Studienautoren empfehlen mehr Komfort - Business-Klasse im Berliner ÖPNV könnte Gutbetuchte locken

Fr 24.12.21 | 16:24 Uhr
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Symbolbild: Ein teuer gekleideter Mann steigt in eine BVG-Straßenbahn (Quelle: dpa / Carsten Koall)
Bild: dpa

Wenn der Nahverkehr für alle da sein soll, lassen sich gut Betuchte vielleicht mit etwas mehr Chichi locken. Eine Studie verspricht dem Berliner Nahverkehr bei Einführung einer Art schickeren Luxus-Klasse mehr Kunden - mit Preisvorteilen für alle Passagiere.

Der Berliner Nahverkehr könnte sich vor allem an den Stadträndern mit der Einführung einer Art Business-Klasse mehr Kunden sichern und mit den neuen Luxuseinnahmen dann Preisvorteile für die Normalklasse ermöglichen.

Die Essenz der Studie [Downloadlink] im Auftrag des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum - WEF) unter Federführung der Boston Consulting Group (BCG) und der Uni St. Gallen lautet: Schaffen es die Nahverkehrsunternehmen in und um Berlin, die Besserverdienenden mit höherem Komfort in ihre Busse und Bahnen zu locken, lassen diese ihre Autos stehen. Sie können dann mit ihren höheren Erste-Klasse-Preisen für eine mögliche Senkung der Normalpreise und so für mehr Anreize für weitere neue Kunden sorgen.

Besserverdienende haben in Berlin oft schlechtere Anbindung

Untersucht und mit Schlussfolgerungen und Empfehlungen versehen wurden für diese Studie die Nahverkehrssysteme von Chicago, Peking und Berlin. Berlin bekam in der Analyse anders als die beiden Riesenmetropolen Chicago und Peking den Titel "kompaktes Mittelgewicht" (Compact Middleweight): In Berlin pendeln den Studienautoren zufolge die Menschen im Vergleich zu den anderen beiden Riesenmetropolen eine deutlich kürzere Zeit pro Tag: 44 Minuten, während es in Peking 56 und in Chicago 59 Minuten sind.

Doch Berlin unterscheidet von den beiden Städten in Sachen Nahverkerhr außerdem: Die weniger dicht besiedelten Viertel, in denen - statistisch - meist die Besserverdienenden wohnen, haben in Berlin laut dieser Vergleichsstudie eine schlechtere ÖPNV-Anbindung. Die Besserverdienenden steigen deswegen ins eigene Auto.

Hingegen können laut Studie viele Nicht-gut-Verdienende an den Stadträndern diese Option nicht nutzen, weil ihnen das zu teuer wäre.

Aber: Ein ÖPNV, der den Besserverdienenen komfortablere Angebote, also eine 1. Klasse anbietet, könnte mit den höheren Einnahmen auf den Pendler-Strecken auch Mobilität für weniger gut Verdienende anbieten und gewänne so neue Kunden.

Die wunden Punkte des Berliner Transportsystems

Die Studie weist gleich mehrere ernsthaft wunde Punkte (Most Severe Pain Points) für Berlin aus. Eine Kritik geht an die laut Studienautoren "unsoziale Entwicklung" des Zugangs neuer, flexibler Transporformen (Rufbusse, E-Roller, E-Bikes und Räder per App, Mitfahrgelegenheiten). Die Empfehlung hier: Diese Möglichkeiten müssten in andere ÖPNV-Systeme integriert werden und bezahlbar für alle sein.

Ein zweiter wunder Punkt: Die komplette Digitalisierung der Transportsysteme, also das Rufen, das Abrufen von Fahrplänen und Verfügbarkeiten und das Bezahlen sorgen ebenfalls für eine soziale Spaltung, die manche Stadtbewohner vom ÖPNV ausschließen. Hier müsse es laut den Autoren der Studie Alternativen des Buchens und Abrufens geben, die für alle gut zugänglich und nutzbar sind.

Und zum dritten wird als schweres Defizit von den Autoren betrachtet: Die Vertreibung von Bewohnerinnen und Bewohnern Berlins mit geringerem Einkommen raus aus den Innenstadtbereichen in die Außenbezirke, wo aber eine schlechtere ÖPNV-Anbindung herrscht. Während viele freiwillig an den Rand gezogene besser gestellte Berliner schlicht das Auto für ihre Pendelfahrten nutzen, können die weniger vermögenden Randberliner sich das nicht leisten: Sie brauchen den ÖPNV und wenn es den nicht gibt, stecken sie fest.

