Unternehmen werben mit grünem Daumen - Worauf es bei Baumpflanz-Aktionen wirklich ankommt

Kranke Fichten und junge neue Bäume im Zuge einer Wiederaufforstung. Quelle: dpa/Goldmann
Video: Super.Markt | 23.08.2021 | Bild: dpa/Goldmann

Einige Firmen werben damit, beim Kauf ihrer Produkte einen Baum zu pflanzen. Doch wird aus solchen Aktionen später wirklich ein Wald, der entsprechend viel CO2 aufnimmt? Experten sagen, dass es nicht nur auf die Anzahl der Bäume ankommt.

Schokoladenhersteller werben mit dem Aufforsten, genau wie die Deutsche Bahn, Kondomhersteller, Kreditkartenanbieter, Baumärkte oder eine Online-Suchmaschine. Viele geben sich grün und sorgen sich angeblich um den Nachwuchs im Wald. Das vollmundige Werbeversprechen: Aus Baumsetzlingen sollen Wälder wachsen, die dann CO2 absorbieren. Fraglich ist, ob die Unternehmen dieses Versprechen auch wirklich einhalten können.

Die Baumarkt-Kette Bauhaus wirbt aktuell etwa damit, gemeinsam mit den Kunden eine Million Bäume pflanzen zu wollen. "Weil es wichtig ist", so der Werbespot. Die Baumarkt-Kette wird mindestes eine Million Bäume finanzieren und gibt zudem auch Kunden die Möglichkeit, hier mit einer Spende von 3,85 Euro pro Setzling den Wald aufzustocken.

Erst im Alter nehmen Bäume wirklich CO2 auf

Auf einer rund zwei Hektar großen Waldfläche bei Dessau hat Bauhaus in den vergangenen Monaten 20.000 klimastabile Bäumchen gesetzt. Das sind zum großen Teil Traubeneichen, dazu kommen 2.000 Winterlinden, 2.000 Hainbuchen und einige andere Baumarten. Zusammen mit regionalen Forstämtern hat die Firma bisher in ganz Deutschland etwa 400.000 Setzlinge gepflanzt.

Der Forstamtsleiter Philip Nahrstedt dämpft die Erwartungen an das Projekt gegenüber dem rbb-Verbrauchermagazin SUPER.MARKT allerdings ein wenig: Erst im Alter nähmen die Bäume wirklich CO2 auf: "Bei einem ein Meter dicken Baum ist viel mehr Holzmasse, dann wird auch mehr CO2 gespeichert." Die jetzt bestehende Baumpflanzung kann seiner Meinung nach circa vier Tonnen CO2 pro Jahr speichern. Diese Zahl kann bei älteren und größeren Bäumen dann in der gesamten Fläche auf bis zu 20 Tonnen CO2-Speicherung pro Jahr ansteigen, so der Förster. 20 Tonnen CO2 also, auf einer Fläche so groß wie zwei Fußballfelder - so richtig viel ist das nicht, wenn im Schnitt jeder Deutsche rund acht Tonnen CO2 im Jahr in die Atmosphäre bläst.

Acht Tonnen CO2 pro Person - jedes Jahr

Auch die Vorstellung, dass jeder gekaufte Setzling wirklich bald ein großer Baum wird, ist unrealistisch. Viele der Setzlinge überleben nicht, was natürlich sei, erklärt Christoph Reyer, Waldexperte vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: "Es ist eigentlich irrelevant, wie viele Bäume am Anfang gepflanzt wurde. Da kann man natürlich reininterpretieren, dass eine höhere Anzahl immer besser aussieht für ein Unternehmen. Aber die Anfangszahl ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass aus den gepflanzten Bäumen auch ein gut entwickelter Wald wird. Mit großen kräftigen Bäumen. Denn nur die Bäume, die groß werden, die dick werden, speichern Kohlenstoffe."

Klimaforscher kritisiert Pflanzaktionen

Entscheidend ist also, wie der Wald sich in den kommenden Jahren entwickelt. Bauhaus übernimmt zwar gemeinsam mit den Förstern vor Ort die Waldpflege. Werbewirksam hängen bleiben trotzdem eine Million gepflanzte Bäume. Für Thorsten Kosmol, Geschäftsführer Bauhaus Berlin, ist das kein Widerspruch: "Wir sind ein Handelsunternehmen. Wir sind auf die Werbung und die Medien angewiesen, das ist ja ganz klar. Marketing nach außen wird so kommuniziert."

Klimaforscher Reyer kritisiert die Pflanzaktionen dennoch. Für ihn steht fest: "Solange man nicht nachweisen kann, dass ein Baum wirklich gut wächst und dass er an einem Ort gepflanzt wird, wo er zum Wald werden kann, ist mit einem Baum wirklich wenig getan." Seiner Meinung nach besteht hier das Risiko, "dass in einer werbegetriebenen Maßgesellschaft die Werbung übertreibt und dass der Effekt schöngeredet wird und die Leute sich entlastet fühlen."

Immerhin: Der von Bauhaus gepflanzte Wald wird mit hoher Sicherheit Jahrzehnte stehen bleiben. Das regelt in Deutschland das Bundeswaldgesetz.

Ausgeglichener Wald hilft auch bei Starkregen

In Adamswalde bei Rheinsberg hat die Deutsche Bahn 2017 gemeinsam mit dem Verein Bergwaldprojekt über 10.000 Buchen neben schon vorhandene Kiefern gepflanzt. Mittlerweile haben die Buchen eine stattliche Höhe erreicht. Darüber freut sich die verantwortliche Revierförsterin Anette Meckel: "Unser gesetztes Ziel ist, unsere großflächigen Kiefernwälder ökologischer, nachhaltiger zu gestalten und Laubholz einzubringen."

Ein ausgeglichener Wald ist auch wichtig bei Starkregen. Denn ein intakter Boden wirkt wie ein Schwamm, in dem das Wasser besser gespeichert werden kann. Flutkatastrophen wie die in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hätten milder ausfallen können, sagen Experten.

Bäume für Bahn-Bonuspunkte

Die Deutsche Bahn hat mehrere hunderttausend Euro in die Setzlinge gesteckt. Finanziert werden sie durch Spenden von Kunden und durch Einnahmen im Bordbistro. So pflegt das Unternehmen sein grünes Image noch mehr. "Wir packen an, weil wir denken: Der Klimaschutz muss hier bei uns vor der eigenen Haustür passieren - und damit tragen wir eben unseren Teil bei", erklärt Anja Bröker von der Deutschen Bahn.

Auch Christopher Reyer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat schon seine Bahnbonus-Punkte in Bäume umgewandelt. Er rät, bei Pflanz-Aktionen genau zu prüfen, wer dahinter steckt. "Wenn eine vertrauenswürdige Organisation dahintersteckt, die ein gewisses Renommee hat, das sie verlieren könnte, ist das ein wichtiges Kriterium." Das gelte jedoch nur, wenn man auch klar verorten könne, wo das Projekt stattfindet. Dann kann man sich ganz sicher, sein, dass die viel Aufwand betrieben haben, um ein seriöses Produkt abzugeben." Aber wenn eine Firma ausschließlich damit wirbt, irgendwo Bäume zu pflanzen? "Dann sollten Sie skeptisch sein", so Reyers Fazit.

Sendung: rbb Super.Markt, 23.08.2021, 20:15 Uhr

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