bauern umgingen und tatsächlich Preise bezahlten, die dem Produktionsaufwand gerecht werde: "An der Stelle habe ich bei den Lebensmittel-Ketten durchaus Fragezeichen."

Sascha Philipp, Sprecher Ökoverbände Brandenburg (Quelle: rbb/Nowak)
Selbst Landwirt in Pretschen: Sascha Philipp, Sprecher der Ökoverbände Brandenburg | Bild: rbb/Nowak

Handelsketten laut Bauern keine zuverlässigen Partner

Nutzvieh unter freiem Himmel, das wünschen sich die meisten Verbraucher. Viele Landwirte würden auch gern im wahrsten Sinne des Wortes die Sau rauslassen, stehen aber vor enormen Herausforderungen. Denn zur Freilandhaltung gehören oft unerwünschte Geruchsbelästigung und Emissionen. Ställe müssten um- und neugebaut werden. Die Landwirte müssten dafür langfristig hohe Summen investieren.

Dies sei nur mit zuverlässigen Partnern auf der Abnehmer-Seite möglich. "Als solche haben sich Aldi und Co. in der Vergangenheit aber überhaupt nicht präsentiert", sagt Bernd Starick, Vorstandsmitglied im Brandenburger Landesbauernverband und selbst Viehhalter im Kreis Spree-Neiße, "die Ketten haben mit ihrem Tun dazu beigetragen, dass die Situation heute so schwierig ist." Der Wille der Bauern, sich schrittweise an neue Haltungsformen anzupassen, sei da. Das Engagement stehe und falle aber mit sicheren, leistungsgerechten Erlösen.

Zahl der Schweinebetriebe fast halbiert

Vor allem am Finanziellen hapert es aber zuletzt tatsächlich gewaltig. Die Brandenburger Schweinehalter arbeiten oft defizitär. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Betriebe in Brandenburg von 700 denn auch auf 400 fast halbiert. Die Zahl der Mastschweine reduzierte sich allerdings nur von 805.000 auf 777.000. Der Trend geht bei den Schweinen sogar zu größeren Ställen.

Discounter Aldi sieht sich mit seinem Einsatz nun als Vorreiter. Das Management fordert aber, dass der Gesetzgeber mitzieht. Auch höhere Preise müssten die Verbraucher perspektivisch einkalkulieren.

Tierwohl nur mit wirtschaftlicher Perspektive

Dorsten Höhne in Züllsdorf zeigt sich da misstrauisch. Die Großhändler seien für seine Agrargenossenschaft zwar Mittel zum Zweck, aber keinesfalls so etwas wie Freunde. "Das Problem wird sein, dass uns der Handel später erpressen wird, wenn unser teureres Fleisch aus anderen Haltungsformen im Regal liegt", prophezeit er.

Werde beispielsweise gefrorenes Importfleisch – wie angekündigt – weiter angeboten, käme schnell die Forderung, dass auch die regionalen Angebote billiger werden müssten, um einen ausreichenden Verkauf zu garantieren. "Eine wirkliche Partnerschaft setzt aber voraus, dass ich für einen längeren Zeitraum weiß, was ich für ein Schwein erhalte", so der Züllsdorfer weiter. Davon sei aber im Zusammenhang mit den neuen Haltungsformen keine Rede.

Tierwohl funktioniere nur mit wirtschaftlich solider Perspektive für die Mastbetriebe, sagen die Landwirte. Die Supermarkt-Ketten aber geben sich sicher, dass ihr Vorstoß in jedem Fall passt: In eine Zeit, in der sich das Mensch-Tier-Verhältnis zunehmend wandelt.

Sendung: Inforadio, 22.07.2021, 12:06 Uhr

Beitrag von Michel Nowak

32 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 32.

    Gut beobachtet. Das Wasser im Fleisch ist trotz günstigem Preis viel zu teuer, um es vorsichtig/höflich auszudrücken. Aufklärung an dieser Stelle bringt mehr als z.B. zu Gendern...oder nur noch 95,5 km/h zu fahren. Da haben die Liberalen in sofern recht, dass die Marktmacht des kenntnisreichen Konsumenten gewaltige Wucht entfalten kann...An dieser Stelle kann man für statt gegen (Um)Erziehung durch Aufklärung sein.

  2. 31.

    EU-Weit Billigfleisch verbieten ? Die Kassenschlager kommen doch aus Argentinien, Brasilien, Südafrika, Australien und Groß-Britannien. Einen Handelskrieg gegen die halbe Welt wegen Billig-Fleisch ? Wohl eher nicht.

  3. 30.

