Oder-Spree - Wie ein Bio-Bauer ums wirtschaftliche Überleben kämpft

Mo 15.11.21 | 14:30 Uhr | Von Wolf Siebert
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Kampf ums Ackerland - Film von Boris Quatram und Marie von Mallinckrodt (15.11.21, 22:50)
Audio: Inforadio | 15.11.2021 | Wolf Siebert | Bild: rbb/Boris Quatram

Hohe Pachtkosten für Ackerflächen und niedrige Preise für Produkte schnüren Bio-Bauer Carlo Horn die Luft ab. Die Vergrößerung seines Betriebs kann sich der brandenburgische Landwirt nicht leisten. Wer hilft ihm? Von Wolf Siebert

Bio-Bauer Carlo Horn lässt die Ackerkrume durch seine kräftigen Hände gleiten. Im brandenburgischen Grünheide (Oder-Spree) bebaut er 180 Hektar. Nur 50 davon gehören ihm auch, der Rest ist gepachtet. Er führt hier einen der kleinsten Betriebe. An zusätzliches Land kommt er nicht ran. Zu teuer. "Wir sind hier wirklich umzingelt. Das Investorenland beginnt direkt hinter mir, hinter der B1, und ohne den großen Koffer Geld kommen wir als Kleinbauern an gar keinen anderen Boden mehr ran", sagt er.

In Brandenburg gehört schon die Hälfte der Flächen großen Agrarunternehmensgruppen. Das hat auch etwas mit der Finanzkrise zu tun und den geringen Zinserträgen, die man für klassische Anlagen bekommt. Das beobachtet auch Andreas Tietz, er ist Bodenmarktexperte des staatlichen Thünen-Instituts für ländliche Räume: "Es gibt Möbelunternehmer, es gibt Banker, Immobilienunternehmer, es gibt große Familienstiftungen von großen Konzernen", sagt er.

Er fügt hinzu: "Die Familie, die dahintersteht, hat Vermögen und diese Stiftung ist dann dafür zuständig, das Vermögen zu vermehren und wertstabil anzulegen und kommt dann darauf, dass man in die Landwirtschaft investieren will."

Ein Lebenswerk, aufgebaut über drei Generationen

Auch gehen der Landwirtschaft ständig Flächen verloren: Aus einem Acker wird Bauland, ein Parkplatz oder eine Biogasanlage. Flächenverlust und Finanzspekulation haben Folgen: Die Kaufpreise haben sich in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht, die Pachtgebühren sind im bundesweiten Durchschnitt um mehr als 60 Prozent gestiegen. Das hat dazu geführt, dass das "Höfe-Sterben" in Deutschland nach wie vor anhält. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der bäuerlichen Betriebe noch einmal halbiert.

Bio-Bauer Horn empfindet seine Situation als so unsicher, dass er in seinen Hof nicht mehr investiert. Die Gebäude liegen auf einem ehemaligen LPG-Gelände, dass er gepachtet hat. Dieses Land wurde an einen Investor verkauft, mit dem er sich jetzt um Pachtpreise und um das Eigentum an den Gebäuden juristisch streitet. Der Hof wird wohl auch an den Investor gehen.

Deshalb hat der kräftige und bärtige Landwirt die Haltung von Weide-Enten und die Zucht von Uckermärker Rindern aufgegeben. Auch wenn es ihm schwerfällt: "Das ist ein Lebenswerk, was über drei Generationen dort aufgebaut wurde im Nachwendebereich und wo es meiner Generation anheimgefallen ist, dieses Lebenswerk an einen Haken zu hängen und die Tiere zu verkaufen."

Ihm bleiben noch seine eigenen 50 Hektar Land. Eine Baugenehmigung für einen neuen Hof ist jetzt das Ziel. Mit dem Betrieb hat er sich auf Gräser und Futtermittel spezialisiert, die er zum Beispiel an Pferdebesitzer liefert. Um zu überleben, rücken die verbliebenen Höfe der Gegend enger zusammen. Egal ob bio oder konventionell.

EU-Agrarreform – (k)eine Hilfe?

Die Befürchtung Horns: Wenn Boden- und Pachtpreise weiter steigen, wird es trotz Kooperation eng. Auch wenn er von der Politik enttäuscht ist, nur sie kann ihm wirklich helfen: "Sie muss jetzt entscheiden welches Gesellschaftsmodell wir wollen. Wollen wir Kooperation und Wertschöpfung auf lokaler Ebene, dass auch die Kinder und Enkel hier in der Region noch eine Existenzberechtigung haben oder wollen sie, dass überregionale Investoren das Land aussaugen", sagt er.

Was die Summe der öffentlichen Gelder angeht, ist der Agrarbereich in der EU König: 55 Milliarden Euro pro Jahr – kein anderer Bereich wird so mit Geld ausgestattet. Damit werden auch Subventionen finanziert, das Motto: Wer viel Fläche hat, bekommt viel.

Weil davon kleinere Bauern nicht profitiert haben, wurde jahrelang über eine Agrarreform diskutiert. Auch ökologische Aspekte sollten in die künftige Finanzierung einfließen. Das Ergebnis hat viele ernüchtert: Bauern, Umweltverbände zum Beispiel, aber auch Grüne und Sozialdemokraten. Denn Parlament, Rat und Kommission haben entschieden, dass vieles in gleichen Bahnen bleibt. Es soll zwar mehr Geld für Umweltleistungen geben, und Gelder sollen stärker als bislang zugunsten kleinerer Betriebe umverteilt werden. Aber im Volumen ist das nur ein kleiner Teil, die großen Summen gehen auch weiterhin an die großen Betriebe. Und eine verpflichtende Obergrenze bei den Zahlungen pro Fläche wird es nicht geben.

