Studie der Hans-Böckler-Stiftung - Fast jeder dritte Vollzeitbeschäftigte in Brandenburg ist Geringverdiener

Do 06.01.22 | 06:13 Uhr
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Archivbild: Gebäudereiniger laufen am 14.01.2014 mit ihren Arbeitsmaterialien am Gürtel in ein Gebäude in Potsdam (Brandenburg). (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
Audio: Inforadio | 06.01.2022 | Peter Klinke | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Die gute Nachricht: Der Anteil von Geringverdienern ist in den vergangenen Jahren gesunken. Die schlechte: In Berlin und vor allem in Brandenburg liegt die Quote an Menschen, die mit Vollzeitjobs weit unterdurchschnittlich verdienen, vergleichsweise hoch.

In Berlin gehört jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte zu den sogenannten Geringverdienern, in Brandenburg knapp jeder dritte. Das geht aus einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung hervor. In Berlin liegt der Anteil der Geringverdiener mit 19,1 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt von 18,7 Prozent. Der Anteil der Geringverdiener unter den Vollzeitbeschäftigten ist damit leicht gesunken.

Ihr Einkommen lag im vergangenen Jahr bei weniger als 2.284 Euro brutto monatlich – also bei weniger als zwei Dritteln des mittleren Bruttoeinkommens. Vor allem im Gastgewerbe und in der sogenannten Leiharbeit besteht ein großes Risiko, nur ein geringes Einkommen zu erhalten. In Berlin gehören vornehmlich Männer zu den Geringverdienern, im Rest des Landes ist es umgekehrt.

Anteil in Brandenburg überdurchschnittlich hoch

So auch in Brandenburg: Der Anteil von 31,5 Prozent Geringverdienern an allen Vollzeitbeschäftigten liegt hier weit über dem Bundesdurchschnitt. In den meisten untersuchten Landkreisen waren es mehrheitlich die Frauen, die ein entsprechend niedriges Einkommen bezogen.

In drei Brandenburger kreisfreien Städten allerdings sieht es wie in Berlin umgekehrt aus: Laut der Studie zählte dazu Cottbus, wo 25,9 Prozent der in Vollzeit beschäftigten Frauen und 33,6 Prozent der Männer im unteren Entgeltbereich beschäftigt waren.

In Frankfurt (Oder) gehörten 26,4 Prozent der in Vollzeit beschäftigten Frauen und 31,6 Prozent der Männer zu den Geringverdienenden. In Potsdam waren es 20 Prozent bei den Frauen und 22 Prozent bei den Männern.

Überdurchschnittlich häufig betroffen seien auch junge Vollzeitbeschäftigte, Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und Menschen ohne Berufsabschluss. Besonders ausgeprägt ist nach den Angaben der untere Entgeltbereich im Gastgewerbe, der Leiharbeit und der Land- und Forstwirtschaft.

Entwicklung in ostdeutschen Ländern reißt den Trend heraus

Zu Beginn des Erhebungszeitraums der Studie im Jahr 2011 gab es größere Unterschiede zwischen den ost- und westdeutschen Bundesländern. Im Verlauf der Jahre näherten sich die Quoten jedoch an: Waren 2011 noch 39,3 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Osten und 16,9 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Westen Geringverdienende, so sanken die Anteile bis 2020 um 10,2 Prozentpunkte im Osten - aber nur um 0,5 Prozentpunkte im Westen.

Der bundesweite Rückgang des Anteils von 21,1 Prozent im Jahr 2011 auf 18,7 Prozent im Jahr 2020 ist laut Studie daher vor allem auf die Entwicklung in den ostdeutschen Ländern zurückzuführen. Die höchste Quote an Geringverdienern bundesweit weist laut Studie der Erzgebirgskreis mit 43,2 Prozent auf.

Sendung: Inforadio, 06.01.2022, 6 Uhr

25 Kommentare

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  1. 25.

    Und wenn sich dich mal Firmeb ansiedeln willen, die dazu beitragen würden, dass zu ändern, gibt es sofort lauten Protest. Es gibt einige, die selber einen gutbezahlten Arbeitsplatz haben und damit zufrieden sind, dass die verbliebenen Brandenburger im Gastgewerbe, der Leiharbeit und der Land- und Forstwirtschaft arbeiten.

  2. 24.

