Brandenburg sucht Pflegekräfte - Von den wenigen Pflege-Azubis bricht ein Teil auch noch ab

Zwei Frauen versorgen Übungspuppe während der Ausbildung in Pflege. (Quelle: dpa/Jan Woitas)
Audio: Inforadio | 08.09.2021 | Amelie Ernst | Bild: dpa/Jan Woitas

Auszubildende in der Pflege werden händeringend gesucht - auch in Brandenburg. Entsprechend rar sind die Bewerber und - dieses Phänomen ist recht jung - die Abbrecherquote zu Ausbildungsbeginn ist hoch. Es braucht neue Konzepte. Von Amelie Ernst

Zu wenig Pflegekräfte? Kaum einer der Experten in der digitalen Anhörung im Gesundheitsausschuss des Brandenburger Landtags kann sich erinnern, dass das jemals anders war, zumindest nicht solange sie schon im Beruf sind. Immer habe man sich bemüht, potenzielle Auszubildende auch zeitgemäß anzusprechen, sagte Jens Reinwardt von der Akademie der Gesundheit in Eberswalde (Barnim) am Mittwoch. Nun allerdings deute ein neues Phänomen auf eine Verschärfung des Mangels: Es liege auch die Zahl der Auszubildenden sehr hoch, die ihre Lehre gar nicht mehr beenden.

Abbrecherquote von 30 Prozent

"Wir haben in Deutschland zurzeit 190.000 Pflegeschüler und die Abbrecherquote liegt gegenwärtig bei 30 Prozent. Wenn man das noch tiefer anguckt, kann man sagen, 15 bis 20 Prozent verlassen uns bereits im ersten Semester oder im ersten Ausbildungsjahr", erklärt Reinwardt.

Ein entscheidender Grund für diese hohe Quote von Abbrechern könnte die hohe Belastung schon zu Beginn der Ausbildung sein, vermutet Reinwardt. Auch an seiner Schule würden die Pflegeschülerinnen und -schüler schon früh in die Krankenhäuser und Pflegeheime geschickt. "Nach zehn Wochen gehen die Leute in die medizinischen Bereiche und werden dort als Fachkräfte betrachtet." Doch dies führe zu einer fachlichen und zu einer emotionalen Überlastung, so Reinwardt.

Er schlägt vor - und ist sich dabei einig mit anderen Experten -, die Praxisphasen weiter nach hinten zu verlagern und diese auch besser zu betreuen.

Brandenburg setzt weiter auf Zuzug von möglichen Pflegekräften

Allerdings gibt es einen Aspekt, der diesen Effekt der frühen Überforderung ebenfalls lindert: die Zusammenlegung der verschiedenen Fachrichtungen in der Ausbildung. Denn seitdem habe sich die Abbrecherquote zumindest reduziert, betont Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne): "Bei denjenigen, die nach 2020 begonnen haben, beträgt die durchschnittliche Abbruchsquote 15,4 Prozent. Also die genannten 30 Prozent können wir zumindest für diese Ausbildungsgänge nicht bestätigen."

Trotzdem setzt Brandenburg gerade im Pflegebereich auch weiter auf den Zuzug von Fachkräften, um die immensen Lücken zu schließen. Sören Heinz rekrutiert mit seiner Firma Pflegekräfte auf den Philippinen. Diese seien fachlich erstklassig ausgebildet und hätten vor Ort alle mehrere Deutschkurse belegt. Doch bis sie ihr Wissen in Brandenburg endlich anwenden könnten, dauere es viel zu lange, warnt Heinz, denn allein für die Berufsanerkennung der ausgebildeten Kräfte bräuchten die Behörden momentan bereits sieben bis neun Monate. Nach solch einer Wartezeit außerhalb Deutschlands könne man sich vorstellen, "was von den Deutschkenntnissen, die ja elementar sind, um in Deutschland zu arbeiten, übrig" bleibe.

In vielen Ländern herrschaft Fachkräftemangel in der Pflege

Doch selbst wenn viele Vermittlungen erfolgreich seien – komplett verlassen dürfe man sich auf die philippinischen Pflegerinnen und Pfleger nicht, so Heinz: "Es ist im Ausland eben nicht mehr so, dass alle Schlange stehen und unbedingt nach Deutschland kommen müssen, weil andere Länder eben auch ein Defizit an medizinischem Fachpersonal haben und sich genauso wie wir um diese Menschen bewerben."

Das Fazit der Runde: Werbung allein wird nicht reichen – vor allem eine bessere Betreuung in der Ausbildung und weniger Überlastung bleiben das Mittel, um dauerhaft mehr Fachkräfte in den Pflegeberufen zu halten.

Sendung: Radioeins, 08.09.2021, 16:20 Uhr

Beitrag von Amelie Ernst

14 Kommentare

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  1. 14.

    @ Paul Schäfer..

    Die Heimkosten werden noch stärker steigen. Da die Regierung die Pflegeversicherung zur Vollkasko umbauen will, muss es eine massive Erhöhung der Beiträge geben.

    Jeder möchte gute Pflege, aber niemand erkennt, dass diese viel Geld kostet. Wer nicht genug Geld hat, bekommt die nicht gedeckten Kosten vom Sozialamt

  2. 13.

