Internationales Forschungsprojekt an der BTU - Wie ein Pilz aus einem Senftenberger Labor Bananen schützen soll

Sa 25.12.21 | 10:14 Uhr | Von Milena Hadatty
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Bananen hängen an einer Staude (Bild: dpa/Damian Gollnisch)
Bild: dpa/Damian Gollnisch

Simon Perez Martínez ist samt Familie aus Ecuador in die Lausitz gezogen. Der Grund: die Pilz-Expertise an der BTU Senftenberg. Hier forscht der Wissenschaftler an einem aus Pilzen gewonnenen Stoff, der das wichtigste Exportprodukt Ecuadors schützen könnte. Von Milena Hadatty

Im Labor für technische Mikrobiologie der BTU Senftenberg wird an einem Mikroskop heftig diskutiert - auf Spanisch. Am Mikroskop sitzt ein Student, neben ihm steht Simon Perez Martinez und fragt, ob es seit gestern irgendwelche Änderungen an den Untersuchungsobjekten in der Petrischale gegeben hat.

Simon Perez Martínez ist eigentlich Dozent an der Staatlichen Universität UNAMI in der Kleinstadt Milagro in Ecuador – aber seit letztem Jahr auch Gastwissenschaftler an der BTU Senftenberg. Sein Spezialgebiet ist die Phytopathologie, also die Lehre der Pflanzenkrankheiten. Zusammen mit deutschen Wissenschaftlern untersucht er nun mitten in der Lausitz tropische Nutzpilze, die er aus dem Amazonasgebiet mitgebracht hat.

Der Pilz hilft den Pflanzen

Der Student zählt die Zellen am Rande der Petrischale, um festzustellen, ob der Pilz an diesem Tag gewachsen ist. Ursprünglich stammen sie aus den Wurzeln von Kakao- und Bananenpflanzen: Lasiodiplodia Theobromae und Colletrotricum gloeosporioides. "Die Namen klingen nicht so freundlich", sagt Simon Perez lachend. "Sie sind aber sehr nützliche Pilze, die den Pflanzen helfen. Beide produzieren hunderte von Stoffen. Wir suchen darunter einen speziellen."

Dieser Stoff hilft den Pflanzen, Spurenelemente aufzunehmen und verdrängt zugleich andere Pilzarten, die schädlich für sie sind. Bei der letzten Plage mit sogenannten Fusarium Pilzen in Südamerika stellte sich heraus, dass dieser Wirkstoff auch die Bananenpflanze schützt.

Der Wissenschaftler Simon Martin Perez (Bild: rbb/Milena Haddaty))Simon Martin Perez im Senftenberger Labor.

Vor Ort fehlte die Technologie

An der heimatlichen Universität von Simon Perez in der Kleinstadt Milagro, fehlt es nicht an Probeplantagen für Kakao und Bananen, aber es mangelt an der nötigen Technologie, um die molekulare Struktur des gesuchten Stoffes zu untersuchen. Simon Perez kann Deutsch, denn er hat seinen Doktor vor zwanzig Jahren an der Justus-Liebig-Universität in Gießen absolviert. Deshalb suchte er in Deutschland einen wissenschaftlichen Partner mit einem geeigneten Chemielabor. In Senftenberg fand er beides, denn er traf auf Professor Klaus-Peter Stahmann, Leiter des Biotechnologie Instituts an der BTU Senftenberg.

Klaus-Peter Stahmann trägt einen ecuadorianischen Strohhut, im Volksmund Panama-Hut genannt. Das war das zweitwichtigste Mitbringsel vom Kollegen Simon Perez. Das Allerwichtigste waren die beiden Petrischalen mit den Pilzen, die über den Atlantik eingeflogen kamen. "Es ist für die Zukunft wichtig, dass wir genau verstehen, wie die Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Pflanzen funktioniert", betont Stahmann. "Uns interessiert der Stoffwechsel von Pilzen, welche Stoffe können andere Pilze in Schach halten?"

Das Projekt internationalisieren

Simon Perez und Klaus-Peter Stahmann sind sich einig, dass sich durch das Ergebnis dieser Untersuchung perspektivisch der Einsatz von Chemie auf Kakao- und Bananenplantagen reduzieren lässt, und die schädlichen Pilze auf biologischer Basis ferngehalten werden können - nicht nur in Ecuador als weltgrößtem Bananenexporteur, sondern auch in anderen Ländern, die Bananen anbauen.

"Diese Internationalisierung der Wissenschaft ist positiv und notwendig", betont Simon Perez. Das Forschungsprojekt habe das Potential, auch die BTU international stark zu positionieren. Als erste Schritte nennt er ein Kooperationsprojekt zwischen der BTU und fünf ecuadorianischen Universitäten. Außerdem ist eine Reise von BTU-Wissenschaftlern nach Ecuador geplant, um dort die Universitäten, die Bananen- und Kakaoplantagen kennenzulernen. An der Finanzierung arbeitet Simon Perez seit Jahren. "Wenn ich nicht im Labor bin, bin ich am Telefon, in der Zoomkonferenz oder schreibe Emails."

Ein sogenannter "Endofiter Kampf" in zwei Petrischalen. Die Substanz des dunkleren Pilzes hält den helleren Pilz in Schach (Bild: Simon Martin Perez)In zwei Petrischalen ist ein sogenannter "Endofiter Kampf" zu sehen.

Studenten aus Ecuador nach Deutschland holen

Ecuadorianische Studenten sollen auch nach Senftenberg kommen. Deren Theoriekenntnisse seien in Ecuador ziemlich gut, meint Perez. Die Erfahrung in dem hoch modernen Chemielabor der BTU bringe sie viel weiter. "Das Problem ist, dass nur wohlhabende Studenten dort gut Englisch können und sich eine Auslandstudienreise leisten können, und die meisten wollen eher nach Berlin oder nach Hamburg", meint Perez.

Simon Perez selbst vermisst die Großstadt nicht. Geboren in einer ländlichen Gegend in Kuba, heiratete er eine Venezolanerin, und beide zogen vor zehn Jahren nach Ecuador, als er eine Stelle an der Uni angeboten bekam. Frau und Kind sind inzwischen nach Senftenberg nachgekommen. Da die Stadt relativ klein ist, schafft er es mittags per Fahrrad noch schnell nach Hause, aber um 13.30 Uhr ist er wieder an der BTU.

Dozent in Ecuador – per Zoom-Konferenz

Dann gehe nämlich seine zweite Schicht los, scherzt der Wissenschaftler. Denn sein Hauptarbeitgeber ist nach wie vor die staatliche Universität von Milagro in Ecuador. Seit der Pandemie darf er seinen Unterricht Online geben, von Senftenberg aus. Um 14 Uhr in Senftenberg ist es in Ecuador erst 8 Uhr morgens. Simon Perez prüft die Webcam für die Zoom-Vorlesung und startet. Auch hier geht es um Mikrobiologie der Pilze - selbstverständlich.

Sendung: Brandenburg aktuell, 23.12.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Milena Hadatty

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ein Pils auf den Erfolg, Prost!
    Und vielleicht esse ich später noch eine Banane?

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