Der Kampf ums Land hält an - das Höfe-Sterben auch.

Sendung: Das Erste, 15.11.2021, 22:15 Uhr

Bio-Bauer Carlo Horn und andere Bauern sind am Montagabend in der Dokumentation "Die Story im Ersten - Der Kampf ums Ackerland", um 22:15 Uhr im Ersten zu sehen.

Beitrag von Wolf Siebert

23 Kommentare

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  1. 23.

    Das größte Problem besteht darin, dass die Politik sich da tatenlos zeigt. Man sollte sich an die Festlegungen im Einigungsvertrag erinnern. Ich übersehe durchaus die Gesamtproblematik. Aber; Land, dass erst mal "weg" ist kommt kaum wieder. Genossenschaften sind eine bessere Zukunft und Lebensmittelqualität !

  2. 22.

    Guter Artikel zum Thema. Ausser vielleicht ein paar sinnfreie Beschreibungen von Ausserlichkeiten. Aber es ist wie mit der Bahn und der Monokultur: Ändert sich nichts.

  3. 21.

    Wenn man DW&Co enteignet (wird hoffentlich auf Bundesebene der Weg freigemacht) hat, kann man gleich mit "Familienstiftungen" weitermachen. Bio-Landwirte sollten generell das von Ihnen selbst bewirtschaftete Land gratis vom Staat verpachtet bekommen. Wenn der Staat dafür kein Land hat, soll er es sich mittels Enteignung holen.

    Und unabhängig von der Landwirtschaft könnte man diese ganzen Familienstiftungen auch einfach weg-versteuern. Sind eh nur ein Instrument des Wirtschafts-Feudalismus, das nicht in unsere Leistungsgesellschaft passt.

  4. 20.

    Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde!
    Und dann auch noch gleich doppelt "seine kräftigen Hände".
    Scheint den Verfasser (m/w/d) schwer beeindruckt zu haben.
    Ginge es um eine Frau, hieße es "Sexismus", Genderismus.

    Die Idee der Städter, einen Landwirt "anzustellen", finde ich beim ersten Gedanken noch ganz gut, Allerdings würde das, flächendeckend gehandhabt, zu üblen Problemen führen. Wenn sich nur noch "reiche Städter" einen Landwirt aus der Umgebung leisten können. Bisschen was von Leibeigenschaft hat das auch irgendwie.

  5. 19.

    Endlich mal ein Bauer der über die wirklichen Probleme klagt. Die Politik macht Gesetze für die Großbetriebe, die kleinen Bauern werden systematisch kaputt gemacht. Das kann man so wollen, für die Endkunden wird es dann ja vielleicht billiger, aber ob das für unsere Gesellschaft oder für die Umwelt gut ist, ist eine andere Frage. Die Antworten sind gar nicht so einfach.

  6. 18.

    Kann ich nicht.
    Es ist aber auch keine Schande an Unwissenheit zu leiden, es gibt schlimmeres.
    Schönen Tag noch

  7. 17.

    "Deshalb hat der kräftige und bärtige Landwirt..."
    Was haben denn Statur und Bartwuchs des Herrn jetzt mit der Geschichte zu tun? Habe ich da etwas überlesen? :-)

  8. 16.

    Hab letztens eine Reportage gesehen, da haben Stadtleute das Land für den Bauern gekauft und dem Bauern seine Arbeit bezahlt und dafür regelmäßig und "kostenlos" frische Produkte in Bioqualität nach Saison bekommen. Alle happy. Demos könnse organisieren, Volksentscheide, Straßen blockieren, Protest und Störungen aber sowas sinnvolles wie oben beschrieben oder ne eigene Wohnung/MFH, da is Ende Gelände.

  9. 14.

    Kann man denn in einem ausgesaugten Land überhaupt noch leben ? Irgendwann kommen auch die Kartoffeln aus China. :=(

  10. 12.

    Welche Lösung sieht man denn in der Uckermark ? Warum baut ihr da kein Elektroautowerk ? Regionalversorgung ist die Zukunft. :=)

  11. 11.

    Passend dazu die Doku:
    Goldgrube Bauland - Das große Geschäft mit Grund und Boden

    Und wenn man schon dabei ist,kann man sich auch noch "Oeconomia" anschauen. Dort wird Grundsätzliches thematisiert,was das obige Problem verursacht.

  12. 8.

    Ganz furchtbar. Wird Zeit, dass auch endlich an der Subventionspolitik was geändert wird. Auch ein Grund Grün zu wählen. Was jeder selber machen kann, kein Fleisch, Gemüse und Brot aus Supermarkt und Discounter. Und bevor wieder alle aufschreien wegen der Preise. Einmal die Woche ordentliches Fleisch. Ansonsten Gemüse. Das ist für auch für Kinder viel gesünder.

  13. 7.

    Einerseits einen "Ausverkauf" an ausländische Investoren beklagen und dann selbst mit der Auswanderung nach Polen "drohen"? Tolle Logik!

  14. 6.

    Ackerland in Bauernhand - das war mal. Wenn die Politik Verantwortung und Interesse hätte gäbe es das heutige Problem nicht. Wofür haben wir die Politiker überhaupt gewählt ? Wo will man eigentlich noch regionale Produkte anbauen ? In Spanien oder Italien ? Und dann noch BIO ( nicht ganz so viel gespritzt ).

  15. 5.

    Nur weiter so Ackerland an ausländische Investoren verscheuern. Brandenburg wird abgeschafft und wir werden nach Polen auswandern. Wenn man uns lässt.

  16. 4.

    Warum kämpfte gerade ein BIO-Bauer ums Überleben und nicht ein Mainstream-Bauer? Wir kaufen doch kaum Bio. Vielleicht war das die Ursache.

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