    Hier wird wieder auf die üblichen Berufsfelder verwiesen und alle denken, die haben ja keine Ausbildung..
    Ich bin seit 34 Jahren berufstätig in Vollzeit, davon über 30 Jahre im Einzelhandel, 14 Jahre als Führungskraft mit Gehältern unter dem hier genannten.
    Dann habe ich die Branche gewechselt und es kam ein Tarifvertrag, der weit unter dieser Einkommensgrenze liegt. Auch Gewerkschaften und Tarifverträge sind nicht das Allheilmittel.
    Es muss sich im Denken der Arbeitgeber dringend ein Wandel vollziehen und mit Einführung des 12€ Mindestlohns eine Prüfung aller Firmen und Tarifverträge durchgeführt werden, hier sind auch Berufsverbände dringend gefordert! Ihr vertretet den Beruf, nicht die Arbeitgeber allein!!!!

  3. 23.

    nicht ausreichend bezahlen, dass ihr auch davon leben könnt, dann lasst die Finger von diesen Jobs und meldet euch arbeitslos. Da kommt ihr besser bei weg und die Sklavenhändler können selbst ihre Jobs machen. Zahlen Sie mir dann meine Miete und Co?

  4. 22.

    Und die Preise explodieren, auch für Dienstleistungen.

  5. 21.

    Das wundert doch jetzt nicht wirklich jemanden, oder? Ein Arbeitnehmer kostet 36,70 Euro pro Stunde den Arbeitgeber: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitskosten-Lohnnebenkosten/_inhalt.html

    Natürlich einigen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber dann auf einen 450 Euro Job mit Pauschalbesteuerung, weil anders bestimmte Jobs gar nicht mehr zu bezahlen sind.

  6. 20.

    Das nichts mit Bildung zu tun, das ist bei Ausübung dieser Jobs egal. Ein gut ausgebildeter Mensch macht solche Jobs wohl eher nicht. Es sind allerdings Jobs die gemacht werden müssen, denn wenn niemand diese Jobs macht bricht alles zusammen. Möchte mal sehen wie alle sich aufregen, wenn niemand mehr diese Arbeiten macht. Die Arbeitgeber sollten sich schämen für ihren modernen Sklavenhandel. Leute, wenn die Arbeitgeber euch zukünftig nicht ausreichend bezahlen, dass ihr auch davon leben könnt, dann lasst die Finger von diesen Jobs und meldet euch arbeitslos. Da kommt ihr besser bei weg und die Sklavenhändler können selbst ihre Jobs machen.

  7. 19.

    Mit links und mitte kam es aber zu diesen Zuständen. Was bleibt dann noch. Bringen wird das allerdings auch nichts, aber vielleicht verstehen Sie, dass die bislang Regierenden mit Sicherheit keine Besserung gebracht haben kann dazu führen, dass man Alternativen sucht. Und dann finden sie auch die Schuldigen für diese Tendenz.

  8. 18.

    Beschämend für eine angeblich soziale Marktwirtschaft und maßgeblich ermöglicht durch eine sozialdemokratische Regierung von 1998 bis 2005. Durch eine christliche Kanzlerin in 16 Jahren tüchtig ausgebaut. Dabei das ewige Jammern über Fachkräftemangel und laute, in manchen Kreisen sehr gern gehörte, Rufe nach billigen Arbeitskräften aus dem Ausland. Billiglohnland sind wir in Teilen schon und wer bei Tönnies und Co reinschaut, der erkennt Züge von Sklaverei.

  9. 17.

    Ach ja, und wer soll dann die Arbeiten machen, wenn alle super Ausgebildet sind? Einer der Top Ausgebildet ist, für einen Hungerlohn. Werden durch mehr Bildung und Weiterbildung diese Tätigkeiten vom Markt verschwinden???

  10. 16.

    Damit die Diskussion lebhafter wird: Zunächst hat man die Möglichkeit durch eigene, sehr viele Anstrengungen (soll sich lohnen), wie z.B. Bildung, aus dem Billiglohnbereich herauszukommen oder erst gar nicht dahinzukommen. Andererseits muss die Arbeit gemacht werden und so bezahlt werden, dass man von leben kann (ohne Aufstockung) und die Wünsche müssen zum Geldbeutel passen. Wie wichtig die Lohnkosten für Preise sind, soll mal hier weg bleiben. Die Politik ist, zum großen Glück aller, nicht für Löhne zuständig!! Allerdings wird in Brandenburg dies politisch befördert/beworben und bei den eigenen Leuten "genossen", wie die "grottenschlechte" Bezahlung und zahlreiche erfolgreiche Klagen zeigen. Am Ende bleibt: Schaffen statt verteilen, "da beißt die Maus keinen Faden ab", oder für die Tierschützer und Vegane "der Kelch muss voll sein, bevor er gelehrt wird". Wenn die Brandenburger das Schaffende erkennen und wählen, dann wird es was...

