20 Jahre Euro - "Mit der D-Mark hätten wir höhere Inflationsraten gehabt"

Sa 01.01.22 | 07:27 Uhr | Von Franziska Ritter
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Eine Mitarbeiterin nimmt Geld vom Tresen einer Apotheke (Bild: dpa/David Inderlied)
Audio: Inforadio | 31.12.2021 | Franziska Ritter | Bild: dpa/David Inderlied

Vor 20 Jahren, am 1. Januar 2002, wurde in der EU der Euro als Zahlungsmittel eingeführt. Viele Menschen haben das Gefühl, dass seitdem alles teurer geworden ist. Ob das stimmt? Von Franziska Ritter

Mehr als zwei Drittel der Deutschen sind laut einer repräsentativen Umfrage der Meinung, dass mit dem Euro alles teurer geworden ist. Doch dieser Eindruck täuscht: Seit Einführung des Euro liege die Inflationsrate hierzulande im Durchschnitt bei rund 1,6 Prozent, rechnet Alexander Kriwoluzky vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung vor. Damit seien die Preise viel langsamer gestiegen als etwa in den 70er und 80er Jahren in der BRD, wo die Inflationsrate im Zuge der ersten Ölkrise zwischenzeitlich auf acht Prozent kletterte.

Auf der einen Seite stehen die Preise, auf der anderen Seite die Löhne: In den ersten Jahren mit dem Euro ist das Lohnniveau in Deutschland nur schwach gestiegen. Die Arbeitslosigkeit war hoch, so dass den Menschen unter dem Strich weniger Geld im Portemonnaie blieb. "Aber das hat sich seit 2010 deutlich gebessert", erklärt Silke Tober vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. "Die Löhne halten jetzt im Wesentlichen Schritt mit der Inflationsentwicklung, beziehungsweise liegen sogar darüber."

Preissteigerungen ausgeblendet

Wie kommt es dann, dass viele Menschen beim Euro automatisch "Teuro" denken? Alexander Kriwoluzky verweist darauf, dass der Umtauschkurs ein Euro gleich zwei D-Mark so einfach zu merken war, dass viele Menschen die Preise heute noch in Mark umrechnen. "Dabei vergessen sie aber, dass es auch mit der D-Mark in den vergangenen 20 Jahren eine Preissteigerung gegeben hätte."

Wie sich die Inflation entwickelt hätte, wenn wir weiterhin die D-Mark hätten, ist natürlich Spekulation. Die Ökonomen glauben, dass es nicht zu unserem Vorteil gewesen wäre. Als die Staatschuldenkrise im Euroraum ausbrach, herrschte in den südeuropäischen Ländern nämlich Deflation. Deutschland zeigte dagegen inflationäre Tendenzen. "Wären wir damals nicht in der Währungsunion gewesen, hätten wir höhere Inflationsraten gehabt", sagt Alexander Kriwoluzky.

Außerdem hat die deutsche Wirtschaft viele Handelspartner in der EU. Durch die Einführung des Euro fielen hier Wechselkurs-Schwankungen weg. "Ohne eine gemeinsame Währung hätten wir bei jedem Preisschock und auch in der Pandemie sicher mit vielen Wechselkurs-Bewegungen und einer deutlichen Aufwertung der D-Mark zu tun gehabt, was die Exporte geschädigt hätte", betont Geldpolitik-Expertin Silke Tober.

Höchste Inflationsrate seit Jahrzehnten

In den vergangenen Monaten hat die Inflationsrate ungewohnt stark angezogen. Im November stieg sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts auf 5,2 Prozent – das ist der höchste Stand seit fast 30 Jahren. Vor allem Energie ist teurer geworden: Die Preise für Heizöl haben sich innerhalb eines Jahres verdoppelt, Kraftstoffe kosten 43,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auch Erdgas und Strom sind teurer.

Silke Tober weist darauf hin, dass die Preissteigerungen vor allem Haushalte treffen, die mit Öl oder Gas heizen: "Wer den öffentlichen Nahverkehr benutzt und keine Ölheizung hat, für den liegt die Teuerungsrate ein bis zwei Prozentpunkte niedriger, also ungefähr bei drei Prozent." Für Tober ist klar, dass die Europäische Zentralbank nicht auf solche vorübergehenden Preisschocks reagieren sollte.

Die EZB steht vor einem Dilemma

Auch Alexander Kriwoluzky vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung meint: "Da kann die Europäische Zentralbank wenig machen." Um die Folgen der Pandemie zu bekämpfen, hat sie im vergangenen Jahr ein 1,35 Billionen Euro schweres Anleihenprogramm aufgelegt. "Stoppt sie den Ankauf von Wertpapieren, um die Inflation zu senken, würde es für viele Länder schwieriger werden ihre Haushalte zu finanzieren, weil sie höhere Zinsen auf Anleihen zahlen müssten. Kurzum: Die Europäische Zentralbank steht vor einem Dilemma."