Ein bisschen mehr Premium - ein bisschen Mehr für alle

Die Empfehlung der Autoren der Studie lautet: ÖPNV-Angebote sollten durchaus auch eine Form von Erste-Klasse-Status enthalten. Dies locke neue Besserverdienende, was dann wiederum die Gesamteinnahmen erhöhe, neue Angebote schaffe und zu einem Mehr an Kunden führe. Dieses Mehr ermögliche es, die Angebote für die Normalkunden günstiger zu machn und dies locke dann wieder neue Kunden.

Genauer hieße das: Solche Premium Tickets für gut betuchte Kunden könnten bis zu drei oder viel Mal so teuer sein wie bislang, im Gegenzug könnten dann die Preise für die Normalkunden um ein Fünftel sinken.

Dieser teurere Preis für die besseren Plätze etwa müsste dann Netzzugang für ein mobiles Arbeiten garantieren, eine Sitzplatzgarantie und mehr Sitzplatzluxus. Die Empfehlungen entstanden laut Studie nicht einfach aus einer Art Ideenpool sondern sollen ebenfalls getestet und auf ihre Möglichkeiten abgeklopft worden sein, so die Studienautoren.

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111 Kommentare

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  1. 111.

    So ein Vorschlag kann nur von der FDP kommen. War schon immer für reiche Leute. Die Gesellschaft ist doch schon gespalten von Reich und Arm. Nun noch eins drauf? Wer hat die nur gewählt?

  2. 110.

    Früher gab es sogar Warteräume auf den Bahnsteigen, Es ist derzeit ziemlich kalt in unserer Gegend, Wenn dann noch ein RE-1 Verspätung hat oder gar ausfällt vergisst man das Wort Erderwärmung ganz schnell.

  3. 109.

    Wünsche auch gesunde und schöne Weihnachten in dieser nicht so gewollten Zeit. Annette; Sie sind bestimmt eine ganz nette. Aber was stellen Sie für Ansprüche. Ich bin zufrieden wenn da alles halbwegs sauber und unbeschmiert ist und alles halbwegs pünktlich ist. Ich grinse stets ganz heimlich über die vielen Handyrumspieler und sage auch mal etwas wenn ziemlich lange Flachgespräche in der Tram geführt werden. Gut belüftet wäre an heißen Tagen schon eine Errungenschaft, die wir aber früher hatten. Offene Klappfenster und man konnte auch bei älteren S-Bahnen während der Fahrt die Türen ein Stück öffnen. Die Strecke ab Friedrichshagen bis Erkner hat größere Bahnhofsabstände und so war es am erträglichsten.

  4. 108.

    Altanativ wäre auch einfach mal die Neiddebatte zu lassen. Wer Auto fahren will, der fährt auch weiterhin und leistet es sich auch weiterhin. Wer mit der Oeffentlichen leben kann oder eventuell sogar muss sollte er recht nicht über ein Mehrklassensystem im Nahverkehr fabulieren.

  5. 107.

    Da werden dann aber öfter die Studienautoren vor leeren Hörsälen stehen, wenn sie eine halbe, oder dreiviertel verspätet zur Vorlesung kommen, weil die Öffentlichen mal wieder unpünktlich waren. Da nützen auch keine mit Samt bezogene Sitzbänke in der Bahn, oder der Teppich!

  6. 106.

    Gehen Sie auch differenziert auf Argumente ein oder bleibt es beim Platzieren einfacher, markiger, dem Thema nicht gerecht werdender Zitate?

    Das klingt dann doch sehr nach ... Ideologie.

    BTW: Wenn ich 10-15% der derzeitigen Kapazitäten für die gut zahlende Kundschaft abzweige, davon aber nur noch weniger als die Hälfte für diese nutzen kann (breitere Sitze müssten ja wohl sein, Stehplätze sind nicht zuzumuten), gleichzeitig die technische Umrüstung, bessere Pflege, hohe Kontrolldichte finanzieren muss ... bleibt da wirklich noch signifikant was übrig für die Verbesserung des Restsystems?

  7. 105.

    Es würde schon ausreichen, wenn die Regionalbahn jede 20-30min fährt.

