Neue Studie - Warum Lastenräder keine Spinnerei reicher Großstädter sind

Ein Mann faehrt mit einem beladenen Lastenrad.
Bild: Janine Schmitz/photothek

Elitäre Wohlstandskutschen, Statusobjekte von Hipster-Eltern, nutzlos für Unternehmer: Vor allem mit dem letzten Vorurteil räumt nun eine neue Studie auf. Demnach können Cargobikes Firmen-Fuhrparks umkrempeln. Von Sebastian Schöbel

Dass Lastenräder gerade in aller Munde sind - "trenden", wie es im Zeitalter der Twitterblasen heißt - müsste Johannes Gruber eigentlich gefallen. Er arbeitet am Institut für Verkehrsforschung und hat seit 2017 im europaweit größten Praxistest untersucht, ob die Cargobikes von Betrieben sinnvoll genutzt werden können.

750 Unternehmen und Einrichtungen nahmen an dem Test teil, rund 300.000 Kilometer wurden gefahren und per GPS-Tracking ausgewertet. Über 150 Lastenräder verschiedenster Bauart waren im Einsatz: vom kleinen Lieferfahrrad mit Kiste auf dem Gepäckträger über das langgezogene Cargobike bis zum wuchtigen Schwerlast-Dreirad. Der Abschlussbericht soll in den kommenden Wochen vorgestellt werden, rbb|24 liegt er bereits vor.

Das Lastenrad wird gerade hochgradig politisiert

Johannes Gruber - Verkehrsforscher

Ein Symbol der Verkehrswende

Gerade rechtzeitig also zur Debatte über den Vorstoß der Grünen: Die wollen eine Million Lastenräder für den Privatgebrauch mit jeweils 1.000 Euro Zuschuss fördern. Doch die Reaktionen waren heftig: Das sei "abstrus und weltfremd", so die CDU, die FDP sprach von "Klientelpolitik", in einigen Medien wurden die Lastenräder als abgehobener Lifestyle Kreuzberger Wohlstandsbürger abgetan.

"Das Lastenrad wird gerade hochgradig politisiert", sagt Gruber. "Vielleicht, weil es ein sehr sichtbares Element der Verkehrswende ist." Gruber selbst bemüht sich darum, die Sache nüchtern zu sehen. Das Ergebnis seiner Untersuchungen ist allerdings deutlich: "Wir konnten mithilfe unseres Tracking-Systems Moving Lab sehen, dass zwei von drei Fahrten der Lastenrad-Tester und zwei von drei der gefahrenen Kilometer tatsächlich Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ersetzt haben."

Auf der kurzen Strecke eine Auto-Alternative

Völlig überraschend kommt das nicht: Schon 2016 stellte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in einer Studie fest, dass acht bis 23 Prozent der gewerblichen Fahrten mit dem elektrifizierten Lastenrad statt mit herkömmlichen Pkw zurückgelegt werden können. Auch bei der EU-Kommission ist der Nutzen von Lastenräder bei der Mobilitätswende spätestens seit einer großangelegten Studie 2015 bekannt.

Der jahrelange Praxistest von Grubers Team sollte nun klären, wie praktikabel das in der Realität ist. Teilgenommen haben sowohl kleine Handwerksbetriebe und Baufirmen als auch kommunale Verwaltungen, Pflegedienste, Agenturen und Betriebe anderer Wirtschaftszweige - und zwar sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Bereich. "Das Lastenfahrrad hat bis drei Kilometer kaum Fahrzeitnachteile", sagt Gruber. "Wenn jemand viele solcher Einzelfahrten zusammenhängt, dann kommen da schnell Tagesfahrleistungen von 30 bis 40 Kilometer heraus."

