Umstrittene Grenzwerte - Auf welche Hürden die Brandenburger Nutzhanf-Bauern stoßen

Bio-Landwirt Wilhelm Schäkel aus Zempow erläutern interessierten Landwirten den Nutzhanf-Anbau. (Foto: rbb/Haase-Wendt)
Audio: Antenne Brandenburg | 02.07.2021 | Björn Haase-Wendt | Bild: rbb/Haase-Wendt

Auf Brandenburger Feldern könnte Nutzhanf heimisch werden: Er gilt als robust und vielseitig einsetzbar. Doch die Hürden bei Anbau und Vermarktung sind hoch, das wurde bei einem Treffen von Landwirten und Vermarktern deutlich. Von Björn Haase-Wendt

Bio-Landwirt Wilhelm Schäkel steht im strömenden Regen auf seinem Nutzhanffeld bei Zempow, einem Ortsteil von Wittstock (Dosse), umringt von zahlreichen Landwirten und Vermarktern. Einer von ihnen zückt sein Handy, schießt ein Foto und sagt: "In Berlin glaubt uns das keiner, dass hier in Brandenburg solch ein Feld ist."

Dabei ist der Nutzhanf für die Zempower längst Alltag. Seit über fünf Jahren versucht sich Wilhelm Schäkel am Anbau und gilt damit als einer der Pioniere in Brandenburg. In diesem Jahr baut er mehrere Sorten Nutzhanf auf 23 Hektar als Hauptfrucht und 30 Hektar als Zwischenfrucht an.

"Wenn man Klimaschutz ernst nimmt, braucht man Pflanzen die viel Kohlenstoff speichern und auch dem Boden zur Verfügung stellen können", sagt er zu seiner Motivation. Immer wieder fällt beim Hanf-Feldtag des Landschaftspflegeverbandes Prignitz Ruppiner Land e.V. das Stichwort "Klimapflanze".

Klimapflanze Nutzhanf?

Denn der Nutzhanf kann für die Landwirte in Brandenburg eine Chance sein - vor allem in Reaktion auf die zunehmende Trockenheit. "Hanf braucht zu Anfang des Wachstums viel Wasser, kann danach aber sehr sparsam damit umgehen und hält auch durch, wenn es trocken wird", sagt Schäkel.

Eine zusätzliche Bewässerung in den wärmeren Monaten ist nicht notwendig, auch weil die Wurzeln tief ins Erdreich wachsen - bis zu zwei Meter. "Das Wasser sucht er sich", so der Landwirt. Die Pflanze sei weitgehend anspruchslos, wachse auf fast jedem Boden und sorge durch ihre Beschattung und das Blattgrün für ein gutes Mikroklima.

Auch bei der Bodenqualität ergeben sich durch die tiefen Wurzeln Vorteile, sagt Juliane Jammer, die mit ihrem Bruder in Lenzen in der Prignitz einen Landwirtschaftsbetrieb führt. "Der Nutzhanf macht den Boden durchlässiger, mehr Sauerstoff kann aufgenommen und Stickstoff gehalten werden."

Für die Fruchtfolge sei der Nutzhanf deshalb durchaus attraktiv. "Selbst wenn ich ihn nur als Zwischenfrucht anbauen würde, habe ich danach zum Beispiel beim Kartoffelanbau auf dem Feld bis zu 20 Prozent mehr Ertrag." Die Landwirtin will deshalb im kommenden Jahr den Anbau von Nutzhanf auf einem Feld testen.

In Zempow bei Wittstock baut Wilhelm Schäkel seit über fünf Jahren Nutzhanf an. (Foto: rbb/Haase-Wendt)Schäkel baut auf 23 Hektar Nutzhanf als Hauptfrucht, auf 30 Hektar als Zwischenfrucht an.

Strenge Kontrollen und Grenzwerte

Doch die Hürden sind hoch, auch wenn der Brandenburger Landtag im April beschlossen hat, den Anbau und die Verarbeitung von Nutzhanf stärken zu wollen. Das zeigt sich immer wieder beim Hanf-Feldtag in Zempow. Vor allem die enge Bindung an das Betäubungsmittelgesetz sei ein Problem, erklärt Andrew Förster, der beim Landschaftspflegeverband Prignitz Ruppiner Land die Hanf-Projektgruppe leitet und seit gut drei Jahren ein Kompetenznetzwerk aufbaut.