Wie wird die Inflation gemessen?

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Sendung: Inforadio, 31.12.2021

Beitrag von Franziska Ritter

23 Kommentare

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  1. 23.

    Richtig. Steht aber schon unter # 7 . Warum aber hat uns rbb24 / Frau Ritter den heutigen Beitrag zugemutet ?

  2. 22.

    Natürlich wurde die Euro-Umstellung auch für massive Preiserhöhungen genutzt. Ein zusätzliches Argument, warum der Euro für Deutschland schlecht war. Die Dännen hatten nicht den Umstellungsschub. Sie sind bei ihrer Währung geblieben. Ganz davon abgesehen, dass mit dem Euro auch die Fusskranken im Süd-Euro-Raum dauerhaft zusätzlich unterstützt werden müssen. Schäuble mit dem Nord- und dem Süd-Euro lag nicht falsch. Keine gemeinsame Währung mit den Südländern, sagt die wirtschaftliche Vernunft. Mitterand wußte, warum er den Euro mit Deutschland und Frankreich forderte. Seitdem brauchen die Franzosen nicht jedes Jahr ihre Währung abwerten.

  3. 21.

    Der Verzicht auf die stärkste Währung in Europa, neben den Schweizer Franken, war eine Bedingung für die Zustimmung der französischen Regierung zur Wiedervereinigung unseres Vaterlandes.

  4. 20.

    Es ist furchtbar, wenn man sich die Hinterlassenschaft von Merkel genauer ansieht. Es glaubt doch niemand, dass Griechenland seine Schulden jemals begleichen wird. Das Skurile daran war eine Volksabstimmung in Griechenland, wo eine Mehrheit ***für den Ausstieg aus dem Euro*** stimmte. Professor Sinn: Der Euro ist für Griechenland ist teuer. Aber Merkel machte es möglich, weitere 15 Mrd. Euro an Nevercomeback-Krediten wurden gewährt - für ein 10-Mio.-Völkchen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen ein 125 Mrd.-Geschenk zusätzlich zu den schon knapp 300 geflossenen Milliarden Euro, die ihrerseits auf deutsche Größenverhältnisse übertragen eine Summe von 2,4 Billionen Euro entsprechen.
    Und in Deutschland grassiert die Altersarmut.

    https://www.tagesschau.de/wirtschaft/grundsicherung-senioren-101.html

  5. 18.

    Ich brauche keine spitzfindigen Untersuchungen. Ich habe in etwa dasselbe im ALDI Einkaufswagen, nur bezahle ich dafür heute 100 € und früher 100 DM. Viele der EU-Staaten haben ihre eigene Währung behalten. Wie es jetzt aussieht, denken die Schweden, Tschechen, Dänen, Ungarn und Polen nicht daran, den Euro einzuführen.

  6. 17.

    Typischer Fall von Schönrechnerei! Jeder sieht doch, dass sich die Preise mittlerweile auf D-Mark Niveau entwickelt haben. Artikel, für die ich vor 20 Jahren 1 DM bezahlt habe kosten nun 1 Euro.
    Nicht zu vergessen die Enteignung der Sparer durch Negativzinsen. Und vor allem darf man den politischen Hintergrund der Einführung des Euro nicht vergessen. Diese Einheitswährung war ein Zugeständnis der Kohl-Regierung an die Nehmerstaaten der EU. So hat man sich das Einverständnis zur deutschen Einheit teuer erkauft.

  7. 16.

    ...zum Glück weiß ich noch was 1999 der Liter Super Bleifrei gekostet hat...und ein normaler 3er Golf 75 PS 1.8l neu und vor allem ohne 3maliger Rückholaktion, man man das Jahr ist noch nicht mal ein Tag alt und man hat schon keine Themen mehr...

  8. 15.

    Da die Mark nicht mehr da ist kann man genug hineininterpretieren in : Was wäre wenn?
    Tatsache, die Inflation steigt und steigt und ein Ende der Preisspirale ist nicht absehbar.
    Dennoch werden die Reichen nicht ärmer das bleibt den Armen und jetzt auch immer mehr dem Mittelstand vorbehalten.
    Und dafür muss man auch mal Danke sagen könne.
    Würden für eine größere Gerechtigkeit im sozialen Gefüge diese Querdenker auf die Straße gehen dann würde auch ich mit demonstrieren aber so?
    Nein, da bleibe ich lieber zu Hause und schütze mich und meine Familie durch Impfungen.
    Denn, jetzt wird es noch teurer wenn man auch noch seine Gesundheit leichtsinnig, für Fake News, aufs Spiel setzt da ohnehin schon alles teuer genug ist.

