Tierschutz in Brandenburg - Blutige Klauen und entzündete Beine im Schweinestall

Do 04.11.21 | 12:41 Uhr | Von Amelie Ernst
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Ein Schweinestall (Quelle: dpa/Marijan Murat)
Video: Brandenburg aktuell | 04.11.2021 | Andreas B. Hewel | Bild: dpa-Symbolbild/Marijan Murat

Seit zwei Jahren wird das Landwirtschaftsministerium in Brandenburg von grünen Politikern geführt, noch länger gibt es einen Tierschutzplan. Doch die Kritik an der Haltung der Tiere lässt nicht nach. Was hat sich verändert? Von Amelie Ernst

Sauen, eingezwängt in Metallkäfigen, so eng, dass sich die Tiere nach der Geburt nicht um die frisch geborenen Ferkel kümmern können. Es sind blutige Klauen zu sehen, entzündete Beine, erstickte Ferkel. Die Bilder hat die Tierschutzorganisation Animal Rights Watch nach eigenen Angaben vor wenigen Tagen in einem Brandenburger Schweineaufzuchtbetrieb gedreht.

Tierschutz-Aktivistin Sandra Franz betont, das alles sei kein Einzelfall. "Das ist eine ganz normale Schweinezucht wie man sie in Deutschland findet. Die Sauen leben abwechselnd in körpergroßen Metallkäfigen und in Betonbuchten. Sie stehen immer in ihren eigenen Fäkalien und auf Spaltenböden. Sie sind einfach nur Gebärmaschinen, die Ferkel zur Welt bringen sollen."

Landesbauernverband: Landwirte brauchen finanzielle Unterstützung

Henrik Wendorff, der Präsident des Landesbauernverbandes, kennt solche Bilder. Doch Schuld seien nicht die Landwirte allein, sondern auch die Vorgaben und der allgemeine Preisdruck. "Ich würde von heute auf morgen den Hebel umlegen und alle Landwirte, die sich nicht an die schon sehr hohen derzeitigen Tierschutzvorgaben halten, stellenweise mit einem Berufsverbot belegen. Aber es geht auch um den Umbau einer gesamten Branche", sagt er.

Wendorff befürchtet, dass andere Länder billigeres Schweinefleisch liefern, wenn die Tierwohl-Standards in Deutschland erhöht werden. Und mehr Platz, damit sich die Schweine besser bewegen können, koste Geld. Die Fördergelder seien aber zu niedrig und die Auflagen zu hoch, so Wendorff. Zudem stünden sich Baurecht und Emissionsschutz gegenseitig im Weg, wenn man beispielsweise Schweinen "Außenklima", also frische Luft, ermöglichen wolle. "Beim Umbau unserer Ställe würden wir auch mehr Emissionen verursachen. Die sind klimaschädlich." Der Verbandspräsident wünscht sich daher beschleunigte Verfahren und mehr Geld für die Landwirte, die ihre Ställe tiergerechter machen wollen.

Landwirtschaftsministerium spricht derweil von "großen Erfolgen"

Bereits Ende 2017 hat das Brandenburger Landwirtschaftsministerium einen Tierschutzplan erarbeitet, als eines der ersten Bundesländer. Auf 182 Seiten steht seitdem geschrieben, wie man Nutztiere eigentlich halten sollte – auch von mehr Platz für Sauen ist dort die Rede, mit genauer Berechnung der Mehrkosten. Allerdings handelt es sich nur um Handlungsempfehlungen – an die sich niemand zwingend halten muss.

2019 wurde der Tierschutzplan überarbeitet; Tierhalter können sich inzwischen vom Land zur Verbesserung der Haltungsbedingungen beraten lassen. "Wir möchten natürlich, dass alle Tiere im Land tiergerecht gehalten werden", betont Silvia Bender, Staatssekretärin im inzwischen grün geführten Brandenburger Landwirtschaftsministerium. "Wir unterstützen das, indem wir verschiedene Fördermaßnahmen anbieten, beispielsweise, um Schweine auf Stroh zu halten." Und auch eine Richtlinie zur Weidetierhaltung sei in Arbeit. Vielen der 144 Handlungsempfehlungen sei das Ministerium schon nachgekommen, Schulungen hätten stattgefunden. Bender spricht von "großen Erfolgen".

Umweltverband enttäuscht vom Tierschutzbeauftragten

Das kann Axel Kruschat vom Umweltverband BUND nicht nachvollziehen. Fortbildungen und Beratungen seien gut, aber griffen längst nicht weit genug, so Kruschat. Kontrollen in den Ställen fänden viel zu selten statt – warum sonst brauche es erst Organisationen wie Animal Rights Watch, um drastische Zustände wie zuletzt in der Schweineaufzuchtstation aufzudecken.

