Streik der Pflegekräfte bei Charité und Vivantes - Wenn pure Verzweiflung auf unlösbaren Mangel trifft

Eine Krankenpflgerin hört Herztöne während einer Nachtschicht ab (Quelle: DPA/Philipp von Ditfurth)
Bild: DPA/Philipp von Ditfurth

Pflegekräfte am Limit fordern vehement Entlastung, aber Klinikleitungen finden keine Fachkräfte: Der Streik bei Vivantes und Charité wirft ein Schlaglicht auf ein akutes Problem, das nicht schnell zu beheben ist. Von Sebastian Schöbel

Um sich den Personalmangel in der Krankenhauspflege einmal plastisch vor Augen zu führen, reicht ein Blick in die einschlägigen Jobportale im Netz. Allein in der vergangenen Woche hat der landeseigene Vivantes-Klinikkonzern in Berlin mehr als ein Dutzend Stellen für Pflegefachkräfte ausgeschrieben. In der Unfallchirurgie, Anästhesie, Intensivmedizin, Pneumologie und etlichen weiteren Bereichen. Einstiegsgehalt, je nach Qualifikation, 2.700 bis 3.000 Euro brutto.

"Die rennen uns trotzdem nicht die Bude ein", sagt Johannes Danckert, Geschäftsführer Klinikmanagement und kommissarischer Geschäftsführer von Vivantes. "Attraktiv ist ein Arbeitsplatz nicht nur durch die Bezahlung, sondern auch durch das Umfeld", fügt er resigniert hinzu. "Und unsere Kliniken sind in weiten Teilen leider sehr sanierungsbedürftig." Für eine hübsche Privatklinik mit weniger Patienten und angenehmeren Bedingungen würden Pflegekräfte schon mal auf Geld verzichten. Danckert sagt das ohne Verbitterung.

Das Geld ist nicht das Problem

Am Geld jedenfalls liege es nicht, ist sich der Klinikmanager sicher. Vivantes bezahlt seine Pflegekräfte bereits nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD). "Wir können uns nicht vorwerfen lassen, nicht jede verfügbare Pflegekraft eingestellt zu haben", beteuert Dankert. Aber der Markt sei einfach leergefegt.

Die angedrohten Streiks an den landeseigenen Krankenhäusern in Berlin kommende Woche betreffen zwei sehr unterschiedliche Bereiche: die Pflege und die ausgelagerten Jobs in den Tochterunternehmen, wo zum Beispiel Reinigungskräfte und Gastronomiepersonal arbeiten. Letztere kämpfen vor allem um mehr Lohn, weil sie noch immer weniger verdienen als ihre Kolleg:innen, die nach TVöD bezahlt werden. Den Pflegekräften geht es hingegen nicht um Geld, sondern um Erleichterungen in ihrem stressgeplagtem Arbeitsalltag. Weswegen sie auch einen Entlastungstarifvertrag fordern.

"Das ist sehr gefährlich, so möchten wir nicht mehr arbeiten."

Denn die Probleme bei der vergeblichen Suche nach Fachkräften müssen vor allem sie ausbaden. Nicole Strosche zum Beispiel, seit 17 Jahren Krankenschwester, arbeitet auf der kardiologischen Abteilung des Charité Campus Benjamin Franklin. 16 Stellen seien in ihrer Abteilung dauerhaft unbesetzt. "Unsere Patientenkapazität wurde aufgrund von dauerndem Personalmangel bereits auf 50 reduziert", sagt Voigt. Oft werde nicht eingearbeitetes Personal als Verstärkung in die Abteilung geschickt.

Der Alltag sehe dann zum Teil dramatisch aus. "Stellen Sie sich vor, zu uns kommt ein junger Mann, sportlich aktiv, Familienvater. Der hat jetzt einen Herzinfarkt", sagt Storsche. Die erfahrenen Stammkräfte seien in solchen Situationen dann oft im Spätdienst allein mit unerfahrenen Leasingkräften. Der Druck sei enorm. "Weil sie nicht nur die Verantwortung für diesen einen Familienvater tragen, sondern eben auch für die 49 anderen, meist schwerkranken Patienten." Regelmäßig müssten Patienten reanimiert werden, sagt Strosche - und das mit unerfahrenen Kolleg:innen. "Das wünsche ich niemandem, das ist echt unvorstellbar."