  9. 14.

    Wenn ich das lese, kommen mir auch gleich die Erinnerungen an die Lügen von "blühenden Landschaften".
    "Seit Einführung des Euro liege die Inflationsrate hierzulande im Durchschnitt bei rund 1,6 Prozent ..." Jetzt liegen sie bei 5,2% und die wird in absehbarer Zeit nicht sinken, sonder eher steigen.
    Und, sollten die Bürger wirklich alle mit Strom, statt mit Gas oder Öl heizen - weiß ich nicht, wie nahe wir derzeit an einem Blackout stehen. Zumal der Strom durch EEG- Umlage u.a. Steuern auch immer teurer wird.
    Darum finde ich solcherlei Aussagen zweifelhaft.
    Wir sollten damit anfangen, wie im Mittelalter, Kuhfladen zu verheizen. Ach ja, gibt es ja dann auch nicht mehr wegen der Abschaffung der Kühe wegen deren CO².

  10. 13.

    Jedem Dritten droht Rente von unter 1300 Euro

    45 Jahre Vollzeit – und eine Nettorente von nur etwas mehr als tausend Euro. Laut einem Zeitungsbericht droht das offenbar vielen Rentnern – im Osten gar jedem Zweiten.
    Noch Fragen? War zu D-Markzeiten kein Thema!

  11. 12.

    Wer kann das behaupten? Die D-Mark, war bis damals neben dem Pfund, die stabilste Währung! Ohne Lira, Peseta, Escudo und noch einige mehr, wie die aus dem Baltikum. Nicht zu vergessen ist die Drachme aus dem griechischem Raum. All diese Länder leben heute durch den Euro, besser als Deutschland. Man braucht sich bloß einmal das Renteneintritsalter anschauen! Noch Fragen?

  12. 11.

    Wenn mit der Witschafts- auch eine Sozialunion, sowie ausnahmslos gleiche Steuern durchgesetzt würden, würde auch der Euro funktionieren.
    So dient er nur der Umverteilung von unten nach oben.
    Systembedingt.

  13. 10.

    Die Überschrift ist so gewählt, dass man eigentlich eine tiefere Begründung erwarten kann. Warum kam Herrn Schäuble wohl der " Nordeuro " und der "Südeuro " in den Sinn ?

  14. 9.

    Sehr richtig. Wer damals etwas aufmerksam war der darf auch eine Meinung mit Bestand haben. Ich lese übrigens gern im HANDELSBLATT.

  15. 8.

    Ja ne ist klar...vom Euro profitieren wie immer nur dir Reichen.

  16. 7.

    Wir erinnern uns: Die Einführung des € war Voraussetzung für die Zustimmung Frankreichs zur Vereinigung unseres so lange geteilten Landes. Interessant ist auch was der FIGARO damals schrieb: Die €-Einführung ist wie der Versailler Vertrag ohne Krieg. Auf dieser Basis sollte sich die Diskussion hier auch aufbauen. Ich erinnere auch daran, dass die € - Einführung lange geplant war.

  17. 6.

    Ob wir eine höhere Inflation gehabt hätten, bezweifle ich. Jedenfalls hätten wir nicht noch eine Verstärkung der Inflation durch Negativzinsen. Ich habe einst gelernt man spart zur Vermehrung seines Geldes und nicht damit es auf dem Sparbuch real weniger wird. Wir zahlen doch dafür, dass das Frankreich Legards oder das Italien ihres Vorgängers nicht mehr ihr Geld abwerten müssen.
    Wir Deutsche sind die Zahlmeister der EU, dafür ist die Sprache der EU ausschließlich englisch und französisch.

  18. 5.

    Wenn Sie sich ernsthaft mit der Materie auseinandersetzen würden ginge es auch ohne Polemik.
    Es läuft sicher nicht alles rund, ohne Euro stände Deutschland schlechter da. Stammtisch Wissen reicht jedenfalls nicht das zu verstehen.

  19. 4.

    Die Einführung des Euro war eine politische Entscheidung, und nun liegt die Währungspolitik an der EZB.
    Wie schwerig es ist Länder mit unterschiedlicher Wirtschaftskraft, aber der selben Währung zu händeln ist nachvolziehbar.

    Das wirtschaftlich starke Tschechien wollte eigentlich spätestens 2016 der Euro-Zone beigetreten sein, hat es aber immer noch nicht getan, und trotzdem erwirtschaftet es jährlich Export-Überschüsse, insbesondere durch Exporte in die EU, und das bei Vollbeschäftigung. Dem ist so, weil über die Währungspolitik alleine von der Tschechischen Nationalbank gemacht wird.

    Daran sieht man, auch Deutschland würde ohne den Euro gut auskommen.

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