EU hebt Verwertungsverbot auf - Brandenburger Bauern befürworten erneuten Einsatz von Tiermehl als Futtermittel

Archivbild: Ein Produzent präsentiert zwei Hände voll Tiermehl. (Quelle: Tobias Kleinschmidt/dpa)
Bild: Tobias Kleinschmidt/dpa

Tiermehl wurde im Zuge der BSE-Krise 2001 als Futtermittel bei Nutztieren verboten. Nun darf das tierische Eiweiß aber wieder an Schweine und Geflügel verfüttert werden. Brandenburger Landwirte befürworten diesen Schritt. Von Georg-Stefan Russew

Die Europäische Kommission hat ein 20 Jahre altes Verbot gekippt, tierisches Protein in Form von Tiermehl wieder an Nutztiere wie Schweine und Geflügel zu verfüttern.

Vertreter von Brandenburger Landwirten wie Bauernpräsident Henrik Wendorff begrüßen die Freigabe. "Es war nicht nachzuvollziehen, dass weiterverarbeitetes tierisches Eiweiß nicht in der Landwirtschaft als Futtermittel eingesetzt werden durfte", ergänzt Reinhard Jung, Geschäftsführer der Freien Bauern Brandenburg. Stattdessen würden bisher jährlich mehr als 30 Millionen Tonnen Soja als Eiweißträger aus Übersee nach Europa eingeführt. "Das ist ein ökologischer Irrsinn sondergleichen", betont Jung.

Landwirtschaftliche Tierhaltung

In Brandenburg befassen sich 3.500 Landwirtschaftsbetriebe mit Tierhaltung (Stand: März 2020). In diesen Betrieben waren zum Stichtag insgesamt 462.000 Rinder, 771.000 Schweine und 82.000 Schafe. Zehn Jahre zuvor betrug die Zahl der viehhaltenden Betriebe noch fast 4.000. Damals wurden 554.000 Rinder, 805.000 Schweine sowie 103.000 Schafe gezählt.

Ein anderer Trend zeigt sich bei Geflügel. Wurden 2010 noch gut 9,5 Millionen Geflügel gezählt, waren es vergangenes Jahr fast 10,7 Millionen. Den größten Anteil machen Hühner mit 8,9 Millionen Tieren aus.

Quelle: Statistikamt Berlin-Brandenburg [www.statistik-berlin-brandenburg.de].

Kommission stützt Entscheidung auf Gutachten

Für die Wiederfreigabe wurde eine entsprechende Änderung der Verordnung über das Verfütterungsverbot von tierischem Eiweiß durch die EU-Kommission angenommen. Das Verbot wurde 2001 im Zuge des Ausbruchs der Bovinen Spongiformen Enzephalopathie (BSE) beschlossen und dadurch Neuinfektionen unterbunden. Als Auslöser wurden falsch gefaltete Eiweißmoleküle ausgemacht. Übertragen wurde der BSE-Erreger durch das Verfüttern konterminierten Tiermehls.

Die Europäische Kommission stützt ihren Vorstoß für die Wiederzulassung auf wissenschaftliche Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Wie es darin heißt, wurden unter normalen Umständen bei Nicht-Wiederkäuern wie Schweinen oder Geflügel keine Anzeichen für Transmissible Spongiforme Enzephalopathien (TSE) festgestellt [efsa.europa.eu]. Auch BSE falle in diesen Formenkreis.

Allerdings schränkte die Kommission aus ethischen Gründen ein, das an Schweine kein tierisches Eiweiß verfüttert werden dürfe, das aus Resten von Schweinen hergestellt wurde. Analoges gelte für Geflügel.

Neues tierisches Protein habe nichts mit Tiermehl alter Generation zutun

Wendorff betont in diesem Zusammenhang, dass das tierische Protein nichts mehr mit dem Tiermehl von vor über 20 Jahren zu tun habe. "Wir sprechen hier von einer ganz neuen Generation", sagt der Brandenburger Bauernpräsident. Das verarbeitete tierische Protein stamme von gering riskanten tierischen Nebenprodukten, also von Tieren, die am Ort der Schlachtung für den menschlichen Verzehr geeignet waren, oder von Tieren stammen, die keine Anzeichen einer auf Mensch und Tier übertragbaren Krankheit zeigten. Tiermehl alter Generation sei Wendorffs Angaben zufolge komplett aus der Lebens- und Futtermittelkette ausgeschlossen.

Landwirtschaftsminister sieht keine Relevanz für Brandenburg

Das Verwertungsverbot von vor über 20 Jahren bezog sich allein auf Rinder und Schafe, ergänzt Reinhard Jung. Bei Schweinen und Geflügel dagegen gehöre tierisches Eiweiß zur natürlichen Ernährung. "Wer Hühner draußen beim Picken beobachtet, wird feststellen, dass sie Regenwürmer rausziehen und verschlingen", so Jung weiter.

