Umsatzeinbruch infolge der Corona-Krise - Sirplus schließt seine Berliner Märkte für gerettete Lebensmittel

Auslagen mit geretteten Lebensmitteln stehen vor einem Sirplus-Geschäft in der Berliner Bergmann-Straße. (Quelle: imago-images/Jürgen Held)
Bild: imago-images/Jürgen Held

Fast auf den Tag genau vor vier Jahren eröffnete das Startup Sirplus in der Wilmersdorfer Straße in Berlin sein erstes Ladengeschäft mit Lebensmitteln, denen ansonsten die Mülltonne gedroht hätte. Jetzt kommt überraschend das Aus. Von Georg-Stefan Russew

Aufgrund massiver Umsatzeinbußen – ausgelöst durch die Corona-Pandemie – schließt das Berliner Startup-Unternehmen Sirplus alle seine fünf Filialen in Charlottenburg, Steglitz, Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain. Das bestätigte Unternehmenschef Raphael Fellmer am Dienstag auf Anfrage von rbb|24. Alle rund 50 Mitarbeiter und Auszubildende aus den Supermärkten verlören bis Ende September damit ihre Jobs, so Fellmer weiter. Er stehe aber mit anderem Unternehmen in Kontakt, dass möglichst viele übernommen werden könnten.

Online geht Geschäft weiter

Online setzt Fellmer das Geschäft mit "geretteten" Lebensmitteln - also Lebensmitteln die ansonsten im Müll gelandet wären - deutschlandweit aber fort. Eigenen Angaben zufolge verfügt das Unternehmen über rund 50.000 Online-Kunden. Seit Beginn des ersten Corona-Lockdowns im März 2020 hat sich der Umsatz im Onlineshop mehr als vervierfacht.

Kunden blieben nach drittem Lockdown weg

"Das gesamte Team um die Rettermärkte hat gemeinsam lange dafür gekämpft, dass diese offen bleiben können", erklärte Fellmer. Die Entscheidung zur Schließung habe er schweren Herzens treffen müssen. Aber mit Blick auf die Umsatzentwicklung im Supermarkt-Geschäft sei kein anderer Schritt möglich gewesen, unterstrich er. Nach den ersten beiden Lockdowns habe das Startup bereits erhebliche finanzielle Verluste hinnehmen müssen. Man sei gerade noch so durchgekommen, sagte Fellmer. Nach dem dritten Lockdown seien die Kunden aber nicht in ausreichender Zahl in die die Läden zurückgekehrt. Daher setzt Fellmer "jetzt voll auf das boomende Onlinegeschäft".

"Es macht mich traurig, dass wir mit der Schließung der Rettermärkte das Thema Lebensmittelverschwendung nicht mehr so präsent in den Berliner Straßen vertreten können", so der Unternehmensgründer weiter. Bereits im April musste aufgrund von Umsatzeinbußen die Filiale am Berliner Ostbahnhof geschlossen werden.

800 Produzenten und Großhändler beliefern Sirplus

Seit 2017 verkauft das Berliner Startup-Unternehmen in fünf Supermärkten in der Hauptstadt sowie online Lebensmittel, die im Schnitt um 40 Prozent günstiger sind. Sirplus bezieht seine Waren beispielsweise von 800 Produzenten oder Großhändlern, die diese aus dem Sortiment genommen haben, die wegen Produktionsfehlern oder geänderten Verpackungen aussortiert wurden. Hauptgrund ist dafür zumeist, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Daher kann Sirplus die niedrigeren Einkaufspreise an seine Kunden weitergeben. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist Fellmers Angaben zufolge kein Verfallsdatum. Das meiste sei sehr viel länger haltbar. Allein das Verbrauchsdatum beispielsweise von Fisch müsse unbedingt beachtet werden.

Für Fellmer werden in Deutschland zu viele Lebensmittel verschwendet.

Sendung: Inforadio, 07.09.2021, 19:20 Uhr

58 Kommentare

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  1. 58.

    "...ich finde es gut, dass der versuch gescheitert ist - mit lebensmitteln profit zu machen. ..." Und was machen Aldi, Netto, Lidl, Penny, Norma, Rewe, Edeka und all die anderen Lebensmittelhändler? Nennen Sie mir bitte einen Händler oder eine Kette, die aus Altruismus Lebensmittel verteilt.