Die Landwirtschafts-Betriebe müssen den Anbau anmelden, werden streng kontrolliert und müssen bestimmte Grenzwerte einhalten. Die angebauten Pflanzen dürfen maximal 0,2 Prozent des rauscherzeugenden THC beinhalten. Wird der Wert überstiegen, ist die Ernte nicht zu gebrauchen. "Die wird beschlagnahmt, ist weg, es gibt keine Kompensation und obendrauf noch ein Strafverfahren - das ist ein ernsthaftes Problem", erläutert Förster.

Auch Wilhelm Schäkel kennt das Problem. Durch die schwankenden Werte beim Wachstum und den damit verbundenen Überschreitungen verliere er teils bis zu 30 Prozent seiner Ernte.

Die Landwirte wünschen sich eine Anhebung der Grenzwerte, zum Beispiel nach dem Schweizer Vorbild, wo der Wert bei einem Prozent liegt. Dabei gehe es nicht um die Legalisierung von Hanf als Droge.

Allerdings stehen die Chancen für eine Lockerung vorerst schlecht. Erst Ende Juni hatte der Bundestag einen Antrag von Linken und Grünen abgelehnt. Die beiden Fraktionen wollten höhere THC-Grenzwerte und eine Rechtssicherheit für die Anbaubetriebe.

Andrew Förster leitet beim Landschaftspflegeverband Prignitz Ruppiner Land die Hanf-Projektgruppe. (Foto: rbb/Haase-Wendt)Andrew Förster vom Landschaftspflegeverband

Fehlende Verarbeitungsmöglichkeiten

Ein weiteres Problem sind die derzeit noch wenigen Verarbeitungs- und Vermarktungsmöglichkeiten für Nutzhanf-Landwirte in der Region - obwohl der Norden Brandenburgs und Teile der Müritz-Region beim Anbau Vorreiterregionen sind. "Im Umkreis von rund 100 Kilometern wird hier pro Jahr auf 2.000 bis 3.000 Hektar Nutzhanf angebaut", sagt Andrew Förster vom Landschaftspflegeverband.

Wilhelm Schäkel produziert aus seinen Pflanzen unter anderem Öl aus den Körnern, Hanfmehl und Tee. Vereinzelt verkauft er das Hanfstroh direkt an Handwerker als Dämmstoff. Den großen Wurf macht er damit aber nicht.

Der Zempower hofft vor allem auf die Baustoffbranche. "Um Masse zu verkaufen, müsste der Markt erschlossen werden. Für Hanfdämmwolle und Hanfkalksteine für den Hausbau", sagt Schäkel und fügt an: "Dann kann man auch mehr Hektar machen, weil vom Tee kann keiner so viel trinken, wie wir auf dem Acker erzeugen."

Auch für die Papiererzeugung oder als Alternative zum Plastik sei der Nutzhanf aufgrund des hohen Zelluloseanteil attraktiv, doch bislang sei das nur ein Nischenprodukt. Der Landschaftspflegeverband Prignitz Ruppiner Land will weiter ein Kompetenznetzwerk aufbauen, um Landwirte und potenzielle Verarbeitungsbetriebe besser zusammenbringen zu können - damit eine der ältesten Nutzpflanzen in Brandenburg stärker Fuß fassen kann.

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.07.2021, 17:12 Uhr

Beitrag von Björn Haase-Wendt

20 Kommentare

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  1. 20.

    Sie verwechseln Ursache und Wirkung! Weil eben Canabis nicht frei ist und überall ohne ärztliche Aufsicht genascht, gepafft oder was auch immer werden kann, hat es bisher noch keine so verheerenden Folgen gegeben. zum Glück! Und so soll es auch bleiben.
    Sie mögen vielleicht einer der wenigen gewissenhaften Konsumenten davon sein. Die allermeisten sinds leider nicht.

  2. 19.