Henrik Wendorff verspricht sich dadurch, problematische Soja-Importe aus ehemaligen Regenwaldgebieten zu stoppen und durch regionale tierische Eiweiße zu ersetzen. "Die Relevanz sehe ich für Brandenburg nach derzeitigem Stand nicht", sagt der Brandenburger Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Grüne) in einem kurzen Statement dem rbb. Er wolle sich mit der Thematik erst eingehender befassen, um ein abschließendes Urteil abzugeben.

Tiernahrungsverband zeigt sich zurückhaltend

Ebenso zurückhaltend zeigt sich auch der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT). Zwei Jahrzehnte spielte Tiermehl bei Futtermitteln für Nutztiere aufgrund des Verbots keine Rolle mehr, sagt Verbands-Geschäftsführer Peter Radewahn dem rbb. Die Hersteller hätten sich auf andere Produktionsbereiche verlegt.

Zudem könnten neue tierische Eiweiße - die nur aus Schweinen und Geflügel gewonnen werden - auch mengenmäßig Soja-Importe nicht einmal ansatzweise abdecken, so Radewahn.

Auch auf Seiten der Produktion käme es zu massiven Problemen, so Radewahn. Es herrsche das Credo der "Null-Toleranz". Das bedeute, dass im tierischen Eiweiß entweder nur Schwein oder nur Geflügel enthalten sein dürfe. "Dafür benötigt man jeweils eigene Werke. Das können Hersteller so gar nicht leisten", so der Verbandschef. Er sei sich nicht sicher, ob sich der Aufwand für die Hersteller überhaupt lohne.

Sehr viel entscheidender sei auch die Frage der Akzeptanz, ob Verbraucher den Wiedereinsatz von tierischen Eiweißen als Futtermittel überhaupt noch tolerieren würden. "Ich bin mir da nicht so sicher", sagt Radewahn.

Nur so viele Tiere, wie selbst Futter angebaut werden kann

Für Joyce Moewius vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ist das auch eine entscheidende Frage. In den vergangenen 20 Jahren habe es ein Umdenken bei Konsumenten hin zu mehr Bio gegeben. Sie findet es merkwürdig, den Einsatz von tierischem Eiweiß mit Soja-Importen zu verquicken.

So komme es bei der Zertifizierung von Ökolandbau-Betrieben beispielsweise darauf an, ob diese mindestens zur Hälfte ihre Futtermittel selbst anbauen könnten. Nur wenn Lupinen, Erbsen oder andere pflanzliche Eiweißträger nicht in ausreichender Menge in Bioqualität bezieh- oder anbaubar seien, könnten konventionelle Eiweißträger hinzugekauft werden. Das spreche für eine ganz andere Landwirtschaft. Es könnten nur so viele Tiere artgerecht in den Ställen gehalten werden, wie eigenes Futter selbst angebaut werden kann.

Sendung: Inforadio, 06.10.2021, 16:20 Uhr

Beitrag von Georg-Stefan Russew

19 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 19.

    Nun verrate ich ihnen doch etwas: In Nordhessen-im Frau Holle Land- nicht lachen-so nennt man die Gegend. Dort gibt es viele Kleinzüchter und eben die verarbeitenden Fleischereien-wenn diese nicht sogar auch Selbstzüchter sind. Schöne Gegend dort und da bin ich nun mal öfter als andere. Ahle Worscht kennt man dort und auch eine besondere Kundin: Frau Merkel; unsere Nochkanzlerin. Eine Fleischerei wirbt sogar mit dem Namen. Schrumpffleisch gibt es da nicht; garantiert. Suchen sie bitte nur nach der Ahlen Worscht. Sie finden diese Fleischerei. Versand vieler Dinge ist auch möglich.

  2. 18.

    Das Emoji welches sich an den Kopf fässt.. passt leider zu ihnen. Auch in der Bio-Landwirtschaft werden chemische Pestizide eingesetzt. Da sind Sie den Märchen der Bio-Lobby aber aufgesessen.

  3. 17.

    Was für eine Einfalt. Leute macht doch bitte mal den Faktencheck .Der wird immer ekelig ausfallen.Die Verwendung von tierischen Eiweissträgern in der Mast oder der Ernährung von Nutztieren ist so alt wie die Menschheit.
    Ein Schwein ist ein Poligastrit wie der Mensch. Frisst also Pflanzen und Tiere gleichermaßen.
    Und da ist uns ja auch nix ekelig bei Steak und Salat.Oder. Ach so nee , die Vegetarier nicht .
    Die gehen zum Doc oder essen Die Art Biosalat wo tierisches Eiweiß incl. ist.
    Hirn einschalten Leute.

  4. 16.

    Ein Fuchs aber auch, der Teddybär. Behält doch glatt so'n Top-Secret Ding für sich. Lassen sie mich raten ...
    Bauer, Freilandhaltung .... Hausschlachtung bzw. Landschlachthof
    Also lecker sind die Stücke von denen schon, eigenartigerweise ist es auch kein "Schrumpffleisch" ala 300g gekauft - 150g auf dem Teller.