Nach dem erfolgreichen Volksbegehren gegen die Massentierhaltung vor fünf Jahren habe nicht nur der BUND deutlich mehr erwartet – beispielsweise auch vom neuen Tierschutzbeauftragten. "Die Ergebnisse muss man als enttäuschend bezeichnen. Der Tierschutzbeauftragte zeigt eben nicht die Tendenzen und Probleme in der Tierhaltung auf, sondern er beschränkt sich darauf, Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben und Einzelfallberatung zu machen."

"In der Realität kommt nicht wirklich eine Änderung heraus"

Sieben Arbeitsgruppen aus Wissenschaft, Landwirtschaft und Gesellschaft begleiten die Umsetzung des Tierschutzplans, jede trifft sich mehrmals pro Jahr. Viel Zeit wurde schon investiert, hunderte Seiten Papier beschrieben. Doch im Ergebnis habe sich in den Ställen kaum etwas verändert, bilanzieren Umweltverbände.

Und auch Tierrechtsaktivistin Sandra Franz ist enttäuscht vom Tierschutzplan: "All diese Pläne, diese Kommissionen – was sie machen ist hauptsächlich Öffentlichkeitsarbeit. Es soll den Leuten suggeriert werden 'Ja, wir haben das Problem gesehen, wir packen das an'", sagte sie. "Aber in der Realität kommt da nicht wirklich eine Änderung heraus."

Im Brandenburger Landwirtschaftsministerium setzt man darauf, dass der Bund Gesetze nachbessert und Vorgaben verschärft. "Ich hoffe, dass die neue Bundesregierung dem gesellschaftlichen Wunsch nach besserer Tierhaltung nachkommt", so Staatssekretärin Silvia Bender. Die Einhaltung der Regeln kontrollieren muss dann allerdings das Land.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 04.11.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Amelie Ernst

28 Kommentare

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  1. 28.

    Aber gegen einen schönen Braten und dazu selbst gesammelte Pfifferlinge haben Sie bestimmt nichts einzuwenden ? Seien Sie froh, dass Sie nicht in Nordkorea leben. Dort müssen jetzt die schwarzen Schwäne dran glauben. Halten Sie sich doch 2 Kaninchen. Die futtern ihre Küchenreste gern. Sogar bei ALDI finden Sie Gemüseabfälle an bestimmten Stellen. Schweinezucht würde ich auf mind. 50% runterdrücken. Aber nie mehr Schweine so behandeln wie derzeit.

  2. 26.

    Wenn Sie sich um Flächenverbrauch für Pflanzen sorgen machen sollten Sie erst recht kein Fleisch essen. Das geht eine Menge Fläche für Futtermittel drauf, wesentlich mehr als wenn man die Pflanzen direkt isst.

  3. 25.

    Gut erkannt, es ist, das richtige Setzen von Anreizen, zumindest in der EU. Es gibt nicht ein einziges Projekt der "Grün*innen", was diesem Ziel näher kommen kann, im Gegenteil. Es hilft nicht, wenn eine kleine Minderheit dem Tierwohl dienen will(wirklich? Sind ja keine Wildtiere), durch weniger Tiere und weniger essen. Dann treten andere Probleme auf: Flächenverbrauch für Pflanzen, Mangelerscheinungen des Körpers u.a. Und deren Kinder wollen dann später auch vorwurfsvoll Moralisieren: das Quälen der Pflanzen durch ernten, bevor die Früchte runtergefallen sind, ist verwerflich...
    Also, richtige Anreize und eine gesunde ausgewogene Ernährung ist absolut keine Geschmackssache...

  4. 24.

    Ich wünsche mir den gleichen Einsatz vieler Kommentatoren auch für Flaschensammelrentner. Aber da höre ich nur Schweigen. Moralisch ist das bestimmt hochwertig.

  5. 23.

    Ein Teil der Kommentare liest sich gerade so, als ob das Landwirtschaftsministerium - und nicht etwa vorrangig die Tierhaltung - für die beklagenswerten Umstände verantwortlich wären. Aber für das antigrüne Weltbild ist es natürlich einfacher, wahlweise auf sein Recht auf Billigfleisch zu pochen, die Grünen als Verbotspartei zu geißeln oder eben als verlogen darzustellen, weil man gerade mal sein "Herz für Tiere" entdeckt hat.

  6. 22.

    Es ist schlimm,daß trotz vieler Bilder und Berichte ,die Menschen weiter egoistisch sind! Ich würde gerne die Verantwortlichen in die Ställe stellen ! Fleisch sollte viel teurer werden,damit die Menschen merken daß es keine Fließbandproduktion sein sollte,dieses Nahrungsmittel herzustellen. Es gibt schon viele Höfe,die als super Beispiel vorran gehen.Da benötigt man nicht jedesmal Zuschüsse!

