Sogenannter Share Deal - Vonovia umgeht Grunderwerbssteuer bei Übernahme der Deutsche Wohnen

Mi 27.10.21 | 11:55 Uhr
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Ein Auto der Firma Vonovia steht auf einer Straße in Berlin (Bild: imago images/Jürgen Ritter)
Bild: imago images/Jürgen Ritter

Vonovia glückte jüngst im dritten Versuch die mehrheitliche Übernahme der Deutsche Wohnen. Grunderwerbssteuern muss das Unternehmen aus Bochum für den Mega-Deal aber nicht zahlen. Der Konzern nutzt ein Steuerschlupfloch.

Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonovia hält mittlerweile 87,6 Prozent an der Wohnungsgesellschaft Deutsche Wohnen - Grunderwerbssteuer musste das Bochumer Unternehmen für diese Übernahme nicht zahlen. Das bestätigte Vonovia dem rbb am Dienstagabend. Vonovia profitiert dabei von einer Regelung, die in Berlin in den vergangenen Jahren besonders oft genutzt wurde: Die Grunderwerbssteuer wird bei Anteilskäufen von weniger als 90 Prozent nämlich nicht erhoben.

Diese sogenannten "Share Deals" machten in den vergangenen sechs Jahren in der Hauptstadt bis zu 31 Prozent der Transaktionen aus, bundesweit waren es hingegen nur maximal 15 Prozent pro Jahr. Das geht aus Daten des Bundesinnenministeriums hervor. Illegal ist diese Praktik nicht. Es handelt sich jedoch um ein Steuerschlupfloch, das ausgiebig genutzt wird.

Vonovia umgeht Zahlung in Höhe von geschätzt einer Milliarde Euro

Das Bochumer Unternehmen Vonovia hatte jüngst noch einmal Aktien an der bisherigen Nummer zwei der Branche Deutsche Wohnen einsammeln können. Damit glückte die mehrheitliche Übernahme im dritten Versuch.

Grünen-Finanzpolitikerin Lisa Paus schätzte anlässlich eines vorherigen Übernahmeversuchs im Mai dieses Jahres in der Frankfurter Allgemeinen [faz.net], dass Vonovia eine Steuerzahlung in der Größenordnung von einer Milliarde Euro umgehen werde. Sie bezifferte die Übernahme mit 18 Milliarden Euro und legte ihrer Rechnung eine Grunderwerbsteuer von 5 bis 6,5 Prozent zugrunde.

Die Grunderwerbsteuer wird normalerweise beim Kauf von unbebauten oder bebauten Grundstücken fällig. Diese beträgt je nach Bundesland zwischen 3,5 und 6,5 Prozent des Kaufpreises einer Immobilie - in Berlin sind es 6,0 Prozent. Bei einem Share Deal allerdings werden Immobilien in einem Unternehmen gebündelt, der Käufer übernimmt Anteile an dem Unternehmen. Es handelt sich streng genommen nicht um einen Immobilienkauf. Daher fällt die Grunderwerbsteuer weg. So reicht es, unter 90 Prozent an einer Gesellschaft zu erwerben, um die Zahlung von Grunderwerbsteuer zu umgehen.

Hohe Einnahmeverluste pro Jahr

Wie hoch die Verluste für die öffentliche Hand insgesamt sind, ist nicht bekannt. Eine offizielle Schätzung der Bundesregierung zu den Steuerausfällen durch Share Deals gibt es nicht. Das hessische Finanzministerium ging 2016 in einer eigenen Schätzung von Einnahmeverlusten für die öffentliche Hand von rund einer Milliarde Euro pro Jahr bezogen auf das gesamte Bundesgebiet aus [faz.de].

In Berlin könnten es laut einer Schätzung von Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) aus dem Jahr 2019 Einahmeverluste in Höhe von etwa 100 Millionen Euro im Jahr sein [tagesspiegel.de].

Sendung: Abendschau, 26.10.2021, 19:30 Uhr

37 Kommentare

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  1. 37.