  5. 15.

    Auch im Bio-Landbau kommt man nicht ganz ohne Pestizide aus. Es sind aber andere Substanzen als in der konventionellen Landwirtschaft.

  6. 14.

    Noch eine Ergänzung zu meinem Direktvermarkter. Ich werde nicht sagen wer das ist, sonst wollen alle dort kaufen und wir müssen wieder zu Aldi &Co.

  7. 13.

    Na dann guten Appetit beim Aldi-Schnitzel. Gott sei Dank kann ich bei meinem Direktvermarkter sehen was mein Schnitzel frisst.

  8. 12.

    Wie kommen Sie denn auf so etwas?? Ein Widerspruch in sich... Wenn dann werden diese Pestizide durch den Wind von den Giftfeldern zu den Biofeldern geweht. Darüber gab es eine breite Berichterstattung, ich glaube letztes Jahr. Aber ein zertifizierter Biobetrieb darf so etwas meines Wissens nach nicht einsetzen. Leider gibt es hier keine Emojis, aber ich hätte gern nur mit dem Emoji geantwortet, welches sich an den Kopf fässt...

  9. 11.

    Warum erst der Weg über das Tier ? Ist es nicht sinnvoller dieses Tiermehl direkt für die menschliche Ernährung zu nutzen ? Wie schmeckt wohl ein Tiermehlkuchen ?

  10. 10.

    Wer kennt den Spruch nicht ? : Der Mensch ist was er ißt. Was darf und sollte man heute noch essen ? Nicht jeder bekommt ja aus Russland ganz frischen Fisch aus dem Baikalsee.

  11. 9.

    Nicht nur das giftig Pestizide bei Bio-Anbau eingesetzt werden, dann auch noch sowas: "So komme es bei der Zertifizierung von Ökolandbau-Betrieben beispielsweise darauf an, ob diese mindestens zur Hälfte ihre Futtermittel selbst anbauen könnten. Nur wenn Lupinen, Erbsen oder andere pflanzliche Eiweißträger nicht in ausreichender Menge in Bioqualität bezieh- oder anbaubar seien, könnten konventionelle Eiweißträger hinzugekauft werden"

  12. 8.

    Wäre ich nicht schon auf vegan umgestiegen, wäre das ein Grund es zu tun. Das ist echt widerlich, Grade Tiere die sich nicht wehren können, gegen dieses System, einfach ein riesen pfui

  13. 7.

    Dann sollte das aber auch auf den Etikett stehen, das das Tier mit Tiermehl gefüttert wurde. Ne danke, bleib ich beim Bio. Oder zählt diese Art von Fütterung zu Bio? Oje.

  14. 6.

    Es ist eine Schande welche Blüten die Profitgier so treibt. Das ist ein Grund mehr diesen billigen Dreck nicht zu kaufen. Das Tierwohl interessiert heute nicht mehr. Ethik und Moral? Fehlanzeige.
    Einfach nur traurig. Aber wer viel und billig einkaufen will bekommt eben auch nur billige und minderwertige Produkte.

  15. 5.

    Das sind die gleichen Bauern die mit den Treckern nach Berlin kommen weil ihnen ja die Tiere so am Herzen liegen. Brandenburger Fleisch kommt bei uns nicht mehr auf den Tisch. Widerlich dieser Bauernverband

  16. 4.

    Toll, dann warten wir mal auf die nächste Prionenkrankheit.

  17. 3.

    Mal wieder ein zentralistischer Scheiß, der da den Tieren und damit den Verbrauchern aufgebürdet wird - und die "Brandenburger Bauern" befüworten das auch noch - widerlich. Aus Sicht der Tiere hätten die Menschen jeden Verstand verloren. Ich finde, es gibt genug Brandenburger Bauern, die diesen Dreck nicht verfüttern werden - auch wenn ich kein Fleisch mehr konsumiere, kann ich diesen verantwortungsvollen Landwirten nur danken, ihren Tieren dass nicht anzutun. Wann endlich wird die Massentierhaltung verboten?? Würde ich noch Fleischfresser sein, ich würde mir es nur von Biohöfen kaufen, die ich auch besuchen und die Tiere, die für mich ihr (und andere) ihr Leben geben, vorher sehen dürfte. Dieser Billigwahn hat erst zu diesem Irrsinn geführt.

  18. 2.

    Soylent Green... igitt! Und unsere echten Schweine fressen kein Chappi, sondern Insekten, Würmer und kleine Wirbeltiere. Aber KEINE Massen an Fleisch! Ekelig, einfach nur ekelig. Die Absatzprobleme folgen sicherlich, aber dann bitte nicht beklagen und Subventionen fordern, wenn so eine gequirlte S...e verfüttert wird und die Kundschaft im Strahl k...t schon beim Gedanken daran!

  19. 1.

    Na dann lasst es euch schmecken, guten Appetit.

Nächster Artikel