Bioökonomie-Strategie für Brandenburg - Der Weg zur klimaneutralen Wirtschaft

Do 18.11.21 | 11:08 Uhr
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Menschen arbeiten auf dem Ökohof (Quelle: dpa/Johann Scheibner)
Bild: dpa-Symbolbild/Johann Scheibner

Bis 2024 muss die Landesregierung in Potsdam einen Plan vorlegen, wie Industrie und Landwirtschaft in Brandenburg nachhaltig und klimaneutral umgestaltet werden können. Einige zukunftsweisende Projekte gibt es bereits. Von Oliver Soos

Um zu zeigen, dass es die Landesregierung ernst meint mit dem Thema Bioökonomie, haben Forschungsministerin Manja Schüle (SPD) und Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Grüne) Anfang der Woche zu einer gemeinsamen Presse-Bustour zu Brandenburger Zukunftsprojekten eingeladen.

Erste Station ist das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP) in Potsdam-Golm. Dort arbeiten die Wissenschaftler am Ziel, biobasierte und bioabbaubare Kunststoffe herzustellen. Dass man diese in Zukunft dringend brauchen wird, verdeutlicht die Forscherin Antje Lieske mit eindrucksvollen Zahlen. Demnach wurden bis heute weltweit über acht Milliarden Tonnen Kunststoff produziert. Davon wurde nur gut eine halbe Milliarde Tonnen recycelt. Über fünf Milliarden Tonnen sind in der Umwelt gelandet.

Neue Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen

"Um Kunststoffe werden wir auch in Zukunft nicht herumkommen oder können sie sich vorstellen, auf eines dieser Produkte zu verzichten?", sagt Antje Lieske und projiziert ein Bild an die Wand, das Pflaster, Medikamentenverpackungen und Plastik-OP-Handschuhe zeigt.

Das Fraunhofer-IAP erforscht die Entwicklung neuer Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen und unterstützt Unternehmen, die Bioplastik produzieren wollen. Bei einem Verfahren wird aus Biomasse, wie z.B. Mais, Glucose gewonnen und aus dieser Milchsäure. Und das ist die Basis für Polylactid-Kunststoffe. Der große Vorteil dieser Bioplastik: sie baut sich nach fünf Jahren im Boden ab. Eines der wichtigsten Ziele der Forschung: den Kunststoff weicher machen, so dass aus ihm auch verschiedene Folien hergestellt werden können. Auf Äckern werden bereits Pflanzen mit Bio-Mulchfolie ummantelt. Diese kann nach der Anwendung einfach auf dem Boden liegen bleiben, weil sie sich nach einiger Zeit zersetzt.

Laut Lieske sorgen herkömmliche Kunststoffe pro Kilo für 1,7 bis fünf Kilo CO2-Emissionen. Polymilchsäure-Kunststoffe verbuchen demnach aktuell pro Kilo etwa 0,5 Kilo CO2-Emissionen, mit der Perspektive, dass die Emissionen zukünftig gegen null gehen werden.

Klimaneutraler Bauernhof

Die zweite Station, auf der Rundfahrt zu Brandenburger Bioökonomie-Projekten, ist der "Leibniz-Innovationshof" in Groß Kreutz (Landkreis Potsdam-Mittelmark). Der Großbauernhof soll bis 2027 zu einem Modell-Bauernhof umgebaut werden. Er soll aufzeigen, wie Landwirtschaft ressourcenschonend und klimaneutral funktionieren kann. Forschungsministerin Manja Schüle überreicht einen Förderbescheid. Es ist der zweite Teil einer 25 Millionen-Euro-Förderung des Landes. "Wir simulieren mit diesem Projekt den landwirtschaftlichen Betrieb der Zukunft. Hier sind fünf Hochschulen des Landes Brandenburg und 15 unterschiedliche Institutionen beteiligt und ich gehe davon aus, dass es noch deutlich mehr werden", sagt Schüle.

Auch auf dem Leibniz-Innovationshof geht es um die Reduktion von Emissionen. "In der Landwirtschaft geht es vor allem um Methan, das etwa die 30-fache Klimawirkung von CO2 hat und um Lachgas, das die 265-fache Wirkung hat", sagt Annette Prochnow. Sie leitet das Projekt von Seiten des Potsdamer Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB). Methan entstehe vor allem durch die Verdauung bei Kühen, Lachgas durch die Düngung der Felder. Bei den Kühen könne man die Methanemissionen nur bedingt verringern, durch die Verfütterung von Kraftfutter. Deutlich mehr Reduktion sei beim Pflanzenanbau möglich, so Prochnow.

Bodeninformationen sammeln, um Düngung zu verringern

"Es geht darum, so zu düngen, dass die Pflanzen den Stickstoff vollständig aufnehmen können. Das schafft man durch geeignete Fruchtfolgen und vor allem durch eine reduzierte mineralische Düngung und mehr Präzision beim Düngen", sagt Prochnow. Auf dem Leibniz-Innovationshof soll ein autonom fahrender Elektro-Traktor im Einsatz sein, der seine Energie über eine hofeigene Solaranlage bezieht. Mit Hilfe eines mit Technik ausgestatteten Spezial-Anhängers sollen Bodeninformationen gesammelt werden. Jana Käthner, von der Abteilung "Technik im Pflanzenbau" am Leibniz-Institut ATB, präsentiert den Anhänger als Mini-Modell in einem Glaskasten: "Er kann eine Texturanalyse durchführen und Informationen liefern, ob der Ackerboden sandig oder lehmig ist. Er kann den PH-Wert messen, dann weiß man z.B. bei saurem Boden, dass man hier gut Heidelbeeren anpflanzen kann. Eine Gammasonde liefert zudem noch Informationen über den Nährstoffgehalt des Bodens", sagt Käthner.

