Steigende Lebensmittelpreise - "Ich brauche im Monat 50 Euro mehr als vor einem Jahr"

Eine Frau füllt in einem Supermarkt in Berlin-Wilmersdorf ein Mehrwegnetz mit Äpfeln. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Video: Abendschau | 06.10.2021 | T. Rostek | Bild: dpa/Christoph Soeder

Die Berlinerin Romy Puhlmann muss mit wenigen Hundert Euro im Monat auskommen. Durch die Corona-Pandemie stiegen die Preise rasant. Puhlmanns fünfköpfige Familie kann sich nun eine gesunde Ernährung kaum mehr leisten. Von Thomas Rostek

Romy Puhlmann steht mit dem großen, dunkelroten Kastenwagen ihrer Mutter in der Nähe eines Discounters in Lichtenberg. Es ist 8:30 Uhr und fast schon zu spät, um für ihre fünfköpfige Familie einkaufen zu gehen. Normalerweise stehe sie schon vor Ladenöffnung vor dem Geschäft, weil es früh morgens die besten Angebote gäbe, sagt sie.

Die vierfache Mutter lebt von Hartz IV und muss ganz genau kalkulieren, was sie ausgeben kann und was nicht. Sie ist alleinerziehend und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, ihren Job auszuüben. Abzüglich aller Fixkosten hat Romy Puhlmann rund 500 Euro monatlich für sich und ihre Familie zur Verfügung.

Die steigenden Verbraucherpreise machen der Familie große Sorgen. "Ich brauche im Monat ungefähr 50 Euro mehr, als ich vor einem Jahr gebraucht habe", sagt sie und blättert ein letztes Mal im Auto durch die Prospekte und schreibt die letzten Punkte ihrer Einkaufsliste auf.

16 Euro bleiben für den Rest der Woche

Die Preise für frische Lebensmittel sind im vergangenen Jahr vor allem wegen der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Ob Äpfel, Strauchtomaten, Radieschen oder ein Sack Kartoffeln – viele Obst- und Gemüsesorten sind teurer geworden. Durchschnittlich neun Prozent mehr müssen Kund:innen heute im Vergleich zum Sommer 2020 beispielsweise für Gemüse zahlen, so eine Analyse der Agrar- und Informationsgesellschaft (AMI).

Für Familien, die mit wenig Geld auskommen müssen, wird das zum Problem. Auf dem Weg zum Discounter erzählt Romy Puhlmann, dass sie nicht noch mehr am Essen für die Kinder einsparen könne. Deshalb bleiben mittlerweile andere Dinge auf der Strecke: "Wir haben die Musikschule meiner Tochter eingespart. Wir haben uns als Familie zusammengesetzt und gesagt: 'Okay, wir müssen irgendwas einsparen.' Dann hat meine Tochter gesagt, dass sie darauf verzichtet." Das habe ihr als Mutter leidgetan, aber irgendwo müsse man Abstriche machen.

Steigende Lebenshaltungskosten treffen vor allem Geringverdiener

Dass die steigenden Lebenshaltungskosten besonders die Geringverdiener im Verhältnis deutlich schwerer treffen, davor warnen auch Sozial- und Wohlfahrtsverbände. Damit sich alle Menschen eine gesunde Ernährung leisten können, sehen sie die Politik in der Verantwortung: "Damit es bei der Versorgung mit so wichtigen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse nicht zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft kommt, müssen die Hartz-IV-Regelsätze angehoben werden. Die aktuellen Sätze sind zu gering, um den tatsächlichen Grundbedarf erwerbsloser Menschen zu decken", sagt Dr. Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin.

Die Arche greift der Familie unter die Arme

Nach rund einer halben Stunde kehrt Romy Puhlmann mit einem vollen Einkaufswagen zurück auf den Parkplatz. Fast 24 Euro hat sie ausgegeben, für die restliche Woche bleiben ihr also noch 16 Euro. "Ich hatte beim Obst und Gemüse heute Glück, weil einige Sachen reduziert waren. Es gab reduziertes Suppengrün und reduzierte Karotten. Und dann gab es zwei verschiedene Salate im Angebot, deshalb habe ich die Tomaten weggelassen. Die waren mir zu teuer, die kosteten drei Euro."

Obwohl mehrere Tüten und ein voller Weidekorb auf der Rückbank des Autos stehen, wird der Einkauf kaum bis zum Ende Woche reichen, glaubt Romy Puhlmann. Jetzt müsse sie die Lebensmittel schnell nach Hause bringen, weil sie am frühen Nachmittag ihre zehnjährige Tochter Lilli von der Schule abholen muss.