    Gruß
    Hajakon

  2. 57.

    Hat mir nie gefehlt, es gibt genug Lebensmittelgeschäfte.

  3. 56.

    Das Konzept bestand ja offensichtlich darin, die Märkte in Einkaufsstraßen zu platzieren, wo es dann Laufkundschaft gibt. Keine schlechte Idee. Wenn es dann allerdings drei Lockdowns gibt und die Einkaufsstraßen leer sind, funktioniert die Idee nicht.

  4. 55.

    Sind Sie noch nie mit einer guten Idee gescheitert? Wenigstens hat Sirplus es versucht. Ich finde, es gibt ganz andere Unternehmen, über die man sich aufregen müsste. Sehr viele andere Unternehmen...

  5. 54.

    Wo ist RRG ? ? ? ? ? ? Warum greift der Ökosenat nicht ein ? ? ? ? Coole Sprücke klopfen und dann... hauptsache Radwege und Betonpoller. Da sieht man wie ökologisch und Klima dieser Senat wirklich ist. Die zelebrieren einfach nur ihren Neid gegen Menschen, die sich etwas erarbeitet und erspart haben. Ob Wohnung, Auto, Kleingarten, Haus...

  6. 53.

    "Ich finde es schade, dass die Rettermärkte schließen müssen."

    ich finde es gut, dass der versuch gescheitert ist - mit lebensmitteln profit zu machen.

  7. 52.

    1) die Tafeln hatten bei der kostenlosen Abholung der Waren immer Vorrang
    2) die Alternative wäre die Mülltonne!!!
    3) die Artikel sind merklich günstiger und qualitativ gleichwertig (z.B. Brot von Butter Lindner ist nach 1-2 Tagen zwar nicht "frisch", aber genauso lecker).
    Ich finde es schade, dass die Rettermärkte schließen müssen.

  8. 51.

    Das Online-Angebot dieses Händlers taugt m.E. leider nicht viel. Schade um die Läden, das wäre eher eine Option für mich gewesen, besonders wegen Frischware.

  9. 50.

    Die Idee war toll. In meinen Augen ist aber selbst das Online-Angebot sehr überschaubar. Dass die Läden überhaupt solange gehalten haben, ist ein Wunder. Die Artikel sind oft viel zu speziell. Einen Wocheneinkauf habe ich dort nie zusammenbekommen.

  10. 49.

    zwei Tage vor dem Verfallsdatum braucht man die Ware in den meisten fällen nicht wegzuwerfen, da haben Sie recht. Das hat aber nichts mit Bildung zu tun sondern mit der Einstellung die jeder so dazu hat.
    Aber auch da kann es schon schief gehen.
    Haben Sie schon einmal eine Salmonellenvergiftung gehabt?? Wahrscheinlich nicht. Meine Mutter wäre daran wegen abgelaufener Lebensmittel fast gestorben.
    Es hat also überhaupt nichts mit Bildung zu tun. Ich nenne es Vorsicht.

  11. 48.

    Oh nein... das ist echt traurig, ich habe die Geschichte von Raphael Fellmer schon lange mitverfolgt und mich gefreut auch einen Markt in Wilmersdorf zu haben.

  12. 47.

    sorry, an nahezu abgelaufenem sollte niemand mehr verdienen, außer den menschen, die sich selbst wenig/nichts leisten können!!!

  13. 46.

    Ja, das habe ich auch gesehen und hat mich beeindruckt!
    Tolle nachahmenswerte Idee!
    Nur leben kannst Du nicht davon.
    Aber Für Idealisten ideal! Mehr davon!

  14. 45.

    Sie wissen aber schon, dass der stationäre Einzelhandel einer der Gewinner der Pandemie gewesen ist?

    Der Laden hätte Brummen müssen, hat er aber nicht.

    Daran ist nicht die Politik schuld.

    Es haben einfach zu wenig Leute zu wenig dort gekauft - ganz einfach.

    Hätten Sie mal mehr dort eingekauft !

    Ich verstehe Ihre ideologischen Ausführungen daher null, sorry.