Ihre Kollegin Ludmilla ist seit 30 Jahren Krankenschwester, seit zwei Jahren arbeitet sie im Virchow-Klinikum. Auf ihrer Abteilung, der Stroke Unit, liegen zum Beispiel akute Schlaganfälle, Parkinson-Patienten, MS-Patienten. Besonders pflegeintensive Fälle also. "Kann jeden treffen", sagt Ludmilla. "Einen Tag bist du mobil, und am nächsten Tag bist du schon im Krankenhaus." Auf eine Schwester kommen sechs solcher Patienten, sagt sie. Doppelt so viel, wie eigentlich vorgesehen. In der Nacht müsse eine Pflegekraft sogar bis zu 20 Patient:innen betreuen. "Das ist sehr gefährlich, so möchten wir nicht mehr arbeiten."

Keine Entlastung in Sicht

Verdi-Verhandlungsführerin Meike Jäger wirft beiden Klinikkonzernen vor, kaum bis gar nicht auf die Forderungen der Pflegekräfte einzugehen. Die Charité habe lediglich vorgeschlagen, mit smarter Technologie die Effizienz des Personals durch gute Steuerung zu steigern. "Das ist nicht das, was wir uns unter Entlastung vorstellen", so Jäger, "insofern war der Ärger groß". Vivantes habe bislang noch gar kein Angebot für einen Entlastungstarifvertrag gemacht, sagt sie.

Wer bei Vivantes nachfragt, lernt allerdings die andere Seite dieses komplizierten Streits kennen und hört Argumente, die nicht weniger einleuchtend klingen. Zum Teil werden sie sogar ähnlich verzweifelt vorgebracht wie die der Pflegekräfte. Um den von Verdi vorgeschlagenen Entlastungstarifvertrag mit verbindlichen Personalschlüsseln und garantierten Ausgleichstagen umzusetzen, müsse man nämlich ein regelrechtes Wunder vollbringen, sagt Dorothea Schmidt, Geschäftsführerin Personalmanagement bei Vivantes. 700 weitere Pflegekräfte seien nötig, rechnet sie vor. Die aber gebe es nicht.

Pflegekräften helfen, Ärzte entlassen

Die Konsequenz: Der angestrebte Personalschlüssel könne nicht erreicht werden, die eingesetzten Pflegekräfte müssten also mit Freizeit für die Überbelastung entschädigt werden. Wodurch allerdings noch tiefere Löcher in die Dienstpläne gerissen würden. Vivantes müsse also die Kapazitäten bei der Patientenversorgung reduzieren, so Schmidt. "Wir sind auf fast 800 Betten gekommen, die wir wegnehmen müssten, damit wir den Tarifvertrag Entlastung sicherstellen können." Der Konzern würde dadurch 45 Millionen Euro Verlust machen, sagt sie.

Und noch schlimmer: Weil weniger Betten belegt werden könnten, müsste in anderen Bereichen, und zwar auch bei den Ärzt:innen, Personal abgebaut werden. Die Rede ist von bis zu 1.300 Vollzeitkräften.

Gericht bremst Verdi aus

Was Charité, Vivantes und Verdi vereint, ist die pure Verzweiflung - und die Wut aufeinander. In den bisherigen Verhandlungen war keine Seite bereit, von ihrer Position signifikant abzuweichen. Per Gerichtsurteil wurde am Freitag der Streik bei den Vivantes-Tochterunternehmen untersagt. Weil keine Regelung zur Aufrechterhaltung eines Notdienstes vereinbart wurde, sei das Wohl von Patient:innen in Gefahr, so die Richter. Deswegen dürfe zum Beispiel in der Speiseversorgung, Wäscheabteilung oder Sterilisation nicht gestreikt werden ohne gesicherten Notdienst.

Die Pflegekräfte hingegen dürfen die Arbeit niederlegen, in der Charité genauso wie bei Vivantes. Dass sie dies tun werden, daran besteht kaum ein Zweifel.

Sendung: Inforadio, 21.08.2021, 9:45 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

43 Kommentare

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  1. 43.

    Verdi hatte Frau Schmidt einen Vorschlag zur Notdienst-Vereinbarung vorgelegt, den sie und der KV abgelehnt hatte. Stattdessen sollte der Notdienst bei voll besetzter Station stattfinden. Frau Schmidt und der KV verhindern seit Monaten die Tarifverhandlungen mit Verdi und spielen nur auf Zeit. Ihnen geht es nur darum die Senats- und Bundestagswahl abzuwarten. Es ist ein ungeheuerlicher Skandal, dass die Beschäftigten für ihre Forderungen nicht streiken dürfen.
    Damit brüskiert Frau Schmidt nur noch mehr die Beschäftigten von Vivantes, die dann das Handtuch werfen und ihren lieb gewonnen Job aufgeben.
    Wer nicht bereit ist, ein besseres Arbeitsumfeld zu schaffen, der muss dann notgedrungen Kliniken schließen, weil niemand mehr da ist dort zu arbeiten.
    Frau Schmidt klagt hier auf ganz hohem Niveau und diese Klage hält sie auf den Rücken der Beschäftigten von Vivantes.
    Dafür hat längst auch die Berliner Politik dafür kein Verständnis.