Die Fünftklässlerin hat immer montags nach der Schule die Möglichkeit, in die Arche zu gehen. Das Kinder- und Jugendhilfswerk liegt direkt an der nördöstlichen Stadtgrenze von Berlin im Bezirk Hellersdorf. Damit das Mädchen dort Hausaufgaben machen, mit anderen Kindern spielen und eine warme Mahlzeit bekommen kann, muss Romy Puhlmann fast neun Kilometer mit dem roten Kleinbus über die volle Landsberger Allee fahren. Stop and Go – für Mutter und Tochter ist das kein Problem. Sie drehen das Radio laut auf und singen mitten im Stau gemeinsam ihre Lieblingslieder.

Steigen die Preise weiter, sind Lebensmittelspenden ein Muss

Bernd Siggelkow ist Gründer der Berliner Arche. Er kennt Familie Puhlmann schon länger. Als Mutter und Tochter am Eingang seines Büros ankommen, hat er gute Nachrichten. Heute kann er Romy Puhlmann eine große Lebensmittelspende mit nach Hause geben.

Im Lager der Arche stapeln sich Dutzende Pakete Windeln, etliche Konserven, Einmachgläser und auf einem kleinen Tisch liegen mehrere Plastikboxen mit frischen Lebensmitteln. Auf zwei von ihnen liegen rote Zettel mit der Aufschrift "Puhlmann". Für die Mutter sind die Kisten eine große Hilfe: "Es sind vor allem Sachen dabei, wo ich heute davorgestanden habe und sie mir eben nicht in den Wagen gelegt habe, zum Beispiel Orangen oder Bananen, weil sie mir heute Morgen einfach zu teuer waren."

Für Bernd Siggelkow sei seine Hilfe für Kinder, Jugendliche und deren Familien eine traurige Lebensaufgabe, sagt er. "Eigentlich möchte ich nicht, dass es eine Arche geben muss. Ich würde gerne schließen, wenn es keine Kinderarmut mehr gäbe. Wir machen hier eine staatliche Pflichtaufgabe, aber der Staat versagt in vielen Bereichen." Die steigenden Verbraucherpreise seien eine Katastrophe für die Menschen, die sich sowieso schon abgehängt fühlten. "Wir haben einen Hartz-IV-Satz, der reicht nicht mal aus, um Kinder wirklich gesund zu ernähren."

Romy Puhlmann ist dankbar für die Hilfe von Siggelkow und seiner Arche. Sollten die Lebensmittelpreise aber weiter ansteigen, wird sie wohl noch stärker auf Lebensmittelspenden angewiesen sein: "Das würde für uns bedeuten, dass wir in den sauren Apfel beißen und uns auch wieder bei der Tafel anstellen müssten."

Sendung: Inforadio, 06.10.2021, 11:40 Uhr

Beitrag von Thomas Rostek

47 Kommentare

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  1. 47.

    Bitte keine Unwahrheiten verbreiten: Dass man von kalkhaltigem Wasser mehr Durst bekäme ist schlicht falsch! Kalkhaltiges Wasser ist im Allgemeinen gesund für Menschen und nur für Waschmaschinen und Geschirrspüler schädlich. Ich trinke seit fast 50 Jahren Berliner Leitungswasser und bin sehr zufrieden damit. Dasselbe bestätigen mir Familie und Freunde. Das Risiko größeren Dursts nach dem Trinken besteht z.B. viel eher bei zuckerhaltigen Limonaden. Wenn Sie persönlich Probleme mit Leitungswasser haben, glaube ich Ihnen das natürlich; eventuell sollten Sie dann die Installation in Ihrem Haus prüfen. Aber bitte keine verallgemeinernden Gerüchte in die Welt setzen. Danke.

  2. 45.

    Berlin hat gewählt. Ab 01. November 2021 wird Alles besser ! Ihr dürft die Hoffnung nicht aufgeben ! Die neuen Strecken für die Radfahrstreifen stehen schon fest ! Und die Ausschreibungen für die Anwälte die Berlin bei den Enteignungsprozessen vertreten werden schon bald erarbeitet. Unsere Politiker können nicht Alles gleichzeitig voranbringen. Habt bitte Verständnis ! ! !

  3. 44.

