Pflegenotstand - Warum so viele Berliner Pflege-Azubis ihre Ausbildung abbrechen

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. (Quelle: dpa/Christoph Schmidt)
Audio: Inforadio | 06.10.2021 | Thomas Rautenberg | Bild: dpa/Christoph Schmidt

In diesem Jahr haben überdurchschnittlich viele Pflege-Azubis in Berlin ihre Ausbildung hingeschmissen. Ein Grund ist offenbar das Homeschooling wegen Corona. Doch es ist nicht der einzige. Von Thomas Rautenberg

Nina Maibom ist Auszubildende im zweiten Semester am Berufsbildungszentrum der DRK- Schwesternschaft Berlin. Die 28-Jährige hat ihre Probezeitprüfung geschafft. Sie kann und wird ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft fortsetzen.

Elf ihrer ursprünglich 27 Mitschülerinnen und Mitschüler, die mit ihr im Frühjahr angefangen haben, sind nicht mehr dabei. Sie haben aufgegeben. Über 40 Prozent weg – so richtig überrascht sei sie nicht, sagt Nina Maibom: "Der Schichtdienst und dann die Arbeit auch am Wochenende – mir war klar, dass das so kommen würde. Mir war auch klar, dass das dazu gehört. Aber trotzdem muss man sich erst finden und auch lernen, bei Freunden abzusagen", räumt die 28-jährige Kreuzbergerin ein.

Deutlicher Anstieg bei den Abbrecherzahlen

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben im vergangenen Jahr von 2.118 Pflege-Azubis an den Berliner Pflege-Schule 213 Jugendliche aufgegeben. Das sind rund 10 Prozent. In diesem Jahr liegt die Abbrecherquote deutlich höher. Bei der DRK-Schwesternschaft sind knapp 40 Prozent im ersten Semester gegangen. Bei der Wannsee-Schule für Pflegeberufe, die die Ausbildung für 15 medizinische Einrichtungen übernimmt, hat fast jeder dritte Azubi hingeschmissen. Beim Ausbildungscampus von Vivantes und Charité wollte man keine Zahlen nennen.

Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates und Leiterin der Pflegeausbildung beim Berliner Bildungscampus für Pflegeberufe, Christine Vogler, macht vor allem die falsche Vorstellung vom Beruf für das Scheitern vieler, junger Leute verantwortlich. "Pflegen könne jeder – das ist der größte Irrtum, der sich immer noch hält. Und damit werden jungen Menschen in den Beruf gebracht, die von vornherein scheitern müssen", sagt Vogler. Und weiter: "Die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft ist hoch anspruchsvoll und fordernd."

"Lernen braucht Bindung"

Doch ist damit allein der sprunghafte Anstieg der Abbrecherzahlen zu erklären? Nein, sagt Gudrun Fiehöfer, Schulleiterin des Berufsbildungszentrums bei der DRK-Schwesternschaft. Für sie ist die Situation vielmehr eine unmittelbare Folge des Homeschoolings wegen Corona. "Lernen braucht Bindung", sagt die Schulleiterin. "Bindung entsteht nicht am Computer, Bindung entsteht nur im realen Leben, und ein Klassenverband hilft ganz doll. Und wenn das nicht da ist, dann fehlt ein wichtiger Faktor."

Homeschooling galt für alle Azubis

Das Lernen in der Gemeinschaft fehlte auch bei allen anderen Berufsgruppen. Dennoch hat die IHK Berlin in ihren Brachen Industrie, Handel und Gewerbe einen umgekehrten Trend festgestellt: Dort ist die Abbrecherquote unter den Azubis in der Corona-Krise sogar gesunken – von über 3.200 im Jahr 2019 auf etwa 2.700 ein Jahr später und damit mitten in der Pandemie. "Die Krise schweißt offenbar zusammen", sagt IHK-Sprecherin Claudia Engfeld. "Die Azubis suchen Sicherheit und halten deshalb auch an ihren Ausbildungsverträgen fest."

Was läuft also anders als in der Pflegeausbildung?

Häufig gehen auch die Besten

Eine Besonderheit in der Pflegeausbildung ist zweifellos, dass viele Jugendliche, die eigentlich Medizin studieren wollen, ihre Wartezeit auf den Studienplatz mit einer Ausbildung abkürzen wollen. Die Ausbildungseinrichtungeninvestieren viel Zeit und Geld in die jungen Leute. Umso bitterer ist es natürlich, wenn ausgerechnet die besten Auszubildenden später einfach gehen.

Neues Pflegeberufsgesetz schwer umzusetzen

Seit dem vergangenen Jahr gilt das neue Pflegeberufsgesetz: Eine Pflegefachkraft muss danach eine dreijährige generalisierte Ausbildung absolvieren. Soll heißen: Es wird in der Ausbildung nicht mehr nach den Zweigen Kinderkrankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege unterschieden. Alle Azubis müssen alles lernen und die Spezialisierung erfolgt erst im dritten Ausbildungsjahr durch den verstärkten Praxiseinsatz.

