Interview | Tarifstreit an Charité und Vivantes-Kliniken - "Es betrifft nicht nur uns, sondern ganz Berlin"

Archivbild: "Tarif-Rebellinnen" steht auf dem Transparent bei einer Demonstration von Beschäftigen der landeseigenen Berliner Krankenhäuser Vivantes und Charité. Sie befinden sich in einem unbefristeten Streik. Die Gewerkschaft Verdi kämpft um tarifliche Festlegungen, die zu einer Entlastung der Beschäftigten führen, etwa durch die Festlegung von Mindestpersonalausstattungen für Stationen und Bereiche. (Quelle: dpa/P. Zinken)
Audio: Inforadio | 01.10.2021 | Interview mit Carolin Puschke | Bild: dpa/P. Zinken

Seit mehr als drei Wochen streiken die Beschäftigten der landeseigenen Berliner Kliniken. Vivantes hat die Verhandlungen bis Montag unterbrochen. Die Streikenden sind frustriert, dass es immer noch keine Lösungen gibt, sagt Krankenpflegerin Carolin Puschke.

rbb: Frau Puschke, seit drei Wochen sind Sie schon im Streik. Jetzt hat Vivantes die Verhandlungen erneut bis Montag unterbrochen. Sind Sie frustriert?

Carolin Puschke: Ja, natürlich bin ich frustriert. Und ich denke, da kann ich für viele meiner Kolleg:innen sprechen, wir sind orientiert, eine schnellstmögliche Lösung zu finden, damit sich das Gesundheitssystem - so wie es jetzt ist - massiv verbessert, auch für unsere Patient:innen. Dafür setzen wir uns ein. Und am 23. Streiktag sind wir definitiv frustriert, dass es keine besseren Lösungen gibt.

Zur Person

Carolin Puschke ist Krankenpflegerin in der Psychiatrie im Vivantes Humboldt Krankenhaus und vertritt die Interessen ihrer Station beim aktuellen Tarifstreit.

Wie läuft ein Streiktag derzeit an den Kliniken ab?

Wir machen uns weiterhin stark und laut. Wir möchten Gehör finden. Wir möchten uns dafür einsetzen, dass die Arbeitsbedingungen besser werden. Ganz wichtig ist, dass wir gleiche Tarife für alle Beteiligten möchten. Wir möchten eine Entlastung haben. Das ist sehr wichtig. Und wir möchten, dass Pflege wieder würdevoll ist, so wie es jeder verdient hat. Wir besuchen unter anderem Veranstaltungen. Wir treffen uns, wir sprechen uns ab, und wir setzen uns ganz stark ein und vorrangig auch für alle Patient:innen in Berlin. Das ist unser Anliegen.

Wie sieht es mit der Gesundheitsversorgung der Patientinnen und Patienten auf den Stationen aus?

Ich arbeite im psychiatrischen Bereich. Hier ist ganz klar zu sagen, das ist weiterhin ein Bereich, der stigmatisiert wird. Das ist schade, dass im Jahr 2021 immer noch Stigmata herrschen. Psychiatrische Pflege heißt nicht nur verwahren oder Patienten mit Medikamenten zufriedenstellen, sondern psychiatrische Pflege ist viel mehr. Wir machen eine große Beziehungsarbeit. Wir bauen Beziehungen auf, und - ganz wichtig ist - wir begleiten die Patienten im Alltag. Wir helfen ihnen durch ihre Krise. Das ist unsere größte Aufgabe. Dafür brauchen wir Zeit und Personal, damit wir den Menschen das geben können, was ihnen zusteht.

Wichtig ist, dass man zu einer Einigung kommt. Und ich denke, dass es möglich ist, wenn jede Seite einen Schritt dem anderen entgegenkommt, weil es ja nicht nur uns betrifft, sondern ganz Berlin.

Carolin Puschke, Krankenpflegerin

Von anderen Stationen ist zu hören, dass zum Beispiel Knochenbrüche tagelang nicht behandelt werden können oder auch dringende Operationen nicht stattfinden können. Haben Sie Informationen von anderen Stationen, wie das unter Streikbedingungen abläuft?

Es ist wichtig zu sagen, dass wir - von der Seite der Berliner Krankenhausbewegung und von den Pflegenden - eine Notdienstvereinbarung bei Vivantes sicherstellen und das jeden Tag seit Streikbeginn. Wir sichern ab, dass unsere Patienten weiterhin sicher behandelt werden. Das ist natürlich das oberste, was wir nach wie vor unterstützen möchten. Es kam vonseiten der Arbeitgeber nicht zu einer Notdienstvereinbarung. Umso wichtiger ist, dass wir dafür Sorge leisten.