    Es ist einfach nur noch ekelhaft, wie sich hier so das Maul zerrissen wird, obwohl man keine oder nur halbe Ahnung hat.
    Hat sich eigentlich nur einer hier mal die Mühe gemacht, sich die Aufschlüsselung der Regelsätze anzuschauen?
    Als Paar bekommt man schon mal grundsätzlich weniger, Kinder in Altersstufen auch. Somit kann man in diesem Fall ja wohl kaum 5*5*30 rechnen.
    Strom bezahlt das Amt nicht, dafür sind rund 38€ für einen Erwachsenen vorgesehen, Kinder natürlich weniger. Wenn da dann aber mehr Abschlag fällig ist, muss man das woanders einsparen.
    Unterhalt/Vorschuss und Kindergeld wird zu 100% angerechnet. Verdammt viele Bezieher sind Aufstocker, gehen also arbeiten und bezahlen mit ihren Steuern das aufstockende Hartz IV auch noch selbst.
    Ab und an schadet ein bisschen "erst informieren, dann brüllen" nicht

  4. 43.

    Vielleicht sollten Sie sich einfach mal informieren, bevor Sie hier wie viele andere irgendwelche Halbwahrheiten von sich geben.
    Stromkosten wurden vom Amt noch nie bezahlt, die zahlt man aus dem Regelsatz.
    Und Unterhalt, egal wie viel, wird zu 100% angerechnet. Man hat also nicht einen Cent mehr als wenn der Vater nicht zahlt.
    Aber Hauptsache, man kann motzen

  5. 42.

    Ich hasse es, wenn Menschen etwas behaupten und glauben, es sei richtig so.
    Wenn man keine Ahnung hat.....
    Kindergeld und Unterhalt/Unterhaltsvorschuss wird zu 100% angerechnet. DAS GIBT ES NICHT ZUSÄTZLICH!
    Und Wohngeld bekommt man auch nicht. Das schließt Hartz IV nämlich aus.
    Aber Hauptsache, man kann immer und überall gegen alle Hartz IV Bezieher schießen, ohne Ahnung zu haben.

  6. 41.

    Sehr geehrte/-r Frau/Herr „CD (1.)“,
    leider haben Sie nicht beachtet daß das Berliner Wasser einen sehr hohen Härtegrad besitzt und sehr kalkhaltig ist. Trinkt man ein Glas, bekommt man noch mehr Durst. Ich bin leider auf Medikamente angewiesen und nehme diese nur mit Mineralwasser ein. Bei Einnahme mit Leitungswasser habe ich das Problem mit Durchfall.
    Mit freundl. Grüßen

  7. 40.

    Ja das sind 750 Euro - wenn Du aber das Video abspielst dann wird dort ein Harz IV Regelsatz von 5 Euro pro Tag angegeben und das passt nicht zu den 500 Euro die sie angibt. Unsere 4,30 Euro sind ganz einfach errechnet in dem ich mal die Ausgaben für Lebensmittel bei uns im Haushalt auf Person und Tag runtergerechnet habe. Wir haben ja ein Haushaltsbuch. War nur mal neugierig wie weit wir wohl drüber sind und war dann erstaunt das wir ohne darauf zu achten sogar darunter liegen. Also komme ich zu dem Schluß das 5 Euro am Tag für Lebensmittel pro Person doch reichen. Und wir essen gut. Daher denke ich schon das ich die 4,30 Euro drücken könnte.
    Ach ja und nur weil wir eben von 4,30 Euro gut essen gönnst Du uns eine hohe Miete - interessanter Ansatz.

  8. 39.

    Rechne doch mal 5 x 5 x 30 und vergleiche es mit den 500 Euro.

    "Sie ist alleinerziehend und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage, ihren Job auszuüben."
    Also selbst schuld und alle sollen gefälligst so leben wie wir? Wie du die 4,30 Euro noch groß drücken willst,würde mich stark interessieren.

    Bei deiner Einstellung bin ich nicht ganz unglücklich über die Horrormiete..
    Und da diese Einstellung in der Bevölkerung weit verbreitet ist,wird sich für die Mehrheit der Gesellschaft auch nichts verbessern.

  9. 38.

    Nicht nur Lebensmittel werden teurer auch Medikamente, wobei die Krankenkassen nur einen Teil bezahlt weil sie sich uf den Standpunkt stellt die Regelmedikamente reichen aus, ob sie ausreichen, zudroehnen, arbeitsunfaehig, vor allem lebebensunfaehig machen, egal. Man kann klagen, aber auch verlieren, obwohl Medi in anderen Ländern zugelassen und auch wirklich hilft. Der tatsächliche Preis spielt dabei nicht die Rolle, ehr das Prinzip. Es kommen da im Monat mal llocker 150 und mehr zusammen, die keiner uebernimmt.

  10. 37.

