Tarifstreit in Berlin und Brandenburg - Beschäftigte im Einzelhandel legen Arbeit nieder

Symbolbild: Im Rahmen eines Streiks am 23.07.2021 demonstrieren Mitarbeiter aus Berliner und Brandenburger Einzelhandelsunternehmen auf dem Breitscheidplatz für ein höheres Gehalt (Bild: dpa/Jörg Carstensen)
Audio: JOURNAL | 31.08.2021 | A. Michel | Bild: dpa/Jörg Carstensen

Nach einem Aufruf zu Warnstreiks im Einzelhandel haben am Dienstag Hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Arbeit niedergelegt. Vom Handelsverband hieß es, man nehme das Signal ernst.

Bei der dritten Warnstreikrunde im Einzelhandel in Berlin und Brandenburg haben Beschäftigte am Dienstag erneut die Arbeit niedergelegt. Mehrere hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Lagern und Geschäften hätten sich beteiligt, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Conny Weißbach am Mittag.

Aufgerufen waren Beschäftigte der Handelsketten Rewe, Kaufland, Ikea, Galeria Karstadt Kaufhof, HM sowie Thalia. Die Aktionen hätten zum Teil direkt vor den Filialen stattgefunden, hieß es. Geschäfte mussten aufgrund des Arbeitskampfs allerdings nicht schließen.

"Wir nehmen das zur Kenntnis und gehen dann wieder zur Tagesordnung über", sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen. Man nehme jeden Warnstreik aber "als Signal ernst".

Verdi-Verhandlungsführerin Weißbach geht davon aus, dass es vor allem in den Lagern in den kommenden Tagen zu nachwirkenden Beeinträchtigungen kommen könnte.

Beschäftigte sollen auf Reallohn verzichten

Die Gewerkschaft Verdi hatte erneut zu flächendeckenden Warnstreiks im Einzelhandel aufgerufen, um den Druck auf die Arbeitgeberseite zu erhöhen. Im aktuellen Tarifstreit hätten die Arbeitgeber ein Angebot gemacht, das die Gewerkschaft Verdi jedoch ablehnt, heißt es in einer Mitteilung vom Donnerstag.

Demnach sollten Beschäftigte von einkommensstärkeren Unternehmen auf einen Reallohn verzichten und frühestens im Juli 2022 insgesamt 3,4 Prozent mehr Lohn erhalten. Die Gehaltssteigerung soll in zwei Schritten erfolgen, zunächst um 2 Prozent, dann um 1,4 Prozent. Beschäftigte aus einkommensschwächeren Unternehmen sollen die Gehaltssteigerung um 1,4 Prozent erst im Januar 2023 erhalten.

Verdi fordert 4,5 Prozent mehr Gehalt

Verdi fordert hingegen 4,5 Prozent mehr Geld, außerdem 45 Euro zusätzlich pro Monat. In der Branche soll zudem ein Mindestentgelt von 12,50 Euro pro Stunde gelten. Im Juni legten die Beschäftigten in Berlin und Brandenburg deswegen bereits zweimal ihre Arbeit nieder.

Einzelhandel steigert Umsatz während Pandemie

Die Inflation liege bereits bei 3,8 Prozent und könne als Folge der Pandemie weiter steigen, teilte Verdi mit. Und schon jetzt seien die in der Folge der Pandemie gestiegenen Preise für Lebensmittel, Mobilität und Mieten in den Portemonnaies der Beschäftigten und ihrer Familien spürbar. Die Unternehmen hingegen hätten in der Pandemie teilweise sehr gut verdient.

Wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg am vergangenen Dienstag mitteilte, erwirtschafteten die Berliner Einzelhändler im ersten Halbjahr dieses Jahres 3,9 Prozent mehr Umsatz als im gleichen Zeitraum 2019, also noch vor der Pandemie. Verglichen mit dem ersten Halbjahr 2020 lag die Umsatzsteigerung bei 2,2 Prozent.

