Unzulässige Arbeitsbedingungen - Wie Minijobber ausgenutzt werden - und welche Rechte sie haben

Di 26.10.21 | 06:05 Uhr | Von Ana Pecanic
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Archivfoto: Putzfrau,Reinigungskraft (Quelle: dpa/Sven Simon)
Video: Abendschau | 25.10.2021 | 19:30 Uhr | Bild: dpa/Sven Simon

45.000 Menschen in Brandenburg und 68.000 in Berlin arbeiten in sogenannten Minijobs, darunter auch viele Studierende. Sie sind meist auf das Geld angewiesen und damit auch oft bereit, unzulässige Klauseln in Arbeitsverträgen hinzunehmen. Von Ana Pecanic

Der Berliner David Rothe möchte sich neben dem Studium etwas dazuverdienen und sucht einen Nebenjob. Mit dem Roller Pizzas ausliefern, das hört sich für den Studenten gut an, auch die erste Probeschicht bei einem Liefer-Unternehmen verläuft gut und er bekommt einen Vertrag. Doch schon hat er erste Zweifel, denn im Vertrag findet er eine Stelle, in der es heißt: "35 Cent pro Tour an den Inhaber abgeben."

Pro Schicht kommen so etwa zehn Euro zusammen, die dem Studenten von seinem geringen Lohn abgezogen werden. Solche Abzüge sind generell unzulässig. Doch sie sind nur ein Beispiel dafür, wie Minijobber:innen systematisch benachteiligt werden.

"Es sind definitiv Abzocker-Praktiken"

In Brandenburg arbeiten rund 45.000 Menschen als Minijobber, in Berlin sind es fast 68.000. Der Unmut über die Arbeitsbedingungen ist groß. Das rbb-Verbrauchermagazin Super.Markt hat mit einigen Minijobber:innen aus der Region gesprochen, alle wollten nur anonym berichten. Ein Mitarbeiter eines Callcenters bekommt einen Stundenlohn von zehn Euro, aber nicht für jede gearbeitete Stunde, sagt er: "Es sind definitiv Abzocker-Praktiken, wenn man zwölf Stunden da war und man dann nur die acht Stunden bezahlt bekommen hat."

Ein Essensauslieferer berichtet Ähnliches. Er bekommt einen Stundenlohn von 9,20 Euro und muss, so sagt er, "pro Stunde einen Euro Strom-Pauschale für die E-Bikes abgeben. Das war schon ein sehr, sehr blödes Gefühl, nach dem Motto, man geht schon arbeiten, verdient aber nicht viel, weil man da noch extra Geld abgeben muss."

Juristische Hürden für Minijobber:innen

Eine Kellnerin mit einem Stundenlohn von zehn Euro erzählt: "Ich habe in einem Café gearbeitet und habe bis heute nicht das Urlaubsgeld ausgezahlt bekommen, was mir zusteht und das sind über 1.000 Euro. Ich habe mich natürlich ausgenutzt gefühlt."

Rechtlich sei in den meisten Fällen klar, dass Arbeitgeber die Minijobber:innen ausnutzen und ihnen mehr Geld zustehe, sagt Arbeitsrechtler Peter Meyer. Doch zu ihm kämen die Betroffenen nicht. "Minijobber sind bei uns überhaupt nicht vertreten, denn Minijobber sind, wenn Sie so wollen, ganz am Ende der Nahrungskette und trauen sich oft nicht, ihre Rechte geltend zu machen oder haben auch schlicht keine Energie für solche Streitigkeiten. Und dann lassen die Leute es einfach laufen."

Oder eine Klage ist unrentabel, denn anders als sonst im Zivilrecht, muss der Kläger seine Anwaltskosten auch dann tragen, wenn er gewonnen hat, wie Meyer sagt. "Dann habe ich hinterher gewonnen und kriege 500 Euro von dem Arbeitgeber, muss aber davon vielleicht 300 Euro an den Anwalt zahlen. Und dann ist es wirtschaftlich nicht mehr interessant."