Lastenrad: Förderprogramme in Berlin

    • Lastenradförderprogramm

    • LastenradPLUS

Dass die Cargobikes automatisch gewerbliche Fuhrparks erobern, glaubt Gruber allerdings nicht. Bislang würden Betriebe die Räder eher zusätzlich zu Autos und Transportern anschaffen. "Aber je mehr Betriebe ganz selbstverständlich auch in der Fahrzeugwahl überlegen, ob sie einen Sprinter oder einen Pkw oder ein größeres Lastenrad anschaffen, desto häufiger werden dann eben solche Entscheidungen auch gegen ein konventionelles Fahrzeug ausfallen", sagt der Verkehrsforscher.

Abhängig sei das aber weniger von technischen Verbesserungen an den Lastenrädern. "Wir haben in unseren Ergebnissen feststellen können, dass die Nutzer signifikant eher bereit sind, ein Lastenrad statt dem Auto zu nutzen, wenn eine hochwertige Fahrradinfrastruktur vorhanden ist." Vor allem fehlende Radwege und Abstellmöglichkeiten seien für potentielle Lastenradkäufer ein Problem, so Gruber.

"Die Autolobby kriegt auch eine Menge Förderung"

Und natürlich der Preis: Bei mehreren tausend Euro Anschaffungskosten sei eine Förderung absolut sinnvoll, so Gruber. "Aber sie kann auf keinen Fall dauerhaft bestehen bleiben, da müsste sich einfach der Markt von selber weiterentwickeln."

Genau diese Förderung gibt es in Deutschland schon seit Jahren. So hat Berlin in der Vergangenheit bereits die Anschaffung von Lastenrädern für den gewerblichen und privaten Gebrauch bezuschusst. Auch andere Kommunen haben eigene Förderprogramme aufgesetzt, unter anderem Baden-Württemberg, Thüringen und Bremen. Der Bund fördert nun seit März 2021 die Anschaffung von gewerblich genutzten E-Lastenrädern.

"Förderfähig sind 25 Prozent der Ausgaben für die Anschaffung, maximal jedoch 2.500 Euro pro E-Lastenfahrrad bzw. Lastenfahrradanhänger mit E-Antrieb", heißt es dazu vom zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Bislang seien 1.755 Anträge dafür eingegangen, rund 1.600 wurden bewilligt. "Die Bewilligungssumme beläuft sich auf rund 2,37 Millionen Euro", teilt die Behörde auf Nachfrage von rbb|24 mit. "Im Durchschnitt beträgt die Fördersumme 1.471,25 Euro pro E-Lastenfahrrad / E-Lastenanhänger."

Die Autolobby kriegt auch eine Menge Förderung

Johannes Gruber - Verkehrsforscher

"Die Autolobby kriegt auch eine Menge Förderung", sagt Michael Schönstedt. Er ist so etwas wie ein Berliner Lastenrad-Pionier, in seinem Laden Pedalpower werden seit 30 Jahren Cargobikes zusammengebaut. "Als wir angefangen haben, wollte keiner Lastenräder haben", sagt Schönstedt. Erst als der Trend aus Dänemark nach Deutschland überschwappte, sei die Nachfrage gestiegen. Heute hat sein 18-köpfiges Team Aufträge, bei denen schon mal mehrere hundert Räder auf einmal bestellt werden, unter anderem für Baumärkte.

Dass nur Lifestyle-Radler aus hippen Kiezen zugreifen, weist Schönstedt zurück. Natürlich seien da Leute dabei, "die ihre SUVs verkaufen wollen". Aber eben auch Handwerker und Bauarbeiter. "Wir haben einen Elektriker hier, der fährt mit seinem Lastenrad von Lichtenberg bis an den Stadtrand."

Lastenräder im Mobilitätsgesetz

Große Hoffnung haben Lastenrad-Fans wie Michael Schönstedt in das neue Berliner Mobilitätsgesetz gesteckt. Im vorletzten Teil, der eigentlich noch vor der Wahl im September beschlossen werden sollte, spielten die Cargobikes eine Rolle für den geplanten Wandel beim Wirtschaftsverkehr: Als Transportmittel der Wahl für "die letzte Meile", für das bei künftigen Bauvorhaben Platz geschaffen werden sollte.