    Endlich jmd, der das genauso sieht, wie wir. Genauso wirtschaften wir auch, und es geht uns sehr gut dabei, und wir genießen sogar den teuren Biokaffee. Man muss es nur wollen! Und bei uns sind die Lebensmittel immer noch vergleichsweise günstig.

  11. 36.

    Im Beitrag werden 5 Euro für Lebensmittel als Regelsatz für Lebensmittel am Tag angegeben. Also da verstehe ich das Jammern nicht. Ich habe das mal runtergerechnet auf unsere Familie. Wir kommen auf 4,30 Euro pro Person/Tag und essen dabei viel Gemüse/Bio/Abwechslungsreich und selbst gekocht. Wir kommen auf diese 4,30 Euro am Tag ohne dabei irgendwie bewusst sparsam zu sein - sprich da würde noch deutlich was gehen wenn wir müssten. Wäre ich HarzIV würde ich auch bewusster kaufen - was weiß ich grundsätzlich 2 Tage die Woche Eintopftag usw um etwas für die Kinder und größere ungeplante Ausgaben zurück zulegen. Sprich diese 4,30 Euro könnte man sicherlich noch drücken wenn man muss. Und wenn Tomaten keine Saison haben sind sie eben teuer - dann mache ich eine leckere vegetarische Kohlpfanne, einen gesunden billigen Linseneintopf usw.... Wir arbeiten - trinken aber trotzdem Leitungswasser und keine Süßgetränke - braucht kein Mensch. Schließlich müssen wir die Horrormiete selber zahlen..

  12. 35.

    Auf welche Tatsachen begründen Sie denn Ihre Aussage das es den Menschen zu gut geht. Oder kann es sein dass Sie da was verwechseln ?
    Hier werden Meinungen geschrieben das setzt aber nicht voraus das es den Schreiber zu gut geht.
    Sie haben nichts verstanden.

  13. 34.

    Ich dachte immer, Hartz4 bedeutet Grundsicherung und nicht, dass man all die "schönen Dinge" haben kann, die jemand hat, der ein geregelten Arbeitsleben hat. Wenn man alles haben möchte, dann muss man halt arbeiten gehen!

  14. 33.

    Ja, und Chips hätten auch nicht wirklich sein müssen, und diese "Joghurt"-Ecken kann man sich auch viel günstiger selbst zusammen mischen aus Naturjoghurt und Müsli/Cornflakes etc. Da geht also durchaus noch was, um noch Geld für mehr Lebensmittel übrig zu haben.

  15. 32.

    Bei uns wird die Teuerung doppelt durchschlagen, weil wir noch zusätzlich mit der CO2 Steuer beglückt werden. Auch Nahrungsmittel brauchen Energie, von der Düngemittelherstellung, über den Bauern für die Traktoren, für die Zwischen-, Groß- und Einzelhändler, Transport ... all das wird dadurch teurer und wird sich in den Endprodukten im Einkaufswagen des Kunden akkumulieren.

  16. 31.

    Meine Güte, sind hier viele missgünstige Kommentare!
    Das Auto leiht sie sich 1x im Monat von ihrer Mutter, btw. , um Getränke zu kaufen. Und mit 40-50 € in der Woche würden wir nicht zurecht kommen (4 Personenhaushalt) und ich habe sie nicht jammern hören. Sie erzieht 4 Kinder und wenn sie das gut macht....da gibt's echt andere die sich im Nichtstun einrichten.....egal. Sie spart vom Satz Geld, um zu Weihnachten einen Baum und anderes zu haben. Das nenne ich verantwortungsvoll .
    Es ist erschreckend wie urteilend wir geworden sind. Vielleicht waren wir das schon immer, aber mein Empfinden ist, dass die Coronazeit asoziales, denunziantisches Verhalten gefördert hat.

  17. 30.

    Man kann dieses Gejammer einfach nicht mehr hören. Den Menschen geht es heutzutage wirklich zu gut.

  18. 29.

    Vollkommen Ihrer Meinung!! Jammern auf hohen Nivaue....und wir Blödköppe sollen das Glauben ...niemals!!!!

  19. 28.

    Also ehrlich gesagt... Wenn wie Im Video zu sehen ist etliche Getränkeflaschen gekauft werden, und dafür das Geld zum Beispiel für Brot nicht mehr reicht, frage ich mich doch, ob das wirklich sein muss, wo da die Prioritäten sind? Dann sollte man doch eher an den Getränken einsparen. Leitungswasser und Tee kosten fast nichts. Dann hat man mehr Geld übrig für wirklich sättigende Dinge.

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