ÖBB kündigt Lieferverträge - Alstom-Bahnwerk in Hennigsdorf verliert Großauftrag

Fr 20.08.21 | 18:21 Uhr
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Das Hauptgebäude des Bombardier-Werkes in Henningsdorf Brandenburg
Audio: Antenne Brandenburg | 20.08.2021 | Matthias Gindorf | Bild: imago images

Alarmstimmung im Alstom-Standort in Hennigsdorf: Dem Unternehmen ist ein wichtiger Auftrag weggebrochen. Die Österreichische Bundesbahn zieht Dutzende Zug-Bestellungen zurück. Der Bürgermeister der Gemeinde reagiert besorgt.

Dem Alstom-Standort in Hennigsdorf (Oberhavel) ist ein Großauftrag abhandengekommen. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) hat am Freitag dem rbb bestätigt, dass die Lieferverträge über 41 Züge gekündigt worden sind. Diese seien für Tirol und Vorarlberg bestimmt gewesen, so die ÖBB. Grund für die Kündigung sei, dass die Züge keine Zulassung bekommen hätten. Diese Aufgabe sei vom Hersteller nicht erfüllt worden, so die ÖBB.

Insgesamt sei mit Alstom/Bombardier eine Rahmenvereinbarung über 300 Züge abgeschlossen worden. Die Kündigungen beziehen sich laut ÖBB-Sprecher auf die Auslieferungen von 41 dieser Züge. Was aus den übrigen bestellten Zügen wird, ließ er offen.

Alstom-Sprecher: "Es gibt keinerlei Veränderungspläne"

Bei den gekündigten Bestellungen handelt es sich laut dem Online-Medium "Business Insider" um Nahverkehrszüge des Typs Talent 3. "Business-Insider" hatte zunächst über die Vorgänge berichtet. Seit 2019 warte die ÖBB auf die Auslieferungen der Nahverkehrszüge, heißt es dort. Den Österreichern sei "am Dienstag der Kragen geplatzt", sie hätten den Vertrag mit Alstom gekündigt und den Auftrag neu vergeben - an Siemens Mobility. Dies wollte ein ÖBB-Sprecher auf rbb-Nachfrage aber nicht bestätigen.

Für den Standort Hennigsdorf und seine 2.000 Beschäftigten sei das eine Katastrophe, schreibt "Business-Insider" weiter. Bombardier soll Verluste in dreistelliger Millionenhöhe machen, auch der Standort Hennigsdorf stecke in den roten Zahlen. Der wegfallende ÖBB-Auftrag reiße nun "ein noch viel größeres Loch in die Einnahmen". Mitarbeiter hätten die Befürchtung, dass Alstom den Standort ganz schließen könnte.

Im Gespräch mit dem rbb trat ein Alstom-Sprecher diesen Befürchtungen entgegen. Unternehmenssprecher Stefan Brause sagte Antenne Brandenburg vom rbb, es gebe keinerlei Veränderungspläne. Der Standort stehe nicht in Frage und es gebe keine Schließungspläne.

Bürgermeister spricht von "Nackenschlag"

Der Betriebsrat des Werkes in Hennigsdorf reagierte auf rbb-Nachfrage überrascht. Man wisse von nichts, hieß es aus dem Gremium. Der Bürgermeister von Hennigsdorf, Thomas Günther (SPD), sprach auf rbb-Nachfrage von einem "Nackenschlag", sollte der Bericht zutreffen. "Das kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn Anfang des Jahres hatten wir große Hoffnung durch die Übernahme des Werks durch Alstom. Wir kämpfen gemeinsam darum, neben dem Engineering auch die Produktion zu halten. Genau solche Aufträge sind extrem wichtig für die Standortsicherung", so Günther.

Anfang 2021 hatten das französische Unternehmen Alstom und der kanadische Hersteller Bombardier fusioniert, Alstom übernahm das Bahnwerk in Hennigsdorf. Die EU-Kommission hatte allerdings zur Bedingung gemacht, dass Teile der Produktion in Hennigsdorf verkauft werden müssen. Die Verhandlungen mit dem tschechischen Interessenten Skoda-Transportation gestalteten sich bislang schwierig und drohen nun zu platzen.

Sendung: Antenne Brandenburg, 20. August 2021, 14 Uhr

15 Kommentare

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  1. 15.

    Danke für die ausführliche Information. Öbb hat offensichtlich kluge Leute. Die Macken müssen schon beachtlich sein; warum verlässt so etwas das Herstellerwerk ? So muss man nur weiter machen. Beschämend. Frage mich natürlich nach den Gründen. Wir haben hier nun insgesamt 3 Straßenbahnen der Artic.Trans Serie aus Helsinki .Nr. 53 war die letzte der Serie. Habe keine weiteren Wünsche; 3 tolle Bahnen.