  2. 42.

    @anonymer Anleger,
    ich denke mal ,dass Ihr Kommentar ironisch gemeint ist; dann haben Sie völlig Recht.
    Ansonsten sind das genau die Argumente , die unsere Pflege kaputtmachen.

  3. 41.

    An das Fräulein,du sprichst mir aus der Seele.
    Es geht hier nicht einzig um Pflegekräfte.Auch Erzieher /innen,Sozialarbeiter/innen ,Polizisten /innen,nicht verbeamtete Lehrer/innen u.s.w..Berlin ist eine einzige Schande.Wie hier mit der arbeitenden Bevölkerung umgegangen wird , geht garnicht. Es ist ja von der Politik so gewollt;insbesondere sind natürlich wieder Frauen betroffen(Ausbeutung,Altersarmut).
    Es sind die Frauen die diese Gesellschaft aufrecht erhalten.
    ALSO GEHEN WIR AUF DIE STRASSE; WER SICH NICH WEHRT LEBT VERKEHRT!!!!!!!!!!!!
    P.S.ICH werde mich nicht länger ausbeuten lassen (Hoch lebe Harz 4).

  4. 40.

    Genau. Das Übel ging wie so oft von der Politik aus. Der nNeoloberalismus der 90 hinterließ überall in der Gesellschaft eine Spur der Verwüstung. Genau wie bei den privatisieren Wohnungen und so weiter. Heute sind die Herren und Damen natürlich nicht zur Lösung des Probleme in der Lage. Auch hier tuen Fachkräfte Not...
    Mein Frau arbeitet als examinierte Krankenschwester. Ich kann den Artikel so bestätigen, nur ist es noch schlimmer.
    Wir konnten glücklicherweise erfolgreich verhindern, dass eines unserer drei Kindern in den Gesundheitssektor geht.

  5. 39.

    Was bitte ist eine "einfache Pflegekraft"??
    Genau dieses Denken (Pflege kann doch jede/r) hat uns dahin geführt, wo wir mit der Akzeptanz jetzt stehen!

  6. 38.

    Der Mangel begann mit den Privatisierungen und der Vorgabe, mit Gesundheit Profit zu machen. Das zeigt auch die eine "Rechnung" im Artikel: Dass 800 Betten zu streichen wären, um den Personalschlüssel einzuhalten, wird als ein Problem der Mindereinnahmen dargestellt - nicht der Patientenversorgung! ...und dass dann Ärztestellen zu streichen wären, bezweifle ich, denn auch dort werden krankmachende Arbeitszeiten abverlangt (soweit ich weiß, sind 55h/Woche normal).

  7. 37.

    Wenn man das soziale Jahr wieder einführen könnte, würde das vielleicht auch etwas helfen zu entlasten, Ausbildungen attraktiv zu machen und die soziale Komponente, welche immer mehr in der Gesellschaft verloren geht, schon in jungen Jahren zu Stärken.

  8. 36.

    Wem wundert das, wenn Auszubildende verheizt werden weil kein Pflegepersonal da ist. Ein hohe Zahl macht die Ausbildung erst gar nicht zu ende, weil sie physisch und psychisch am Limit sind. Ein Grund mit warum es keine Fachkräfte gibt. Ein Weselsky wie bei der GDL fehlt da in der Gewerkschaft. Verdi und Co kuscheln doch nur rum! Die Zeit kommt hoffentlich bald das solche Unternehmen wegen Personalmangel geschlossen werden. Es darf nicht sein das für Patienten und Bewohner im Pflegeheim die Gesundheit an erster Stelle steht, und Pflegekräfte dafür im besten Alter so kaputt gemacht werden dass ihnen nichts anderes übrig bleibt wie zu kündigen, schlimmer noch den Sozialkassen zugeführt werden. Man muss diesen Sklaventreibern gesellschaftlich den Boden entziehen für dieses perverse Treiben. Nicht nur Angestellte, alle müssen aufstehen, weil es uns alle betrifft, egal in welchem Alter!!!

  9. 35.

    Was denn nun Pflegekräfte oder Fachkräfte?
    Werden Krankenpersonal mit Staatsexamen oder einfache Pfleger gesucht?
    Diese kann man natürlich aufgrund der Ausbildung nicht ein einen Topf werfen!

  10. 34.