    Dann fragen sie mal Veterinärärzte, wie die Tierhaltung in den großen Kolchosen der DDR betreiben wurde. Gibt es genug Berichte und diese Massentierhaltung war definitiv nicht besser. Das meiste Billigfleisch wird doch in der aktuellen Massentierhaltung in Deutschland von ehemaligen Kolchosen der DDR produziert. Das Problem ist doch, die Deutschen wollen für gutes Fleisch nicht viel zahlen. Unglaublich auch Döner für unter 3 Euro in Neukölln anzubieten. Wenn ich auch regelmäßig sehen, wer die türkischen und arabischen Fleischereien in Neukölln beliefert. Die Kennzeichen der Lieferwagen sind meisten aus Bulgarien. Die Belieferungen der Fleischereien sind abenteuerlich und unhygienisch. Das Fleisch liegt teileweis auf dem Pritschenboden und wird mit Einkaufwagen von irgendeinem Discounter in die Fleischer beliefert. Das sieht jeder und der Bezirk überprüft scheinbar gar nichts, da ich dies seit Jahren beobachte.

  4. 29.

    Schon mal darüber nachgedacht warum Lebensmittel billig sein sollen ? Damit sich diese auch Menschen leisten können die vom System ausgebeutet werden. Steigen die Preise steigen die Löhne und die Sozialleistungen. Am Ende der Kette stehen dann Klima, oder der Tierschutz. Es ist ein ewiger Kreislauf von Interessen, fassen sie ein Thema an haben Sie alles in der Hand. Lösungen sind mit den alt Parteien nicht machbar, denn sie sind zu radikal. Die Politik wird von den älteren bestimmt und die überlassen die Probleme anderen.

  5. 28.

    Für den Verbraucher ändern sich nur die Preise nach oben, alles andere wird bleiben!

  6. 27.

    Wer, auch mitten in der Stadt, Fleisch aus artgerecht Tierhaltung von Kleinbauern aus dem Berliner Umland kaufen möchte, kann das z. B. hier tun: https://marktschwaermer.de/de

  7. 26.

    Was wir essen, das entscheiden wir Verbraucher und nicht die FDP.
    Wenn ich sehe was angeboten wird, und wo ich denke, das würde ich niemals essen wollen.
    Ich habe oft den Eindruck: " billig soll es sein, und keine Arbeit soll es machen."

  8. 25.

    so funktioniert nun mal Kapitalismus, den wir alle nach der Wende wollten. Man kann sich nur für eine Wurst vor dem massigen Regal entscheiden. Jeder kann und darf seine Ware feil bieten. Der Markt würde das diese Regeln meint die FDP.
    Das System funktioniert aber so, das alles schon bezahlt wurde was in den Regeln steht. Ob es in der Mülltonne oder beim Verbraucher landet ist dem Hersteller egal. Verkauf ist Verkauft.. Dann hat man die Kunden auch so erzogen das sie nur Ware kaufen die ausschaut wie aus dem Bilderbuch. Nur das beste, zum geringen Preis. Bei Obst und Gemüse ist es besonders schlimm. Personal wurde eingespart und SB erfunden. So fummeln die Kunden so lange an der Ware herum bis sie min30% wegschmeißen können. Man hat dann mit Verpackung regiert um die Ware vor den Kunden zu schützen. Dann gibt es Verträge von den Big Playern das Marken im Überfluss im Markt vorhandenen sind. Vertraglich zugesichert, ob es in den Eimer fliegt ist egal. Das System ist das Problem.

  9. 24.

    Geht mir auch so. Habe 2 gute Fleischer in der Nähe. Da gehe ich hin wenn ich mal Appetit habe. Fleisch und Wurst im Supermarkt oder Discounter dürfte gar nicht angeboten werden. Es muss wieder mehr Achtung vor Lebensmitteln geben.

  10. 23.

    Wer auf diese tierqulerische weise Fleisch auf den Markt bringen will, sollte froh sei, dass er noch Abnehmer findet.

  11. 22.

    Also wenn ich sehe wie sich Billigfleisch in der Pfanne verhält vergeht mir der Appetit. Lieber einmal weniger dafür aber Qualität.

  12. 21.