Die generalisierte Ausbildung ist im Grunde eine Vorstufe zum Pflegestudium. Die Ausbildungsbereiche erhalten nach dem Gesetz sehr viel Geld, um die Anleitung der Azubis auf den jeweiligen Praxisstationen zu sichern. Doch das Geld allein ist es nicht, sagt Schwesternschülerin Nina Maibom aus eigener Erfahrung: "Zehn Prozent meiner Arbeitszeit auf meiner Station hätte ich angeleitet werden müssen. Das war das nicht möglich. Einfach, weil es gar nicht genug Praxisanleiterinnen gibt. Die arbeiten nicht immer in Vollzeit. Dann musste ich vier Examen auf der Station machen. Wie sollen sich die Anleiterinnen, die ja auch einen Job haben, aufteilen? Das geht nur auf dem Papier!´"

Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander

Christine Vogler, die Vorsitzende der Deutschen Pflegerates, Christine Vogler, bestätigte diese Erfahrung im rbb-Inforadio: "Das Pflegeberufsgesetz, das vieles verbessern soll, kommt leider zur Unzeit. Auf den Stationen sind viel zu wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Leute schaffen schon ihre normale Arbeit nicht", sagt Vogler. "Und dann kommen noch die vielen Auszubildenden, die wir brauchen, um den Mangel zu beheben. Die müssten gut angeleitet werden. Das kann keiner mehr leisten."

Anspruch und Wirklichkeit in der neuen Pflegeausbildung klaffen offenbar weit auseinander. Sie müssen schnell angepasst werden – damit nicht noch mehr Auszubildende vorzeitig ihre Sachen packen und gehen.

Sendung: Inforadio, 05.10.2021, 06:50 Uhr

Beitrag von Thomas Rautenberg

28 Kommentare

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  1. 28.

    Das ist es eben was uns Bürger auf die Palme bringt. Angeblich sind wir ja ein reiches Land. Könnte ja mal sein wenn die erarbeiteten Werte richtiger eingesetzt werden. Warum gibt es keine Politiker im Niedriglohnbereich ? Schaut mal genau hin was schon alles in euren Kommunen so passiert und schief läuft.

  2. 27.

    Ich war gerade im Krankenhaus. Die Pfleger sind engagiert und leisten einen großartigen Dienst.
    Dazu reichen aber keine großen Worte. Es müssen Arbeitsbedingungen und die Bezahlung dringend verbessert werden.

  3. 26.

    Ich befinde mich selbst in der Aubildung zum Pflegefachmann.
    Vorab: Durch das Pflegeberufegesetz in Verbindung mit dem Pflegeausbildungsfonds bekommen die Ausbildungsbetriebe komplett kostenfreie Azubis - manch böse Zungen sagen "billigste Pflegehelfer*innen". Nicht nur das Engelt, auch ein Teil des Gehalts der Praxisanleitung, sämtliche Literatur usw. werden aus dem Pflegeausbildungsfonds erstattet.
    Der hauptsächliche Grund für Enttäuschungen und letztlich Abbrüchen von Azubis ist: Viele Praxisbetriebe, Praxisanleitungen und Teams vor Ort setzen nicht einmal die minimalsten inhaltlichen und formalen Anforderungen um.
    Das Argument der fehlenden Zeit ist, so habe ich den Eindruck, nur vorgeschoben. Die kostenfreie und zeitlich erheblich Entlastung durch die "Azubi-Pflegehelfer*innen" wird auch nicht ansatzweise für deren zielgerichteten "Schulung" verwendet. Doch die Azubis, die natürlich die Prüfungen bestehen wollen, also den Pflegeprozess umfassend beherrschen wollen, stehen vor einem Dilemma und ziemlich alleine dar. Die Schulen können da nur appellieren. Die Praxisbetriebe werden wahrscheinlich nicht alleine das Problem lösen (wollen), weil es um die Veränderung ihre eigene Struktur geht, die sich über Jahrzehnte "bewährt" hat, so dass es einen Fachkräftemangel gibt.
    Aber genau das Aushalten von Widersprüchen und die schrittweise Veränderung dieser ist ein Inhalt der Ausbildung von "Pflegefachmenschen". Insofern selektiert die prekäre Ausbildungssituation möglicherweise unbeabsichtigt die "Richtigen".

  4. 25.

    Auch dann wird das Problem nicht gelöst. Mal abgesehen davon, dass dann die Beiträge zur GKV extrem steigen müssen.

    Vielleicht sollte man den Zivildienst wieder einführen und für alle Geschlechter verbindlich machen.

  5. 24.

    Ja warum hat man den vor 1990 nur in der DDR nix über schlechte Zustände in irgendwelchen Bereichen gehört? War natürlich alles super damals, schon klar.

  6. 23.

    Es ist kein Geld da. Genauer, es ist kein Geld für die Pflege da. Merkel hat das Geld anderweitig verbuttert. Merkel selbst wird nie vom Pflegenostand betroffen sein.

  7. 22.

    Nein. Das sind private Unternehmen. Die prüft keiner einfach so. Mit viel Glück mal das Finanzamt oder mit Ankündigung die Hygiene nach einem anonymen Hinweis. Arbeitsbedingungen oder Aus- und Einnahmen überwacht keiner.