Besonders ärgerlich: Abzüge vom Lohn

Der Anwalt begutachtete für Super.Markt einige der anonym geschilderten Fälle. Zum Fall der Kellnerin, die ihr Urlaubsgeld nicht erhalten hat, sagt er: "Urlaubsansprüche und Ansprüche auf Bezahlung von Überstunden haben die Minijobber genauso wie jeder andere Arbeitnehmer. Wenn der Urlaub nicht genommen wurde und das Arbeitsverhältnis zu Ende ist, dann hat der Arbeitnehmer Anspruch auf Abgeltung." Auch, wenn man als Minijobberin erkrankt, hat man Anspruch auf Lohn. Und das, ohne die Stunden nachholen zu müssen.

Besonders ärgerlich für Minijobber, die meist zum Mindestlohn arbeiten, sind Abzüge vom Lohn - zum Beispiel in der Gastronomie. Eine Kellnerin berichtet, dass sie bei jeder Schicht drei Euro abgeben musste, "und zwar für Bruchglas. Also falls mir ein Glas kaputt geht. Ich habe über ein Jahr dort gearbeitet in dieser Bar und mir ist nie in ein Glas kaputtgegangen. Und das sind 350 Euro, die ich quasi dann dem Besitzer der Bar geschenkt habe." Und das bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro.

Sendung: Super.Markt, 25.10.2021, 20:15 Uhr

Beitrag von Ana Pecanic

16 Kommentare

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  1. 16.

    So richtig ausgenutzt werden Minijober in Privathaushalten, oft in Schwarzarbeit und ohne Trinkgeld,aber die privaten Ausbeuter sind nicht so interessant.

  2. 15.

    Achso, die Minijobber*innen nehmen den Vollzeitbeschäftigten also das Geld weg und sind sogar kriminell. Wusste ich nicht. In meinen Augen drehte sich der Artikel um Ausbeutung von Geringverdienenden, die systematsch ihrer Rechte beraubt werden und für die sich ein gerichtliches Verfahren aus Zeitgründen, in erster Linie aber aus finanzieller Abhängigkeit heraus nicht anbietet. Ihr Kommentar ist zynisch und menschenverachtend, autoritär und delegitimierend.

    Statt mal darüber nachzudenken, eine Gewerbeaufsicht umzusetzen, die diese Bezeichnung auch verdient und einen Gewerbeschein bei nachgewiesenen Verstößen einziehen kann; statt mal darüber nachzudenken, dass, Obacht, Mindestlohn kein hohles Wort ist und dieser grds. unterlaufen wird; statt mal über die Lebenssituation der Betroffenen nachzudenken, machen Sie es sich einfach mit Milchmädchenrechnungen und treten hier Ihren Sozialneid breit und kriminalisieren Minijobber*innen. Nennt man Verleumdung und die ist strafbar.

  3. 14.

    Dann gucken Sie sich mal die Jobbewertungsportale im Netz an. Aus guten Gründen sind die voll von 1-Sterne-Bewertungen ausgeschiedener Mitarbeiter.

  4. 13.

    Da muss eine Minijobberreinigungskraft ganz schön rennen um auf das Trinkgeld zu kommen.

  5. 12.

    Es dürfte überhaupt keine Minijobber geben. Jeder verdiente Euro in D soll in die Krankenkasse, Renten- und Arbeitslosenversicherung bezahlen und dies ohne irgendwelche Ausnahmeregelungen, denn dann gäbe es auch keine solchen prekären Arbeitsverhältnisse.

  6. 11.

    Das läuft seit Jahren einfach nur unterirdisch:
    Freund (Student) hatte mal Nebenjob im Sicherheitsgewerbe und der ArbG wußte noch nicht einmal, dass der ArbVg trotz Formfreiheit nach 4 Wo. schriftlich auszuhändigen ist, wie der Urlaubsanspruch an sich berechnet wird und das entspr. Entgelt dafür wie auch für Überstunden und im Krankheitsfalle. Das mußte alles vorm ArbGericht eingeklagt werden. Da war er dann Neese, denn seinen Anwalt mußte er selber bezahlen und der ArbN hat sich selber vor Gericht vertreten. Danach hatten sich dann die Wogen geglättet und Gesprächsbereitschaft war plötzlich vorhanden.