  2. 14.

    Ich habe keineswegs die faktisch rückwirkend greifenden Zulassungsbedingungen allein für die Misere verantwortlich gemacht, sondern sie als ein Teil dessen bezeichnet.

    Die Problematik besteht grundsätzlich und auch hier. Welches Gewicht sie hat, darüber können die Geister getrost auseinandergehen.

  3. 13.

    Die Produktion von Straßenbahnen endete in Gotha schon 1967, danach wurde die Produktion auf Klimatechnik umgestellt. Das war eine Auflage durch den RGW. Deswegen hat die DDR von da an Tatra-Straßenbahnen kaufen müssen.

    Und die Probleme mit dem Talent 3 beschränken sich nicht auf Zulassungsfragen. Die Züge kommen als Einzelstücke mit großer Verspätung (teils Jahre) beim Empfänger an, und jeder hat andere Mucken. Die ÖBB waren schlau genug, einen Vertrag abzuschließen, der es ihnen ermöglichte, bei so gravierenden Problemen eine neue Ausschreibung zu starten. Die hatten gesehen, was die SBB mit dem Bombardier-Intercity erlebt hat und was die DB und die Niederbarnimer Eisenbahn mit dem PESA Link erlebt haben, und wollten für solche Fälle gewappnet sein.

    Ob Skoda unter diesen Umständen das Werk überhaupt noch haben will, ist die spannende Frage. Ich befürchte das Schlimmste: Schließung der Talent-3-Fertigung.

  4. 12.

    Bei der Aufforderung, mich vorher zu informieren, muss ich immer lächeln. Gerade wenn es um Bahn-Fragen geht.

    Stellen Sie sch vor: Das weiß ich alles. Und es beweist weder, dass die Bahnindustrie in Ostdeutschland gezielt zerschlagen wurde (auch im Westen haben viel zu viele Bahnwerke zumachen müssen), noch dass Stadler, obwohl erfolgreich im Osten produzierend, nichts mit ostdeutscher Bahnindustrie zu tun hätte.

  5. 11.

    Nur mal ein paar Beispiele: Dass die Zugsoftware nach dem Ankoppeln der Lok abstürzt, nicht wieder hochfährt und der Zug im Bahnhof liegen bleibt (drittes Los der IC2-Baureihe von Bombardier) hat nichts mit Zulassungsbedingungen zu tun. Dass der erste Doppelstock-Intercity von Bombardier drei Jahre nach vereinbartem Betriebsbeginn (!) in der Schweiz eintrifft und die Folgen auch nur tröpfchenweise eintrudeln, hat nichts mit Zulassungsbedingungen zu tun. Gleiches hat die DB Regio mit den Doppelstock-Triebzügen auf der Linie RE5 erlebt; Ähnliches erlebt abellio mit dem Talent 2 in Baden-Württemberg.

    Hier ist was los. Die Einen machen die EU-Kommission verantwortlich, die Anderen die Zulassungsbedingungen. Nur komisch, dass andere Hersteller ihre Züge pünktlich abliefern. Irgendetwas machen die Anderen anscheinend falsch. ;-)

  6. 10.

    Was soll denn "richtige" ostdeutsche Eisenbahnindustrie sein? Unternehmen, die es schon vor 100 Jahren gab? Orenstein & Koppel, die in Berlin-Spandau schon in den 1920/30ern S-Bahnwagen bauten, haben sich schon vor Jahrzehnten aus diesem Bereich zurück gezogen. Oder DDR-Betriebe, die nicht konkurrenzfähig waren, weil sie nicht den aktuellen Stand der Technik produzierten und ihre Erzeugnisse hauptsächlich im RGW absetzen? Ohne Entwicklungshilfe wären die noch schneller vom Markt verschwunden. Da kann man für das Engagement von Stadler in Ostdeutschland nur froh sein.

  7. 9.

    Mir fällt noch Wagonbau GOTHA ein. Dort wurden unsere ehemaligen Straßenbahnen produziert. Aber warum bekamen die neuen Züge keine Zulassung ? Es gab doch so etwas wie ein Pflichtenheft und am Prototyp kann man erproben / ändern. Man lässt sich doch einen solch leckeren "Schweinebraten" nicht entgehen. Was hat die Teilübernahme durch SKODA und die EU damit zu tun ? Der TEXT gibt da nicht viel her.

  8. 8.