  8. 21.

    ´Die Ausbildungsbereiche erhalten nach dem Gesetz sehr viel Geld....
    Wie sollen sich die Anleiterinnen, die ja auch einen Job haben, aufteilen? Das geht nur auf dem Papier!´"
    Wo bleibt den das Geld, wenn dann doch keine Anleiterinnen vorhanden sind? Klingt doch wieder nach Profitmaximierung auf Kosten der Azubis, der Patienten und der Ausblidung. Müssen Pflegeeinrichtungen nicht nachweisen, wofür sie das erhaltene Geld ausgeben?

  9. 20.

    Einfach den Pflegekräften 5000 € Brutto im Monat zahlen und man wird sich vor Begeisterten nicht retten können.

    Und ich brauche keine Angst zu haben, dass ich mit 80 am Tropf hängen bleibe und einen einsamen Abgang mache, weil Roksana in diesem Augenblick mit 20 anderen Patienten gleichzeitig beschäftigt ist.

  10. 19.

    Es geht hier gerade um den Pflegebereich. Richtig ist doch aber, das Problem Abbrecher ist flächendeckend. Heute ist es spannender Influenza zu sein oder vergleichbares (Nichts-) Tun. Handwerkliches Arbeiten oder halt Berufe in der Pflege, alles unattraktiv, weil richtiges Arbeiten, viel zu schwer, auch an Wochenenden, Feiertagen.
    Arbeitskräfte deshalb aus dem Ausland zu holen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Auch, weil genau dadurch Gehälter nicht steigen.

  11. 18.

    Das Problem war absolut vorhersehbar. Da das Niveau angehoben werden musste bei der generalisierten Ausbildung ,fallen jetzt viele Azubis ,die früher exam.Altenpfleger geworden wären hinten runter. Die Folge wird sein, das in der Altenpflege zukünftig noch weniger ausgebildetes Personal zur Verfügung stehen wird. Für den Ausbildungszweig der Altenpflege kann man sich nach 2 Jahren entscheiden. Das Problem ist, daß viele Azubis es erst gar nicht dahin schaffen. Das haben die sogenannten " Experten",die sich diesen Blödsinn ausgedacht haben,wahrscheinlich nicht bedacht.

  12. 17.

    Na laut gewisser Medien ist doch Merkel die Beste Kanzlerin.
    Und Rot-Rot-Grün in Berlin scheint die Progressivste Regierung Ever zu sein. Wirtschaftsboom de Luxe und Armut wie von Geisterhand verschwunden.

  13. 16.

    Wo haben sie das mit der BESTEN REGIERUNG her ? Bessere haten wir schon; da stimme ich zu.

  14. 15.

    Unsere Freiheit wurde am Hindukusch verteidigt wiederholte kürzlich die Ministerin Karrenbauer. Kenne ich doch schon vom Peter Struck. Der konnte aber nicht ahnen, dass alles so enden würde. Die Taliban sind mächtiger denn je und den Binh Laden hätte man auch ohne Krieg liquidieren können. Aber: Wer gab den "Freiheitskämpfern" überhaupt die Waffen ? Fangen sie mal beim dämlichen IRAK-Krieg an. Damals waren die USA mit dem IRAN noch dick befreundet-o.ä.

  15. 14.

    Ein mutiger Pfleger hatte Merkel im Wahlkampf über die Zustände in der Pflege informiert.
    Warum wurde das Problem nach 4 Jahren nicht gelöst???

  16. 13.

    Der Begriff: Die gebildete deutsche Nation stammt leider noch aus der DDR. Wir haben mit einem Lehrerehepaar uns ein größeres Stück Gartenland geteilt. Erst nach 1990 hörten wir Klagen über die schulischen Begebenheiten.

  17. 12.

    Verschleudert hat man in Afghanistan nichts. Solche amateurhaften Vergleiche sind lächerlich.

  18. 11.

    5-10 Jahre in der "Einöde" sind mizunter angenehmer als in einem Großklinikum in Schichtarbeit zu schuften. Waren sie schon mal urlaubsmäßig auf dem Land oder in einer Kleinstadt im Norden Brandenburgs ? Tun sie das mal.

  19. 10.

    Wie kann es sein, dass im Land mit der Besten Regierung der Welt Massen an Klinikpersonal fehlt???
    Läuft da was falsch???

  20. 9.

    Ich habe vor fünf Jahren den Pflegeberuf an den Nagel gehängt und bin vom Regen und die Traufe gewechselt, denn heute bin ich Lehrerin. In einem Job, für den man Überzeugungstäter sein muss, ist man in diesem Land immer in den "Allerwertesten" gekniffen, denn solange den Bürgern und den von Ihnen gewählten Politikern Autos und Fussball wichtiger erscheinen als gute Pflege und Bildung, wird sich daran auch nichts ändern. Was wir brauchen ist nicht eine neue gesundheitsbeauftragte Marionette im Bundestag, sondern ein Umdenken in der Gesellschaft. Entwicklung findet bekanntlich nur außerhalb der Komfortzone statt und an dem Punkt liegt es an jedem Einzelnen diese voranzutreiben.

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