Dabei wurde die Umsatzsteigerung vor allem vom Lebensmittelhandel getrieben, der unter dem Strich 10,1 Prozent zulegen konnte. "Diese Unternehmen können ihren Beschäftigten, die diese Superzahlen unter Pandemiebedingungen an der Kasse erwirtschaftet haben, keinen Reallohnzuwachs zahlen?", fragt Conny Weißbach. Das sei nicht fair.

Gewerkschaft und Arbeitgeber waren zuletzt Ende Juli zu Verhandlungen zusammengekommen. Die Arbeitgeber hatten dabei angeboten, Löhne und Gehälter um zwei Prozent zu erhöhen. Bei Händlern, die in der Corona-Krise schließen mussten, sollte das aber erst acht Monate später als bei den übrigen gelten. "Wir müssen da differenzieren, denn es gibt Unternehmen, die extrem von der Pandemie getroffen wurden, wohingegen andere gut aus der Krise gekommen sind", sagte der Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen damals.

Sendung: Inforadio, 31.08.2021, 6 Uhr

26 Kommentare

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  1. 26.

    Im ersten Nachrichtenblock, zweite News. Da gab es einen kurzen Clip

    https://www.rbb-online.de/abendschau/videos/20210831_1930/nachrichten-eins.html

  2. 25.

    Ich bin vom rbb enttäuscht. Alle anderen Streiks haben sich einen Fernsehbeitrag verdient, nur über den Streik des Einzelhandels ist dem rbb nicht wert, in der 19:30 Uhr Abendschau darüber zu berichten. Traurig. Hauptsache GDL.

  3. 24.

    Sehr geehrter Herr Horst,
    leider haben sie übersehen das Rentner, deren Rente eine bestimmte Obergrenze überschritten hat, diese voll versteuert werden.
    Mit freundl. Grüßen

  4. 23.

    Der Streik ist vollkommen berechtigt. Denn kein Arbeitsplatz, bei dem die Beschäftigen von ihm nicht leben können, hat es verdient, als Arbeitsplatz bezeichnet und gerechnet zu werden.

    Wertschätzung für dasjenige, was wir uns in den Mund stecken, unserem Körper zuführen, hat auch damit zu tun. Wenn ein Glied in der Kette fehlt, so ist alles verdorben.

  5. 22.

    Das klingt wie Propaganda der Initiative Neue Asoziale Marktwirtschaft. Die Sozialkassen, insbesondere die Rentenkassen werden seit Jahrzehnten für versicherungsfremde Leistungen missbraucht. Es gibt immer weniger Tariflöhne; es gibt immer weniger gute Gehälter. Das sind die Hauptgründe für die Belastungen der Sozialkassen. Zudem vermeiden Konzerne seit Jahrzehnten Steuern in dreistelligen Milliarden Euro Summen, Das Geld fehlt dem Gemeinwesen. Und mit der asiatischen Billigkonkurrenz kann Westeuropa sowieso nicht mithalten. Wenn sie bis 68 für schmalen Taler schuften möchten - bitte gern, aber ohne uns.

  6. 21.

    Man kann sich nur leisten, was man sich leisten kann, oder finden Sie es in Ordnung, wenn Studierte und Menschen ohne Ausbildung die gleichen Löhne bekommen. Diese Neiddebatten hier mal wieder.

  7. 18.

    Ratet mal wem ich mehr Geld gönne, der GDL oder Pflege und Handel?

  8. 17.

    Bei uns hat keiner gestreikt, liegt das evtl. an der Gegend?

  9. 16.

    Sie haben natürlich absolut Recht, einen „Konzernbesitzer“ mit einer Kassiererin oder Lageristen gleich zu setzen, machen ja schließlich auch die gleiche Arbeit.
    Junge Junge, hier ist was los, wird einem echt übel.

  10. 15.

    Also was soll die Aufregung, ich kann diesen Streiks immer was Lehrreiches abgewinnen, nämlich das ich ganz gut auf die Bahn verzichten kann und es in Zukunft auch werde, das es sich im Internet oft viel einfacher und günstiger einkauft als vor Ort, auch das werde ich möglichst bei behalten usw.
    Als Kunde nicht jammern, sondern flexibel sein und sich möglichst wenig von den Tarifparteien abhängig machen, dann klappt das schon.