    Viel Rauch um nichts. Deutschland ist in Punkto Hanf echt das absolute Schlusslicht. Selbst beim Samenkauf müsste man sich auf EU-Recht beziehen, wenn man welche aus dem Ausland besorgen würde. Rückschrittlicher geht es kaum noch. Da wird dann selbst ein Nutzhanffeld zur Attraktion. Wo leven wir denn?

  3. 18.

    Was für Brotpreise? Knapp über ein Euro pro Kilo für Roggenmischbrot? Wenn Sie sich Sorgen um Agrarflächen machen, fahren Sie lieber weniger Auto. E10 und Biodiesel verbrauchen weitaus mehr Flächen.

  4. 17.

    Haben Sie gerade wirklich allen Ernstes von durch Cannabiskonsum verursachten Todesfällen gesprochen? Ich weiß wirklich nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll ... Bitte machen Sie sich doch erst mal schlau, bevor Sie hier im Brusston der Überzeugung so einen Unsinn von sich geben.

    Ich möchte ja gar nicht behaupten, dass Kiffen vollkommen ungefährlich wäre, denn das ist es sicherlich auch nicht. Aber was ist das schon? Selbst übermäßiger Zucker- oder Fleischkonsum nicht. Schwere körperliche Schädigungen, wie sie beispielsweise durch starken Tabak- oder Alkoholkonsum verursacht werden, an denen auch jährlich zigtausende Menschen allein in Deutschland sterben, kommen jedoch nachweislich quasi nicht vor.

  5. 16.

    Um ehrlich zu sein, bei den Brotpreisen haben wir augenscheinlich vermehrten Weizen- und Roggenanbau sehr viel nötiger als das Experimentieren mit neuen Kulturpflanzen, die nur Flächen und Ressourcen belegen.

  6. 15.

    Gigatonnen von Öl und Kohle verbrennen, genmanipulierte Nutzpflanzen, Glyphosat, und Kernenergie nur deswegen nicht weil Merkel einen wachen Moment hatte... gesoffen wird wie Löcher mit Tausenden Toten Jahr für Jahr.. aber vor dem guten alten Hanf haben sie Angst, der niemandem etwas getan hat, wenn man die ganz und gar durch die Prohibition verursachte Kriminalität abzieht. Was sind das für überholte Ansichten aus Großvaters Zeiten. Wann wird dieses Land endlich mal von Leuten regiert denen die Fähigkeit dazuzulernen nicht im letzten Jahrtausend abgestorben ist? Man fühlt sich langsam wie in Sowjetrussland, die Greise und Frühvergreisten geben sich die Klinke in die Hand und die jungen haben das Nachsehen. Schluß mit dem Quatsch, raus mit dem Hanf aus dem Betäubungsmittelgesetz, er gehört da genau so wenig rein wie Muskatnuss, Rhabarber und Spinat.

  7. 14.

    Wie ich schon vorher kommentiert habe, bin auch ich dafür den Nutzhanf wieder anzubauen. Ein paar meiner Fußtreter besteht aus reinem Hanfstoff. Was den Gebrauch von THC haltigen Cannabis anbelangt, ist noch kein Toter zu verzeichnen gewesen.

  8. 13.

    So so.. schon vergessen, dass bei jedem Suchtmittel mehr es auch mehr Kranke und Tote durch diese gibt? Sie möchten also noch mehr Suchtkranke und Tote durch dieses dann zusätzlich auf dem Markt frei käufliche Suchtmittel?
    Na da bleiben wir doch erstmal bei diesem wirklich nützlichen Nutzhanf ohne Suchtpotenzial.

  9. 12.

    Habe noch nie im Leben bekifft ein rosa Einhorn gesehen:-) Aber es macht lustig und im Gegensatz zum Alkohol nicht aggressiv. Aber Vorsicht. Diese besonderen THC Züchtungen, die auf den Schwarzmarkt kursieren haben tatsächlich Halluzinogene Wirkung. Davon sollte man tunlichst die Finger lassen. Insbesondere Jugendliche.

  10. 11.

    Abwarten. Darauf erst mal ganz legal den Alkohol wie bisher weiter frönen. Dabei die vielen Leichen zählen. Ist doch alles im Lot tobert;-)

  11. 10.