    Ihr Kommentar ist etwas verworren, weil er weder etwas über rechtliche Hintergründe noch fachlichen Zusammenhänge aussagt, würden Sie bitte etwas konkreter und bezogen auch Fakten und Quellen argumentieren? Das hilft ungemein, danke.

  3. 12.

    Die Privatisierung, ein Ungleichgewicht der Verteilung ist das Problem, die optimale Ausnutzung des Menschen, um ausreichend Profit für Aktionäre zu bekommen. Das ist menschenverachtende Ausbeutung und alle schauen zu, weil es in vielen anderen Branchen auch möglich ist. Wir erleben hier die Maximierung des Profits und die Entwertung der Arbeit, des Menschen und selbst ein Pfleger aus Asien oder Osteuropa läuft schreiend davon, weil selbst in den Herkunftsländern diese Art der Ausbeutung nicht betrieben wird. Schnellstmöglicher Verschleiß durch körperliche und geistige Überforderung. Wählt sozial.

  4. 11.

    Welche Ausbildungskohle? Manche Kommentare erscheinen nur aus neidvollem Unwissen zu existieren. Beschämend.

  5. 10.

    Aus Erfahrung mit Angehörigen war es erschreckend, wie schnell die Unselbständigkeit der zu Pflegenden abnahm. ( Trotz aller Bemühungen der Pflegekräfte ). Vielleicht muss nach neuen Wegen gesucht werden, Heimbewohner und deren Angehörige mehr in den Alltag einzubeziehen.
    Absolutes Totschweigen zu den Eigenanteilen. Kaum einer kann sie noch bezahlen. Die Finanzierung der Pflege muss endlich umgestellt werden. Auch häusliche Pflege muss besser bewertet werden.

  6. 9.

    Vielleicht sollten wir endlich mal von der Sozialromantik wegkommen und die Realität erkennen. Ohne massive Reformen oder Erhöhung der Sozialabgaben ist unser hoher Versorgungsstand nicht mehr aufrechtzuerhalten

  7. 8.

    Warum sollte ein Junger Mensch einen Ausbildungsberuf mit so wenig "Gesellschaftlicher Anerkennung" ergreifen ?
    Nimm die - Ach- so - Hohe - Ausbildungsvergütung und mach die Arbeit, für die es keine billigen Fachkräfte gibt !
    Wenn "Du" die Hohe Ausbildungsvergütung nicht nimmst, kommt die Grundgesetzänderung und der Bundesfreiwillige vom "Allgemeinen Sozialdienst" macht den Job für eine Tasse Kaffee und ein Mettbrötchen. Solange Unsere Politiker immer ein Blättchen finden, daß Ihre geistigen Ergüsse in die Welt trägt ...
    Wieviele Krankenhäuser werden 2021-2022-2023 geschlossen ? Wo sollen die Fachkräfte ausgebildet werden ? Ja, Genau, im Senioren-Pflegeheim, wer nicht Gesund werden darf, muss doch Seine Rechnung abwohnen können. - Wer keinen Respekt vor der Arbeit und den Arbeitenden in der Pflege hat, hat auch kein Mitgefühl, keinen Respekt gegenüber Schwachen, Kranken und Alten.

  8. 7.

    Kein Wunder wenn man immer nur schlimmes aus dieser Branche hört, vielleicht mal an die eigene Nase fassen liebe Medien.
    Scheinbar der einzige Beruf wo alles ganz ganz doof ist und in anderen Jobs immer nur eitel Sonnenschein, lol

  9. 5.

    Ich hoffe sie kommen aus der pflege!denn sie wissen genau wie der hase läuft...nicht wahr.

  10. 4.

    Da helfen auch keine Streiks.

  11. 3.

    Beängstigend ,was soll da noch kommen. Wünschenswert wäre das generell im sozialen und pflegerischen Bereich Unterstützung im emotionalen und fachlichen Bereich gegeben wird. Aber leider ist das nur selten der Fall. Das sollte sich schnellstens ändern.

  12. 2.

    Wer früh genug erkennt dass sich die hohe Arbeitsbelastung, auch schon als Auszubildender, völlig negativ auf Bildung und Freizeit auswirkt, der tut ein gutes daran sich schnell umzuorientieren. Oft genug erlebt das Auszubildende allein in einem Wohnbereich 20 Bewohner in einem Pflegeheim versorgen mussten. Einige haben die Prüfung zur Fachkraft nicht bestanden, weil sie eben verheizt wurden. In Deutschland ist in der Pflege alles erlaubt, so habe ich den Eindruck! Viele begreifen oder wollen nicht begreifen dass man diesen jungen Menschen regelrecht das leben versaut, obwohl es noch gar nicht richtig angefangen hat. Einfach nur traurig, was sich diese Gesellschaft alles im zwischenmenschlichen Bereich erlaubt. Beklagt wird alles seit vielen Jahren, es wird aber nur zugehört und einfach nicht gehandelt. Das passiert Deutschland weit Tag für Tag, Nacht für Nacht. Mobbing ist da auch noch an der Tagesordnung in vielen Unternehmen. Die schlimmste Privatisierung seit bestehen der BRD!!

  13. 1.

    Viele nehmen nur die Ausbildungskohle mit, die ja recht hoch ist, ohne Absicht auszulernen.

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