    "Es handelt sich streng genommen nicht um einen Immobilienkauf. Daher fällt die Grunderwerbsteuer weg.
    Na dann ist ja alles klar. Wohnungunternehmen kaufen ja nie Immobilien. Weiss doch jeder....."

    Nun, kauft das Unternehmen eine Immobilie für ihren Bestand, fällt die Grunderwerbssteuer an.... Werden Aktien gehandelt eben nicht..... Wie gesagt, dann müßte jeder Aktionär wenn er eine Aktie an einem Immobilienunternehmen kauft, Grunderwerbssteuer zahlen.... Nur mal so...wie wollen sie das bei einer Aktie berechnen? Welche Bezugsgröße setzen sie an bei 100.000 Immobilien im Bestand? Und welches Bundesland soll die Steuern erhalten?

  2. 36.

    Es war kein Beschiss.
    Im übrigen, mit bescheissen können sich die soganannten " kleinen Leute" mindestens genauso gut aus, halt jeder nach seinen Möglichkeiten.

  3. 35.

    Da Vonovia rund 19 Milliarden Euro bezahlt hat und rund drei Viertel Immobilien in Berlin liegen, kann man grob abschätzen dass, hätte der Konzern Grunderwerbssteuer zahlen müssen wie jeder andere Grundwereber auch, rund eine Milliarde Euro an Steuern angefallen wäre. Aber wehe ein verarmter Rentner gibt eine kleine monatliche Zuwendung von seinem Enkel nicht an, damit die Grundsicherung ordentlich aufs Existenzminimum gekürzt werden kann, das ist dann eine Straftat. Diese ganze Suppe von schlechten Gesetzen, die die kleinen hängen und den großen noch einen Geldkoffer als Trinkgeld hinterherwerfen, kann man eigentlich nur noch als Steuer-Unrechtsstaat bezeichnen.

  4. 34.

    Das ist nicht mal "kreative Buchführung". Solange der Gesetzgeber die Rechtslage nicht ändert ist das rechtlich legal. Die "Außenwirkung" eines solchen Geschäftes ist einem Immobilienriesen doch völlig "Bendzko".

  5. 33.

    Beschiss bleibt Beschiss und die Kleinen, also wir müssen zahlen, wir können nicht so mit Geld und Einkommen umgehen.

  6. 32.

    Es handelt sich streng genommen nicht um einen Immobilienkauf. Daher fällt die Grunderwerbsteuer weg.
    Na dann ist ja alles klar. Wohnungunternehmen kaufen ja nie Immobilien. Weiss doch jeder.....

  7. 31.

    Hier kauft eine Firma eine andere...nicht mehr und nicht weniger. Eigentlich noch nicht einmal das. Es werden Aktien gekauft. Hätte dann nicht jeder Aktionär von DW oder Vonovia auch Grunderwerbssteuer zahlen müssen als er die Aktie kaufte? Der Begriff -share Deal- trifft hier nicht zu. Die Gedankenspiele der "Grünen" "Finanzpolitikerin" sind somit nur Gedankenspiele und beruhen anscheinend nicht auf fundiertem Wissen.

    Der Vergleich zwischen einem Share Deal und einem normalen Immobilienkäufer ist: Bei einem share Deal gibt es immer einen Partner mit min. 10%. Welcher Eigenheimbesitzer möchte einen 10% tigen Miteigentümer?

    Vielleicht weniger Polemik und Stimmungsmache dafür mehr Fachwissen.













  8. 30.

    Dank geht raus an die werten Politiker, die diese Steuerschlupflöcher ganz bewusst offen lassen. Stattdessen kann man ja einfach die Steuern für die Mittelschicht noch ein bisschen hochdrehen.

  9. 29.

    M. E. läuft die Diskussion fehl.

    Der Staat sollte die Grunderwerbsteuer für alle abschaffen, nicht für alle einführen.

    Schlanker machen ist die Devise.

  10. 28.

    Nun ist es aber auch keine Überraschung, dass Unternehmen jeden Schlupfwinkel nutzen, um Gewinne zu erzielen. Natürlich ist Kapitalismus zutiefst unmoralisch. Habt ihr etwas anderes erwartet?