  11. 14.

    Die Lokführer und der Einzelhandel gleichzeitig - so kann man ein Land auch runter fahren. Also haben wir jetzt einen Streik-Lockdown "
    Also ich bin heute vormittag, wie selbstverständlich, mitte U-Bahn zur Hardenbergstrasse gefahren, anschliessend zurück und war dann anschliessend im Edeka meiner Wahl zum einkaufen. Vom Land runterfahren habe ich wenig gemerkt.

  12. 13.

    Schon mal was von Lohn-Preis-Spirale gehört? Fakt ist, dass der demographische Wandel zu höheren Belastungen für Arbeitnehmer führen müssen.

    Wenn es immer mehr Rentner und immer weniger Arbeitnehmer gibt, bleibt leider kein anderer Weg übrig

    Außerdem führen immer höhere Löhne dazu, dass auch die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland auf den internationalen Märkten abnimmt. Bestes Beispiel dafür sind die deutschen Werften

  13. 12.

    In welcher Zeit, unter welchen Umständen halten sie es denn für "anständig" für seine Arbeitsbedingungen und für höhere Löhne zu streiken?
    Irgendwer wird immer Auswirkungen von Streiks erfahren - direkt oder indirekt ...

    Soll man die Entwertung des Lohns dadurch ausgleichen, dass man weniger arbeitet? - Ich weiss ja, Work-Life-Balance ist gerade "in", aber ob das damit gemeint ist?

  14. 11.

    Ich finde es unanständig, in dieser Zeit für höhere Löhne zu streiken."
    Und ich finde es unanständig, in dieser Zeit wie selbstverständlich zu erwarten, das die abhängig Beschäftigten nicht nur mit ihrer täglichen Arbeit sondern auch noch mit Lohnverzichten die Karre aus dem Dreck ziehen sollen.
    Während die Profiteure, also diejenigen, deren Vermögen selbst während der Seuchen-Zeit gewachsen ist (und das nicht zu knapp) ihrem parlamentarischen Arm mal wieder vorsorglich gegen Steuererhöhungen für eben diese Reichen wettern lassen.

  15. 10.

    Boomer, die Kosten werden aber nicht sinken. Ganz im Gegenteil. Die Sozialabgaben müssen massiv steigen um das Rentenniveau stabil zu halten, die Pflegeversicherung zur Vollkasko auszubauen und das immer teurer werdene Gesundheitssystem zu finanzieren. Da es aber immer mehr Rentner gibt, müssen sich die Arbeitnehmer auf mehr Abgaben einstellen. Anders geht's nicht.

    Entladung für Familien ist einfach nicht mehr zu finanzieren. Der Bund hat großzügig Coronabeihilfen verteilt und mehr als großzügig für Flutopfer gesorgt. Dieses Geld fehlt zukünftig auch noch. Fazit: immer mehr Ausgaben für Bund und Länder bei gleichzeitig immer weniger Einnahmen.

  16. 9.

    Die Lokführer und der Einzelhandel gleichzeitig - so kann man ein Land auch runter fahren. Also haben wir jetzt einen Streik-Lockdown und anschließend den nächsten Corona-Lockdown.

  17. 8.

    Das steigende Löhne Auswirkungen auf die Rentenhöhe haben, ist kein Automatismus. Steigende Löhne führen jedoch zwangsläufig zu höheren Preisen und mehr Inflation. Volkswirtschaftler nennen dies Lohn - Preis - Spirale.

    Wenn Löhne unsachgemäß steigen, müssen auch Sozialleistungen angehoben werden. Das ist nur mit Steuererhöhungen zu finanzieren. Allein die Erhaltung des aktuellen Rentenniveaus führt mittelfristig zur Erhöhung von Einkommensteuer oder Mehrwertsteuer. Mit steigender Mehrwertsteuer verliert Deutschland immer mehr die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Jeder Unternehmer kann nur noch an der Kostenschraube Löhne drehen.

  18. 7.

    Hallo boomer, und wenn dann die CO2 Kosten noch dazu kommen werden die Preise immer weiter steigen.

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