    Warum die höheren Preise nicht bei den Bauern landen hat hautsächlich damit zu tun das wir auf den Lebensmittelmarkt so eine Art Mafia haben. Es heißt nicht umsonst "die Fleischbarone". Die Bauern können dies über das Direktmarketing entgehen, was teuer und aufwändig ist. Oder Sie lassen sich die Preise und die Bedingungen zu dem zu Produzieren diktieren. Vom Hersteller bis zum Verkauf wird alles von den Big Playern bestimmt. Das dass Fleisch aus dem Ausland kommt glaube ich kaum, das ist viel zu teuer! Er im Gegenteil Masshaft billig produziertes Fleisch aus Deutschland überschwemmt den Markt. Diese Mafiöse Strukturen setzten sich in den Bauverbänden bis in die Politik fort. Die Probleme sind schon lange bekannt. Auch das Antibiotika Problem, welches uns in Jahr 1950 zurück versetzt. Wenn nichts mehr gegen multiresistente keime zur verfügung steht. ASP,Trinkwasser,MRSA zahlt die Allgemeinheit. So beruhigt es das die CDU/CSU ein weiter so begrüßt.

  13. 20.

    Bauern brauchen Verlässlichkeit ist sehr passend. Ein brandenburger Bauer erzählte mir von der Umstellung zu Bio und wie ihm dann die Kunden wegblieben, weil fast alle die, die sich für Bio einsetzten dann vegan wurden und der Bauer neue Abnehmer suchen musste.
    Es scheint fast so als ob Billigfleisch ein stabilerer Absatzmarkt ist. Das heißt der Markt selbst wird es nicht regeln und es stellt sich die Frage nach entsprechenden Vorschriften, wenn Tierwohl überhaupt erwünscht ist.
    Da mir Händler alles über Fleisch erzählen können traue ich da niemanden. Zertifikate sind für mich ein Stück Papier, weil ich da auch wieder auf Aussagen anderer angewiesen bin. Grundsätzlich kann ich nicht ordentlich kontrollieren außer ich züchte selbst.
    Es sind einfach zu viele windige Geschäftsmenschen da draussen.

  14. 19.

    Anstatt sich mit einem Einwand zu beschäftigen wir gleich drauf losgepoltert. Nehmen wird die Gänsemast in Deutschland bestimmte Sachen verboten, dafür kommt es eben aus Ungarn und Polen.

  15. 18.

    Wenn der Handel es nicht abnimmt, dann kommt auch kein Billigfleisch aus anderen Ländern zu uns.

    Ich begrüße es sehr, wenn sich da endlich etwas ändert. Die Vermeidung von Billigfleisch muss sich aber auch bei verarbeiteten Produkten (z.B. Wurst) durchsetzen. Und es muss der Preis für Fleischprodukte steigen von dem dann die Landwirte fair bezahlt werden können (und nicht der Handel nur seine Gewinne steigert).

  16. 17.

    Jeden Tag Billigfleisch oder 2x die Woche Ökofleisch, ich kann das Gejammere wegen des Geldbeutels nicht mehr hören. Ökofleisch Ist sowieso gesünder und fürs Tierwohl und die Umwelt auch besser! Man muss es nur wollen!

  17. 16.

    Dann fahren Sie doch zu einem Hof, bei dem Sie das Produkt direkt beziehen können und lassen dem/der Landwirt/in den Umsatz direkt zukommen. Dass ist die beste Variante - für die Höfe, für die Tiere, weil ihnen sehr viel Leid erspart bliebe, sowie die Umwelt, da massig Transportwege entfallen und die Kosten für diese irrsinnige Tötungsinfrastruktur. Das ist ein Anachronsimus, der nur durch einige wenige geschürt wird - siehe Hr. Tönnies - wenn man seine Vita exakt liest. Oder auch dieser Wahnsinn mit Wiesenhiof - alles obsolet, wenn jeder für sich und seine u.U. nicht so mobilen Nachbarschaft, direkt vom Erzeuger kaufen würde.

  18. 15.

    Sie haben vollkommen recht. Mann muss nicht jeden Tag Fleisch essen und grillen. Ich sehe es bei uns in den Gärten. Sobald das Wetter es zulässt wird gegrillt und überwiegend mit dem eingeschweißten Billigfleisch. Wir tragen entscheidend mit zu dieser Tierquälerei bei. Manchmal ist eben weniger wirklich mehr. Da braucht sich auch keiner mit schmalen Geld rausreden.

  19. 14.

    Einem Schwein, das so wenig Platz hat, kann es nicht gutgehen.

  20. 13.

    Wem dann der eigene Geldbeutel am nächsten sein sollte, der kann auf Fleischkonsum verzichten.

    Eine von Tierquelerei befreite Nutztierhaltung ist längst überfällig, und zwar in der ganzen EU.
    Da ja Deutschland immer gerne mit gutem Beispiel aufwartet, hier wäre es sehr sinnvoll.Natürlich müsste sich Deutschland für eine EU - weite Durchsetzung bemühen.

Nächster Artikel