Doch dieser Teil des Gesetzes scheiterte nun in den Verhandlungen der rot-rot-grünen Koalition. Nicht wegen der Lastenräder, sondern im Streit über die Frage, wieviel Zukunft man dem Auto noch geben will in Berlin.

106 Kommentare

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  1. 106.

    Ja, zumal Baumärkte teilweise Lastenräder auf Vertrauensbasis für den Nachhause-Transport anbiten (Bauhaus Kurt-Schumacher-Platz)

  2. 105.

    Mit der Bahn nach Südfrankreich? Fahrradschnellweg nach Usedom ohne Kreuzungen mit Wellness und Hotels am Wegrand?

  3. 104.

    Was für eine Überschrift wow, "Spinnereien reicher Großstädter" Das hat wohl eher mit den reichen Grünen zu tun.

  4. 103.

    Und wenn man dann mal zu Ikea oder in den Urlaub fahren will, muss doch wieder das Auto her. Aber das könnte unter den Grünen ja schwierig werden, wenn man die Autos aus der Stadt verbannen will. Sieht man ja schon in Hamburg, wo eine Apotheke nicht mehr direkt beliefert werden kann. Aber vielleicht nutzen die ja mittlerweile auch ein Lastenrad.

  5. 102.

    "..,dass die Nutzer signifikant eher bereit sind, ein Lastenrad statt dem Auto zu nutzen, wenn eine hochwertige Fahrradinfrastruktur vorhanden ist."
    Ein entscheidender Satz. Für die eine Milliarde Euro sollten erstmal die vorhandenen Radwege instand gesetzt und gleichzeitig neue geplant werden. Wenn ich da an manche Pisten denke.. Es gibt manche Strecken,die ich nur aufgrund des schlechten Radweges nicht fahre.

    Da klingt ähnlich wie bei der Elektromobilität,erstmal um die Autos kümmern wollen und dann erst feststellen,dass es keine Ladesäulen gibt.
    Die Politik ist einfach unfähig.

  6. 101.

    Auf die folgenden Punkte gingen sie leider nicht ein:
    - Kommt ein großangelegte Förderung dann werden die Preise erhöht und der Gewinn landet bei den Händlern.
    - Das Geld ist für den Klimaschutz dann verloren wegen des Grünen Populismus.
    - Die Auto-Industrie schafft Jobs und Steuereinnahmen. Die Fahrrad-Lobby schafft keine solche Jobs und Steuereinnahmen.
    - Die Fahrrad-Lobby hat dafür gesorgt dass Fahrräder im ÖPNV sozialistische Preise zahlen und wir Fußgänger die dummen sind.
    Wie üblich die dubiosen Folgekosten. Im übrigen geht es um mehr als die Kfz-Steuer und Mineralölsteuer. Wenn die dubiosen Folgekosten wirklich real sind, dann würden wir ja Geld sparen. Dann erklären Sie mir als erstes bitte wie sie die Steuereinnahmen und Jobverluste ausgleichen wollen.

  7. 100.

    Lesen Sie zu Ende und dann beantwortet sich Ihre Frage von selbst.

  8. 99.

    Wenn die Dinger immer größer und leistungsstärker werden"
    Da hat jetzt aber jemand die Lastenräder als die SUV´s unter den Zweirädern entlarvt.
    Oder haben die Dinger jetzt schon Hilfsmotoren mit 1000 ccm?
    Könnte natürlich sein, das Harley Davidson seine Produktion umstellt.
    Dann ist aber künftig ganz schön was los an den dann ehemaligen Biker-Treffs.
    Dann treffen sich batiktuchgeschmückte Muttis mit ihren aufgemotzten Harley-Lastenrädern mit den schmerbäuchigen Resten der alten Easy-Rider-Kultur.
    Und können wir das wirjklich wollen????????????????????????

  9. 98.