Auch eine Drohne mit Kameras soll zum Einsatz kommen und die Felder abfliegen, um z.B. Pflanzen zu finden, die erkrankt oder von Schädlingen befallen sind. So müssen dann nur einzelne Pflanzen mit Mitteln besprüht werden und nicht ganze Felder.

Auf dem Innovationshof soll auch eine Bioraffinerie gebaut werden, zur Produktion von Biofasern aus Schilfgras. Daraus sollen unter anderem Faserplatten für den Hausbau hergestellt werden oder Verpackungsmaterialien. Außerdem soll eine Insektenzucht proteinhaltiges Futtermittel liefern, um die umweltschädlichere Fischzucht ein Stück weit zu ersetzen. Im Idealfall entsteht in Groß Kreutz eine klimaneutrale Kreislauf-Landwirtschaft. 2022 soll der fünfjährige Umbau des Hofs beginnen.

Wand eines Mehrfamilienhauses mit strohgedämmten Wänden (Quelle: rbb/Oliver Soos)

Strohgedämmte Häuser

An der dritten Station der Bustour, in Wustermark (Landkreis Havelland), gibt es ein klimafreundliches Wohnprojekt zu besichtigen. Eine Gruppe aus Berlin, von 20 Erwachsenen und elf Kindern, ist hier aufs Land gezogen und hat zwei Mehrfamilienhäuser mit strohgedämmten Wänden gebaut. Astrid Goltz, eine der Bewohnerinnen erzählt, wie sie auf die Idee gekommen sind, Strohballen in die Wände einsetzen zu lassen. "Wir haben verglichen, wie gut unterschiedliche Stoffe dämmen und wie ökologisch sie sind und da hat das Stroh gewonnen." Goltz erzählt, dass sie sich in den Räumen sehr wohl fühle, dass sie im Winter erst spät anfangen müsse zu heizen und dass es im Sommer angenehm kühl sei. "Wenn ich das vergleiche mit den Orten, wo ich vorher gewohnt habe, dann ist es hier am besten", sagt Goltz.

Entworfen wurde das Haus von der "Planungsgemeinschaft Stroh unlimited" aus Buckow (Märkisch-Oderland). Die Architektin, Friederike Fuchs, erklärt die Klimafreundlichkeit des Dämmmaterials Stroh: "Es ist ein sehr ursprüngliches Produkt mit wenig Produktionskreislauf, mit wenig Energieverbrauch und kurzen Transportwegen. Beim Bau eines konventionellen Einfamilienhauses, also eines mineralwollgedämmten Kalk-Sandsteinbaus wird, im Vergleich zum Strohbau, so viel mehr Energie verbraucht, dass ich davon zwanzigmal mit einem Mittelklassewagen um die Erde fahren könnte", sagt Fuchs. Sie schätzt, dass deutschlandweit pro Jahr etwa 100 strohgedämmte Häuser gebaut werden.

Geniale Projekte in den Kinderschuhen

Das Ziel der Brandenburger Landesregierung sei es, Bioökonomie ganzheitlich im Land aufzubauen. Dazu gehören der Rohstoffanbau, Forschung und praktische Anwendungen, so die Vision von Umweltminister Axel Vogel. "Bioökonomie bietet eine unglaubliche Spannbreite. Wenn wir von der Erdölchemie auf eine Chemie auf Basis nachwachsender Rohstoffe umsteigen, wenn wir Häuser mit dem dämmen, was bei uns auf den Feldern wächst, dann schaffen wir Nachhaltigkeit. Wenn wir Tiere statt mit Fischmehl, mit Insektenmehl ernähren, entlasten wir die Ozeane und schaffen eine neue Einnahmequelle in Brandenburg", sagt der Grünen-Politiker.

Der Projekte sind allesamt so sinnvoll und genial, dass das Brandenburger Parlament wohl auch deshalb einstimmig für einen Ausbau der Bioökonomie gestimmt hat. Doch alle Projekte stecken noch in den Kinderschuhen.

3 Kommentare

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  1. 3.

    Wir können aber auch halb Brandenburg wieder vernaessen, sprich die Wiesen fluten, da ja die Wissenschaft nachweislich bewiesen hat, das selbst wieder nassgemachte Moore sehr viel Co2 einsparen.

  2. 1.

    "Plan vorlegen" und "gibt es bereits" ... sind super Formulierungen die alles über Denkweisen sagen ...
    bereits: heißt wir haben eine Idee aufgeschrieben, die andere irgendwann umsetzen und bezahlen: und verkaufen es als "ganz weit vorne";
    Plan: irgendwas ohne genaues End-Ziel, weil Klimawirksamkeit nur behauptet wird...wie in der Werbung

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