  11. 27.

    Was ist unmoralisch, wenn eine Firma an eine Tochterfirma eine Immobilie überträgt? Solche Umstrukturierungen sind ganz normal ......... wollen Sie da jedesmal Grunderwerbssteuer kassieren? Es bleibt doch in der "Familie" .

  12. 26.

    Mir kommt es nur reichlich Doppelmoalisch vor wenn Arbeitgeber Steuern sparen wollen und verurteilt werden, Politiker aber Steuern verschwinden lassen werden sie gelobt. Manche sogar, ohne Wahl an die EU Spitze befördert. Aber dazu wird geschwiegen.

  13. 25.

    Die städtischen haben schon lange keine Hausmeister mehr. Meist wird mit externen Firmen gearbeitet. Eventuell gibt es noch Haushandwerker, die auf Weisung des Verwalters etwas reparieren und das kann bei der dünnen Personaldecke dauern. Vor Ort ist niemand mehr...

  14. 24.

    Ich bin Mieterin in einem Haus, dass eine italienische Firma gekauft und dann auch über einen Sharedeal an eine Tochterfirma weiterverkauft hat. Es ist im höchsten Maße unmoralisch! Dass solche Gesetzeslücken noch nicht geschlossen sind, ist absolut unverständlich. Wir Mieterinnen sind Spielbälle dieser Abzocker und Geldwäscher! Wann handelt die Regierung endlich!?

  15. 23.

    Arbeitgeber? Wem gibt ein Immobilienverwalter denn eine Arbeit, die es sonst nicht gäbe? Haben städtische Wohnungsbaugesellschaften etwa keine Hausmeister usw.? Und wenn eine Milliarde für Sie nur ein paar Euro sind, dann sind Sie zu bedauern.

  16. 22.

    Weil die Immobilienbranche den größten Anteil am Spendenaufkommen der CDU/CSU hat, hat die Unionsfraktion im Bundestag eine Abschaffung der Share Deals blockiert.

    Aber in der beginnenden Legislaturperiode ändert sich wahrscheinlich auch nichts, denn die FDP wird in der Ampelkoalition dafür sorgen, dass ihre Schäfchen ungeschoren bleiben. Einige Kommentare hier im Forum zeigen ja schon die Richtung.

  17. 21.

    Leider ist es in Deutschland so, dass sich Ministerien von externen "Experten" beraten lassen. Diese "Experten" schreiben ihre "Regeln" auf, die allzu oft direkt ins Gesetz Einzug finden. Das ist eine Praxis, die seit Jahren von verschiedenen Wirtschaftsmagazinen im TV als falsch kritisiert werden. Die Mitarbeiter in den Ministerien brauchen nicht ihr Gehirn anzustrengen, sie übernehmen einfach die Zuarbeiten der "Experten", die genau wissen, dass man so das Regierungshandeln bestimmen kann. Und da stellt sich die Frage, wer regiert in Deutschland wirklich. Es ist die Finanzwirtschaft, die Immobilienwirtschaft, die Versicherungswirtschaft usw.

  18. 20.

    Warum ziehen Sie die Berliner Regierung da hinein? Es handelt sich um Bundesrecht, und Berlin hat schon mehrmals den Gesetzgeber aufgefordert, endlich zu handeln. Aber da die CDU den Löwenanteil ihrer Spenden mittlerweile von der Immobilien"wirtschaft" erhält, wurde bloß die Schwelle für Share Deals angehoben – abgeschafft wurden sie nicht.

  19. 19.

    Wir haben eine berateraffäre und einen Mautminister. Die leben weiter in sauss und Braus. Die berateraffäre wurde sogar in ein höheres Amt befördert. Da jammern sie um die paar Euro die ein großer Arbeitgeber eingespart.

  20. 18.

    Bei aller sehr berechtigten und notwendigen Kritik an den Hausbesetzungen in Berlin: Wieviele Milliarden gingen unserem Staat dadurch eigentlich verloren?

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