  8. 104.

    Pandemie? Kontakte reduzieren? Ausserdem passiert das ja regelmässig nach jeder Preiserhöhung.
    Ich denke sogar, daß es unrechtmäßig verweigert wird, am Schalter zu tauschen und man dafür zwei weitere Karten verfahren muß. Aber verklage mal einen Sraatsbetrieb wegen 10€.

    Und genau ihre Einstellung zu meiner Kritik zeigt mir, lieber zu Fuß.

  9. 103.

    Ich glaube Sie missverstehen mich ganz gewaltig. Es geht nicht darum, ob jemand den Aufstieg schafft. Es geht darum dass Denken in verschiedenen Schichten abzuschaffen und da muss man bei den Kindern anfangen. Meine Kinder lernen dass jeder Mensch gleich viel Wert ist und so sollte es auch beim Bahnfahren gehandhabt werden.

  10. 102.

    Wie sagte doch mal ein Bundesfußballtrainer: Aus einer Kloschüssel kann man keine Mokkatasse machen. Oder Herr Blüm: Nicht jeder Schrankenwärter kann Astronaut werden. Können Sie ein 2. Bach oder Rubens werden durch Training? Nein! Ist ja eigentlich klar, wenn man nicht vollkommen von linker Ideologie verblendet ist.

  11. 99.

    Wenn die Leistung der zweiten Klasse auch tatsächlich den Begriff „Leistung“
    verdient.

  12. 98.

    Nun, die Gnade der Geburt in das richtige Umfeld ist kein Verdienst. Die Gnade hoher Auffassungsgabe ebenfalls nicht. Das dennoch jeder ähnliche Chancen hat, dies ist in Deutschland eben nicht Realität.

    Das es Menschen wie Sie gibt, die dieses wünschenswerte Ziel verächtlich als Gleichmacherei bezeichnen, ist ein Grund dafür.

  13. 96.

    Moin und frohe Weihnachten, ich würde mir Steckdosen wünschen, WLAN, und endlich eine Station zwischen Hackescher Markt und Rosenthalerplatz die Strecke ist einfach zu lang und würde beide Bahnhöfe etwas entlasten beide Tram Station, Erste Klasse in der S-Bahn hinterm Fahrer könnte ich mir schon vorstellen auch mit Steckdosen und WLAN und Klimaanlage, würde ich für bezahlen wenn ich auswärts wohnen wurde

  14. 95.

    Ja und nein. Es hängt von den Neuronen im Hirn ab und in der Schule kann jeder und jede nach seinen eigenen Fähigkeiten lernen. Aber manche lernen es nie, da hilft auch keine Gleichmacherei und Toiletten für Menschen die sich nicht als Frau oder Mann fühlen. Dies ist nur Oberfläche und ändert nichts. Schlaue Köpfe braucht das Land!!!

  15. 94.

    Bildung ist in Deutschland stark vom sozialen Hintergrund des Elternhauses abhängig [1]. Das zu negieren, da muss man schon die Augen fest verschliessen. Oder ein wenig rassistisch denken, gelle?

    Das zu nivellieren, ist Aufgabe der Gesellschaft, der Politik. Und sicher nicht über untertänige Angebote an Wohlhabende.

    [1] https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-sozialer-aufstieg-wird-seltener-9578.htm

  16. 93.

    Im Erfinden von Gesetzen und Regeln ist Berlin immer ganz groß. Nur hält sich niemand dran und es wird auch nichts und nirgends kontrolliert. Wozu soll ich mir einen Fahrschein kaufen, wenn ohnehin keine Kontrollen gemacht werden?

    Sollte das tatsächlich eingeführt werden, so endet es wie immer: Keiner kümmert sich und die neidischen Besitzlosen zerstören alles. Ist doch toll, dass man die Wut (über sein eigenes Unvermögen?) dann gezielt fokussieren kann.

    Ich fahre lieber Auto. Da hole ich mir keine dreckigen Klamotten und werde nicht von üblen Gestalten belästigt.

  17. 92.

    Elitär heißt für mich mehr gebildet als die Masse. Und das ist auch gut so. Ich habe meinen Schüler immer gesagt: Ein Arzt kann auch Mülltonnen leeren aber der nur Mülltonnen leert, kann nicht Arzt sein (alle geschlechter eingeschlossen).

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