    Die Förderungen kommen immer den Herstellern entgegen. Das ist Grundsatz. Und damit steuert die Politik eben.

  10. 97.

    Wenn die Dinger immer größer und leistungsstärker werden, sollte wohl mal über eine Zulassung zum Straßenverkehr und eine Führerscheinpficht nachgedacht werden. Sowohl Fahrzeuggrösse als auch -Gewicht in Kombi mit dem EAntrieb sollten dabei berücksichtigt werden. Und der technische Zustand erfordert wohl dann auch einen TÜV.

  11. 96.

    Die gewerblche Nutzung eines Lastenfahrrads ist eine sinnvolle Angelegenheit in einem Nischensektor. Der "emissionsarme Betrieb" liegt auf der Hand. Allerdings muss nicht unbedingt der Steuerzahler subventionieren. In einer Marktwirtschaft hält sich nur das, was dauerhaft Nutzen verspricht. Da sollte der Staat nicht den Kontrolletti spielen. Im privaten Bereich ist die Nutzung sehr begrenzt. Man müßte Lastenfahrrad-Parkplätze auf öffentlichem Straßengelände einrichten. Wegen Vandalismus / Diebstahl würde ich so ein teures Gefährt nicht auf der Straße stehen lassen wollen. Und zusätzlich ist der Flächenbedarf fast so hoch wie der eines Kleintransporters bei weit geringerer Nutzlast.
    Für die private Nutzung kämen hier wohlhabende Kreise im Öffentliche Dienst mit Einfamiliengrundstück mit ebenerdigem Zugang infrage. Offensichtlch sehen die Grünen mit ihren Zuschussplänen hier ihre Zielgruppe. Bewohner von Mehrfamilienhäusern wohl eher nicht.

  12. 95.

    An die Abwrackprämie können Sie sich noch erinnern? Das die Kosten für Straßen, Autobahnen und die Folgekosten des motorisierten Verkehrs nicht von Kfz Steuer und Mineralölsteuer getragen werden ist seit Jahren bekannt.

  13. 94.

    Lastenräder ist eine ebensolche Spinnerei wie die E-Roller. Es wird nich lange dauern und sie stehen überall im Wege und es werden Unterstellmöglichkeiten für diese Karren gefordert.

  14. 93.

    Warum den auf einmal nicht? Einfach auf Anfang gehen falls noch was unklar ist.

  15. 92.

    Staatliche Förderung erhöht die Preise des geförderten Objektes meist um ziemlich genau fast die Fördersumme, was den Geförderten somit nicht viel bringt, den nicht Förderfähigen sowie den Steuerzahler aber erhebliche finanzielle Nachteile. Einen nennenswerten Vorteil hat ausschließlich der Anbieter des geförderten Objektes.

  16. 90.

    Liebe Marlies, sofern Ihr Smart nicht verlängert wurde, passt in diesen keinesfalls mehr als in ein Lastenrad. Ich selbst bin sowohl Smart als auch Lastenrad schon häufig gefahren; den größeren Nutzwert hat definitiv das Lastenrad. Nicht nur, dass Sie hier locker zwei bis vier Kinder transportieren können, nein, es passen auch sehr sperrige Gegenstände, Kartons, Geteönkekisten und andere Dinge (sogar kombiniert) hinein. Von Schwerlastenrädern mit Ladeflächen in Euro-Peletten-Dimension mal ganz abgesehen….

  17. 88.

    Ihre Anmerkungen und Fragen (zuwenig Platz, nur für Reiche) treffen ja wohl eher auf Autos zu als auf Lastenräder!

  18. 87.

    Superidee für vernünftige Menschen, überschaubare Entfernungen. Lastenräder können gut auf breiten Radwegen fahren, die wir in Berlin leider nicht haben, aber bitte nicht auf den Fußwegen. Selten müssen große Gegenstände transportiert werden, sondern nur die Handtaschen, Aktentaschen oder mal eine Wasserkiste.

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