Ab Montag soll Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck im Tarifstreit zwischen Verdi und den Vivantes-Töchtern vermitteln. Wäre das auch für die Verhandlungen mit der Vivantes-Mutter denkbar?

Richtig, das sind Gespräche. Ganz klar ist zu sagen, wir haben definitiv klare Angebote, die aktuell verhandelt werden. Die Angebote sind klar formuliert, und ich denke, die Angebote sind auf jeden Fall realistisch. Wichtig ist, dass man zu einer Einigung kommt. Und ich denke, dass es möglich ist, wenn jede Seite einen Schritt dem anderen entgegenkommt, weil es ja nicht nur uns betrifft, sondern ganz Berlin.

Es geht im Tarifstreit nicht nur um eine bessere Zahlung, sondern auch um Entlastungen. Personal muss dringend her. Verdi hat sehr hohe Zahlen genannt. In der Charité müssten mehr als 1.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, bei Vivantes weit über 2.000. Ist das überhaupt realistisch umsetzbar? Oder ist es da an der Zeit, dass Verdi die Forderung vielleicht etwas herunterfährt?

Es geht nich nur darum, neue Mitarbeiter einzustellen, sondern dass ganz viele Mitarbeiter, die im Unternehmen sind auch in Teilzeitbereich arbeiten. Die Arbeitsbedingungen müssen besser gemacht werden, sodass viele sich vorstellen können, ihre Arbeitszeiten wieder hochzusetzen. Die Ausbildung muss definitiv verbessert werden. Aktuell können es sich 50 Prozent der Auszubildenden nicht vorstellen, im Unternehmen zu bleiben. Es gibt viele Verbesserungsvorschläge, die jetzt einfach nur noch umgesetzt werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Carolin Puschke führte Jessica Wiener, Inforadio.

Der Text ist eine redigierte Fassung. Das komplette Gespräch können Sie im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 01.10.2021, 12:45 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Diese Aussage trifft den Nagel auf den Kopf!Bin selber als Pfleger bei Vivantes angestellt und sehe es genauso!Das Gesundheitssystem muss endlich reformiert werden und nicht bloß verwaltet!Die Pharmaindustrie erzielt Renditen von ca.25% und entzieht dem Gesundheitssystem viele Milliarden,bereichert sich also an unseren Beiträgen und die Politik lässt sie gewähren!Uns sagt man dann ,wir sind zu teuer!Normalerweise wird ein knappes Gut teurer, aber in unserem Fall gelten die Gesetze des Marktes nicht!Merkwürdig!

  2. 5.

    Es ist unzumutbar das Menschen so arbeiten müssen. Wir setzen uns selbst Gefahren aus um anderen zu helfen und wenn wir uns erlauben zu fragen "wer uns hilft?" Verstummen alle. Wir müssen uns selbst helfen. Soweit hat es die Geschäftsführung von Vivantes und Co. Gebracht.

  3. 4.

    Ich finde es bezeichnend, wie Medien, auch der rbb, versuchen, das Thema zu verengen auf einen Tarifkonflikt zwischen einer Gewerkschaft und zwei Krankenhäusern. Die Zustände in den Krankenhäusern sind katastrophal, und das seit vielen Jahren und in ganz Deutschland. Das kostet Menschenleben. Der Spiegel hat im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder darüber berichtet. Hier zum Beispiel über die hygienischen Zustände und den schlechten Personalschlüssel:
    https://www.spiegel.de/spiegelwissen/krankenhaus-keime-in-den-niederlanden-sind-patienten-sicherer-a-1184260.html

  4. 3.

    Es geht nicht nur um Berlin, es geht um ganz Deutschland, und es geht um eine Versorgung der Patientinnen und Patienten, die den Namen auch verdient. Pflegekräfte sind keine Verkaufshilfskräfte von Pharmaindustrie und Geräteherstellern. Sie sind auch nicht angestellt, um den Gewinn des Krankenhauses zu optmimieren. Pflegekräfte arbeiten mit den Patient*innen auf ihrem Weg zurück zur Gesundheit, mit allem, was dazu gehört, Ernährung, Mobilisierung, Zuwendung, Erklären, Zuhören ...

  5. 2.

    Die Forderung nach mehr Personal herunterfahren ? WER bestimmt dann, welche Patienten "ge"sterben werden ? Die Krankenkassenzugehörigkeit, die Religion, die ethnische Zugehörigkeit, das Alter oder doch der Geldbeutel ? Wird sterben"lassen" wie Mord behandelt oder ein Volkssport ?

  6. 1.

    Jetzt auf 1x. Als die GDL gestreikt hat, haben denen alle ihre Rechte abgesprochen. Was ist nur mit diesem Land los.

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