  7. 10.

    Wie denn sonst? Arbeitsplatz verlieren, auf den man angewiesen ist, sei er noch so ausbeuterisch?

    @Wossi: Trinkgeld ist immer dann steuerfrei, wenn ein Kunde oder Gast es einem Arbeitnehmer gibt. Grundsätzlich gilt: Sind Sie Unternehmer und erhalten Trinkgeld, ist es nicht steuerfrei. Denn nur Angestellte als Empfänger müssen Trinkgeld nicht versteuern.

  8. 9.

    Dem kann ich nur zustimmen ! Ich habe mit dem DGB Rechtsschutz Berlin sehr gute Erfahrungen gemacht .

  9. 8.

    Ein Minijob (ohne großen Bildungsaufwand) ist kein unterbezahlter Job mehr, wenn Trinkgeld eingenommen wird: z.B. 1 - 2 €/Kunde = 1,50€ x 50 (?) Kunden = 75€/d x 20 AT = 1500€/Monat zusätlich (!): schwarz, ohne Sozial- u. Rentenbeiträge, was dann weiter zu Forderungen, zu Lasten der fleißigen Einzahler, führt, wenn man das Rentenalter erreicht hat. Also "wenn schon denn schon" die ganze Wahrheit "ans Licht".
    Bei der Bekämpfung Illegaler Ausbeutung, Subunternehmer usw. geht aber bestimmt noch was...

  10. 7.

    Finde ich schon lustig. Anonym ...

  11. 6.

    Ich persönlich rate jedem Beschäftigten doch in die Gewerkschaft einzutreten. Nach 3 Monaten hat man Rechtsschutz. Das gilt auch für die Betriebe, welche nicht tarifgebunden sind. Ein Prozent vom monatlichen Brutto ist da nicht zuviel. Aber auch der Zoll wird ganz schnell hellhörig bei Dingen wie Unterschreiten des Mindestlohn. Die Strafen sind empfindlich und als Beschäftigter wird der Ausgleich für 3 Jahre im Nachhinein noch fällig bei der Erstattung.

  12. 5.

    In der Gastronomie war es doch meistens so, da wurde ein Aushilfsformular blanko hingelegt und der Chef sagt: hier unten unterschreiben. Schon war alles geritzt. Um einen richtigen Arbeitsvertrag zu erhalten, bedarf es schon mehr an Hartnäckigkeit von Seiten des Arbeitnehmers. Zu meiner Zeit habe ich nur einmal von einem Wirt eine“feste Anstellung“ mit allen nötigen Papieren erhalten.

  13. 4.

    Wer bei den Leuten, mit deren Arbeit er oder sie sein Geld verdient, auch noch beim Mindestlohn bescheißt, sollte sofort den Gewerbeschein verlieren. Das würde ganz schnell helfen – und kein einziger Laden würde dadurch eingehen, dass er korrekt bezahlt.

  14. 3.

    Gerne auch mal keinen bezahlten Urlaub und keine Krankentage. Darf man sich dann EINZELN (erstmal teuer) einklagen. Anstatt das es eine Stelle gibt, wo man das melden kann und die Läden alle zumacht, guckt der Staat weg.

  15. 2.

    Und da wunder sich das Gastromie und Hotelgewerbe das die Arbeitskräfte nicht zurückkommen und fordert wie immer vom Staat.

  16. 1.

    Nun ja, das erklärt den Arbeitskräftemangel in einigen Branchen! Ist doch klar, das viele darauf keinen Bock haben! Es sollte eine Interentseite geben, auf der solche Arbeitgeber geoutet werden!
    Ich kenne auch solche Chefs, ständig heulen über den Stress und das System, welches ihn ja nicht lässt und nur unterdrückt. (Teilweise, steuerrechtlich nachzuvollziehen)
    Seinen Angestellten mit Tricks knapp den Mindestlohn zahlen und selber einen Tag für ein paar Stunden anwesend bei über 5000€ monatlich. Ein typischer Leistungsträger eben!

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