    Na, ich glaube vom Nutzhanf bekommt man eher eine Rauchvergiftung, als das man rosa Einhörner sieht. ;-)

  12. 9.

    Der Nutzhanf hat einen wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Nutzen. Der Handel sollte was Nutzhanf angeht nicht beeinträchtigt werden. Die Politik ist gefragt!

  13. 8.

    Natürlich gibt es viele Hürden, denn etliche andere Produkte der Industrie wären dann hinfällig, also macht die Lobby mächtig Druck damit die Gewinne nicht einbrechen. Hätte man damals um 1930 diese Verbotskampagne nicht gestartet ginge es unserer Umwelt heutzutage deutlich besser.

  14. 7.

    Den Nutzhanf auf alle Fälle und die Hürden für dessen Anbau und Verarbeitung.
    Den „Rauschhanf“ nicht.

  15. 6.

    Auf geht's, gebt das endlich frei. Wenigstens das eine Prozent.
    Das Hauptproblem könnten "nur" dann auf den Feldern vagabundierende Kiffer aus Nah und Fern sein :).
    Neben den bereits aufgeführten nützlichen Dingen, die man aus der Pflanze herstellen kann (nebebei: Hanfseile gibt es immer noch zu kaufen und erfreuen sich durchaus einiger Beliebtheit :D), sollte auch der medizinische Wert nicht unerwähnt sein.

  16. 5.

    Kein Verständnis dafür, warum so ein tolles Vorhaben im Jahr 2021 nach wie vor so hürdenbelastet ist. Mittelalterliche Gesetzeslage, da kann man nur den Kopf schütteln. Habe überhaupt kein Verständnis für diese verbohrte pharmaorientierte Politik.

  17. 4.

    Hanf ist sicherlich eine super alternative Faserpflanze (sehr spannend z.Z. die Entwicklungen in Richtung Baudämmstoffe!) wenn man es schafft ALLE Faserteile in einen Verarbeitungsprozess zu bekommen. Allein die langen Faseranteile für die Bekleidungsindustrie sind relativ wenig und wesentlich aufwendiger herzustellen und zu verarbeiten. Im Gesamtprozess ist Hanf dann auch nicht mehr wirklich wasserschonend. Solange andere Faserpflanzen im Anbau und deren Verarbeitung nicht teurer werden wird in Richtung Hanf nicht viel passieren.

  18. 3.

    Eigentlich ist das, wie das Rad neu erfinden. Hanf ist eine alte Kulturpflanze, dabei ist sie so vielseitig wie kaum eine andere Nutzpflanze. Früher hatte man Kleidung aus Hanf, Seile wurden hergestellt, Hanf war Nahrung etc. und das alles nicht irgendwo, sondern hier in Europa. Kann man sich alles im Hanfmuseum anschauen. Ich bin gegen die Legalisierung von Drogen, aber für den Anbau dieser Nutzpflanze. Es handelt sich ja um genehmigte und kontrollierte Anbauflächen. Man sollte es den Landwirten hier nicht so schwer machen. Schließlich stoßen Hanf Produkte auch auf kaufwillige Konsumenten. Gefühlt gibt es einen Boom legaler Hanfprodukte von Kaugummi über Badezusätze bis zu Turnschuhen, Tee und glutenfreiem Mehl.

  19. 2.

    Dieser Bio Bauer hat die Nase vorn. Nur muß die Industrie auch mitmachen. Was läßt sich alles aus Nutzhanf herstellen. Von Bekleidung bis zu Schuhen. Es könnten in dieser Region neue Arbeitsplätze entstehen, wonach ja ständig hier gejammert wird. Und ganz nebenbei, ist erst die Legalisierung von Cannabis endlich mal durch, ist der Boom nicht mehr aufzuhalten. Darauf warten doch nur die Konzerne. Siehe USA. Da ist ein riesiger Markt, den es sich zu holen lohnt. Und das Land Brandenburg könnte damit an vorderster Front liegen. Wenn sie es denn wollen. Von den riesigen finanziellen Einnahmen ganz zu schweigen.

  20. 1.

    Gebt das Hanf frei!

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