    Da sehe ich leider den Zusammenhang nicht. Durch das Zusammenlegen von Kliniken wird die Anzahl der zu versorgenden Patienten und damit der Arbeitsaufwand für die Pflege ja nicht geringer, oder?

    Es sei denn, für etliche Patienten wäre das nächste Krankenhaus so weit weg, dass sie es nicht mehr leben hin schaffen, aber das meinten Sie ganz bestimmt nicht. Oder?

  11. 33.

    Schauen sie mal nach OSL z.B.
    Wenn sie richtig krank und bedürftig sind, fahren Sie erstmal 60 km in die nächste Klinik und werden ggf. nicht aufgenommen wegen Überbelegung der Station und fahren die nächsten 50km... *Kopfschüttel*

  12. 32.

    An dem Tag, als die deutsche Politik aus dem Gesundheitswesen die Gesundheitsheitswirtachaft machte, begann der Anfang vom Ende: DRG, Pflegemangel, Konflikte… ich bereue keinen Tag, nachdem ich die Pflege verlassen habe…

  13. 31.

    Man sollte auch bedenken, dass unter den jetzigen Arbeitsbedingungen kaum eine Pflegekraft den Beruf ohne psychische und physische Versehrungen in Vollzeit ausüben kann, schon gar nicht bis zur Rente. Wären die Belastungen des Pflegepersonals nicht dermassen auf die Spitze getrieben worden seit Einführung des Fallpauschalensystems und der massiven Privatisierung im Gesundheitssektor wäre man nicht in die Situation des vermeintlichen Fachkräftemangels gekommen.

  14. 30.

    Nicht nur die Krankenhäuser klagen über zu wenig Pflegepersonal. Auch in der Altenpflege gibt es ein Defizit an Auszubildenden. Laut Statistik sind die Arbeitgeber selbst für den Mangel verantwortlich. Viele Jahre lang wurden Ausbildungsplätze in der Kranken- und Gesundheitspflege abgebaut. Es gibt durchaus junge Menschen, die in diesen Bereichen tätig werden wollen. Verfügbare Stellen sind allerdings rar. Darüber hinaus schafft jeder vierte Auszubildende die Abschlussprüfung nicht.

  15. 29.

    Das gesamte Gesundheitssysten und Pflegeeinrichtungen gehören in die öffentliche Hand.
    Wenn Krankenhäusern oder Krankenhausgesellschaften ermöglicht wird, Gewinne zu erzielen, oder gar als AG an der Börse notiert zu sein, ist es kein Wunder, dass wie überall in diesem Wirtschaftssystem auf Gewinnmaximierung gewirtschaftet wird.
    Krankenhäuser werden in erster Linie aus Mitteln der Krankenversicherungen finanziert, daraus auch noch Gewinne zu erwirtschaften, grenzt nach meiner Meinung an Versicherungsbetrug.
    So würde es jedenfalls für mich als Privatperson ausgelegt werden, wenn ich mehr von der Versicherung kassiere und den Überschuss als meinen Gewinn behalte.

  16. 28.

    Es wäre vieles sehr leicht finanzierbar wenn die Steuervermeidung von Konzernen und großen Vermögen endlich unterbunden wird. Es geht um viele Milliarden Euro die dem Gemeinwesen jährlich vorenthalten werden.

  17. 27.

    Wäre es nicht gut über Kilikzusammenlegungen nachzudenken? Wenn insgesamt nicht genug Pflegefachkräfte da sind, dann aber wieder mit guten Besetzungen und Arbeitsbedingungen. Aber jeder will sein Krankenhaus in der Nähe.

  18. 26.

    Ich hätte kein Problem mehr Steuern zu zahlen, wenn dieses Geld Hart Arbeitenden Systemrelevanten zu Gute käme.
    Aber nicht dass meine Steuern durch die Parteien für Sinnlose Ideologie-Projekte verballert wird bzw. einige mit Unbegrenzten Sozialleistungen versorgt werden - ohne eine Gegenleistung zu erbringen.
    Schauen Sie einfach mal, wie hoch die Kosten sind, um z. B. Straftäter mit dem ganze großen Rechtsstaatspaket zu versorgen.

  19. 25.

    Nun ist aber auch seit Jahren bekannt, dass der soziale Bereich (Altenpfleger, Krankenpfleger, Erzieher, etc...) chronisch unterfinanziert ist und es doch eine Systemfrage ist, ob wir nur kurzfristige Gewinne oder langfristige Solidarität wollen. Der Kapitalismus gibt die Antwort...

  20. 24.

    ... was für eine kaputte Gesellschaft: aus Krankheit Profit schlagen wollen?! Ich würd das gern mit Steuergeld bezahlen.

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