Forderung nach Entlastung - Streik der Pflegekräfte bei Charité und Vivantes beginnt

Protest vor dem Vivantes-Klinikum Spandau (Archiv)
Audio: Inforadio | 23.08.2021 | Interview mit Meike Jäger | Bild: Geisler-Fotopress | Sebastian Gabsch

Mit dem Beginn der Frühschicht bei Vivantes und Charité ist auch der Streik der Pflegekräfte am Montagmorgen gestartet. Es geht um mehr Geld, vor allem aber auch um Entlastung. Am Mittag soll es weitere Verhandlungen geben.

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In Berlin streiken seit dem Morgen Pflegekräfte und andere Beschäftigte an der Charité und den Vivantes-Kliniken. Die Gewerkschaft Verdi teilte mit, mit Beginn der Frühschicht habe der Streik begonnen. "An allen Standorten stehen jeweils 30 bis über 100 Beschäftigte vor der Tür", sagte Meike Jäger, Verhandlungsführerin von Verdi. Viele hätten aber zur Arbeit gehen müssen, weil die Stationen weiter voll seien. "Die Kliniken nehmen Patienten als Geisel, um den Druck zu erhöhen", so Jäger.

Verdi fordert einen Tarifvertrag mit besseren Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. Außerdem sollen die Beschäftigten der Vivantes-Tochterfirmen gleiche Bezahlung erhalten. Die landeseigenen Klinikkonzerne bezeichnen die Kosten für die Tarifangleichung als zu hoch. Für die Entlastung in der Pflege fehle das Personal auf dem Arbeitsmarkt.

Am Montag wird weiter verhandelt

Laut der Gewerkschaft sind für den Vormittag und Mittag neue Gespräche mit den Arbeitgebern geplant. Jäger sagte am Montagmorgen im rbb-Inforadio, dass die Gewerkschaft weiter verhandlungsbereit sei. "Wir sind ja realistisch und wissen, dass man nicht gleich von null auf hundert gehen kann." So könne zum Beispiel bei der Umsetzung des Entlastungstarifvertrages über einen Stufenplan verhandelt werden, so Jäger. Das gebe den Kliniken Zeit, das nötige Personal einzustellen. Zudem seien viele Pflegekräfte wegen der Belastung nur in Teilzeit. Bei besseren Arbeitsbedingungen würden viele von ihnen ihre Stundenzahl wieder erhöhen, sagte Jäger dem rbb.

Ausgenommen vom Streik sind bisher die Vivantes-Tochterfirmen, die zum Beispiel für Essen und Wäsche zuständig sind. Das Arbeitsgericht hatte am Freitag einen Streikaufruf an die Beschäftigten dieser Firmen verboten. Erst müsse es eine Notdienstvereinbarung geben, so das Gericht. "Wir haben natürlich ein Interesse, diese Notdienstvereinbarung so abzuschließen, dass das Streikrecht der Beschäftigten auch gewahrt bleibt", so Jäger.

Charité richtet Hotline ein

Charité und Vivantes teilten am Montag wortgleich mit: "Wir sind bemüht, mögliche Einschränkungen für Patientinnen und Patienten zu vermeiden. Im konkreten Fall werden Betroffene so frühzeitig wie möglich von uns informiert." Die Charité erklärte, die Notfallversorgung sei sichergestellt, es sei aber mit längeren Wartezeiten zu rechnen. Erkrankte sollten in weniger dringlichen Fällen die Notaufnahmen anderer Krankenhäuser aufsuchen. Bis Mittwoch ist eine Hotline eingerichtet, an die sich Patientinnen und Patienten zur Klärung von Versorgungsfragen wenden können: 030 450 550 500.

Sendung: Inforadio, 23.08.2021, 7:45 Uhr

10 Kommentare

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  1. 10.

    In diesem Kommentar wird außer acht gelassen, dass die Gewerkschaft ver.di als alleinige Verhandlungspartner für die Arbeitnehmerseite legitimiert ist. Tarifverhandlungen werden nach vorgegebenen Regularien abgehalten, dies ist gesetzlich vorgeschrieben, und nicht von den Gewerkschaften ausgedacht.
    Erst informieren, dann schreiben.

  2. 9.

    Sehr geehrtes rbb24 Team:
    leider haben sie hier noch kein Update durchgeführt. Auf ihrer App kam die Eilmeldung daß das Arbeitsgericht den Streik untersagt hat. Nachricht kam um 12.34 Uhr.
    Mit freundl. Grüßen

  3. 8.

    Ja, es war seinerzeit wie eine Modeströmung: Die einen, die das ganz bewusst betrieben - namentlich bspw. die FDP und deren Umfeld - andere, die das einfach mitmachten und wiederum andere, die das achselzuckend taten. Dass industrielle Fließbandarbeit gegenüber toten Dingen unschädlich sind, gegenüber den praktizierenden Menschen eine Unzumutbarkeit darstellt, dürfte mittlerweile Allgemeingut sein. Die systematischen Vorgaben in der Pflege sind allerdings die Wegbereitung für die Fließbandarbeit im Menschlichen. Dies gegenüber dem Personal UND den Patienten.

    Es gehört sehr viel Verdrängung oder aber eine Anschauungslosigkeit dazu, aus solcherlei Kenntnis heraus keinerlei Umsetzung dessen zu praktizieren.