    Zerschlagung der ehemaligen Ostdeutschen Eisenbahnindustrie! Man Trurl: Stadler hat nicht wirklich viel damit zu tun, so ca. 2000 von Adtranz übernommen und im weitesten Sinne waren hier noch Kompetenzen von ABB Wilhelmsruh vorhanden. Die richtige Ostdeutsche Eisenbahnindustrie war in Niesky, Görlitz, Bautzen, Ammendorf, Vetschau, Mühlhausen und Berlin (Berliner Bremsenwerk und Faga). Wieviel ist davon noch übrig? Also vorher besser informieren anstatt irgendein Mist zu schreiben.

  9. 7.

    Was sollte die ÖBB daran hindern, zu einem Konkurrenzprodukt zu wechseln, wenn das Werk Hennigsdorf nicht in der Lage ist zulassungsfähige Triebzüge fristgerecht auszuliefern? Die Fahrzeuge wurden vor über fünf Jahren bestellt und sollten seit über zwei Jahren im Fahrgasteinsatz sein. Ich finde es ganz gut, dass Alstom/Bombardier hier mal ein Auftrag entzogen wird, schließlich haben/hatten sie noch bei sehr viel mehr Kunden zum Teil jahrelange Lieferverzögerungen. Siehe DB Fernverkehr, DB Regio, SBB, SWEG, VLEXX, Wiener Linien, Rheinbahn, Abellio Rail Baden-Württemberg, usw..

  10. 6.

    "Die Zerschlagung der Eisenbahnindustrie in Ostdeutschland ist nun fast vollendet."

    Schon mal von Stadler gehört? Oder liegt Pankow in Westdeutschland?

  11. 5.

    Mir scheint ein Teil des Problems darin zu liegen, dass die Zulassungsbedingungen im Rahmen des Erstellungsprozesses geändert werden, ohne dass die bereits erteilten Aufträge als Altaufträge gewertet würden. Damit greift das geänderte Recht in bestehende Verträge ein und beschwört oft genug eine Unmöglichkeit herauf, während des Erstellungsprozesses die einschlägigen Änderungen zu berücksichtigen.

    Die Spitze dieser Entwicklung war indes nicht die Fertigung von Zügen, sondern die Erstellung des Flughafens B E R.

  12. 4.

    Was kann die EU-Kommission dafür, dass Bombardier seit vielen Jahren keinen einzigen Zugtyp pünktlich auf die Schiene bekommt, sondern stets mit mehrjähriger Verzögerung, weil sie die Software nicht in den Griff kriegen? Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Es trifft reihum JEDEN Kunden, von der DB über die SBB und abellio bis zur ÖBB. Die DB weigert sich nun, die jüngste Lieferung von IC2-Doppelstockzügen abzunehmen, weil sie noch schlechter funktioniert als die ersten beiden Lieferungen. Die haben einfach die Faxen dicke.

    Die ÖBB konnte auch nicht einfach so zu Siemens wechseln, sondern sie hat einen Vertrag gekündigt, der durch den Lieferanten Bombardier gebrochen wurde, und die Lieferung neu ausgeschrieben. Diese Ausschreibung hat Siemens gewonnen, weil sie die schnelle Lieferung eines bereits zugelassenen Modells garantieren konnten. Aber die böse EU!

  13. 3.

    Die Ausschreibung der einundzwanzig (21!) Züge erfolgte bereits im Januar 2021, weil nicht absehbar gewesen ist, wann die Talent 3 kommen würden. Der Zuschlag wurde Anfang der Woche erteilt. Weitere 25 Talent 3, abgerufen aus aus einem Rahmenvertrag, stehen ebenfalls auf der Kippe. Es steht dabei eine Vertragsstrafe von 1,1 Millionen Euro je Zug im Raum. Dass man jetzt in Werk Hennigsdorf überrascht tut, überrascht angesichts dessen doch sehr.

  14. 2.

    Die EU-Kommission darf sich nun verantwortlich fühlen für den Wegfall von tausenden Arbeitsplätzen in der Schlüsselindustrie mit etlichen Zulieferern, denen nun der Absatzmarkt wegbrechen wird.
    Für solche Industrieansiedlungen werden sonst etliche Millionen Euro an EU-Subventionen rausgehauen, doch hier werden sie durch das schwachsinnige EU-Wettbewerbsrecht zunichte gemacht, denn als Kunde (hier ÖBB) kann man anscheinend einfach zur Konkurrenz wie Siemens Mobility wechseln.
    Auch die Verzögerung bei der Zulassung und Auslieferung der Züge liegt in der Verantwortung der EU, denn sie schafft es seit Jahrzehnten nicht die nationalen Bahnvorgaben zu harmonisieren.

    Eine Schande!

  15. 1.

    Es zeigt sich einmal mehr, Kompetenz fehlt nicht nur bei den Kleenen. Die Zerschlagung der Eisenbahnindustrie in Ostdeutschland ist nun fast vollendet.

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