  7. 21.

    "Sag mir was du isst, und ich sage dir wer du bist", das berühmte französisches Zitat könnte hierzulande weiterhelfen.
    Geben doch beispielsweise Franzosen und Italiener für Nahrungsmittel wesentlich mehr Geld aus als die Deutschen, und sind auch bereit mehr Zeit in die Zubereitung der Speisen zu investieren.
    In Deutschland muss es billig sein und wenig Arbeit machen, ein Besuch in Supermärkten in Deutschland zeigt den Unterschied anschaulich.

  8. 20.

    Zu was ist der Mensch noch fähig. Vielleicht sollte man das ganze mal umdrehen und die Menschen in solche buchten sperren damit sie sehen, wie es den Tieren geht. Ich verzichte freiwillig auf Fleisch wenn ich diese Haltung sehe.

  9. 19.

    bei den Grünen werden die Schwene zwar nicht artgerecht gehalten,aber sicher gibts Radwege gepollert fürs Personal um sicher in die tollen Ställe zu gelangen! Grüne Politik! Versprechen brechen auf ganzer Linie!

  10. 18.

    Verlogen ist ja noch reichlich untertrieben ! Der Kampf gegen ein paar rechtsextreme Spinner, Faschismus, vermeintliche Menschenrechte, Rassismus usw. hat absoluten Vorrrang. Tierschutz und deren Wohlergehen juckt im wahrsten Sinne keine Sau. Wo bleiben da die Were einer angeblich modernen Gesellschaft!

  11. 17.

    Herr Wendorff ruft natürlich gleich nach mehr Subventionen. Damit dann noch mehr Schweinefleisch nach Asien geliefert werden kann. Deutschland überschwemmt den Weltmarkt mit billigem subventionierten Schweinefleisch. Für die Zustände in den Ställen sind die Bauern verantwortlich. Der Markt für Fleisch aus besseren Haltungsformen ist in D schon längst da. Aber wie immer schiebt jeder dem anderen den schwarzen Peter zu. Und der grüne Landwirtschaftsminister ist nicht bereit den industriellen Zuchtbetrieben Paroli zu bieten. Der Tierschutzbeauftragte ist ein Papiertiger ohne Handlungsvollmacht. Und werden nicht immer noch neue Mastbetriebe im Land Brandenburg genehmigt mit den alten Standards genehmigt?

  12. 16.

    Vielleicht müssen Sie über eine bessere Gesetzgebung für Landwirte nachdenken? Ganz Europa behandelt Landwirte als notwendiges Übel. Sie behandeln die Tiere schlecht, sie schütten übel riechende Gülle aus, sie mähen hübsche Blumen auf dem Feld, sie peitschen die Kühe, um ihnen Milch zu geben. Und sie produzieren zu teuer, denn in Supermärkten kostet alles viel. Nur ein Mastbauer verkauft für 1 € und in einem Supermarkt kostet dieses Fleisch 10. Setzen wir die Kosten für den Bauern auf 50% und für den Verarbeitungsbetrieb auf 50% und es wird niemandem Subventionen geben müssen.

  13. 15.

    Den Grünen würde ich das schon zutrauen. Das würde ohne einen höheren Preis für Fleisch (oder beim Ausweichen auf billigeres Fleisch aus dem Ausland) die Landwirte halt in eine finanzielle Notlage drängen.
    Zudem glaub ich auch, dass die Koalitionspartner die Pläne der Grünen etwas ausgebremst haben.

  14. 14.

    Sie können dafür auf Strom und Heizung verzichten. Dann können sie auch Fleisch kaufen.

  15. 13.

    Am besten wechseln die Züchter dann in eine Umweltschutz Organisation. Die schießen wie Pilze aus dem Boden und in den oberen Etagen verdient man bestimmt mehr als als Schweinezüchter.

  16. 12.

    Seit wie vielen Jahren war das Landwirtschaftsministerium jetzt in der Hand der CDU?

  17. 11.

    Einfach Immer weiter Die grünen wählen …. Die sind ja super ökologisch eingestellt und aufs Tierwohl bedacht…. Träumt weiter

  18. 10.

    Warum leben Sie in Berlin ? Wie wäre es mit BIO-Schweinezüchter ? Außerdem; wir benötigen viel Schweinefleisch für den Export. Dafür kaufen wir dann hochwertige Elektronik aus China. Wir sind ja dazu zu blöd. ( Dies herzustellen aus wenigen Rohstoffen )

  19. 9.

    Wo sind denn da die ach so Grünen? Wenn Tiere gequält werden, dass scheint Ihnen egal zu sein, denn da sind sie absolut nicht eifrig bei der Sache, Hauptsache Radwege erschaffen, da sind sie ganz flott. Das ist alles so verlogen.

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