  11. 15.

    Das ist auch nur möglich, weil andere Menschen, Sie zum Beispiel, den Menschen eine Schuld zuweisen. Klappte immer hervorragend in den letzten 30 Jahren. Die anderen haben den Sündenbock und jene agieren weiter aus Ihrer verfilzten elitären Höhe. Vielleicht einfach mal die Entwertung der Arbeit beachten, das Drängen von sogenannten Faulen in prekäre Situationen, die Ausweglosigkeit, die Wohnung verlieren zu können und das Zerschlagen von guter Facharbeit, das Aberkennen von guten Abschlüssen. Das fängt in der Pflege an, eine gewollte Unterbesetzung und Ausbeutung von Hilfskräften. Wer weiß schon, dass die teuer bezahlte Pflege von tatsächlich von der Straße kommenden Menschen ausgeübt wird und einige wenige Fachkräfte, weil zu teuer, das Ganze steuern. Das ist in jedem Gewerbe so. Gier und Gesetzeslücken zulasten der Arbeit. Menschen beuten Menschen aus. Die Arbeitskraft verliert an Wert, die globale Welt hat genug junge und dynamische Leute, die für einen Hungerlohn alles tun würden.

  12. 14.

    Mit dem Untergang der sozialistischen deutschen Republik 1989 wurde der Sozialabbau in dem Deutschland der marktwirtschaftlichen Konkurrenz intensiviert. Es gab schließlich keine sozialen Vorbilder mehr. Verlierer wurden vielmals die, welche den Untergang herbeiführten bzw. deren Vorfahren. Warum m beschweren? Sie wollten es doch so.

  13. 13.

    Achso.
    Stimmt es also doch, dass es in Deutschland 13 Millionen Menschen in Armut gibt, von denen sich viele Strom und Miete kaum noch leisten können?
    Hieß doch noch vorgestern, hier blüht alles auf.

  14. 12.

    Brandenburg ist und bleibt ein Niedriglohnland. Die Ursachen liegen im Reibungswert zwischen Daumen und Zeigefinger bei den Löhnen & Gehältern, also der Zahlungsmoral der Betriebe. Früher hat man mit guten Fachkräften und niedrigen Löhnen in Brandenburg wegen der hohen Arbeitslosigkeit geworben. Um die Arbeitslosenquote zu senken, gab es sogar Wegzugsprämien vom Arbeitsamt. Das Ergebnis war, dass die jungen Leute in Richtung Westen ausgewandert sind. Jetzt gehen die in der DDR ausgebildeten Fachkräfte sukzessiv in Rente, ausgebildet wurde in den vergangenen Jahren auch nicht übermäßig. Hinzu kommt der Geburtenknick seit 1989 sowie der Wegzug von jungen Frauen, die andernorts ihre Kinder zur Welt brin. So bleibt den Betrieben nur noch sich derer zu bemächtigen, die man früher wegen der schlechten Noten abgelehnt hat. Außerdem gibt es in Brandenburg kaum Hochtechnologiebetriebe, sodass der Billiglohn nach wie vor hier vorherrschend sein wird. Der Fachkräftemangel ist nunmal hausgemacht.

  15. 11.

    Die Kommentare verdeutlichen es: die Zweifel, dass sich die gesellschaftlichen Probleme aller Art aus dem bisherigen,System‘ lösen lassen werden größer. Die Sehnsucht nach mehr, Leben, Freiheit, Selbstwertgefühl auch. Die Antwort auf die Frage, ob das Jetzt wirklich alles sein soll, was das Leben zu bieten hat, tendiert für viele glaub ich zum ,Nein‘ . Die unausgesprochene Wahrheit darauf ist dann leider aber auch, dass es für ein zurück in die ,alte Welt‘ immer enger wird…

  16. 10.

    Gerade die Geringverdiener stehen immer schlechter dar. Die Regierungsparteien nehmen den Reichen nichts weg und geben nur Leuten die sonst gar nicht weiterkommen würden Almosen. Die Grünen wollen, ohne Ausgleich, Lebensmittel und Energie noch viel teurer machen. Der Mindestlohn kommt .......
    Alle machen ein Geheimnis daraus, warum die Demokratie immer weniger angenommen wird. Es liegt aber wahrscheinlich daran, dass Vielen bald das Wasser bis zum Hals steht. Wir werden in der Zukunft amerkanische Verhältnisse bekommen und unseren Trampel wählen.