  4. 7.

    1. Ist das eine nicht belegbare Behauptung, die Sie dort aufstellen, wo Sie meinen, die Gewerkschaften taugen nichts und hätten bereits alles ausgekungelt.
    Die Gewerkschaften sind der verlängerte Arm der Beschäftigten zum Arbeitgeber, wenn es zu Auseonandersetzungen im Arbeitsrecht, Sozialrecht und Auseinandersetzungen zu Lohn und Arbeitszeiten kommt.
    2. Einen Warnstreik, wie dieser jetzt, muss nicht 4 Wochen vorher angekündigt werden. Dazu sollten Sie mal ein Blick ins Betrirbsverfassungsgesetz schauen.
    Einfach mal informieren.

  5. 6.

    Das kann aber für die Zukunft keine Lösung sein dorthin zu gehen, wo es bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlungen gibt. Dann kommt auch noch die Sozialkomponente hinzu, dass man beim Wechsel eines anderen Arbeitsplatzes Kollegen hinter sich lässt, mit denen sich gut verstanden wurde und fängt am neuen Arbeitsplatz an wieder von vorne an für sich alles aufzubauen. Und dass alles für das, wofür jetzt gestreikt wird.

  6. 5.

    Ja, es stimmt mehr übel als wohl: Jz. lang wurde das Gesundheitswesen als Sparschwein entdeckt, nahezu jeder Handgriff musste sich minutiös rechnen, alles ist auf die Minute genau beziffert, allerdings auch, weil einige "schwarze Schafe" Schmuh gemacht haben und die Illusion der Kontrolle herrscht, diesen "schwarzen Schafen" damit das Handwerk zu legen.

    Die Maschen des Netzes bleiben eng gezogen, die Dokumentationspflicht erscheint für Fachkräfte ins Unermessliche zu wachsen und es hat dasjenige dokumentiert zu werden, was garnicht dokumentierfähig ist: War der Becher der Bewohnerin vor zehn Minuten noch randvoll gewesen und jetzt ist er dreiviertel leer: Hat sie das getrunken oder hat ihre demente Tischnachbarin das zwischenzeitlich ausgetrunken, wo nirgendwo eine 1 : 1 Betreuung möglich sein kann?

  7. 4.

    Das Land Berlin hat vor 20 Jahren mit der Privatisierung der Berliner Krankenhäuser alle Voraussetzungen dafür geschaffen, dass es zu dem jetzigen Zustand gekommen ist: untragbare Arbeitsbedingungen mit maximaler Ausbeutung des Personals. Patienten sind inzwischen nur noch Ware, die Umsatz bringt.
    Hoffentlich erinnert sich jemand daran, welche Parteien damals das Sagen hatten in Berlin und berücksichtigt das auf dem Wahlzettel.
    Als medizinisches Personal in Krankenhäusern hat man inzwischen einen Job, der in höchstem Maße gesundheitsschädigend ist. Von den Auswirkungen auf die Familien ganz zu schweigen...

    Ich wünsche viel Erfolg im Arbeitskampf.
    Systemrelevanz muss nicht nur angemessen bezahlt werden, sondern auch gute Arbeitsbedingungen zurück erhalten.
    Arbeit mit Patienten ist kein Fließband in der Industrie.
    Über 30 Patienten auf eine Pflegekraft ist keine Seltenheit in Spät- und Nachtdienst, das ist unverantwortlich.

  8. 3.

    So fängt es doch schon wieder an! Die Stationen werden voll gepackt und die Verantwortung auf die Pflegekräfte geschoben. Die Gewerkschaft taugt nichts, das sieht man doch überall wo die sich angeblich für Arbeitnehmerrechte einsetzen. Die verarschen die Pflegekräfte, und haben schon längst vor dem Streik mit denen zusammen gehockt. Der Streik muss wenigstens 4 Wochen vorher angekündigt werden, der Arbeitgeber darauf aufmerksam gemacht dass er die Verantwortung für Patienten allein trägt, sollte er vorsätzlich die Stationen zu dem Zeitpunkt vollpacken. Einfach mal informieren wie die Rechtslage dazu aussieht, und nicht dieser komischen Gewerkschaft vertrauen!

  9. 2.

    Woran liegt es wohl wenn soviel Pflegepersonal bei Zeitarbeitsfirmen arbeiten. Genau weil der Lohn und die Arbeitsbedingungen bei Vivantes und Co so schlecht ist. Deshalb arbeitet man lieber als Leasingkraft, da geht man da hin wo es am erträglichsten ist und wenn man keine Lust mehr hat geht man woanders hin und der Lohn ist sogar auch besser.

  10. 1.

    Es gibt genügend examinierte Pflegekräfte auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings haben diese oft die Branche/den Arbeitgeber gewechselt, was bei den aktuellen Arbeitsbedingungen wohl für jd. verständlich sein sollte. Mehr Entlohnung wird also nicht allein das Ziel sein, sondern bessere Arbeitsbedingungen, geregelte Arbeitszeiten, eine Entlastung durch zusätzliches Personal und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das muss in absehbarer Zeit vom Land Berlin gewährleistet werden. Zuviel Zeit ist ungenutzt verstrichen.

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