  15. 44.

    Facebook, Google, Amazon, Tesla. Lieferando, Wirecard, etc pp. Die Liste von Börsenunternehmen, die jahrelang MIese machen, ist lang.
    Hier ist es, dass der Unternehmenswert schneller steigt als die Verschuldung und so wird es für Anleger interessant. Unternehmenswert steigt um 30 Mrd, aber das Unternehmen macht 5 Mrd Verlust? Bleiben 25 Mrd Unternehmenswertzuwachs. Mit den Geld der Anleger kann das Unternehmen dann auch die kleinere Konkurrenz aufkaufen und bei sich integrieren. Verlust Geld, Gewinn ein Konkurrent weniger, ist insgesamt meist ein Gewinn, weil man die Preise besser diktieren kann.
    Dieses Modell beeinflusst die realmarktwirtschaftliche Entwicklung und zerstört gesunde Unternehmen. Aber laut FDP wäre das ein "der Markt regelt das".
    Die Börse ist nur noch ein Wettbüro.

  16. 43.

    ich vergaß:
    "Daher setzt Fellmer "jetzt voll auf das boomende Onlinegeschäft".

    vor dem ablaufdatum lebensmittel online zu versenden, sind natürlich wirklich günstig......
    wie krank ist denn diese idee???
    wer zahlt die zustellkosten? - warum dafür noch co2 in die welt blasen? - verstehe, "lastenfahrrad" macht das ja möglich - Ohne Worte!!!

  17. 42.

    Letztens wurde mal darüber berichtet. Da zeigte sich das Sirplus und die Tafeln zum Teil an der gleichen Stelle Konsumgüter und Lebensmittel eingesammelt haben. Das war recht erhellend, weil die Chefin der Tafel die Idee grundsätzlich gut fand, aber es genügend Lebensmittelverschwendung gibt, dass die beiden nicht im gleichen Gebiet sammeln müssen.
    Und hier ist eine nachvollziehbare Befürchtung benannt, dass Sirplus von den Märkten bevorzugt wird, weil die daran mehr verdienen (die verdienen auch etwas an der Tafel bzw senken Kosten).
    Sirplus hat in seiner Aquise allerdings auch Großunternehmen, die ganze Chargen entsorgen, weil sie falsch gelabelt sind und es günstiger ist neu herzustellen. Da werden Dinge vernichtet bevor sie die Fabrik verlassen. Ist gut, dass solche Absurditäten etwas abgefangen werden.
    Grundsätzlich sehe ich es mit gemischten Gefühlen. Die Idee ist gut, aber die Tafeln sollten nicht durch das Unternehmen leiden.

  18. 41.

    Wertschätzen nutzt nichts, wenn das Ziel nicht erreicht wird. Der hinterlassene Schaden ist einfach zu groß. Die Kommentare vermitteln nicht den Eindruck, dass das Lebensmittelwegwerfen gut ist. Aber was für eine Verschwendung von weiteren sehr vielen Ressourcen und was für Schäden bei den Geschäftspartnern, geschweige denn das verlorene Vertrauen...

    Wenn Sie meinen, Verschwendung von Lebensmitteln ist Geringschätzung des Erzeugers, dann bin ich auf dieser Seite zu finden.

  19. 40.

    Ich finde es unfassbar, wie diese neoliberale Corona Politik dazu führt dass Startups wie diese die gegen Lebensmittel Verschwendung arbeiten eingehen, genau wie andere kleinere Gastronomie Betriebe.. Auto Konzerne und große Ketten fahren weiterhin Gewinne ein. Es ist beschämend diese neoliberale Politik und ein Verbrechen an der Umwelt und den Menschen.
    Mir wird der Laden fehlen!

  20. 39.

    schon bei dem gedanken, an solchen lebensmitteln noch geld zu verdienen (auch die pachtkosten des ladens)- sträubt sich bei mir alles. ebenso, wie der verkauf der lebensmittel an solch einen laden. wie schon geschrieben, es gibt durchaus discounter die auch waren vor ablauf des mhd günstig anbieten!
    ansonsten, ab an die vielen "tafeln" für bedürftige!
    auch mit solchen lebensmittel noch online zu verdienen, nein danke.

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