  17. 9.

    Eine Möglichkeit, an diesen skandalösen Zuständen etwas zu ändern, wäre, wenn die Politik dafür sorgen würde, dass es für Unternehmen nicht mehr so einfach ist, aus der Anwendung von Tarifverträgen zu flüchten. Das betrifft kleine Firmen, trifft aber genauso auf viele kommunalen Betriebe zu. Auch das ständige Gründen von Service-Töchtern und der flächendeckende Einsatz von Leiharbeitern zum Zwecke des Lohndrückens kann die Politik unterbinden bzw. einschränken. Die Anhebung des Mindestlohns ist an sich zwar nichts Schlechtes, aber der Zwang zur Anwendung eines Tarifvertrages ist auf Dauer bestimmt der bessere Hebel, um die Entlohnung gerechter zugestalten.

  18. 8.

    Das ist leider alles ein Trend, der sich noch weiter verschlimmern wird. Vor dem Wegfall des sozialen Netzes hat es das nicht gegeben. Ein Grund mehr, warum man schon aus sozialen und humanistischen Gründen das bedingungslose Grundeinkommen einführen sollte. Wie sollen die Leute denn sonst auf lange Sicht klarkommen? Viele kommen doch schon jetzt nicht mehr klar und das Aufstocken durch die Arbeitsagentur kann langfristig auch keine Lösung sein. Wenn Arbeit heute nichts mehr wert ist, muss der Staat eben für ein Grundeinkommen sorgen. Der hat das Dilemma ja auch verursacht.

  19. 7.

    Der Herr Bundeskanzler a.D. Schröder wirds mit Wohlgefallen sehen und seine willigen Helfer, so sie heute noch politisch tätig sind, und davon gibts noch sehr viele, werden sich betreten auf die Schuhspitzen sehen. Oder schlimmer noch, sich mit den Pflästerchen die sie heute kleben, brüsten.

  20. 6.

    Wird sich nicht ändern, wenn Brandenburg weiter in Teilen so weit rechts wählt. Im Gegenteil. Es wird nur schlimmer.

  21. 5.

    Solange sich Menschen eine derartige Behandlung gefallen lassen wird sich daran auch nichts ändern. Vielen Arbeitnehmern bleibt jedoch nichts anderes übrig. Dem Arbeitgeber geht es in erster Linie um den Profit, die Menschen interessieren ihn nicht. Soviel zum Thema ,,Sozialpartner".

  22. 4.

    Absolut korrekt...die Agentur für Arbeit meldet jeden Monat sinkende Arbeitslosenzahlen...absolute Augenwischerei. Da macht es für viele Menschen mehr Sinn, morgens erst gar nicht aufzustehen. Das wird ein böses Ende nehmen.

  23. 3.

    Das ist unter Niveau. Was denken sich die Arbeitgeber insbesondere Subunternehmen eigentlich. Der Arbeitsmarkt ist doch kein moderner Sklavenhandel. Wer nicht pariert fliegt raus. Gerade in diesem Dienstleistungsgewerbe ist das Standart. Wird überhaupt der Mindestlohn ausgezahlt? Kein Wunder wenn kaum noch jemand z.B. in der Gastronomie tätig sein will.

  24. 2.

    Egal.
    Hauptsache man kann niedrige Zahlen verkünden.
    Ob man davon leben kann oder aufstocken muss. Die Politik steht im Sonnenlicht.

  25. 1.

    Wenn doch diese Tätigkeiten es nicht wert sind den Menschen so zu bezahlen die sich dafür opfern dass sie davon leben können, dann ganz einfach abschaffen. Danach werden viele Arbeitgeber begreifen dass es ohne diese Billig-Löhner gar nicht funktioniert. Dass die auch eine wichtige Aufgabe erfüllen, die man nicht ganz einfach als minderwertig abtun kann. Es gab wirklich eine Zeit, (bis 1989?) da konnten auch Hilfsarbeiter von ihrer Hände Arbeit gutes Geld verdienen. Warum hat Gott und die Welt denn zugeschaut dass alles an Vermögen von unten nach Oben gepumpt wurde, und es bis heute noch so ist? Am Geld liegt es nicht, es liegt ganz einfach an Respekt und Wertschätzung für Menschen die ganz einfach gestrickt sind. Politik schaut 40 Jahre zu, wie ein Land gespalten und ruiniert wird, durch Machenschaften. Leben ja selbst im Kapitalismus, von daher, nicht so wichtig!!

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